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2|10
Schmerz

Cover: Nele Steinborn


Debatte:
Herbert Günther nimmt in einem Leserbrief Stellung zu einer Besprechung
seines Buchs "Roberts Land" in 1000 und 1 Buch 1|2010

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Im
Leben geht recht viel daneben – schrieb einst ein junger
Dichter ein paar toten Heringen auf ihren Grabstein .
Aber nicht jeder Fehlschlag hat, wie ein etwas älterer Dichter
dokumentiert, eine Beerdigung zur Folge:
Ich wollte zeigen
in der Kammer,
dass ich sehr gut
mit dem Hammer –
dass ich selber –
tja, und au: schiefgegangen,
Finger blau. 
Beides, der Tod und der wehe Finger, ist verbunden
mit Schmerz, einer höchst komplexen Empfindung, die in vielen Spielarten
auftreten kann. Für einige von ihnen sind Kinder geradezu prädestiniert,
in manchen sind Jugendliche Profis. Nur wenige sind Erwachsenen vorbehalten,
die ihrerseits schmerzgeplagten Kindern immer noch gern das „Ein
Indianer kennt keinen Schmerz“ entgegenhalten. Dabei müssten
sie wissen, dass das scheinbar held1enhafte Ertragen von Schmerz, das
sich durch die Abwesenheit von Tränen und das Zusammenbeißen
der Zähne ausdrückt, so wenig sinnvoll ist wie eine schmerzhafte
Strafe (etwa die „gesunde Watschen“) einer Besserung dient.
Man soll niemandem absichtlich Schmerz zufügen – und man muss
sich mit dem Schmerz auseinandersetzen.
Das haben wir getan. Den Anfang setzt Michael Roher auf der 1002. Seite.
Der junge österreichische Künstler hat 2009 den DIXI-Kinderliteraturpreis
in
der Kategorie Illustration gewonnen, heuer im Frühjahr sind seine
ersten beiden Bücher erschienen
.
SeinBeitrag ist auch zum Lachen, alle anderen Beiträge im Heft tun
nur weh: Sie erzählen vom Umgang literarischer Figuren mit Schmerzen,
die ihnen zugefügt werden, die sie anderen oder aber auch sich selbst
zufügen. Sie berichten über alte Wunden, die in Form von Narben
bis in die Gegenwart wirksam sind, von unangenehmen Krankheiten, von Mord
und Totschlag, von der Unmöglichkeit eines Trostes angesichts des
bevorstehenden eigenen Todes. Über all das erzählt die Kinder-
und Jugendliteratur in unterschiedlichen Formen.
Darüber hinaus haben wir uns mit zwei Künstlerinnen näher
auseinandergesetzt, in deren Arbeit Schmerz eine nicht unerhebliche Rolle
spielt. Die aus Niederösterreich stammende und in Berlin lebende
Illustratorin Ulli Lust
hat mit ihrer umfangreichen Graphic Novel „Heute ist der letzte
Tag vom Rest deines Lebens“
nicht nur in der Comic-Szene, sondern auch im literarischen Feuilleton
für Aufregung gesorgt. Der autobiografische Comic-Roman über
zwei 17-jährige Mädchen, die in den 80er Jahren genug haben
vom verspießerten Wien und nach Italien trampen, beginnt als harmloses
Abenteuer und endet im Milieu der sizilianischen Mafia. Mit Ulli Lust
haben wir über ihre Arbeit gesprochen.
„Ich bin die Hüterin des Rechts“ – mit diesem Zitat
aus ihrem Debütroman ist das Porträt Beate Teresa Hanikas überschrieben.
Ihr Buch „Rotkäppchen muss weinen“ ,
eine vielschichtige Bestandsaufnahme des Schmerzes, erzählt über
ein Mädchen, das von ihrem Großvater missbraucht wird. Für
das Manuskript wurde Hanika mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis
ausgezeichnet, jetzt ist das Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis
2010
nominiert, im Herbst folgt der zweite Roman der jungen deutschen Autorin.
Angesichts des Themas, dem wir in dieser Ausgabe so viel Raum geben, höre
ich schon mancheN LeserIn rufen: Muss das denn sein? Müssen die jungen
LeserInnen mit all dem Schlechten und Bösen konfrontiert werden,
muss die KJL so viel Qual und Kummer beschreiben? Meine Antwort: Ja, das
muss sein. Denn So ist das Leben, wie schon der Tod in Erlbruchs wunderbarem
Buch „Ente Tod und Tulpe“
melancholisch resümiert. Der Schmerz ist da, also muss über
ihn erzählt werden. Dass es anderen Lesestoff auch gibt, unterhaltsamen,
lustigen und auf eine harmlose Art spannenden, das beweisen nicht zuletzt
die über 70 Besprechungen, die Sie in dieser Ausgabe von 1000 und
1 Buch ebenso finden wie das Plakat und eine kleine Berichterstattung
zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2010 .
Er wurde Anfang Mai vergeben, wir gratulieren allen PreisträgerInnen
sehr herzlich!
Am Ende bleibt mir noch, die Geschichte vom Jungen mit dem Hammer fertig
zu erzählen:
Aber dann sind sie gekommen
haben mich in den Arm genommen
sagten leise: Lieber Schatz …
Weil ich mit dem Schlag
auf mich hingewiesen hab?
Dieses schöne Schmerz-Gedicht stammt von Edward
van de Vendel aus seiner Gedichtsammlung „Superguppy“ (Boje)
– und ist ein sehr passender Abschluss, weil zugleich Hinweis auf
die nächste Ausgabe von 1000 und 1 Buch: Sie wird Ende August erscheinen
und Lyrik wird im Mitelpunkt stehen!
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Boje Verlag 
Schnäddi und Höppi 
Beltz & Gelberg
Bundes-akademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel

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