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Von Marianne Vejtisek

In Dialogen zu schreiben hat mich immer fasziniert, schon in der Schule, sagt die 1963 in Düsseldorf geborene und aufgewachsene Autorin (1). Während ihres Studiums der Theaterwissenschaften assistierte sie an verschiedenen Theatern und bei der Filmemacherin Käthe Kratz. In Wien geblieben, jobbte sie im MOKI (Mobiles Kindertheater), was sie dazu veranlasste, in ihrer Magisterarbeit die Rolle der Mädchen und Frauen im Kindertheater zu untersuchen. Mit verheerendem Ergebnis für die Mädchen und Frauen. Sie beschloss, das "Identifikationsangebot für Mädchen" zu verändern und "Muster im Kopf aufzubrechen" (2).
"Leben Eben" hieß ihr erstes Jugendstück, 1991 uraufgeführt im Theater der Jugend, wo sie zwischen 1989 und 96 Regieassistentin, Regisseurin und Hausautorin war.
1992 gründete Lilly Axster gemeinsam mit ihrer Kollegin Corinne Eckenstein das Theater FOXFIRE3 mit dem Anspruch: "Frauen und Mädchen auf der Bühne aus stereotypen Rollenbildern zu befreien". Der Großteil ihrer Kinder- und Jugendstücke wurde und wird von FOXFIRE (3) uraufgeführt. Seit 1995 ist Lilly Axster zudem Mitarbeiterin bei SELBST-LAUT, einem Verein zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch in Wien.

Kinder brauchen Mädchen
So hieß nicht nur ein kritischer Beitrag (4), den Lilly Axster vor vielen Jahren schrieb, es ist auch ihr (künstlerisch) gelebtes Prinzip und noch immer nicht so überstrapaziert, dass das Kinder- und Jugendtheater damit überfrachtet wäre. Sie liefert jedoch nicht weitere Ausgaben von Superheldinnen. Die Mädchen ihrer Stücke sind aus dem Alltag gegriffen. Sie haben Angst allein gelassen, wertlos und machtlos zu sein, ihre Eltern und FreundInnen zu verlieren. Sie stammen aus dem Umfeld, das Lilly Axster am besten kennt – ein weitgegriffenes bürgerliches –, in dem sie die Situationen, in denen sie sich wiederfinden, nicht beeinflussen können. Ihr Status ist der einer Minderheit in einem Mehrheitssystem: Der Blick, der mich interessiert, ist der Überlebenskampf von (weiblichen) Kindern und Jugendlichen, ihre kleinen Kämpfe, das seelische Überleben (5).
Lilly Axsters Mädchen leben auch sonst oft verinnerlichte Tabus, wie Aggression, Gewalt, Verweigerung, Selbständigkeit, Männerlosigkeit, Unabhängigkeit, Erfolg ungeniert aus und ignorieren in zunehmendem Maße ihre gesellschaftlich aufgezwungene Geschlechterrolle. Und sie haben ein Geschlecht, ein angeborenes, ein bewusstes, ein sexuelles.

Tabuthemen und Humor. Sprachschärfe und Sprachwitz. Ein unverkennbarer Stil.
Sieht man/frau sich die Themen in Lilly Axsters Stücken an – Flucht in die Medien, Magersucht, sexueller Missbrauch, Schwangerschaft, Probleme vor und nach der Trennung der Eltern, KZ-Erfahrung, politischer Widerstand – dann ist deutlich, dass sie Tabus anspricht und diese Themen "schwierig" sind. Das klingt nach Betroffenheitstheater. Ist es aber nicht!
Lilly Axster behandelt ihre Themen vielschichtig und auf verschiedenen Realitätsebenen. Ihre Szenen sind Momentaufnahmen und zeigen oft innere Vorgänge oder Entscheidungsprozesse der Figuren. Diese Vorgänge sind turbulent, voll zwiespältiger Gefühle, haben ihre eigene Logik und sind – besonders in den letzten Stücken – oft sehr komisch. Projektionen, Träume, Fantasiefiguren und Spiele spielen sind als Mittel zur Entscheidungsfindung essentiell.
Ein frühes Beispiel dafür ist "Schattenriss". Väterlicher Missbrauch (der auf der Bühne nie stattfindet ) und die mütterliche Ignoranz lassen das Mädchen in eine Schattenwelt flüchten.
V-Fratze: Es wird geliebt. Es wird gestreichelt …
Mädchen sollen freundlich sein.

