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Christian Bieniek

"Ein Stürmer zuviel" (Carlsen Verlag
Christian Bieniek und seine Bücher im Carlsen Verlag 

"Oberschnüfler Oswald" (Fischer Verlag)

"Knutschen erlaubt" (Fischer Schatzinsel 2004)
Zum Fischer Verlag
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Oswald, Karo und ich
Von Christian Bieniek
Als Honoré de Balzac im Sterben lag, soll er
gesagt haben: Nur Bianchon hätte mich
retten können.
Horace Bianchon war der berühmteste Arzt seiner
Zeit. Wer in Paris Rang und Namen hatte, ließ sich von ihm behandeln.
Warum holte ihn Balzac nicht an sein Krankenlager? Ganz einfach: Weil
dieser Arzt nur in Balzacs Phantasie existierte. Bianchon taucht in zig
Bänden der "Menschlichen Komödie" auf. Er hat Balzac
durch sein halbes Leben begleitet. Hätte er sich auf seinem Totenbett
an Bianchon erinnert, wenn diese Figur nur in einem einzigen seiner Bücher
vorgekommen wäre? Wohl kaum.
Es ist keine Schande, Serien zu schreiben. Schon Homer
war Serienautor. Die "Odyssee" ist eine Fortsetzung der "Ilias".
Auch Goethe fand nichts dabei, einen zweiten "Faust" zu schreiben
und Wilhelm Meister nach den Lehrjahren auf die Wanderjahre zu schicken.
Zu meinen Lieblingsserienautoren gehören Raymond Chandler, Georges
Simenon und John Fante, der mehrere Bücher über sein Alter Ego
Arturo Bandini geschrieben hat.
Einer der Autoren, die mich als Jugendlicher am meisten
beeindruckt haben, war Beaumarchais. Fast alles, was ich über das
Schreiben von Dialogen weiß, hat er mir beigebracht. (Den Rest habe
ich von Goldoni und Molière gelernt.) Seine "Figaro"-Trilogie
gehört auch heute noch zu den Werken, die ich mindestens einmal im
Jahr genieße. Einen vierten Teil ("Figaro lässt sich scheiden")
fügte niemand anderes als Ödön von Horváth etwa
150 Jahre nach Beaumarchais`Tod hinzu.
Dass ich Buchautor geworden bin, verdanke ich zwei
Rundfunkserien, die ich zu Beginn der 90er Jahre für den WDR geschrieben
habe. Beide Serien zusammen hatten über 130 Folgen. Die Hauptfiguren
waren Jugendliche. Der Erfolg dieser Serien brachte mich auf die Idee,
es mal mit einem Roman für junge Leser zu versuchen. Das Ergebnis
hieß "Immer cool bleiben". Danach folgte der Roman "Svenja
hat's erwischt". Und nach Erscheinen dieses Buches ging es los mit
den Forderungen nach Fortsetzungen. Die LeserInnen wollten unbedingt wissen,
wie es mit Svenja weitergeht. Und der Verlag wollte natürlich wissen,
ob sich noch mehr Geld mit Svenja verdienen ließe. Ich konnte mich
dennoch nicht zu weiteren Bänden entschließen. Schließlich
bin ich Schriftsteller und kein Textlieferant. Ich schreibe nur das, was
ich gerne schreiben möchte, und von Svenja hatte ich mich mit dem
letzten Punkt in diesem Roman für alle Zeiten verabschiedet.
Als dann "Harry Potter" begann, das Szepter
über den Geschmack der jungen LeserInnen zu schwingen, wurden die
Forderungen nach weiteren Svenja-Bänden immer heftiger. Die Leserschaft
konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass es Geschichten gab, die
in einem einzigen Band erzählt wurden. In zig Lesungen musste ich
zu diesem Thema Rede und Antwort stehen. Da die LeserInnen irrtümlicherweise
dachten, mir würde nichts mehr zu Svenja einfallen, wurde ich mit
Briefen (und später mit Mails) überrollt, in denen mir neue
Svenja-Stories angeboten wurden. Doch nichts konnte mich erweichen, Svenja
für einen zweiten Band wieder zum Leben zu erwecken.
