Zurück zu den News

Zurück zur Bibliothek


Der Mars ist so nah.
Die Jugendbuchautorin Tamara Bach
Von Ralf Schweikart

 


Tamara Bach bei einem Werkstattgespräch im Rahmen der Tagung des Instituts für Jugendliteratur im Sommer 2004 in Hall/Tirol (Foto: H. Müller)

Name
Adresse
Geburtstag Geburtsort
(…)
Das mag ich
Das mag ich nicht
Das wünsche ich dir

So beginnt der Roman "Marsmädchen" von Tamara Bach. Ich-Erzählerin Miriam, 15 Jahre alt, grübelt über den Fragebogen einer Mitschülerin. Die erste Frage ist noch leicht zu beantworten. Doch schon bei der zweiten wird es schwieriger. Denn es gibt einiges zu sagen über das kleine Kaff, in dem sie wohnt. Die Enge. Die Langeweile. Das Gefühl, wie die Kleinstadt im Winter einfriert und mit ihr die Menschen. Dann wächst die Sehnsucht nach einem fernen Ort, der Platz bietet für das, was man Liebe nennt.

Name
Mein Name ist Tamara Bach.
Alter, Geburtstag, Ort
Bach: Ich bin in Limburg geboren und habe die ersten sechs Jahre im Taunus gewohnt. Als ich acht Jahre alt war sind wir in ein winziges Dorf mitten in den Weinbergen in Rheinhessen gezogen. In Oppenheim bin ich auf das St Katharinen-Gymnasium gegangen. Die Leute dort erkennen Oppenheim in "Marsmädchen" auch wieder. Ich habe mich aber gescheut zu sagen: Das ist das Dorf oder die Kleinstadt, weil ich glaube, dass sich die Beschreibung und das Erleben von Miriam auf sehr viele Kleinstädte überall in Deutschland übertragen lässt. Ich bin 27 Jahre alt.

Adresse
Die Stadt, in der ich wohne, ist groß und lebendig. Berlin.
Bei meinem ersten Besuch in Berlin, mit 14, habe ich mich sofort ein bisschen in die Stadt verliebt. Als ich mit 17 zum Treffen junger Autoren kam, hat's peng gemacht und jedes Mal wurde die Liebe größer. Also bin ich dann mit einer Freundin zusammen nach Berlin gezogen. Ich glaube, wenn ich nicht hierher gezogen wäre, dann gäbe es jetzt auch kein "Marsmädchen".
Denn hier in Berlin kann man sich als Autor wirklich austoben. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die man natürlich auch wahrnehmen muss. Man findet sich, wenn man schreibt. Es ist hier einfacher, Dinge zu machen. Es gibt Leute, die fragen: Mensch du schreibst, willst du nicht vielleicht ein Theaterstück für uns machen? Oder ich setze mich mit Freundinnen zusammen und entwickle eine Fernsehserie.

Aus dem daraus entstandenen Drehbuch ist leider nichts geworden. Aber die Arbeit daran hat den Blick auf Figuren und ihr Eigenleben geschärft. Denn die werden nur lebendig, wenn man als Autor ein Gefühl für sie entwickelt, sich manchmal sogar über sie wundern oder lachen kann. Was würden sie bei Aldi einkaufen? Wie würden sie sich am Telefon melden? Wo würden sie ihren Cappuccino trinken? Das durchzuspielen half auch bei der Arbeit an der Geschichte über ein Mädchen, das sich zum ersten Mal verliebt und zwar ausgerechnet in ein anderes Mädchen, in Laura mit den grünen Augen.
Ich werde immer wieder gefragt, ob "Marsmädchen" ein Roman für lesbische Mädchen ist. Es ist auf jeden Fall nicht als Coming-out-Roman gedacht. Jeder kann es lesen wie er will, das Ende ist offen. Deswegen kann es durchaus ein Buch für junge Lesben sein, aber es ist genauso ein Buch für alle jungen Mädchen. Und natürlich fände ich das toll, wenn auch Jungs es lesen würden.
Es gibt ja kein "so sollte man die Geschichte verstehen". Ich habe vor ein paar Wochen vor den Schülern meiner alten Schule gelesen, da fragte einer: "Marsmädchen, hat das denn etwas mit "Männern sind vom Mars, Frauen von der Venus" zu tun?" Ich habe vor ihm gesessen und gesagt: "Da habe ich überhaupt nicht drüber nachgedacht", und dann fragte er: "Habe ich dann falsch interpretiert?" Nein. Denn was die Leser sich denken, ist mir wichtiger als meine Gedanken beim Schreiben, ist das Wichtigste am Lesen.
Wenn es manchen nicht lesbisch genug ist, bitteschön, dann tut’s mir leid. Aber wenn andere Leute es doch schön finden und vielleicht geweint haben oder wenn Freunde mir nachts auf den Anrufbeantworter sprechen: "Oh, ich hab' das Gefühl, du hast die Geschichte für mich geschrieben, obwohl du sie ja gar nicht für mich geschrieben hast", dann macht mich das froh.