M-Fratze: Nicht schweigen.
V-Fratze: Nur wenn wir es wollen.
M-Fratze: Jetzt wollen wir es nicht.
Fremde Schattin: Liebe ist … den anderen nicht in den Schatten zu stellen.
Fremder Schatten: Liebe ist … die andere in das eigene Schattenreich einzuladen.
Knapp, pointiert und treffsicher, Spiel mit Phrasen und Slogans – das sind (unter anderen) Lilly Axsters Stilmittel. Keine Anklage, dafür Angebote. Und zum Schluss ein comic-haftes Duell, in dem das Mädchen "schneller als ihr Schatten schießt" – und wieder aus dem Schattenreich tritt. Mit ihren Problemen selbst fertig werden, ihr Leben selbst organisieren – das tun Lilly Axsters Protagonistinnen in zunehmenden Maße. Auch unter schlimmsten Bedingungen.
"Doch einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehen" ist (unter Verwendung authentischen Materials) eine Collage über Kinder und Jugendliche im KZ und Getto. Der Ton ist kühl, fast distanziert, die Spielszenen werden durch einen Chor gebrochen und es wird gleich zu Beginn klargemacht, dass die DarstellerInnen nicht behaupten mit den Figuren identisch zu sein. Besonders vielschichtig ist "Das gestohlene Meer", die (wahre) Gheschichte der über 70-jährigen Holländerin Truus Menger, die sich dem Widerstand gegen die deutschen Nazis angeschlossen hatte. Entlang eines Interviews verfolgt Lilly Axster die Struktur der Erinnerung der alten Truus und konfrontiert sie mit ihren WeggefährtInnen und Opfern. Aber die anderen wollen nicht nur erinnert werden. Sie spielen selbst ihre Rollen, lassen sich nicht halten, lassen sich nicht verdrängen, begegnen sich und leben auf.
Rollen spielen in allen Stücken eine "tragende" Rolle: seien es die gesellschaftlichen Rollenzwänge, in denen auch die Mütter, Väter, FreundInnen usw. gefangen sind – wobei Männer oder Buben als Feindbild überhaupt keine Rolle spielen; sei es die Diskrepanz zwischen zugewiesener und ersehnter Rolle; sei es das lustvolle Rollenspiel.
"Bauchweh" hat Lilly Axster damit, dass im Kindertheater Erwachsene Kinder spielen. Deshalb schreibt sie für zwei bis fünf DarstellerInnen bis zu 15 Rollen – um "Kindertümelei" zu vermeiden. Und gestaltet die diversen "Nebenfiguren" so, dass sie eine weitere Seite bzw. Facette der Protagonistinnen zeigen.
Ihre radikalste Umschiffung des Problems gelang mit "Tochtertag". Geschrieben hat Lilly Axster das Stück für den Schauspieler Massud Rahnama (mit dem sie schon "Endlich allein" aufgeführt hatte). Er spielte sowohl die Rolle des geschiedenen Vaters als auch der aufgeweckten Tochter, die gemeinsam ihren 7. Geburtstag feiern. Das Stück ist ein Dialog!
JENNY: Wir spielen, dass wir nicht sagen dürfen, was wir immer sagen …
MAX: Du möchtest heute sicher ekine Geschichte hören.
JENNY: Ich erzähle besser niemanden, dass du mein Vater bist.
MAX: Kein Mensch weiß, dass ich eine Tochter habe. Niemand fragt nach dir.
Mit viel Spaß führt Lilly Axster bekannte Gespräche oder Situationen ad absurdum. Die Schlusspointe hier ist, dass offen bleibt, ob das Fest stattgefunden hat oder erst stattfinden wird und von welcher Perspektive aus die abgelaufene Handlung erzählt wurde.
Erwartungshaltungen werden auch im "fröhlichsten" Stück "Wenn ich groß bin will ich fraulenzen" (für zwei Darstellerinnen) lustvoll enttäuscht. Wie immer ist der Ausgangspunkt ernst: Ein Mädchen wartet alleine zu Hause und fürchtet sich. Doch sie und ihre Puppe verwandeln sich in ein souveränes, mütterliches Königinnenpaar, das seine angstvertreibende Botschaft sehr eigenwillig formuliert – in einer wortverspielten Kunstsprache:
Königinnen: Wenn ein schlüssel nicht schließen, sondern schlüsseln würde
Und ein schloss kein schloss wäre, sondern ein schluss
Könntet ihr die schlusstüre zuschlüsseln und
Hättet eure schlössliche ruhe
Kurz: seid nicht bängstlich und panikt herum
Wenn ihr zuhause herumalleinert
Werfet euch schmissig der tür entgegen und brachialt sie furch