Serientitel sind durchaus nicht kommerziell erfolgreicher
als Einzeltitel. Schon gar nicht im Ausland. Mittlerweile sind Bücher
von mir in fünfzehn Sprachen übersetzt worden. Der Anteil der
Serientitel daran ist kaum der Rede wert. In Italien zum Beispiel erscheinen
meine Bücher derzeit bei drei Verlagen. Kein einziger davon hat je
einen Serientitel von mir übersetzt. (Ein vierter Verlag, Feltrinelli
in Mailand, hat allerdings soeben die italienischen Rechte an dem ersten
Band von "Der Mädchenhasserclub" erworben.)
Der deutsche Verlag, der in der Vergangenheit am stärksten
auf Serien und Reihen gesetzt hatte, musste im letzten Jahr 54 von 60
Angestellten entlassen. Deutlicher kann nicht veranschaulicht werden,
dass Serien eben nicht das ganz große Geschäft sind. Es ist
also völliger Unsinn, Autoren vorzuwerfen, sie würden aus kommerziellen
Gründen Serien schreiben.
Warum ich Serien schreibe? Zufall!
Im Herbst 1997 erschien "Oberschnüffler Oswald". Das
Schreiben dieses Textes bereitete mir ein außerordentliches Vergnügen.
Bereits eine Woche nach Beendigung des Romans begann ich den kleinen Hund
zu vermissen und dachte mir einen zweiten Band aus, obwohl der erste noch
gar nicht erschienen war und ich keine Ahnung hatte, ob er überhaupt
Anklang finden würde.
Als das Buch dann auf den Markt kam, stellte sich heraus, dass die LeserInnen
begeistert waren. Doch schon nach dem zweiten Band begann ich die Gefahr
zu spüren, dass eine Serienfigur erfolgreicher werden kann als der
Autor. Um dem entgegenzusteuern, ließ ich mich nicht dazu hinreißen,
einen Band nach dem andern zu produzieren. Seit 1997 sind ganze fünf
Oswald-Bände erschienen, was aus Marketing-Sicht bestimmt bedauerlich
ist. Der Markt hätte dankbar noch weitere Bände aufgenommen.
Aber: Ich bin kein Textlieferant. Sonst würde ich bei einer Werbeagentur
arbeiten und mir Sprüche für Tampons ausdenken.
Oswald hat es inzwischen auch außerhalb Deutschlands zu einiger
Berühmtheit gebracht. Ein bekannter Schweizer Komiker hat ihn auf
Schwyzerdütsch auf CD gebannt. Und im Sommer erscheint er in Südkorea.
Kein Wunder. Die haben dort Hunde zum Fressen gern.
"Oberschnüffler Oswald" war also zunächst überhaupt
nicht als Serie geplant. Ähnlich verhielt es sich mit "Karo
Karotte". 1998 erschien der erste Band. Der Erfolg war so überwältigend,
dass ich danach noch locker ein paar Dutzend Fortsetzungen hätte
nachschieben können. Bis jetzt sind es aber nur sieben Bände
geworden. Und in diesem Tempo soll es auch weitergehen. Karo ist mittlerweile
nämlich noch bekannter als Oswald. Und ich hasse es, wenn am Ende
einer Lesung jemand ruft: Das Buch, das Sie
gerade vorgelesen haben, war ja sehr gut. Aber die Karo-Bücher finde
ich viel besser.Wenn ich dann darauf hinweise, dass diese Bücher
auch von mir sind, glaubt mir das erst mal niemand. Das ist das Fatale
an Serienfiguren: Wenn Sie richtig bekannt sind, wird völlig zur
Nebensache, wer sie sich ausgedacht hat.
Gegen Ende der 90er Jahre wurde ich von den Verlagen mit Bitten um Serien
bombardiert. Da ich weder Lust noch Zeit hatte, machte ich den Vorschlag,
mir die Arbeit mit ein paar befreundeten Autorinnen teilen zu dürfen.
