Als Reaktion auf die Besprechung seines Buches "Roberts Land" hat der Autor Herbert Günther einen Lesebrief geschrieben, den wir gerne hier abdrucken. Wir freuen uns auf weitere Debattenbeiträge!

Als Autor auf eine Rezension zu antworten ist immer heikel. Trotzdem -vielleicht kann meine Antwort ein Beitrag sein für eine produktive Diskussion.
Heinke Ubben vermisst in meinem Buch „Roberts Land“ eine „vertiefte historisch-politische Auseinandersetzung“, „kritische Ansätze“, den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit betreffend. Robert hat seiner Meinung nach nichts gelernt aus der Geschichte, der Roman, so Ubben wirbt „um Nachsicht für politische und menschliche Verstrickungen“. Die Geschichte suggeriere, dass man zwangsläufig „dankbar sein müsse für die ‚Gnade der späten Geburt‘“.
Das ist starker Tobak. Noch nie habe ich mich so missverstanden gefühlt. Natürlich habe ich überlegt, was ich falsch gemacht haben könnte, wenn man meine Geschichte so interpretiert. Ist ein Buch auf dem Markt, muss man wohl mit allen möglichen und unmöglichen Lesarten rechnen. „Was der Leser daraus macht, ist meine Sache nicht mehr“, sagte Wilhelm Busch. Ich will trotzdem versuchen, zu begründen, warum ich mit „Roberts Land“ die Erwartungen von Herrn Ubben nicht erfüllt habe. Die Leserinnen und Leser von 1000 und 1 Buch können sich dann ihre eigene Meinung zum Umgang mit einem sensiblen Thema der Kinderliteratur machen.
Ich verstehe meinen Robert nicht als strahlenden, besserwissenden Helden, der mit dem wohlfeilen Wissen von heute den dummen Mitläufern der Nachkriegszeit zeigt, was richtig und was falsch ist. Robert ist in der Geschichte 8 bis 10 Jahre alt. Es war mir wichtig, ihn mit seinen Fehlern, Ängsten, Unfertigkeiten, seiner Hilflosigkeit und seinem Zweifel zu zeigen. Robert ist ein Teil seiner Zeit. Nur so scheint er mir glaubhaft. Die „vertiefte historisch-politische Auseinandersetzung“, die Heimke Ubben vermisst, findet sich nicht als aufgesetzte politische Proklamation aus dem Besserwissen von heute. Die „kritischen Ansätze“ und das allmähliche, mitunter schmerzvolle Lernen von Robert ist in seiner menschlichen Entwicklung intergiert. Literatur wie ich sie verstehe, ist nicht das Abarbeiten vorher feststehender Gewissheiten, sondern immer das Einlassen auf die Vielfalt des Lebens, die als gute Geschichte dem Leser als Spiegel nutzbar werden kann. „Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen“, sagt André Gide, „misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“
Ich hielte es für unredlich, aus der Lebenswirklichkeit eines 8 bis 10jährigen Jungen auf dem Land in den fünfziger Jahren eine Haltung von Political Correctness zu konstruieren. Und von den Eigenheiten dieser Zeit zu erzählen, den vorurteilsbeladenen Haltungen gegen über der DDR und dem Verharmlosen des Nazi-Mitläufertums, heißt doch nicht, solche Haltungen zu entschuldigen. Was war, muss erzählt werden dürfen. Ich bin dafür, dass Literatur wo es nur geht, den Blick für Differenzierungen schärft. Auch unter den Mittläufern gab es solche, die in ihrem späteren Lebensweg zu ganz anderen Einsichten gekommen sind. Das rechtfertigt ihr Mitläufertum nicht und entschuldigt es auch nicht. Aber dem selbstgerechten „Mir könnte das nicht passieren“ kann ich mich nicht anschließen. Robert (Geschichte Nr. 8) wird am Polterabend selbst zum Mitläufer und macht dabei eine bittere Erfahrung. Die Frage „Wie hätte ich mich unter der Nazidiktatur verhalten“, hat mich im lebenslangen Streit mit meinem Soldaten-Vater stark beschäftigt. Ich weiß bis heute keine Antwort darauf. Wie wäre es, wenn der Rezensent akzeptieren könnte, dass eine „vertiefte historisch-politische Auseinandersetzung“ auch mit einer offenen Frage enden kann?
Was ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht verstehe, ist, wie der Rezensent die moralischen Skrupel, die Robert wegen des Diebstahls
(Geschichte Nr. 6) gleichsetzen kann mit „der Verantwortung, die ein erwachsener Soldat trägt“. Ich finde, für diese Unterstellung braucht es schon einige Boshaftigkeit. Mit keiner Silbe habe ich einen solchen Zusammenhang hergestellt. Man muss wohl schon mit einem sehr verengten Erwachsenen-Blick nach dem ideologisch genehmen Verhalten eines Neunjährigen fahnden, um zu einem solchen Kurzschluss zu kommen.
Heinke Ubben kritisiert, dass Robert nur im Geheimen das Richtige denkt. Er wünscht ihn sich aufbegehrend, gegen den Vater rebellierend. Ich habe es für unangemessen gefunden, beim Versuch heutigen Kindern die Lebenswelt eines 8 bis 10jährigen Jungen vom Dorf nahe zu bringen, den Generationskonflikt meiner mit der Elterngeneration in den Mittelpunkt zu stellen. Ich habe mich mit diesem anderen Thema schon in meinem allerersten Jugendbuch („Onkel Philipp schweigt“, Georg Bitter Verlag 1974) ausführlich beschäftigt. Ich habe kein Wort davon zurückzunehmen. Aber die Zeit ist weitergegangen, neue Erfahrungen sind dazugekommen. Und Robert in „Roberts Land“ ist noch nicht in der Pubertät, seine „kritischen Ansätze“ äußern sich im Geheimen, sind aber doch für den Leser gut sichtbar.
Offenbar hat der Rezensent die Erwartung, dass die Hauptfigur einer Geschichte dem Leser sagen soll, was er zu denken hat. Solche Bücher hätte ich als Kind oder Jugendlicher sofort zur Seite gelegt. Ich dachte, wir hätten in der Kinderliteratur den erhobenen Zeigefinger inzwischen überwunden. Die Erkenntnisse, die der Leser gleichwohl aus der Entwicklung Roberts im Verlauf der 10 Geschichten ziehen kann sind vielfältiger, aber mit ein wenig Aufmerksamkeit leicht zu entdecken. Welch besseren Gegenentwurf zu den dunklen Schatten der Naziverbrechen kann es denn geben, als Roberts innere Bereitschaft, statt sich auf die Vorurteile seiner Umwelt zu verlassen, den eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen zu vertrauen? Die Geschichte Nr. 9, vor allem die Begegnung mit dem Berliner Onkel Adolf erzählt davon ausführlich und wird in vielen Perspektivwechseln von verschiedenen Seiten betrachtet. Roberts Entschluss, selber zu denken und zu empfinden (siehe auch Geschichte Nr. 10) ist mit keinem Spektakel verbunden, geschieht nach außen hin fast unbemerkt. Es entspricht meiner Lebenserfahrung, dass die großen und nachhaltigen Erkenntnisse und Veränderungen zumeist so passieren. Den Blick dafür zu öffnen, finde ich gerade beim Schreiben für Kinder wichtig. Natürlich steht eine auf Action getrimmte Erwartung der notwendigen Aufmerksamkeit und dem Mut zum genauen Hinsehen im Wege.
Schade, dass der Rezensent sich im seinem Urteil über mein Buch so ganz von seinen enttäuschten Erwartungen leiten lässt und sich auf die eigentliche Geschichte nicht oder nur kurzschlüssig und vorurteilsbeladen einlassen mag. Hätte ich seinen Erwartungen entsprechen sollen, den 8 bis 10jährigen Robert zum Widerständler stilisieren, der mit nach außen gewendeten Aktionen dem Leser sagt, was er zu denken hat? Literarisch gesehen wäre ein solches Vorgehen das, was man in der Finanzwirtschaft einen Leerverkauf nennt. Wo wir damit hinkommen, haben wir gesehen.
Herbert Günther

