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Toon Tellegen (Text) | Gerda Dendooven (Ill.):
Doktor Deter

Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler

St. Pölten: NP Buchverlag 2003
96 S.
€ 14,90
ab 9 Jahren

Doktor Deters Haus befindet sich im Belagerungszustand – über Regenrinnen und Strickleitern, Fenster und Türen drängen die Patienten zu ihm. Kein Wunder - macht er doch alle Menschen gesund. Seine Behandlungsmethoden sind zwar etwas ungewöhnlich - Fieber wird mit dem Fiebersauger herausgezogen, Ohrenentzündungen werden in Kisten im Keller deponiert - aber immer erfolgreich. Ein Heilender mit scheinbar unerschöpflichen Kräften, und doch auch Mensch mit Wutausbrüchen, Irrtümern und Müdigkeitsanfällen. Kurios – dynamisch in Szene gesetzt, fantastisch übersteigert, mit viel Lust am skurrilen Detail. Kleine Episoden jenseits von Logik und vordergründig pädagogischen Botschaften, die jedoch zwischen den Zeilen eine Vielzahl von fast philosophischen Fragestellungen aufwerfen.

 

Von KollegInnen aus Deutschland und Österreich

Endlich ein Kinderbuch über Homöopathie!

Dr. Deter, der klassische Homöopath, mit der typischen Vorliebe aller Homöopathen für Süßspeisen, heilt mit an Wunder grenzender Sicherheit alle Kranken. Vertreter der Grundlagenforschung (Dr. Wumm) und der Universitätsmedizin (Dr. Zänker) sind auch fleißig auf ihrem Gebiet; nur heilen können sie nicht. Dabei ist heilen, laut Dr. Deter, "die normalste Sache von der Welt". Deter heilt alle homöopathisch und heilt in aller Welt. Dabei wird er liebevoll unterstützt von seinem Diener, unschwer als Inkarnation von Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, zu erkennen.
Aber es kommt, wie es kommen muss. Sosehr sich die Kranken über das Verschwinden ihrer Krankheit freuen, so schnell werden sie auch wieder krank, da sie nicht bereit sind, ihre Lebensverhältnisse zu ändern. Darüber wird Dr. Deter müde und geht in den Ruhestand. Die Kranken merken kaum, dass er weg ist und bald erinnert nichts mehr an ihn. Nur wenn die Not riesengroß wird (im Buch dargestellt durch einen Riesen), dann erinnert man sich der Homöopathie. Und dann heilt sie auch, wie sie es schon immer tat. Das macht auch Dr. Deter glücklich: Nicht immer alle Kranken heilen, ist das Ziel, weil die Menschen gar nicht ohne Krankheit sein können, aber wenn das Leid überhand nimmt, dann muss man helfen. Und so endet das Buch mit einem glücklichen Dr. Deter, der nicht immer alles heilen muss und vermutlich werden so sogar die Menschen glücklicher, weil ihnen jetzt ihre Krankheit etwas sagen kann, wenn sie ihnen nicht immer gleich abgenommen wird.
Dr. Uwe Friedrich, Homöopathischer Arzt, Universitäts-Frauenklinik Heidelberg

