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So beginnt der Roman "Marsmädchen" von Tamara Bach.
Ich-Erzählerin Miriam, 15 Jahre alt, grübelt über
den Fragebogen einer Mitschülerin. Die erste Frage ist noch
leicht zu beantworten. Doch schon bei der zweiten wird es schwieriger.
Denn es gibt einiges zu sagen über das kleine Kaff, in dem
sie wohnt. Die Enge. Die Langeweile. Das Gefühl, wie die Kleinstadt
im Winter einfriert und mit ihr die Menschen. Dann wächst die
Sehnsucht nach einem fernen Ort, der Platz bietet für das,
was man Liebe nennt.
Name
Mein Name ist Tamara Bach.
Alter, Geburtstag, Ort
Bach: Ich bin in Limburg geboren und
habe die ersten sechs Jahre im Taunus gewohnt. Als ich acht Jahre
alt war sind wir in ein winziges Dorf mitten in den Weinbergen in
Rheinhessen gezogen. In Oppenheim bin ich auf das St Katharinen-Gymnasium
gegangen. Die Leute dort erkennen Oppenheim in "Marsmädchen"
auch wieder. Ich habe mich aber gescheut zu sagen: Das ist das Dorf
oder die Kleinstadt, weil ich glaube, dass sich die Beschreibung
und das Erleben von Miriam auf sehr viele Kleinstädte überall
in Deutschland übertragen lässt. Ich bin 27 Jahre alt.
Adresse
Die Stadt, in der ich wohne, ist groß und lebendig. Berlin.
Bei meinem ersten Besuch in Berlin, mit
14, habe ich mich sofort ein bisschen in die Stadt verliebt. Als
ich mit 17 zum Treffen junger Autoren kam, hat's peng gemacht und
jedes Mal wurde die Liebe größer. Also bin ich dann mit
einer Freundin zusammen nach Berlin gezogen. Ich glaube, wenn ich
nicht hierher gezogen wäre, dann gäbe es jetzt auch kein
"Marsmädchen".
Denn hier in Berlin kann man sich als
Autor wirklich austoben. Es gibt sehr viele Möglichkeiten,
die man natürlich auch wahrnehmen muss. Man findet sich, wenn
man schreibt. Es ist hier einfacher, Dinge zu machen. Es gibt Leute,
die fragen: Mensch du schreibst, willst du nicht vielleicht ein
Theaterstück für uns machen? Oder ich setze mich mit Freundinnen
zusammen und entwickle eine Fernsehserie.
Aus dem daraus entstandenen Drehbuch ist leider nichts geworden.
Aber die Arbeit daran hat den Blick auf Figuren und ihr Eigenleben
geschärft. Denn die werden nur lebendig, wenn man als Autor
ein Gefühl für sie entwickelt, sich manchmal sogar über
sie wundern oder lachen kann. Was würden sie bei Aldi einkaufen?
Wie würden sie sich am Telefon melden? Wo würden sie ihren
Cappuccino trinken? Das durchzuspielen half auch bei der Arbeit
an der Geschichte über ein Mädchen, das sich zum ersten
Mal verliebt und zwar ausgerechnet in ein anderes Mädchen,
in Laura mit den grünen Augen.
Ich werde immer wieder gefragt, ob "Marsmädchen"
ein Roman für lesbische Mädchen ist. Es ist auf jeden
Fall nicht als Coming-out-Roman gedacht. Jeder kann es lesen wie
er will, das Ende ist offen. Deswegen kann es durchaus ein Buch
für junge Lesben sein, aber es ist genauso ein Buch für
alle jungen Mädchen. Und natürlich fände ich das
toll, wenn auch Jungs es lesen würden.
Es gibt ja kein "so sollte man die Geschichte verstehen".
Ich habe vor ein paar Wochen vor den Schülern meiner alten
Schule gelesen, da fragte einer: "Marsmädchen, hat das
denn etwas mit "Männern sind vom Mars, Frauen von der
Venus" zu tun?" Ich habe vor ihm gesessen und gesagt:
"Da habe ich überhaupt nicht drüber nachgedacht",
und dann fragte er: "Habe ich dann falsch interpretiert?"
Nein. Denn was die Leser sich denken, ist mir wichtiger als meine
Gedanken beim Schreiben, ist das Wichtigste am Lesen.
