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Von Renate Welsh "Bibliotheken sind gefährliche Brutstätten des Geistes" stand auf einem Plakat unter Spitzwegs absturzgefährdetem Bibliothekar. Ich bin überzeugt davon, dass die Behauptung stimmt. Wieder einmal hole ich mir Bestätigung aus dem gegnerischsten aller Lager: Himmler schrieb sinngemäß, dass "Untermenschen" zwar die Grundrechnungsarten, Lesen und Schreiben aber nur so weit lernen dürften, dass sie ihren Namen schreiben und erkennen könnten. Jede mir bekannte Diktatur hat die Literatur in panischer Angst bekämpft, und darin sehe ich eine Rechtfertigung für meinen Glauben an die Macht des gestalteten Wortes. Nicht im Sinne einer unmittelbaren Wirksamkeit, wohl aber als Möglichkeit, die eigene ungeformte Erfahrung zur Sprache zu bringen. Erfahrung, die sprachlos bleibt, sitzt so oft nur als Last im Nacken, verhindert den freien Blick, lässt sich nicht einordnen in ein Ganzes. Literatur, glaube ich, kann dazu helfen, nicht nur die stellvertretend erlebte Erfahrung der Protagonisten, sondern auch die eigene in Besitz zu nehmen. Im Besitz der Sprache kann auch der Einzelne, die Einzelne, sich als Individuum fühlen und nicht als Null. Als Null ist man ja auch höchst gefährdet, nicht nur, weil man eine vernachlässigbare Größe ist, sondern vor allem auch, weil dieses Nullsein so grauenhaft kränkend ist. Kommt dann einer daher und stellt sich als Eins vor die Null, ist ihm die Gefolgschaft der Null gewiss, und wenn es auch nur ein paar Nullen sind, die sich hinter der Eins eingerichtet haben, besteht die Gefahr, dass Quantität in Qualität umschlägt und der Menschenverachtung steht fast nichts mehr im Weg, weil die Zusammengehörigkeit der Nullen durch einen wie immer gearteten Außenfeind gefestigt wird. Diese Überlegungen legen der Literatur natürlich eine ungeheure Verantwortung auf. Alles, was eigenes Denken fördert, was die Türen zu verborgenen Kammern im eigenen Hirn und Herzen öffnet, was staunen lässt, lachen und weinen, wirkt befreiend. Was eigenes Denken und Fühlen zukleistert hingegen ist gefährlicher als man gemeinhin annehmen möchte. In diesem Sinne ist Literatur meiner Überzeugung nach immer politisch, gerade dann, wenn sie sich als völlig wertfrei versteht. Und die Verantwortung der Kinderliteratur kann gar nicht hoch genug angesetzt werden.
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Renate Welsh lebt als Autorin in Wien, zuletzt erschienen: "Dieda
oder Das fremde Kind" (Obelisk) ausgezeichnet mit dem Österreichischen
Jugendliteraturpreis 2003.
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