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Christoph Wagner, Jg. 1954, ist Restaurantkritiker, Kochbuch- und Krimiautor und schrieb über 130 Bücher zu kulinarischen und kulturhistorischen Themen. Er wurde 2004 mit zwei World Cookbook-Awards und dem Danubius-Sachbuchpreis ausgezeichnet.
Seine jüngsten Veröffentlichungen sind "Drei Damen und mein Herd" (Deuticke), "Köstliches Ungarn" sowie "Die Mittelmeerküche" (Pichler).
Der beschriebene Garten liegt in Linz, woher der Autor, der mittlerweile in Wien lebt, auch stammt.

Köstliches Ungarn. Ein kulinarischer Reiseführer von der Puszta bis zum Plattensee
(Pichler 2004)

Womit beginnt eine Karriere als Feinschmecker und Restaurantkritiker? Ist man als Kind mit Kaviar gefüttert worden? Aß man zum Frühstück Gänseleberpastete? Oder trank man schon mit fünf lieber Champagner als Schartner Bombe? – Nichts von alledem. Wenn meine "Gourmetlaufbahn" irgendwo begonnen hat, dann ganz sicher in Omas Garten.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie sie geschmeckt haben. Sie waren sogar noch fruchtiger als die weiß Gott fleischigen Pfirsiche in unserem Obstgarten, und saftiger, als es selbst eine Wassermelone jemals hätte sein können.
Außerdem waren sie schön. Erhaben rankten sich die Reben mit ihren prallen, roten, erfrischend unsymmetrischen Früchten gegen den Himmel, was ich wohl deshalb so empfand, weil selbst die kleineren Tomatenstöcke damals größer waren als ich selbst.
Bei den ersten ausgereiften Exemplaren handelte es sich, und das machte die Tomaten besonders begehrenswert, selbstredend um verbotene Früchte. Sie durften von uns Kindern nicht gepflückt werden, sondern waren ausschließlich der gemeinschaftlichen Tafel vorbehalten.
Das änderte sich dann allerdings sehr schnell, als es plötzlich mehr Tomaten gab, als uns allen lieb war. Von sieben Tagen in der Woche standen an dreien gefüllte Paprika mit Paradeissauce auf dem Speisezettel. In der Küche meiner Mutter hatte das Aroma der eingekochten Tomaten schon bald jeglichen Bratendunst überlagert. Das Odeur der Tomaten strömte zum Küchenfenster hinaus auf unsere kleine Plantage zurück und vollendete somit einen alljährlich wiederkehrenden hortensisch-kulinarischen Zyklus. All die Lebensenergie, die unser Garten in die feste, pralle Form fleischiger und niedlich gerippter Tomaten gegossen hatte, gab er in flüssiger Form – als Tomatensauce – an uns weiter und bekam sie über den Umweg des Duftes als Windhauch wieder zurück.
Es war ein sanfter, gewaltfreier Kreislauf, der sich da bis um die Mitte der sechziger Jahre mit alljährlicher Selbstverständlichkeit wiederholte, bis er eines Tages ohne größeres Aufheben in einem frisch ausgesäten grünen Rasen versickerte. Damals begann die Zeit, in welcher die ersten italienischen Sugi bei unserem Greißler erhältlich waren und die holländischen Importtomaten uns plötzlich viel schöner, überzeugender, größer und ebenmäßiger dünkten als die oft genug verschrumpelten Paradeiser aus unserem kleinen Garten Eden. Seltsamerweise nahmen wir Kinder das Aussterben von Omas Tomatenstöcken ohne Trauer zur Kenntnis. Denn endlich hatten wir ja nun genügend Platz, um nach Herzenslust Federball und Boccia zu spielen.
Es dauerte an die drei Jahrzehnte, bis ich den verlorenen Geschmack von Omas Tomaten in einer jener Gourmetkathedralen wieder fand, die man im Grunde nicht so sehr wegen ihrer Tomatensaucen, sondern eher wegen der dort zubereiteten Hummer oder Taubenbrüste aufsucht. Heute fällt mir, um diesen Geschmack zu beschreiben, kein besseres Wort als das amerikanische "juicy" ein, das zwar einem hässlichen Newspeak zugehörig sein mag, aber dem strammen deutschen Wort "saffftig" mit seinem unsinnlichen Reibelaut allein schon in onomatopoetischer Hinsicht haushoch überlegen ist.
Und wenn ich heute – selten genug – einen wirklich gelungenen, aromatisch überwältigenden Tomatenjus über mein Gaumensegel schwappen lasse, dann tut es mir fast ein wenig leid, wie oft ich mich bei meiner Mutter darüber beschwert hatte, dass es schon wieder gefüllte Paprika mit Tomatensauce gab.
Rückblickend betrachtet hätte es ruhig noch ein bisschen öfter sein können.        

 

Auf SPEISING.NET, einer Community für alle, die gerne gut essen und trinken, sich für Neues aus Küche und Keller interessieren und sich darüber mit anderen austauschen, hat Christoph Wagner einen Web-log

 

Drei Damen und mein Herd. (Deuticke 2004)

 

 

 

Die Mittelmeer Küche. Novelli`s großes mediterranes Kochbuch
(Pichler 2004)

 

 

 
     

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