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Copyright aller Bilder © 2002 - 2004 Ventura Film

 

Irgendwo im französischen Zentralmassiv ist es Winter. Bauern treiben ihre Kühe durch den Schnee. Durch die unwirtliche Landschaft fährt ein Kleinbus. Er sammelt Kinder von den Straßenrändern. Sie scheinen noch bettwarm zu sein, ganz bei sich. Und es ist still.

Mitten in der kalten Landschaft steht ein Haus. In einem warmen Raum sehen wir zwei Schildkröten. Sie bewegen sich langsam und bedeuten uns, dass wir nicht drängeln sollen, weil dieser Film eher langsam sein wird. Später sind dreizehn Kinder und ein Mann im Raum. Der Mann hat vorher schon eingeheizt, er ist der Lehrer. Jetzt versucht er, einigen Kindern Buchstaben beizubringen. Und wir erinnern uns, vielleicht, wie schwierig es ist, ein m zu zeichnen, wenn man nicht weiß, was ein m ist. Irgendwann später fragt Jojo, den alle schnell ins Herz schließen: "Ist es vor- oder nachmittag, Monsieur?"
"Haben wir schon zu Mittag gegessen?", antwortet der Lehrer mit einer Gegenfrage. (So einer ist dieser Lehrer).
" Nein", sagt Jojo. "Dann ist es …"
"… Vormittag!"
Das Mittagessen teilt den Alltag. Beim Zählen ist das nicht so einfach. Warum kommt nach der Sechs die Sieben?

 

 

Nicht erst am Ende fragen wir uns, warum wir es so wunderbar finden, zuzusehen, wie Kinder etwas lernen und ein Lehrer ihnen etwas lehrt. Vielleicht weil das Wunder des Anfangs, das Wundern der Anfänger auch uns Alten so viel Hoffnung gibt? Weil wir Sehnsucht haben nach der neugierigen Offenheit, mit der hier Kinder die Grammatik der Sprache und des Lebens buchstabieren lernen? Weil es gut tut zu sehen, wie ein Lehrer seit über 30 Jahren das gleiche tut, immer wieder anfängt, das Interesse nicht verloren hat und nicht die Geduld und auch noch glücklich ist?

Jedenfalls nicht nur aus Sentimentalität. Zu einsam ist der Ort, zu isoliert, zu heftig der Winter, um idyllisch zu sein. Und am Ende steht auch noch – wie immer jenseits der Idylle – ein Abschied.

Von Dezember 2000 bis Juni 2001 hat der Filmemacher Nicolas Philibert den Schulalltag einer französischen Zwergenschule mit einer Klasse von 13 Kinder zwischen sechs und elf Jahren begleitet. Mit Beleuchter, Toningenieur und Assistent ist er in der Klasse gesessen und hat gefilmt. Und weder Kinder noch Lehrer haben sich stören lassen. Aus über sechzig Stunden Material hat er einen Dokumentarfilm von gut eineinhalb Stunden geschnitten: Ein Lob der Schule, des Lehrers, des Lernens. Ein Lob des Anfangs. Überaus sehenswert.

Franz Lettner

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Etre et avoir / Sein und Haben Frankreich 2002 Regie, Kamera, Schnitt: Nicolas Philibert (auf Video und DVD bei Absolut Medien)

 

 

 

 

Als Video und DVD erhältlich bei Absolut Medien