Wenn sie spricht, dann blitzt ihr silbern glänzendes Zungenpiercing auf, arbeiten die Hände mit, spürt man, dass sie was zu sagen hat und es auch gerne tut. Es ist eine Impulsivität, die sich im Roman zurücknimmt auf die zu erzählende Geschichte, auf die wenigen notwendigen Details und die Stimmungen. In „Marsmädchen“ zeigt sich Tamara Bach als Chronistin jugendlichen Aufwachsens, die nach einer eigenen Ausdrucksform sucht und sie auch findet. In einer eigenständigen Sprache, mit frischen sprachlichen Bildern, mit dem Versuch, andere Ansätze des Geschichtenerzählens zu finden.
Ich suche diese Erzählformen nicht, die finden mich. Bei „Marsmädchen“ haben sie teilweise sogar geholfen. Ich wusste nicht, wie ich dieses Buch anfangen soll. Ich wusste nur, dass Miriam und ihre Freundinnen irgendwo zusammen sitzen, im Klo. Da hat mir dieser Fragebogen beim Einstieg ins Buch geholfen. Und später, im zweiten Teil des Buches, benutze ich als Einstieg diesen Psychotest.
Auch die sprachlichen Bilder finden mich. Wenn ich mir am nächsten Tag noch mal durchlese, was ich geschrieben habe, frage ich mich manchmal, wie bin ich denn darauf gekommen? Das kommt einfach beim Schreiben. Schreiben hat ja beinahe schon was drogenhaftes. Ich stecke so im Text drin, dass ich kaum noch was von außen wahrnehme, dann trinke ich noch literweise Tee dazu und ich fühle mich wie in Trance. Dann erscheinen die Bilder, einfach so beim Schreiben, ganz unbewusst. Und wenn sie stimmen, stimmen sie.

Obwohl sie prima in die Riege des literarischen Fräuleinwunders gepasst hätte, hat sie ein Jugendbuch geschrieben. Nicht als ätherischer Schöngeist oder mal eben als Stilübung, sondern ganz handfest, mit Menschen und Geschichten von nebenan. Es hätte genauso gut ein Roman für Erwachsene draus werden können. Aber ist ein Jugendbuch geworden, weil die Figuren es nahelegten.
Es war Zufall, dass ich beim Treffen junger Autoren 1994 bei Miriam Pressler und Waltraut Lewin in einem Workshop zum Schreiben für Erstleser war. Ich habe mit einer Geschichte angefangen und sie rumgereicht. Von allen wurde mir gesagt, Mensch, du kannst das ja, du hast ein Gefühl dafür. Außerdem macht es verdammt viel Spaß, kleine Geschichten für Erstleser zu schreiben, so um die 20 Seiten, das ist ein überschaubares Format. Aber ich habe mich nie hingesetzt nach dem Motto: jetzt schreibe ich eine Kindergeschichte oder eine Jugendgeschichte. Ich will einfach nur die und die Geschichte erzählen, und zufälligerweise sind die Hauptdarsteller 15 Jahre alt. Zudem ist die Teenagerzeit, die Pubertät, ja eine Zeit voller Geschichten. Da kommt man ja aus dem Erzählen gar nicht mehr raus.
Ist die Jugend heute anders als die Jugend damals? Ich glaube, größtenteils kämpfen die mit den selben Problemen wie wir: Hupps, ich werde plötzlich erwachsen, mein Körper wächst, die Freunde verändern sich, die Welt ist nicht mehr so einfach wie ich dachte, sie ist vor allem viel, viel größer, ich habe Sehnsucht, ich möchte geliebt werden, aber teilweise werde ich nicht geliebt, ich komme mit mir selbst nicht klar – ich denke, das ist in jeder Generation so. Mich hat mal eine Frau in einem Interview gefragt: Wie ist man denn so mit 15? Na ja, man fühlt sich nicht besonders glücklich. Oder wie haben sie sich gefühlt? Und sie antwortete: Ich war glücklich. Da habe ich ihr entgegnet: Sie lügen. Kann gar nicht sein.
In dem Alter ist auch Musik ganz wichtig. Wenn man mit 15 Musik hört, dann hört man nur bei wenigen Stücken wirklich ganz genau auf den Text. Eigentlich sind es nur ein paar Textzeilen, die man sich behält oder die Stimmung, die ein Lied erzeugt. Deshalb spiegeln die vielen im Roman genannten Lieder vor allem die jeweilige Stimmung wider, und natürlich auch meine eigene. Denn ich brauche Musik, vor allem während ich schreibe. Und das fließt in die Texte mit ein.