Auf und davon
Am Ende macht sich Doktor Deter aus dem Staub. Er lässt sein Haus mit Brettern verschlagen und sucht, mitten aus seiner übergroßen, niederdrückenden Müdigkeit heraus, das Weite. Gerade mal einen Riesen, der ihn an den Beinen hochhebt und damit bedroht, ihn zu "verpulvern", macht er noch gesund, sonst niemanden mehr. Denn: Alle gesund zu machen ist auf Dauer ungesund, das ist die Lehre aus der Geschichte, dumm ist es übrigens auch, und Dummheit ist schließlich das einzige, das Doktor Deter nicht heilen kann.
Ansonsten beseitigt er, der eigentlich mehr ein wundertätiger Heiliger ist als ein Arzt, in einem beeindruckenden Sanierungsfuror Fieber, Kopfweh, eitrige Zehen, Husten, Halsentzündungen und schlechte Laune. Gehirnerschütterungen trägt er paketweise in den Keller und sperrt sie in Kisten. Die Frau mit dem Pickel, die aussieht wie eine Kröte, steckt er mit dem Kopf nach unten in einen Eimer mit Essig, so dass der Pickel prompt abfällt. Wenn sich gerade kein Mensch anbietet, befreit er Elefanten von Heuschnupfen und Ohrenschmerzen.
Doktor Deter achtet offensichtlich viel zu wenig auf seine eigenen Bedürfnisse nach Erholung und Privatheit. Er hält sich zwar einen Diener, der ungehörige Kranke an Stühlen festbindet, und streckt sich gelegentlich zur Entspannung am Strand aus, doch bewahrt ihn das nicht davor, dass ihn die Patienten unablässig belagern und letztlich mit Gewalt in sein Haus eindringen. Da man Kranken gegenüber nicht abweisend und böse sein darf, bleibt ihm selbst nur die Flucht.
Ob all das etwas mit den Verhaltensweisen realer Menschen, die in Gesundheitsberufen tätig sind, zu tun hat? Ob diese Menschen auch erst wieder fröhlich werden, wenn sie die Möglichkeit haben, weit weg zu gehen? Ob sie Bücher lesen? Doktor Deter tut es jedenfalls nicht. Er kommt einfach nicht dazu. Schade.
Dr. Paulus Hochgatterer, Psychiater und Schriftsteller in Wien

Niederländische Konfusionstherapie für Kinder?!
Wie in Hypnose steckt Doktor Deter Krankheiten in Kisten, arbeitet bis zum Umfallen, erweckt Tote zum Leben und ist letztlich selbst mehr tot als lebendig. Eine Parabel auf das moderne Medizinertum? Realitätsfremd und -nah zugleich. Oder ein Therapiebuch für kranke Kinder und Ärzte. […] Surreale schnelle Wunderheilungen: Vorne kommt man krank in Doktor Deter’s Haus hinein, hinten gesund und jubelnd heraus. […] Doktor Deter ein Täter, ein Opfer, oder ein ganz normaler Arzt?
Das "happy end" a la Hollywood eines glücklichen Aussteigers versöhnt am Ende und hinterlässt ein Gefühl von konfuser Verheilung.
Dr. Dulmovits Stephan, Facharzt für Zahn-Mund-und Kieferheilkunde, Salzburg

Hey, hey, hey ich bin der Arzt dieser Stadt
Was will der Arzt mir sagen? Hat Deter die Nase voll von Kranken? Hat er kapiert, dass er diese Welt mit Gut und Böse, krank und gesund, Yin und Yang, Schoko und Vanille aus dem Gleichgewicht bringt und für jedes Wehwehchen, das er wegheilt, ein anderes zum Ausgleich entsteht? […] Warum habe ich ständig ein Lied in meinem Kopf, wenn ich an den Kollegen Deter denke? Nein, nicht „my heart goes bumbudibumbudibumbudiboo“, auch nicht Kreislers Lied von der Wanderniere. Es ist Joachim Witts „Goldener Reiter“. Aber der Text ist nicht der alte, es ist ein neuer:

Es gibt so viele Kranke
unter den tausend Dächern der Stadt.
Sie kommen alle zu mir,
weil Deter ein heilendes Händchen hat!
Sie stehen in meinem Flur
mit schmerzendem Hirn und eitrigen Zehn,
und erst gestern hab ich
einen mächtigen Pickel gesehn

Hey, hey, hey ich bin Dr. Deter
Hey, hey, hey ich bin der Arzt dieser Stadt,
ich heile Pickel und Kopfweh und
halt Kinder vom Sterben ab

Mein Diener hilft mir,
mit Muskeln, Tat, Kuchen und Wein,
bringt mich ins Bett,
schlaf ich am Tisch vor Erschöpfung ein
Es gibt so viele Kranke
unter den vielen Dächern der Welt,
die lieben ihre Gebrechen,
weil ihnen das so besser gefällt.

Hey, hey, hey ich bin Dr. Deter
hey, hey, hey ich war der Arzt dieser Stadt
doch mach ich jetzt dicht und reise hier ab,
denn ich hab Euch satt, endgültig satt!
Dr. Ralf Zimmermann, Facharzt für Anästhesie in Heppenheim / BRD

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