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Wenn alle Welt dir Böses will, solltest du unsterblich
sein
Wolfgang Hohlbeins "Chronik der Unsterblichen",
ausgelesen von Kathsin Steinberger
Über ein Hohlbein-Leseerlebnis schreiben - bei dem Gesamtwerk des
Deutschen keine leichte Entscheidung, aber der Blutsauger-Fan in mir hat
schnell etwas gefunden: Wolfgang Hohlbein, Vielschreiber der modernen
Fantasy-Literatur, hat auch in Sachen Vampire etwas zu bieten. In der
Serie "Chronik der Unsterblichen" - bis jetzt sind fünf
Bände erschienen - führt er Lesende in die dunkle Welt des 15.
Jahrhunderts.
Hohlbeins Protagonist Andrej versucht auf einer Reise durch Europa, Licht
in die Schatten seines Daseins zu bringen: Er ist älter als er aussieht,
wird nie krank und seine Wunden heilen wie von selbst. Das alles wird
ihm aber erst nach und nach klar, so wie seine Kräfte sich von Band
zu Band steigern. Hohlbeins Inszenierung unterscheidet sich deutlich von
Anne Rice oder Bram Stocker: nicht ein Biss macht Andrej zum Vampir, er
steckt von Anfang an in ihm. Vampirismus ist bei Hohlbein angeboren, eine
Krankheit in der Jugend weckt schließlich den Vampir im Menschen,
wobei diese Bezeichnung selbst erst im zweiten Band das erste Mal ausgesprochen
wird.
Das ist auch schon das Außergewöhnlichste des ersten Bandes,
der sonst mit durchschnittlich spannenden Abenteuer-Versatzstücken
wie Schwertkämpfen und ein wenig Erotik eine erfahrene Fantasy-Leserin
kaum fesseln kann, schließlich kommen auch Verweise auf andere phantastische
Texte nur selten vor. Erst als Andrej am Ende einen der Seinigen tötet
und dessen Kräfte in sich auf-nimmt, kommt die Vampir-Geschichte
richtig ins Laufen.
Im zweiten Band steigert sich Hohlbein immens, vor allem durch die Einführung
einer neuen Figur: Der Nubier Abu Dun bedient als Pirat/Sklavenhändler
zwar platte Muselmanen-Klischees, aber die Dialoge gewinnen deutlich an
Qualität. In einem zweiten geschickten und auch für Vampir-Fans
überraschenden Einfall führt Hohlbein Andrejs Geschichte mit
der des berühmtesten Vampirs der Welt zusammen: Die Reisenden bekämpfen
den Blutfürsten Vlad Dracul, hier erfindet Hohlbein eine mögliche
Herkunft von Dracula.
Auch die historische Dimension der Handlung gewinnt erst im zweiten Band
an Konturen: Die beginnenden Türkenkriege im Osten bieten eine großartige
Hintergrundkulisse für den persönlichen Kampf Andrejs gegen
seine gefährlichen Artgenossen, noch fulminanter fortgeführt
im fünften Teil. Immer wieder nimmt Hohlbein auch Bezug auf die römische
Inquisition, die Europa in Angst und Schrecken versetzt. Regelmäßig
erscheinen zwielichtige Priester-Gestalten, die Andrej in neue Abenteuer
verstricken. Hier wird auch das erzählerische Konzept Holhbeins deutlich:
In jedem weiteren Band fügt er mit einer Figur oder einem Motiv ein
neues Versatzstück aus der Tradition phantastischen Erzählens
hinzu: Werwölfe, Zigeuner oder einen dunklen Wiener Medicus.
Eingebettet in diese historische Welt, nur begleitet von seinem sarkastischen
Freund Abu Dun, sucht Andrej Antworten auf viele Fragen, weiß er
doch selbst nicht, warum er ein Vampir wurde. So wie Rices Vampire leidet
auch er unter der Last seiner Unsterblichkeit und versucht, den Grund
seines Daseins zu finden. Immer scheitert er, alle, denen er Vertrauen
entgegen bringt, enttäuschen ihn und wollen ihm ans Leben.
Aber im Gegensatz zu Rices "Chronik der Vampire" passiert bei
Hohlbein sehr viel mehr. Action kommt nicht zu kurz, schließlich
will Hohlbein seine Leser mit Abenteuern fesseln und nicht mit Psychologie.
Literarisches Gefühl kommt aber eher in den Szenen auf, in denen
Andrej Informationen über sein Dasein bekommt und mit anderen
Vertretern seiner Art konfrontiert wird, die allesamt dämonischer
und gefährlicher wirken als er selbst.
Austauschbar sind auch die Frauengeschichten - auf keiner Ebene wird
Andrej Glück gegönnt. Hohlbein zeichnet ihn mehr und mehr als
Ausgestoßenen in zwei Welten - zu den Menschen kann er sich spätestens
im dritten Teil nicht mehr zählen, wenn die Bestie in ihm erwacht,
und auch bei den Vampiren schlägt ihm Gefahr und Ablehnung entgegen.
Hohlbein spitzt Andrejs Schicksal auf die Frage hin zu, ob er nun auch
ein dämonischer Killer werden wird, oder ob er dem Dämon in
sich widerstehen kann. Allein Textstellen, die diesen Konflikt verdeutlichen,
überzeugen den lesenden Vampir-Fan.
Von einer geübten Leserin ist ein Band (ca.
400 Seiten) schnell gelesen, die Spannung wird auf einem mittleren Level
durchgehalten. Insgesamt steigert sich Hohlbein und Andrejs Schicksal
wird immer deutlicher. Für Fantasy-Fans aller Arten ist also auf
jeden Fall etwas dabei, ob man nun wuchtige Schwertkämpfe, hässliche
Kreaturen oder leise lauerndes Böses vorzieht.
Noch ist die Reise Andrejs nichts vorbei, Band sechs
mit dem Titel "Die Blutgräfin" wird ihn 2004 wieder zurück
zu Dracula führen. Man darf garantiert gespannt sein - ich werde
weiter lesen.
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