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Ausgelesen

von Ingrid Weixelbaumer:
Die Romanleserin und
Der Vorleser
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Pearl Abraham
Die Romanleserin
Aus dem Amerikanischen von Rosemarie Bosshard
Random House (btb Taschenbuch 1997 & Bertelsmann Tb 2002).

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| Bernhard Schlink Der Vorleser Diogenes 1995 |
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Lesen über das Lesen
Ingrid Weixelbaumer über Pearl Abrahams
"Die Romanleserin" und Bernhard Schlinks "Vorleser"
"Die Romanleserin" und "Der Vorleser" zwei
Buchtitel, die etwas Augenfälliges gemeinsam haben. Ein guter Aufhänger,
aber noch kein ausreichender Grund für eine Doppelrezension zweier
lesenswerter Bücher, zu der ich mich entschlossen habe.
Die Romanleserin
Beide Romane richten sich an erwachsene LeserInnen, handeln jedoch von
jungen Menschen in einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung. Die Protagonisten
leben in zwei völlig verschiedenen Welten, die einander dennoch an
den Rändern berühren. Beide Bücher sind mit dem Impetus
persönlicher Betroffenheit, in Ich-Form, erzählt. Und beide
sind leicht zu lesen, geradlinig und packend geschrieben, in einfacher,
klarer Sprache eine entsprechende geistige Reife für die Lektüre
freilich vorausgesetzt.
Rachel, die "Romanleserin", wächst als älteste Schwester
von sechs Geschwistern in einer chassidischen, also strenggläubigen
jüdischen Familie in einer jüdischen Gemeinde bei New York auf.
Die Autorin, Pearl Abraham, in Jerusalem geboren und chassidisch erzogen,
lebt in New York City. Die autobiographischen Züge ihres Buches sind
nicht zu übersehen.
Michael, der "Vorleser", ist ein Kind der deutschen Nachkriegs-
und späteren "68er"-Generation. Der Autor, Bernhard Schlink,
1944 geboren, lebt als Jurist in Bonn und Berlin. Die Auseinandersetzung
mit der jüngeren deutschen Vergangenheit, mit den Verbrechen der
NS-Zeit und der Frage der Schuld sind das eigentliche Thema seines Buches,
das, in 25 Sprachen übersetzt, zu einem internationalen Bestseller
wurde, als erstes deutsches Buch Platz eins der New-York-Times-Bestsellerliste
erreichte und mit namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.
Aber zurück zur "Romanleserin". Rachel, die Ich-Erzählerin,
ist dreizehn, als ihre jüngste Schwester zur Welt kommt. Ausgerechnet
am Sabbat! Strenggläubigen, orthodoxen Juden ist es verboten, am
Sabbat zu arbeiten, weshalb an diesem Tag das öffentliche Leben praktisch
still steht. Sogar die Bezahlung des Taxis ist ein Problem, weil man am
Sabbat auch kein Geld berühren darf. Rachels Vater ist außerdem
ein Rebbe und für die Familie eines Rebben sind all diese Vorschriften
und noch viele andere mehr doppelt streng zu befolgen.
Schon als temperamentvoller Teenager beginnt Rachel gegen die starren
Gesetze und engen Moralvorstellungen zu rebellieren, von denen Mädchen
besonders betroffen sind. Immer öfter gerät sie in Konflikt
mit ihren Eltern, der Resignation der Mutter und der dogmatischen Unduldsamkeit
des Vaters, der freilich nie die Hand gegen seine Tochter erheben würde.
Rachel ist eine begeisterte Leserin, sie verschlingt alles, was sie kriegen
kann, am liebsten Liebesromane amerikanischer und englischer AutorInnen,
deren Lektüre selbstverständlich verboten ist. Und erst die
Kleidervorschriften!
Rachels Freiheitsdrang, ihr Wille zur Selbstbestimmung, ist stärker
als die emotionale Bindung an ihre Familie und der Wunsch nach Geborgenheit
in der Gemeinschaft. Sie lässt sich das Lesen und den heimlichen
Besuch der Bibliothek ebenso wenig verbieten wie ihre erotischen Fantasien
oder die Ausbildung zur Rettungsschwimmerin, ein erster, entscheidender
Schritt der Loslösung. Doch bald kommt Rachel ins heiratsfähige
Alter, und was dann?
Kritisch, doch mit allem gebotenen Respekt, manchmal mit Wut, aber ohne
Hass oder verächtliche Polemik, oft mit einem Augenzwinkern, schildert
Rachel ihre Kindheit und frühe Jugend in einer real existierenden,
uns völlig fremden Welt (wer kennt schon die "Chassidischen
Geschichten" von Martin Buber?). Einer Welt, in der Jiddisch gesprochen
wird, Ehen noch von den Eltern arrangiert werden, Frauen nach der Hochzeit
ihren Kopf kahl scheren und eine Perücke tragen müssen. Einer
Welt, die wir durch dieses sympathische und atmosphärisch dichte,
ebenso spannende wie informative Buch trotz allem auch besser verstehen
lernen.