Die junge Autorin lebt und studiert schon dort, wo sich Miriam im Roman noch hinwünscht. Wo es nach Gummi und Staub und Neon, nach echtem Leben riecht. Wo es einfacher war und ist, über das Leben außerhalb zu schreiben. Mit großem Erfolg. Als Manuskript gewann "Marsmädchen" 2002 den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis. Zu dem Zeitpunkt hatte sie ihren Autorenvertrag dafür schon in der Tasche, beim Friedrich Oetinger Verlag. Im Herbst 2003 endlich erschienen hagelte es kurz hintereinander weitere Auszeichnungen: die Eule des Monats des "Bulletin Jugend & Literatur" und den Luchs der "ZEIT", dazu ein Platz auf der Liste der Besten 7 von Deutschlandfunk und Focus.
Auf der Buchmesse saß sie auf der Bühne des bis auf den letzten Platz gefüllten Lesezeltes, umrahmt von Jostein Gaarder und Andreas Schendel. Der eine gelassen fröhlich ob seiner nicht perfekten Deutschkenntnisse aber umso größeren Popularität, der andere derart nervös, dass er seine eh schon großen Hände zwischen den schraubstockartig zusammengepressten Knien mindestens auf doppelten Umfang quetschte. Dazwischen saß entspannt Tamara Bach und wartete auf ihren Einsatz. Dann las sie. Las entspannt und konzentriert eine Passage, in der es zwischen Miriam und Laura, dem Mädchen mit den marsgrünen Augen, knistert, aber noch nicht knallt.
Ich lese unglaublich gerne vor, das macht mir wirklich Spaß. Meine erste Lesung ist nun genau 10 Jahre her, beim Treffen junger Autoren. Die war ein Desaster. Ich habe mit 13 angefangen, Texte an das Treffen junger Autoren, dieses Jugendprojekt der Berliner Festspiele, zu schicken. Wenn man dann eingeladen wird wie ich mit 17, kann man fünf Tage in Berlin mit der Jury, in der zum Beispiel Autoren sitzen, an Workshops teilnehmen und andere Jugendliche kennen lernen, die schreiben. Mir hat es damals sehr geholfen. War eine tolle Sache. Seitdem habe ich das Lesen geübt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir Spaß macht auch laut vorzulesen. Und die Reaktion des Publikums mitzukriegen. Also lachen die jetzt an der Stelle oder nicht und das ändert sich natürlich auch von Publikum zu Publikum.

Das viele Lob über das Debüt ist ein bisschen unheimlich und es steigert die Erwartung auf das zweite Buch enorm. An dem sitzt sie schon, überarbeitet, feilt, spielt wieder ein bisschen Gott und haucht ihren Figuren Leben ein. Es ist wieder ein Jugendbuch, wieder mit einem Mädchen als Protagonistin. Aber das ist noch lange nicht alles, was die Zukunft bringen soll. Dann wird der Ton in der Stimme wieder energischer, als könne sie es gar nicht erwarten, weiterzumachen.
Ich möchte mich überall austoben. Momentan ist es eben das Jugendbuch. Ich will aber auch noch Kinderbücher schreiben, vielleicht traue ich mich auch irgendwann an die Erwachsenenliteratur. Und ich will Lieder schreiben, ich will Theaterstücke schreiben, ich will einfach nur schreiben.

 

 

© beim Autor

Tamara Bach im Oetinger Verlag

Ralf Schweikart ist Redakteur beim Bulletin Jugend+Literatur.

 

Der Beitrag ist in 1000 und 1 Buch 4|2003 abgedruckt.

 

 

 

 

 

Marsmädchen (Oetinger 2003)

 

 

 

Busfahrt mit Kuhn (Oetinger 2004)

 

 

 

 
   

 

 

 

 

 

nach oben

Zurück zur Bibliothek