 

 

 

 
    Herbert Günther
Roberts Land
Eine Familiengeschichte
Hildesheim: Gerstenberg 2010
128 S. | ? 13,30 | ab 12

Seltsam wirken diese zehn Geschichten, die zwischen 1929 und 1956 spielen, in der Zusammenschau. Im Mittelpunkt stehen die Episoden des etwa 9-jährigen Robert in dem Dorf Erlenrode 1955/56, die der Autor mit Erzählungen von dessen Eltern, Großeltern und Verwandten verknüpft. Eine vertiefte historisch-politische Auseinandersetzung fehlt jedoch; allen Figuren haftet eine eigentümliche Normalität mit pauschalen Bekundungen zu Hitler, zum Krieg und zur DDR an. Sie fügen sich in ihren Alltag und ihre Familie und werben um Nachsicht für politische und menschliche Verstrickungen.
Kritische Ansätze fänden sich dabei immer wieder. So liegen im ersten Kapitel wortwörtlich die Schatten der Vergangenheit auf Robert, der beim nächtlichen Sirenengeheul meint, der Krieg käme zurück. Doch in seinem eigenen Leben fordern diese Schatten Robert nicht heraus. Sie bilden lediglich die Folie für die Lebensgeschichten seiner Angehörigen. Auch seinen Vater, der sich 1929 freiwillig als Soldat verpflichtet hat, konfrontiert Robert nur im Geheimen: In Roberts geheimem Land ging alles zu, wie es zugehen sollte: Sein Vater lief nicht einfach den Mächtigen hinterher. Er gehörte zu den ganz wenigen, die gegen Hitler und seine Nazis etwas getan hatten. Und Robert war mal Tierarzt, mal Politiker und Friedensheld … In Roberts Land war nichts unmöglich. Wenige Absätze später überführt Günther seinen Protagonisten eines Diebstahls von 50 Pfennigen und lässt ihn schwere moralische Skrupel empfinden. Dadurch stößt er den Neunjährigen von seinem erträumten Sockel und schafft eine unheilvolle Verknüpfung zwischen der Verfehlung eines kleinen Kindes und der Verantwortung, die ein erwachsener Soldat trägt, selbst wenn die unpolitische Haltung der Soldaten in der Weimarer Zeit historisch korrekt dargestellt ist. In solchem Kontext wirkt auch Roberts Appell am Ende: Ja, er wollte aufpassen aufs Leben, so gut er nur konnte, als Relikt aus einer Zeit, in der man dankbar sein MUSSTE für die „Gnade der späten Geburt“.

Heinke Ubben
   
     
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