Wenn es manchen nicht lesbisch genug ist, bitteschön, dann
tut’s mir leid. Aber wenn andere Leute es doch schön
finden und vielleicht geweint haben oder wenn Freunde mir nachts
auf den Anrufbeantworter sprechen: "Oh, ich hab' das Gefühl,
du hast die Geschichte für mich geschrieben, obwohl du sie
ja gar nicht für mich geschrieben hast", dann macht mich
das froh.
Wenn sie spricht, dann blitzt ihr silbern glänzendes Zungenpiercing
auf, arbeiten die Hände mit, spürt man, dass sie was zu
sagen hat und es auch gerne tut. Es ist eine Impulsivität,
die sich im Roman zurücknimmt auf die zu erzählende Geschichte,
auf die wenigen notwendigen Details und die Stimmungen. In „Marsmädchen“
zeigt sich Tamara Bach als Chronistin jugendlichen Aufwachsens,
die nach einer eigenen Ausdrucksform sucht und sie auch findet.
In einer eigenständigen Sprache, mit frischen sprachlichen
Bildern, mit dem Versuch, andere Ansätze des Geschichtenerzählens
zu finden.
Ich suche diese Erzählformen nicht,
die finden mich. Bei „Marsmädchen“ haben sie teilweise
sogar geholfen. Ich wusste nicht, wie ich dieses Buch anfangen soll.
Ich wusste nur, dass Miriam und ihre Freundinnen irgendwo zusammen
sitzen, im Klo. Da hat mir dieser Fragebogen beim Einstieg ins Buch
geholfen. Und später, im zweiten Teil des Buches, benutze ich
als Einstieg diesen Psychotest.
Auch die sprachlichen Bilder finden mich. Wenn ich mir am nächsten
Tag noch mal durchlese, was ich geschrieben habe, frage ich mich
manchmal, wie bin ich denn darauf gekommen? Das kommt einfach beim
Schreiben. Schreiben hat ja beinahe schon was drogenhaftes. Ich
stecke so im Text drin, dass ich kaum noch was von außen wahrnehme,
dann trinke ich noch literweise Tee dazu und ich fühle mich
wie in Trance. Dann erscheinen die Bilder, einfach so beim Schreiben,
ganz unbewusst. Und wenn sie stimmen, stimmen sie.
Obwohl sie prima in die Riege des literarischen Fräuleinwunders
gepasst hätte, hat sie ein Jugendbuch geschrieben. Nicht als
ätherischer Schöngeist oder mal eben als Stilübung,
sondern ganz handfest, mit Menschen und Geschichten von nebenan.
Es hätte genauso gut ein Roman für Erwachsene draus werden
können. Aber ist ein Jugendbuch geworden, weil die Figuren
es nahelegten.
Es war Zufall, dass ich beim Treffen
junger Autoren 1994 bei Miriam Pressler und Waltraut Lewin in einem
Workshop zum Schreiben für Erstleser war. Ich habe mit einer
Geschichte angefangen und sie rumgereicht. Von allen wurde mir gesagt,
Mensch, du kannst das ja, du hast ein Gefühl dafür. Außerdem
macht es verdammt viel Spaß, kleine Geschichten für Erstleser
zu schreiben, so um die 20 Seiten, das ist ein überschaubares
Format. Aber ich habe mich nie hingesetzt nach dem Motto: jetzt
schreibe ich eine Kindergeschichte oder eine Jugendgeschichte. Ich
will einfach nur die und die Geschichte erzählen, und zufälligerweise
sind die Hauptdarsteller 15 Jahre alt. Zudem ist die Teenagerzeit,
die Pubertät, ja eine Zeit voller Geschichten. Da kommt man
ja aus dem Erzählen gar nicht mehr raus.
Ist die Jugend heute anders als die Jugend damals? Ich glaube, größtenteils
kämpfen die mit den selben Problemen wie wir: Hupps, ich werde
plötzlich erwachsen, mein Körper wächst, die Freunde
verändern sich, die Welt ist nicht mehr so einfach wie ich
dachte, sie ist vor allem viel, viel größer, ich habe
Sehnsucht, ich möchte geliebt werden, aber teilweise werde
ich nicht geliebt, ich komme mit mir selbst nicht klar ich
denke, das ist in jeder Generation so. Mich hat mal eine Frau in
einem Interview gefragt: Wie ist man denn so mit 15? Na ja, man
fühlt sich nicht besonders glücklich. Oder wie haben sie
sich gefühlt? Und sie antwortete: Ich war glücklich. Da
habe ich ihr entgegnet: Sie lügen. Kann gar nicht sein.
