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Noch immer wird das Leben von Menschen mit Behinderungen von zahlreichen Barrieren bestimmt: Gemeint sind damit der freie Zugang zur Bildung ebenso wie die Zugänglichkeit öffentlicher Gebäude. Margit zum Beispiel lernt solche Barrieren kennen, als sie erstmals alleine zum einkaufen fahren darf: Margit rollt über die abgeflachte Gehsteigkante und überquert, so schnell sie kann, die Straße. Plötzlich steht sie vor einer hohen Gehsteigkante und kommt nicht hinauf. Hilflos blickt sie sich um. Keiner achtet auf sie.

Margit sitzt im Rollstuhl und eine popelige Gehsteinkante stellt ein für sie nicht allein zu überwindendes Hindernis dar. Doch nicht nur scheinbar banale Barrieren ganz sichtbarer Art sind es, auf die Margit beim Einkaufen stößt, sondern natürlich auch die vielzitierten Barrieren im Kopf. Was Margit, die seit ihrer Geburt gelähmt ist, als "nichts Besonderes" empfindet, stellt für viele andere eine Irritation dar; reagiert wird bevorzugt mit Wegschauen oder Mitleid.

"Weg von der wohlgemeinten Entmündigung hin zum gleichberechtigten Miteinander" – lautet eine der Forderungen von Franz-Joseph Huainigg, nunmehr Abgeordneter zum Nationalrat und Behindertensprecher seiner Partei. Mit Margits Geschichte bereitet er diesen Unterschied erlebnisreich und gut verständlich auf und arbeitet die widerstreitenden Gefühle eines Mädchens heraus, die sich zwischen Gleich-Sein und Anders-Sein hin und hergeworfen sieht.

Erstmals 1992 erschienen, hat das Bilderbuch in der Vermittler-Arbeit seinen fixen Platz – spricht es doch Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit Behinderungen direkt an und vermittelt auf verständlicher Ebene die Grundsätze einer selbstbestimmten Behindertenbewegung. Eine Neuauflage im Jahr der Menschen mit Behinderung war daher naheliegend.

Doch: Mit dieser Neuauflage erlangt der themenspezifische Text auch weit größere künstlerische Qualität als einst. Hat sich die einstige Aufmachung mit den Illustrationen von Annegret Ritter eher eines unsentimental-heiteren Gestus bedient, eröffnet Verena Ballhaus mit ihrer bildlichen Gestaltung eine ganz spezifische Verständnisebene. Waren die Bild-Räume einst mit hüpfenden, Luftballons schwenkenden Kindern belebt, verfolgt Verena Ballhaus nun ein ganz anderes Raumkonzept: Sie öffnet die Räume und begrenzt sie gleichermaßen, in dem sie sie anschrägt oder anschneidet. Margit bleibt in diesen Räumen oft genug vereinzelt zurück, wenn sie an Barrieren stößt. Erst als sie den von anderen als "Fettsack" verspotteten Sigi kennen lernt, findet die besondere Dynamik dieser AußenseiterInnenfreundschaft auch Eingang in die Bilder: Als wollknäuelartiger Wirbelwind präsentieren sich die beiden ganz besonderen Menschen einem raunzigen alten Ehepaar.

In der ursprünglichen Textversion wurde Sigi – ganz Titus Feuerfuchs – von den anderen Kindern wegen seines roten Haarschopfes gemieden. Die Buntheit heutiger Frisuren macht die Verständlichkeit seiner Position durch die Änderung in ein dickes Kind sicher leichter. Darüber hinaus hat Franz-Joseph Huainigg da und dort glättend in den Text eingegriffen. Die ein wenig brüsk erscheinende Erstversion erhält nun – auch durch den großzügiger gesetzten Text – ein viel zugänglicheres Antlitz. Und bleibt damit zeitlos.

 

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Franz Joseph Huainigg
Meine Füße sind der Rollstuhl
Illustriert von Verena Ballhaus
Wien: Annette Betz 2003 ISBN 3-219-11097-5 32 S. | € 13,40 | ab 4

 

"Meine Füße sind der Rollstuhl" in der von Annegret Ritter illustrierten Ausgabe (Heinrich Ellermann Verlag 1993)