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Von Silke rabus

Wer kennt sie nicht, die großen Namen der gegenwärtigen britischen Kinder- und Jugendliteratur: Melvin Burgess, Tim Bowler, Peter Dickinson, Aidan Chambers, Gillian Cross, Paul Shipton, Philip Pullman, Jacqueline Wilson, Tony Ross oder selbstverständlich J. K. Rowling. Und wie sehr haben wir erst die Klassiker geliebt: Die entzückend lesebegierige "Matilda" vom Meister des Schwarzen Humors, Roald Dahl, oder A. A. Milnes wunderbar schlichte Abenteuer von "Pu der Bär" sind nur zwei Beispiele für famose britische Kinderbücher, die längst schon Eingang gefunden haben in den "Lesekanon" deutschsprachiger Literatur.

Britische Literatur im Kommen
Literatur aus Großbritannien kann mittlerweile einen erheblichen Marktanteil an der deutschsprachigen Produktion verzeichnen, der Anteil an Übersetzungen aus dem englischen Raum wächst und wächst. Dies mag durchaus mehrere Gründe haben: Neben der Größe oder der guten Kenntnis des angloamerikanischen Marktes – wir alle können in der Regel englische Literatur lesen – befriedigt eine große Zahl dieser Bücher den von allen Seiten laut gewordenen Ruf nach qualitätvoller Unterhaltungsliteratur. Viele der oben genannten AutorInnen schaffen es souverän, in ihren Texten wichtige Themen mit leichter Lesbarkeit zu kombinieren. Und das fördert offensichtlich den Spaß am Lesen: Britische AutorInnen genießen nicht nur in ihrem Heimatland bisweilen fast Kultstatus.

Öffentliche Bibliotheken fördern die Lust am Lesen
Die Öffentlichen Bibliotheken Englands machen sich das große Potential der englischen Kinder- und Jugendliteratur besonders leidenschaftlich zu Nutze. Mit großem Einsatz vermitteln die BibliothekarInnen Kindern und Jugend-lichen das Lesen und die Liebe zur Literatur. Veranstaltungen, Websites und gut sortierte Bestände dienen dem Zweck ebenso wie   überregionale und von professionellen Werbekampagnen begleitete Leseförderungsprojekte.

Gerade in Zeiten, in denen die Kluft zwischen (Informations-)Armen und (Informations-)Reichen wächst, können Bibliotheken ihrem Grundsatz, Bildung, Information und Kultur für alle zu bieten, optimal entsprechen. Vor allem bei den staatlich geförderten Literaturprogrammen werden daher verstärkt sozial schwächere Schichten eingebunden. Um dieser stetig wachsenden Zielgruppe nahe zu kommen, geht man mit Partnern unterschiedlichster Berufsfelder Kooperationen ein: Öffentliche Bibliotheken in Großbritannien arbeiten derzeit besonders häufig mit Institutionen aus dem Gesundheitswesen zusammen. Arztpraxen oder die Wartezimmer von Krankenhäusern werden so zu Kreuzungspunkten zwischen Biblio-thekarInnen und sozial Benachteiligten.

"Bookstart" zum Beispiel, begonnen 1992 als Pilotprojekt zur frühen Leseförderung, ist mittlerweile ein nationales Programm der Kooperation zwischen Öffentlichen Bibliotheken und Gesundheitsorganisationen: Jedem britischen Baby wird beim Gesundheitscheck im Alter von ca. 8 Monaten ein Paket mit qualitätvollen Bilderbüchern geschenkt. Beigelegt werden Informationen zur Gesundheitspflege und eine Einladung in die örtliche Bibliothek. Organisiert wird "Bookstart" vom gemeinnützigen Verein "Booktrust", der zahlreiche Leseförderungsprojekte unterstützt.

Auch "The National Literacy Trust" widmet sich der Leseförderung. Die 1993 gegründete unabhängige Organisation unterstützt den Aufbau einer alphabetisierten Gesellschaft. "National Literacy Trust" betreibt zahlreiche Leseinitiativen, etwa das Projekt "Reading Is Fundamental" , das Kindern und Jugendlichen den kostenlosen Erhalt von bis zu drei Büchern im Jahr ermöglicht. Gemeinsam mit ihren Familien können sie außerdem an Veranstaltungen und Lesungen mit AutorInnen, IllustratorInnen oder GeschichtenerzählerInnen teilnehmen. Auch hier sind die Öffentlichen Bibliotheken als Partner fast immer eingebunden. Vor allem aber ist eine umfangreiche Website entstanden, die so gut wie alles beinhaltet, was man über das Lesen in Großbritannien wissen muss: Leseförderungsmaterial zum Downloaden, Kontaktadressen von AutorInnen, Studien zur Kinder- und Jugendliteratur und natürlich eigene Seiten, die sich ausschließlich mit den Leseförderungsaktivitäten von Bibliotheken beschäftigen.