Als Gegenpaar bleiben ihnen allerdings die beiden schrulligen Frösche nichts schuldig.
Frosch 1: Königin C hat mir kürzlich frisches Wasser bringen
Frosch 2: Weil du alt und vertrocknet ausschaust; wann wirst du das endlich einsehen.
Hast Du Dir schon wieder Hoffnungen gemacht?

Frosch1 (kleinlaut): Quak
Frosch2: Tut mir leid, wenn ich roh war.
Humor ist sicher eine von Lilly Axsters Stärken. Besonders der Einsatz von Slapstick, Wortspielereien und Wortwitz erinnert oft eher an den englischen als an den deutschen Sprachraum. Wobei der Umgang damit mit den Jahren lässiger und leichter wurde. Nur so kann es gelingen, dass ein Thema wie ungewollte Schwangerschaft und das fragile Beziehungsgeflecht dreier Freundinnen soviel zum Lernen und Lachen gleichzeitig bieten.
Wie innerlich nahe Lilly Axster ihren Protagonistinnen sein muss, zeigt schon, wie klar und auf den Punkt gebracht sich diese ausdrücken, ohne sich eines Jugendjargons zu bedienen.
Antonia: Soll ich alles alleine machen? Ich habe nicht mehr viel Zeit.
Lynn: Konkret: Was gibt es für Möglichkeiten
Caro: Kind kriegen. Abtreiben. Austragen. Zur Adoption freigeben. Mutter-Kind-Heim. Grüß Gott. Babyklappe und weg.
Lynn: Du bist so sensibel.
Caro: Wir könnten das Kind versteigern.
Lynn: Es eilt.
Antonia: Was würdet ihr an meiner Stelle tun.
Die Freundinnen wissen es nicht, denn Lilly Axster bietet keine einfachen Lösungen an. Was Antonia letztendlich entscheidet, erfahren wir nicht. Aber bis dahin werden die Dinge in "Verhüten und Verfärben" beim Namen genannt – direkt oder in der entlarvenden Kunstsprache der Medizinerin. Die jungen Frauen selbst sind Königinnen. Sie sind wie ihre Schöpferin: stark, selbstbewusst, lässig, engagiert, wütend, humorvoll, sprachgewandt und phantasievoll. "Schmusen. Schießen. Schmusen." (aus: "Gestohlenes Meer") – die Heldinnen erobern lustvoll die Bühne. So wie sie sind. Und bleiben.

Anmerkungen
1 & 2 & 5: Gespräch der Autorin mit Lilly Axster am 28.2.2002
3: Nach Joyce Carol Oates: Foxfire. Geschichte einer Mädchenbande
4: Kinder brauchen Mädchen. In : Grimm & Grips3. Hrsg. von Wolfgang Schneider, Verlag de Autoren, Frankfurt/Main 1991.

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Dr. Marianne Vejtisek war Dramaturgin am Theater der Jugend in Wien und am Kommunalen Kinder- und Jugendtheater Frankfurt am Main; zur Zeit arbeitet sie als freie Dramaturgin in Wien und leitet ein Dramaturgieberatungsprojekt der Stadt Wien für freie Kindertheatergruppen.

 

 

 

 

"Wenn ich groß bin, will ich fraulenzen" – das Stück für Kinder von 1996 wurde 2003 zu einem Buch verarbeitet. Die Illustrationen stammen von der Schweizer Künstlerin Christine Aebi.
Das Buch wurde mit dem Österreichischen Kinderbuchpreis 2004 ausgezeichnet.

(Wien: Empirie Verlag)