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Zu Gast

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Einsichten und Ansichten zum erweiterten Sachbuchangebot oder
Ein Sachbuchangebot, das die Neugierde lohnt
Von Hans ten Doornkaat
Ob Sachroman oder textorientiertes Sachbuch, die beiden
Textsorten, die Nikolaus Piper nutzt, um Jugendlichen das Thema Wirtschaft
zu erklären, liegen nahe beisammen, wenn wir das ganze Angebot im
Blick haben. Der Trend zum vollillustrierten Jugendsachbuch besteht seit
bald zwei Generationen. Bildlastige Serientitel passen gut in die Verlagslandschaft;
nicht nur als Videoclip-Sammlung zwischen Buchdeckeln, sondern auch weil
international konfektionierte Reihenprodukte in jene Verlage und Konzerne
passen, deren Chefs scheinbar lieber nicht Bücher machen, dafür
Reihen lancieren.
Serientitel sind nicht a priori schlecht, aber Einzel-titel sind in der
Regel besser, weil spezifisch durchdacht. Die Freude an diesen Unikaten
zu verbreiten fällt leichter als im Bereich Sachbuch die Debatte
über Triviales und Banales anzustoßen. Dabei wäre sie
notwendig, denn Sachbücher sind "Einsteigerliteratur" für
alle Altersgruppen. Die Texte, die sie jedoch bereithalten, geben einen
schlechten Eindruck vom dem, was Schreibe kann; selbst einfache! Im System
zusammenhangsloser Doppelseiten sind viele Texte reine Benennungsangebote
oder plumpe Faktenhuberei. Bildlegenden helfen selten die Bilder wirklich
zu ergründen und die Haupttexte sind kaum argumentativ (und damit
oft uninteressant), geschweige denn stilistisch attraktiv.
Meine Kritik an Bildstrategien entspringt nicht etwa einer germanistischen
Textversessenheit. Intelligente Illustrationen sind mir ein lustvolles
Leseangebot. Wenn etwa der Folio-Verlag mit seinem Ötzi-Buch das
Layout von Dorling Kindersley (dt: Sehen-Staunen-Wissen, bei Gerstenberg)
imitiert (parodiert?), dann zeigt er exempla-risch wie man das gleiche
Grafikkonzept besser einset-zen kann. Zudem fangen die Haupttexte nicht
jedesmal bei Null an. Es gibt von Doppelseite zu Doppelseite
einen Aufbau, der das Wissen vertieft, statt von Aufmacher zu Aufmacher
schwadroniert. Von diesem Gesamtaufbau geht ein Angebot oder ein sanfter
Zwang aus: Wer liest statt zappt versteht Zusammenhänge, erlebt Verstehen.
Die Welt wird interessanter.
Wer genauer hinschaut, merkt: Bildlastige Sachbü-cher,
die wirklich überzeugen, zeigen einen reflektierten Umgang mit beiden
Informationsebenen. Ihr Konzept baut nicht nur auf die rasche Wucht der
Bilder, sondern macht sie lesbarer durch den Text, nutzt Fotos, Grafiken
und Illustrationen gezielt. Und die Texte sind mehr als Faktenlieferanten.
In der Medienkonkurrenz haben jene Medien Bestand, die ihre Eigenschaften
optimal ausspie-len. Viele bildlastige Sachbücher tun das nicht oder
nur bedingt. Umso mehr Aufmerksamkeit verdienen Gegenbewegungen und Nischenangebote.
Mit "Sophies Welt" erfand Jostein Gaarder keine neue Gattung,
er schuf aber eine neue Situation: Mit einem Mal schien es wieder (auch
kaufmännisch) möglich, Sachinformation mit wenig oder keinen
Illustrationen zu vermitteln. Davon hat der Sachroman profitiert; und
vielleicht auch jene Textsorte, die ganz auf eine textliche Wissensvermittlung
baut, berichtend und erklärend, teilweise erzählend, aber ohne
fiktives Handlungsgerüst. Man kann von Wissenschaftsjournalismus
im Jugendbuch reden. Das Comeback dieser Textsorte fällt zeitlich
zusammen mit der Wiederentdeckung der Sacherzählung. Selbst ein Urvorbild
dieser Art, Ernst H. Gombrichs "Eine kurze Weltgeschichte für
junge Leser" (erstmals erschienen in Wien 1935) erlebte ein Revival
(Dumont 1998). Manfred Mai hat sich in seiner Weltgeschichte der gleichen
Aufgabe gestellt (Hanser 2002). Die Gründe für seinen weniger
onkelhaften Tonfall liegen auf der Hand. Interessanter aber sind Gemeinsamkeiten:
Da sind Autoren am Werk, die Jungen etwas zutrauen, von ihrem Mitdenken-Wollen
ausgehen. Ein Gleiches gilt auch für die Tübinger Professoren,
die Themen aus ihrem Spezialgebiet so spannend erklärten, dass selbst
an heißen Tagen bis zu 900 Kinder aufs Freibad verzichteten und
in der Vorlesung saßen (Ulrich Janßen und Ulla Stengel: Kinder-Uni,
DVA 2003). Wer hier die Dino-Vorlesung nachliest, kann miterleben, wie
banal viele Bildsachbücher das Dauerbrennerthema abhandeln. Dabei
tut der Paläontologe Volker Mosbrugger etwas für ihn Selbstverständliches:
Er verlässt sich darauf, dass das Abwägen von Erklärungen
(über das Aussterben der Dinos) und die unterschiedlichen Fakteninterpretationen
quasi eine Handlungsspannung abgeben. Hinzu kommen einleuchtende Beispiele
für Entwicklungszusammenhänge. Nachdenken statt bloße
Fakten, das ist der Genuss, den gute Sachbücher bieten; egal ob mit
oder ohne Bilder.
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Hans ten Doornkaat arbeitet heute wieder als Publizist
(u.a. für NZZ am Sonntag, DIE ZEIT, Fachzeitschriften zur KJL), als
Lehrbeauftragter in der BibliothekarInnen-Ausbildung und Lehrerfortbildung
und als freier Lektor (v.a. für Bild-Text-Projekte). Zuvor war er
Leiter von dtv junior, Lektor beim Nord-Süd Verlag und zuletzt Programmleiter
Bilderbuch bei Sauerländer.
Zum Interview mit Nikolaus Piper, Sieger in
der Sparte Sachbuch des Deutschen Jugendliteraturpreises 
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