In dem Alter ist auch Musik ganz wichtig. Wenn man mit 15 Musik
hört, dann hört man nur bei wenigen Stücken wirklich
ganz genau auf den Text. Eigentlich sind es nur ein paar Textzeilen,
die man sich behält oder die Stimmung, die ein Lied erzeugt.
Deshalb spiegeln die vielen im Roman genannten Lieder vor allem
die jeweilige Stimmung wider, und natürlich auch meine eigene.
Denn ich brauche Musik, vor allem während ich schreibe. Und
das fließt in die Texte mit ein.
Die junge Autorin lebt und studiert schon dort, wo sich Miriam
im Roman noch hinwünscht. Wo es nach Gummi und Staub und Neon,
nach echtem Leben riecht. Wo es einfacher war und ist, über
das Leben außerhalb zu schreiben. Mit großem Erfolg.
Als Manuskript gewann "Marsmädchen" 2002 den Oldenburger
Kinder- und Jugendbuchpreis. Zu dem Zeitpunkt hatte sie ihren Autorenvertrag
dafür schon in der Tasche, beim Friedrich Oetinger Verlag.
Im Herbst 2003 endlich erschienen hagelte es kurz hintereinander
weitere Auszeichnungen: die Eule des Monats des "Bulletin Jugend
& Literatur" und den Luchs der "ZEIT", dazu ein
Platz auf der Liste der Besten 7 von Deutschlandfunk und Focus.
Auf der Buchmesse saß sie auf der Bühne des bis auf den
letzten Platz gefüllten Lesezeltes, umrahmt von Jostein Gaarder
und Andreas Schendel. Der eine gelassen fröhlich ob seiner
nicht perfekten Deutschkenntnisse aber umso größeren
Popularität, der andere derart nervös, dass er seine eh
schon großen Hände zwischen den schraubstockartig zusammengepressten
Knien mindestens auf doppelten Umfang quetschte. Dazwischen saß
entspannt Tamara Bach und wartete auf ihren Einsatz. Dann las sie.
Las entspannt und konzentriert eine Passage, in der es zwischen
Miriam und Laura, dem Mädchen mit den marsgrünen Augen,
knistert, aber noch nicht knallt.
Ich lese unglaublich gerne vor, das macht
mir wirklich Spaß. Meine erste Lesung ist nun genau 10 Jahre
her, beim Treffen junger Autoren. Die war ein Desaster. Ich habe
mit 13 angefangen, Texte an das Treffen junger Autoren, dieses Jugendprojekt
der Berliner Festspiele, zu schicken. Wenn man dann eingeladen wird
wie ich mit 17, kann man fünf Tage in Berlin mit der Jury,
in der zum Beispiel Autoren sitzen, an Workshops teilnehmen und
andere Jugendliche kennen lernen, die schreiben. Mir hat es damals
sehr geholfen. War eine tolle Sache. Seitdem habe ich das Lesen
geübt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir Spaß
macht auch laut vorzulesen. Und die Reaktion des Publikums mitzukriegen.
Also lachen die jetzt an der Stelle oder nicht und das ändert
sich natürlich auch von Publikum zu Publikum.
Das viele Lob über das Debüt ist ein bisschen unheimlich
und es steigert die Erwartung auf das zweite Buch enorm. An dem
sitzt sie schon, überarbeitet, feilt, spielt wieder ein bisschen
Gott und haucht ihren Figuren Leben ein. Es ist wieder ein Jugendbuch,
wieder mit einem Mädchen als Protagonistin. Aber das ist noch
lange nicht alles, was die Zukunft bringen soll. Dann wird der Ton
in der Stimme wieder energischer, als könne sie es gar nicht
erwarten, weiterzumachen.
Ich möchte mich überall austoben.
Momentan ist es eben das Jugendbuch. Ich will aber auch noch Kinderbücher
schreiben, vielleicht traue ich mich auch irgendwann an die Erwachsenenliteratur.
Und ich will Lieder schreiben, ich will Theaterstücke schreiben,
ich will einfach nur schreiben.
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