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Ist Dableiben schlimm genug?
Jugendliteratur in der Oberstufe
Von Christian Holzmann
Warum fortfahren?, heißt es bei Congreve, ist doch dableiben schon
schlimm genug. Lesen ist Dableiben und Fortfahren zugleich. Ob es "schlimm
genug" ist, hängt wohl wesentlich davon ab, was wir beim Dableiben
und beim Reisen tun. Dableiben dafür stehen jene Bücher,
jene Geschichten, jene Inhalte, die uns von Kindheit an begleiten. Rowling
etwa hat es geschafft, alle Alterstufen wieder zu den Leserlebnissen der
Kindheit zurückzuführen, wo wir nur eines fürchteten, wie
es bei Jane Austen heißt: unterbrochen zu werden.
Fortfahren das ist das Erkunden erwachsener Welten, traditioneller
Welten, völlig anderer Welten. Das geschieht in unseren Schulen meistens
mit dem Bereisen kanonisierter Texte, herausragender Texte (aus was für
Gründen auch immer), sprachlich und narrativ anspruchsvoller Texte.
Aber auch für diese Bücher gilt letztendlich: Wir gehen immer
nach Hause, wir wollen uns wiederfinden, wir wollen "bereichert"
werden.
Der Weg ist oft unklar, er will markiert sein. Die Amerikaner, die sich
allerlei "lustige" Leseprogramme (DEAR = Drop Everything and
Read) einfallen lassen, mögen immer wieder als Halbalphabeten belächelt
werden, aber sie haben eines begriffen: Dass es Bücher gibt, die
eine Brückenfunktion erfüllen, die uns vom Kinder- und Jugendbuch
in die so genannte Welt der Erwachsenenliteratur führen. Es existiert
jene Phase zwischen dem genüsslichen Lesen aller Lemony Snicket-
oder Darren Shan-Bände und dem verordneten Grübeln über
der "Emilia Galotti" oder dem "Faust"; oder aber auch
dem "Neu"-Entdecken von Heine oder Shakespeare (wie es in meiner
5. Klasse gerade passiert), dem begeisterten Lesen von Nagenkögel,
Mischkulnig und Jelinek (wie es im Wahlpflichtfach der 7./8. Klassen meiner
Frau geschieht).
Ich bin nicht so verblendet zu glauben, Jugendliche lesen vorwiegend
und mit Vorliebe Jugendbücher. Offensichtlich ist es ab einem gewissen
Alter sogar peinlich, Jugendbücher zu lesen (vgl. Harry Potter mit
Cover für Erwachsene). Andererseits, wenn man über Jugendliche
sagt, sie seien jetzt im Hesse-Alter, dann wird damit doch sicher nicht
gemeint sein, dass Hesse als Jugendbuchautor einzustufen ist? Ich gehe
davon aus, dass hier als Jugendbuch gelten soll, was normalerweise auch
als solches vermarktet wird. Auf diesem Markt gibt es genug Literatur,
die unsere Oberstufenschüler/-innen lesen werden und lesen wollen.
So wie in der Unterstufe begriffen wurde, dass nicht der "Schimmelreiter"
durchs Klassenzimmer galoppieren sollte, damit die Masse (gerne) liest,
so zeigt sich auch in der Oberstufe allmählich, dass mit Laurie Anderson
oder Mats Wahl, mit David Grossman oder Zoran Drvenkar, mit Stephen Chbosky
(dem Salinger der 1990er) oder Melvin Burgess (dessen neues Buch, "Doing
It", der Jugendliteratur den Sex zurück gibt) eher flächendeckendes
Interesse, ja sogar Begeisterung zu wecken ist, als mit "Steinklopfern"
oder einem wahrheitsliebenden Küchenjungen. Die Frage ist ja wohl,
wozu lesen wir überhaupt? Um den Jugendlichen Beispiele aus der Literaturgeschichte
vorzuführen? Dann her mit den Bahnwärtern und süßen
Mädeln! Oder aber um zu erfahren, wie man sich mit der Welt auseinandersetzen
kann? Dann her mit "Ich habe einfach Glück" (Hennig von
Lange), her mit "Die Mitte der Welt" (Steinhöfel), mit
"Für Isabel war es Liebe" (Pressler), her aber auch mit
"Krokodil im Nacken" (Kordon), "Falsch gedacht" (Pruetz),
von mir aus her auch mit "Chronist der Winde" oder "Die
rote Antilope" (beide Mankell) für das Kennenlernen anderer
Welten, auch wenn manche dieser Bücher schon früher als mit
15 oder 16 gelesen werden. Dass "Welt-Erfahrung" auf verschiedenen
Ebenen passieren kann, wissen wir alle. Aber die oben erwähnte Brückenfunktion
macht uns das Wechseln zwischen Lesewelten in beide Richtungen möglich.
(Vgl. dazu Kaywell, Adolescent Literature as a Complement to the Classics,
3 vols).
Noch länger werden die Brücken etwa bei Büchern wie Anna-Sophie
Brasmes "Dich schlafen sehen"; eine Jugendliche schreibt vermutlich
für Jugendliche und wird aber auch neugierig von den Erwachsenen
gelesen. Und am deutlichsten wird es in der Lyrik, dass wir nicht gleich
den "Großen Sprung nach Vorne" machen müssen: In
meiner fünften Klasse wurden Gedichte präsentiert, die sich
die Jugendlichen selbst ausgesucht hatten: Da gab es Brecht und Fried
und Storm und Bachmann etc., da wurde gekonnt und klug und begeistert
vorgelesen und interpretiert. Den Vogel aber schoss ein Gedicht aus dem
Internet ab: Ein Mädchen hatte (holprig und in schlechten Reimen)
von Autoaggression und Selbstverstümmelung geschrieben. Die Unmittelbarkeit
des Textes hat in den Augen der Jugendlichen die Alten einfach
alt aussehen lassen. Geben wir ihnen also die Chance auf ihre Heldinnen
und Helden, ihre Geschichten, damit sie sich dann umso ernsthafter für
andere Welten interessieren können, gleichzeitig oder später,
aber nie aufgesetzt und übergestülpt.
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Christian Holzmann unterrichtet Deutsch und Englisch
am Rainergymnasium und Fachdidaktik (Englisch) an der Universität Wien.
Koautor zahlreicher Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien, Mitherausgeber
von TELL & Call.
Mail an den Autor:

Deutschsprachige
Jugendliteratur besprochen von Christian Holzmann bei e-LISA 
Yung Adult Novels Besprechungen englischer
Bücher von Christian Holzmann 
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