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"24" - im Fernsehen, am Abend eines guten Tages |
Von Heidi Lexe Glaubt man den zahllosen Storys über das gezielt durchorganisierte Leben (amerikanischer) Heranwachsender, gehört es zum Peinlichsten eines ohnehin schon problembelasteten jungen Daseins, den Übergang vom Kindergeburtstag zur Geburtstagsparty zu versäumen. Es kann nichts Uncooleres geben, als zum Topfschlagen und Kuchenessen einzuladen, während die Peer-Group-LeaderInnen bereits im elterlichen Keller auf Disco machen. Fast nichts. Außer vielleicht, man nimmt in der ersten Klasse Mittelschule an einer vom Deutschlehrer initiierten Umfrage nach der "Lieblingsfernsehsendung" teil und erlebt mit, wie das Ergebnis an die Tafel geschrieben wird: "Drei Engel für Charlie" (wir schreiben das Jahr 1978) erhält weit mehr als die Hälfte der Nominierungen; und natürlich gibt es in allen Klassen die sich ein wenig zu ernst nehmenden Kids, die in dieser Situation nicht umhin können, ihre "Club 2"-Erfahrungen herauszuhängen. Am Ende der Liste finden wir "Die Biene Maja". Eine Nominierung. Meine. DAS nenne ich peinlich. Ich weiß auch heute nicht, was ich statt dessen hätte nominieren sollen. Meine Zugangsberechtigung zu dem in unserem Haushalt erst frisch etablierten, ohnehin sehr sensiblen Schwarz-Weiß-Gerät war mehr oder weniger auf "Dalli Dalli" beschränkt. Allerdings: Würde man mir dieselbe Frage heute wieder stellen, ich könnte ebenso wenig Antwort geben, denn: Wie sollte ich mich zwischen "E.R." und C.S.I" entscheiden, zwischen "Berlin, Berlin" und den "Gilmore Girls"? Wie sollte ich eine solche Fragestellung nicht dazu nutzen, schmerzerfüllt an jene Serien zurückzudenken, die einmal und nie wieder gezeigt wurden, weil sie wohl nur auf Menschen wie mich zugeschnitten waren? Vollkommen durchgeknallte Serien wie "Max Headroom" oder "Raven". Kann sich noch jemand daran erinnern, dass es im Österreichischen Rundfunk die wunderbare Tradition der "Nacht-Serie" gegeben hat? "Der Nachtfalke" wurde in dieser Schiene gezeigt, oder natürlich das unvergessliche "Kung Fu". Ein guter Tag mag mit der richtigen Zeitung beginnen aber er endet definitiv mit einer Serie. Natürlich habe ich mir als Germanistin immer gewünscht ein Mensch zu sein, der seine Abende im Lesesessel verbringt und erfüllt von literarischen Eindrücken in den Schlaf sinkt. Dafür bietet sich jedoch wenig Gelegenheit, denn am Montag beginnt der Abend mit "C.S.I. -Miami", am Dienstag endet er mit "Crossing Jordan", am Mittwoch lassen wir das. Biene-Maja-Trauma hin oder her ich gehöre sicher nicht zu jenen Menschen, die ihre Intellektualität mit dem Verweis auf ein fernseherloses Dasein zu unterstreichen suchen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, an meiner Mutter vorbei an "Die Profis" zu geraten; (und ich weiß bis heute nicht, was mich veranlasst hat, diese Typen cool zu finden ). Aber: Seitdem hat es einen fixen Wochentag (sprich: einen pubertären Hoffnungsschimmer) gegeben, an dem Bodie und Doyle sich in ihren karierten Hemden vor britische Old-Timer geworfen haben; so wie es später einen Single-Sehnsuchts-Tag gegeben hat, wenn Ally McBeal am Programm stand denn wer hätte nicht gerne einen Schneemann in seinem Kühlschrank? Und wenn am Sonntag Nachmittag gar nichts mehr ging, hat man sich über "Earth 2" abwerfen lassen und ist 50 Minuten lang nach New Pacifica marschiert. Denn genau darin liegt der Reiz von Serien: Auf verlässliche Weisen vermögen sie den Alltag zu strukturieren. Ohne Ende "Reich und schön" zu sein, ist ermüdend. Vielmehr birgt gerade die zeitliche Begrenzung einer Serie ihren Kultcharakter. Fixe Sendezeiten und serielle "Seasons" befördern das rituelle Moment: Natürlich kann auch ich mich aus Fadesse einen ganzen Fernseh-Tag von einer Serie zur nächsten navigieren ohne viel nachdenken zu müssen, trifft man auf Bewährtes und Bekanntes und findet sich im Geschehen rasch zurecht. Wer mich jedoch während einer meiner mit angemessener Hingabe konsumierten Lieblingsserien stört, wird nie wieder behaupten, ich sei ein an sich freundlicher Mensch. Serien haben ihre Zeit und das meint auch ihre Zeitgemäßheit. Sich heute noch "MacGyver" anzusehen, wenn längst hochtechnisierte Forensiker am Werk sind, hat höchstens noch sentimentalen Wert. Und auch das nur, wenn nicht alle 139 Folgen als Endlos-Schleife laufen. (Für echte Serienfans eine unaussprechliche programmgestalterische Unart.) Wie zeitgemäß sich im Vergleich dazu eine Serie ausnimmt, die eine Bindung an Zeit zu ihrer inhaltlichen und formalen Bedingung macht, zeigt "24" im Moment wohl der Inbegriff der Ritualisierung seriellen Geschehens: Eine Serie in Echtzeit und es ist unmöglich, auch nur eine Sekunde davon zu versäumen. Es ist unmöglich, nicht bei der ersten Ausstrahlung mit dabei zu sein. Es ist unmöglich, eine Freitag-Nacht auf andere Art zu verbringen. Zumindest solange diese 24 Stunden dauern.
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Heidi Lexe ist Mitarbeiterin der STUBE Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur, Redaktionsmitglied von 1000 und 1 Buch und Lektorin am Germanistischen Institut der Universität Wien
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