Seit 1999 gibt es in den Öffentlichen Bibliotheken Großbritanniens auch ein landesweites Sommerleseprogramm: "The summer reading challenge in libraries" wird von "The Reading Agency", einem Zusammenschluss aus Bibliotheks- und Leseförderungsinstitutionen, organisiert und involviert sowohl Verleger und Marketingspezialisten als auch die Bibliotheken. Unter einem bestimmten Motto – 2003 heißt dieses "The Reading Maze" – und begleitet von einer umfassenden Werbekampagne werden den gesamten Sommer über Leseförderungsmaßnahmen durchgeführt. Mittlerweile nehmen rund 85 Prozent der Öffentlichen Bibliotheken an der Aktion teil.

Der Wettbewerb um öffentliche Gelder
Im täglichen Leben allerdings müssen die britischen Bibliotheken auch mit Schwierigkeiten kämpfen. Neben den auch in anderen Ländern bekannten Imageproblemen haben sie in erster Linie ein finanzielles Problem: Häufig kommen sie nur mittels kurzfristig angelegter Projektgelder über die Runden. Grund dafür ist die im letzten Jahrzehnt in den Bibliotheken, Museen und Archiven aufgekommene "Ausschreibungskultur". Öffentliche Gelder werden dabei von diversen, meist dem Staat nahe stehenden Körperschaften für wettbewerbsfähige Projekte vergeben. Dieser Wettbewerb um öffentliche Gelder soll nach Ansicht der Regierung zu einer unternehmerischen, marktorientierten Kultur der Gemeindeverwaltungen führen. Für erfolglose Bewerber jedoch sind die Kosten meist viel zu hoch, benachteiligte Regionen werden außerdem zusätzlich geschwächt, wenn deren lokale Probleme bei der Beurteilung von Konkurrenzangeboten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dennoch haben Bibliotheken den Vorteil, dass zumindest ein Teil ihrer finanziellen Mittel gesetzlich festgelegt ist. Museen und in gewissem Maß auch Archive sind noch stärker von dieser Form der Finanzierung abhängig und befinden sich quasi unablässig auf Geldsuche. Eine kontinuierliche Basisarbeit ist damit nur bedingt gewährleistet.

Stories from the Web
Abschließend noch zu einem überzeugenden Leseförderungsprojekt: Besonders stolz ist man derzeit – zu Recht –auf eine Website, die in Kooperation zwischen den Bibliotheken in Birmingham, Bristol und Leeds sowie dem UK Office of Libraries and Information Networking entstanden ist. "Stories from the Web" richtet sich an Kinder zwischen 8 und 11 Jahren bzw. 11 und 14 Jahren und will vor allem eines: Einem Online-Publikum moderne Kinder- und Jugendliteratur präsentieren und bei diesem die Lust am Lesen fördern. Die Kinder scheinen das Angebot zu schätzen: Täglich loggen sich ca. 2000 junge BesucherInnen auf der Website ein und surfen durch das abwechslungsreiche literarische Angebot. Auszüge aus Büchern, Kurzgeschichten, Limericks und Gedichten animieren zur kreativen Beschäftigung mit Literatur. Rezensionen werden verfasst und gelesen, Satzanfänge von KinderbuchautorInnen in eigenen Geschichten zu Ende geschrieben, elektronische Postkarten verschickt, mit AutorInnen, IllustratorInnen oder Verlegern wird gechattet. Oder man kann sich auch nur informieren: über Bücher, über die SchriftstellerInnen oder den Buchmarkt. Zusätzlich gibt es wöchentliche "Stories from the Web-Clubs" direkt vor Ort – nicht nur in den beteiligten Bibliotheken, sondern auch in Delhi und Dhaka. In diesen Kinderleseclubs wird viel gelesen und über Bücher erzählt. Bestimmte "Favourites", so die Abmachung, können dann auch auf der Website platziert werden.

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Silke Rabus ist Redaktionsmitglied von 1000 und 1 Buch und arbeitet beim Österreichischen Büchereiverband

 

 

Weitere interessante Websites in England:

British Council

The Federation of Children`s Book Groups

Readathon

Information über britische Bibliotheken

Opening the Book