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Cover von "Räuberbraut" (Jungbrunnen),
"Wo die wilden Kerle wohnen" (Diogenes)

Die Struwwelparade: Das Original von Hoffmann und der "Anti"
von Waechter …

"Märchen aus aller Welt" illustriert
von Nikolaus Heidelbach (Beltz & Gelberg) 
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Liebe
Leserinnen und Leser,
ist es nicht so, dass uns in der Regel die braven Kinder lieber sind als
die wilden? Jene, die in der Schule aufzeigen, wenn sie eine Frage haben
und die ein i auch für ein i halten und nicht für einen Strich
mit Fliegendreck drauf. Dass wir jenen mit mehr Freundlichkeit begegnen,
die in der Bücherei versunken in ihren Büchern lesen, als denen,
die zwischen den Buchregalen Räuber und Gendarm spielen? Und die
Buben und Mädchen, die zornig auf den Boden stampfen, wenn etwas
nicht nach ihrem Willen geht, sehen wir die gerne? Sind uns nicht im wirklichen
Arbeits- oder auch Familienleben Kinder angenehmer, die sich an unsere
Regeln halten – von Jugendlichen ganz zu schweigen? Wie kommt es
dann, dass wir (fast) alle Pippi Langstrumpf bewundern, uns krumm lachen
über Michel aus Lönneberga?
Wie auch immer, auf einige der besonders wilden und der besonders angepassten
Kinder und Jugendlichen der Literatur richtet die vorliegende Ausgabe
von 1000 und 1 Buch ihren Blick. Es beginnt mit dem wunderbaren Blatt
"täglich brot", das Verena Ballhaus für die 1002.
Seite gezeichnet hat – es könnte durchaus auch ein Kommentar
zur eingangs gestellten Frage sein. Im ersten Hauptbeitrag geht Heidi
Lexe ausgehend von Jan, Peter und Jule aus dem Film »Die
fetten Jahre sind vorbei« und
Max und seinen wilden Kerlen aus
Sendaks Bilderbuch geht sie dem Motiv des wilden Kindes nach. Da begegnen
uns zumindest im Vorbeigehen Mowgli, Pippi, Heidi, der Trotzkopf, die
roten Zora und auch Mira Lobes Räuberbraut. Diesen berühmten
wilden Kindern, die auf unterschiedliche Kindheitsbilder zurückgehen
oder sie auf den Punkt bringen, lässt Lexe einige sehr ungebändigte
Jugendliche der Gegenwart folgen. Damit entsteht ein Bogen außerordentlich
gewichtiger widerspenstiger Figuren.
Im zweiten Hauptbeitrag hat sich Marlene Zöhrer
gefragt, wie das mit den braven und angepassten Kinderbuchfiguren ist,
ob die nicht allesamt zu langweilig seien für spannende, komische
und unterhaltsame Bücher. Im Kontrast zu den Parade-Schlimmen, dem
Struwwelpeter und Konsorten, schauen Konrad und Kiki, Ismael und Ra-benhaar,
Ester und die anderen Mitglieder der Beerdigungen AG tatsächlich
brav aus. Zörer zeigt, dass sie trotzdem das Zeug zu Heldinnen und
Helden haben – und wie ihre Ur-heberInnen sie dazu machen. Beide
Hauptbeiträge sind im Übrigen schriftliche Fassungen von Vorträgen,
die 2010 im Rahmen der Sommertagung des Instituts für Jugendliteratur
gehalten wurden.
Die restlichen Texte im Heft sind locker um das Thema gruppiert: Christina
Ulm unternimmt eine gefährliche Reise auf exotische Inseln
und begegnet dort auch unfreundlichen BewohnerInnen. Barbara
Slechta stellt böse Mädchen und Jungs vor, die gern in
Schuluniform auftreten. Nicole Kalteis empfiehlt
die Sachbuchautorin Pernilla Stalfelt
, die in ihren Büchern zu ungewöhnlichen Themen immer die richtigen
Fragen stellt.
Und dann kommen noch zwei Künstler zu Wort, die
gut hierher passen. Zum einen Michael Stavaric
(sein soeben erschienener Roman »Brenntage«
hat auch das Erwachsenwerden zum Gegenstand) als einer, der – auch
für junge LeserInnen – formal unkonventionell erzählt.
Für die vorliegende Ausgabe hat er auf der Basis von Gedichten des
tschechischen Autors Pavel Srut nicht nur die Wahrheit über den bösen
Wolf herausgefunden.
Der andere heißt Nikolaus Heidelbach
und zählt zu den wichtigsten Illustratoren der Gegenwart. Zwar ist
davon auszugehen, dass es ihn nicht interessiert, ob die Kinder, die er
malt, brav sind oder wild. Trotzdem ist er zu Recht in diesem Heft, nicht
zuletzt das vorliegende Interview beweist das.
Wunderbar gepasst hätte hier auch einer der im besten Sinne ungebändigten
Texte von Adelheid Dahimène. Sie wird
nie mehr für uns schreiben, sie ist im November 2010 gestorben. Vor
ziemlich genau einem Jahr hat sie ihren letzten Beitrag für 1000
und 1 Buch geschrieben: »Die Unsterblichen«. Bei Patricia
Mac-Lachlan finden sich folgende Zeilen aus Edna St. Vincent Millays Gedicht
"Grabgesang ohne Musik" :" Ich finde mich nicht ab, liebende
Herzen in harten Grund gesperrt. / So ist es, so wird es sein, denn so
war es, Zeit bricht den Stab: / Ins Dunkel gehn sie, die Weisen, die Liebenden,
hinuntergezerrt / Unter Lilien und Lorbeer; ich aber finde mich nicht
ab."
Wir finden uns nicht ab. Für eine der nächsten Ausgaben werden
wir die Bücher Adelheid Dahimènes noch einmal lesen.
Franz Lettner
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… die Coverversion von Atak und Fil und die
Struwwelliese (rechts)

Stalfelts Kindersachbuch über den Tod (Moritz Verlag) 

Das neue Bilderbuch von Michael Stavaric &
Renate Habringer (bei Residenz) 
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