(Allerdings bestand ich darauf, dass ihre Namen auf den Umschlag gedruckt
werden. Das klingt selbstverständlich, ist es aber in der Buchbranche
nicht, wie jeder weiß, der sich in der Szene ein wenig auskennt.)
So kam es zur Zusammenarbeit mit Marlene Jablonski und Vanessa Walder.
Wir dachten uns die Serien gemeinsam aus, und dann schrieb jeder von uns
ein paar Bände. Das Vergnügen bei dieser Arbeit bestand darin,
dass ich nicht einsam und allein an meinen Texten herumwerkelte, sondern
zwei Kolleginnen hatte. Dabei entstanden ein paar sehr erfolgreiche Serien,
die auch in Zukunft fortgesetzt werden. Allerdings merkte ich im Lauf
der Jahre, dass ich doch eher Solist bin, daher wird es kaum neue Projekte
dieser Art geben.
Wenn ich jetzt neue Serien starte, sind sie nicht mehr als solche zu
erkennen. Als das Buch "Der Mädchenhasserclub" erschien,
wusste niemand, dass es eine Fortsetzung geben würde. Die heißt
"Der Mädchenhasserclub schlägt zurück" und
ist genau ein Jahr nach dem ersten Band veröffentlicht worden. Mal
sehen, ob ich mich zu einem weiteren Band hinreißen lassen werde.
Auch meine Lieblingsserie ist nicht auf den ersten Blick als solche zu
erkennen. Es sind drei Romane um ein Mädchen namens Rebekka: "Knutschen
erlaubt", "Ciao, Amore" und "Und tschüss!"
Sie erscheinen ab Juni als Taschenbuch bei Fischer Schatzinsel
ohne einen Serientitel. Nur durch die einheitlichen Cover (gestaltet von
der hervorragenden Illustratorin Eva Schöffmann-Davidov) wird deutlich
werden, dass es sich um eine Serie handelt.
Das Schreiben von Einzeltiteln ist erheblich einfacher als das von Serien
wenn man nicht unbedingt massenkompatiblen Schrott abliefern will.
Schon jetzt läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, wenn ich
daran denke, dass ich im Mai einen neuen "Karo Karotte"-Band
schreiben werde. Das Buch muss mindestens so gut werden wie seine Vorgänger.
In der Geschichte sollen alle vertrauten Elemente und Figuren aus den
sieben alten Bänden auftauchen, aber dennoch darf ich mich nicht
wiederholen. Herausforderungen dieser Art führen dazu, dass ich mich
beim Schreiben eines neuen Serientitels automatisch erheblich mehr anstrenge
als bei der Arbeit an einem Einzeltitel. Die große Gefahr ist nämlich,
dass man einfach auf Nummer sicher geht und die Story lieblos auf ausgetretenen
Pfaden abrollen lässt. Das überlasse ich jenen Autoren (und
ihren namenlosen Zulieferern), die ihre Serien jedes Jahr mit einem Dutzend
neuer Bände bestücken müssen, um sie am Laufen zu halten.
Vor zwei Jahren habe ich mir einen Hund zugelegt. Einen völlig durchgeknallten
Jack-Russell-Terrier. Wie ich ihn genannt habe? Raten Sie mal. Nein, nicht
Karo.
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Christian Bieniek, Düsseldorf, begann 1986
als Rundfunk- und Fernsehautor zu arbeiten; seit etwa zehn Jahren schreibt
er erfolgreich für Kinder und Jugendliche.
Auswahlbibliographie: Svenja hat´s erwischt (Arena 1998), Küss
mich jetzt (Arena 2001), Karo Karotte (6 Bände ab 2001, Arena), Lacki
Sisters und ob (Fischer 2003), Der Mädchenhasserclub (Arena
2003), Oberschnüffler Oswald (5 Bände ab 2003, Ars Edition),
Ein charmanter Schwindler (Carlsen 2004).
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