Wenn Vater mich Englisch sprechen hört,
sagt er: "Die Juden haben in Ägypten aus drei Gründen überlebt:
Sie änderten weder ihren Namen noch ihre Kleidung, noch ihre Sprache.
Könnten wir für unser Überleben auf dich zählen?"
Der Vorleser
Keine Chance zum Überleben hatten die mehrere hundert Juden, Frauen,
Männer und Kinder, die 1944 in einem Dorf in Polen hilflos in einer
Kirche verbrannten. In dem Prozess, den der Jurastudent Michael Berg zwanzig
Jahre später als Teilnehmer eines KZ-Seminars im Gerichtssaal verfolgt,
sieht Michael unter den Angeklagten die Frau wieder, die er als 15-jähriger
Gymnasiast gekannt und geliebt hat. Eine Liebe, die Michael, den "Vorleser",
sein ganzes Leben lang nicht loslassen wird.
Hanna Schmitz, zur Zeit ihrer Begegnung Straßenbahnschaffnerin in
Michaels Heimatort. Ein schicksalhafter Zufall führt die beiden zusammen.
Mit großer Eindringlichkeit und sprachlicher Präzision, ohne
voyeuristische Peinlichkeit, beschreibt Bernhard Schlink die Beziehung
zwischen dem Fünfzehnjährigen und der um viele Jahre älteren
Frau keine ungewöhnliche Situation, weder im wirklichen Leben
noch in der Literatur. Dennoch nicht ungefährlich für die seelische
Entwicklung eines sexuell unerfahrenen, sensiblen jungen Menschen. Seine
Besuche bei Hanna stürzen Michael in ein Wechselbad der Gefühle.
Manches in Hannas Verhalten, an ihren Reaktionen, ist ihm rätselhaft.
Hanna lässt sich gerne von Michael vorlesen. "Emilia Galotti",
"Kabale und Liebe", Eichendorffs "Taugenichts"
den ganzen Kanon seiner Schullektüre. Das Vorlesen wird zu einem
Ritual ihres Zusammenseins. Auf den Gedanken, Hanna könnte Analphabetin
sein und diesen Makel aus Scham vor ihm und der Welt verbergen, kommt
Michael nicht. Die Missverständnisse häufen sich. Und eines
Tages ist Hanna ohne Abschied verschwunden.
Sechs Jahre später steht Hanna, einstmals Aufseherin im Vernichtungslager
Auschwitz, vor Gericht, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Die Scham der Analphabetin über den gesellschaftlichen Makel überwiegt
das Bewusstsein der Schuld und den Willen zur Selbstverteidigung. Als
Protokollant des Schreckens erspart sich Michael keine Fragen, weder sich
noch dem Leser. Konsequente, schonungslose Fragen nach persönlicher
Schuld, Mitschuld, Heuchelei, Feigheit, Verrat. Am Ende des Prozesses
steht lebenslange Haft für die Hauptangeklagte. Wieder schlüpft
Michael in die Rolle des Vorlesers. Er bespricht Kassetten, unzählige
Bänder, die er über all die Jahre an die Gefangene schickt,
jedoch ohne Hanna auch nur einmal zu besuchen.
Nach achtzehn Jahren wird Hannas Gnadengesuch stattgegeben. Ein Wiedersehen
ist unvermeidbar. Noch einmal, ein letztes Mal in dieser herausragenden
Erzählung, steht die Menschlichkeit auf dem Prüfstand ...
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Ingrid Weixelbaumer,
Wien, arbeitete viele Jahre als Lektorin für Kinder-
und Jugendbücher im Verlag Carl Ueberreuter & Annette Betz,
Wien, bevor sie 1986 die Programmleitung des Verlags St. Gabriel,
Mödling (später Gabriel Verlag Wien) übernahm. In
der Zeit ihrer Tätigkeit konnte der Verlag zahlreiche Kinder-
und Jugendbuchpreise für sich verbuchen. Nach dem Verkauf des
Gabriel Verlags an den Thienemann Verlag, Stuttgart, im Jahr 2000
hat sie ihre frühere, nebenberufliche Übersetzertätigkeit
(erstmals Öst. Übersetzerpreis 1976) wieder aufgenommen.
Ihre Übersetzung des Kinderbuchs "Das Geheimnis der verschwundenen
Schriftrolle" von Judith Christine Mills (dtv junior) wurde
soeben mit dem Übersetzerpreis im Rahmen der Öst. Kinder-
und Jugendbuchpreise 2004 ausgezeichnet. (Der zweite Band: "Das
Rätsel der Getreidekreise" ist soeben erschienen). Lesen
und Bücher sind für sie mehr als nur Brotberuf oder Hobby:
"Die Literatur ist ein weites Feld, das sich weit über
die Kinder- und Jugendliteratur hinaus erstreckt, auch wenn die
Grenzen fließend sind."
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