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Ab Seite 100 tun alle was sie wollen
Cornelia Funke im Gespräch mit Claus Philipp
Mögen die Erfolge und Verkaufszahlen einzelner,
von Verlagskonzernen mächtig gepushter Kinder- und Jugendromane
auch die gegenwärtige Alltagskultur prägen wie kaum jemals
zuvor, die deutschsprachigen Medien stehen den damit einhergehenden
Phänomenen weiterhin stoisch bis hilflos gegenüber. Anders
ist etwa die Rezeption einer der erfolgreichsten Autorinnen dieser
Tage kaum erklärbar. Cornelia Funke, die zuerst mit Serien
wie "Die Wilden Hühner" auf sich aufmerksam machte:
Sie wird spätestens seit den Romanen "Drachenreiter"
und vor allem "Herr der Diebe" verstärkt als Urheberin
zukünftiger großer Kinostoffe im Gefolge von "Harry
Potter" oder "Der Herr der Ringe" gehandelt. Dafür
wird sie jetzt in Kurzporträts und Rezensionen meist als "deutsche
J. K. Rowling" beschrieben erst recht, seit die Schriftstellerin
zuletzt verkündete, dass ihr neuester voluminöser Bestseller
"Tintenherz" nur den Auftakt zu einer Trilogie darstelle
Claus Philipp: Es
sieht ganz so aus, als würden in den nächsten Jahren gleich
mehrere Ihrer Bücher, darunter zuerst "Herr der Diebe",
verfilmt. Wie empfinden Sie diese mittlerweile wahnwitzige Beschleunigung
des Marktes? In vielen Fällen können sich viele Leser
ein Buch gar nicht mehr richtig aneignen, viel zu schnell wird es
ihnen von einer kollektiven Leinwandphantasie wieder weggenommen.
Cornelia Funke: Mittlerweile sieht das angeblich
auch J.K. Rowling so: Sie hat die Rechte an "Harry Potter"
zu früh verkauft. Natürlich kann man die Autoren, inklusive
meiner Person, nicht davon freisprechen, dass sie sich zu schnell
verführen lassen von der Leinwand. Ich bin halt ein furchtbarer
Filmfreak
der schon im Vorspann von "Herr
der Diebe" mit einer Widmung für Bob Hoskins quasi Besetzungsvorschläge
macht
Genau. Das verschmilzt bei mir alles. Und gerade
in diesem Fall ist es ja Gott sei Dank noch so, dass der Film dem
Buch einiges an Luft gelassen hat. Bei "Tintenherz" ist
das Problem schon drastischer. Das Buch war noch nicht einmal veröffentlicht,
da standen die Produzenten schon Schlange, darunter etwa Mark Odetzky,
der "Herr der Ringe" gemacht hat. Also kriegt man da ein
Angebot von jemandem, dessen Arbeit man wirklich bewundert, und
man weiß genau, der fragt in zwei Jahren nicht noch einmal
an
Ist das wirklich so?
Das ist die Frage. Die Amerikaner zumindest
sagten mir alle: Die großen Projekte sind irgendwann einmal
vergeben, dann sind alle in der Entwicklung, und dann ist es vorbei.
J.R.R. Tolkien hat ja übrigens die Rechte auch sehr früh
verkauft, und heute ist es so: Newline hat selbst die Sequelrechte
für den "Herrn der Ringe". Die könnten jederzeit
einen weiteren Aragorn-Film machen und sich dafür auch selber
die Handlung ausdenken. Auch Philip Pullman hat Sequel-Rechte zu
seiner Trilogie "His Dark Materials" verkauft. Diesbezüglich
habe ich mich zumindest gesträubt. Ich sagte: Ihr dürft
das verfilmen, was ich schreibe, aber nichts darüber hinaus.
Die Anwälte sagten mir zuerst: Dafür gibt es leider keinen
Präzedenzfall. Alles oder nichts!
Das heißt: Die Studios eignen sich Figuren
an, als würden Sie Matchbox-Autos kaufen.
Ich fand das so erschreckend, dass ich die Verhandlungen
abbrechen wollte. Und dann hat Newline überraschenderweise
eingelenkt.
Und das heißt jetzt: Möglicherweise
müssen Sie, ähnlich wie Rowling, bei den weiteren "Tintenherz"-Büchern
schon gegen eine Kinoversion anschreiben.
Klar, und dann fragt man sich schon: Warum widersteht
man der Verführung nicht? Aber mir wurde halt auch gesagt:
Ich krieg jeden Schauspieler, den ich will. Ich krieg den Regisseur,
den ich will. Ich krieg die besten Drehbuchautoren. Da hat man halt
schon große Lust, daran zu arbeiten, das auch zu sehen.
Jetzt versucht sich andererseits gerade "Tintenherz"
daran, das Lesen zu propagieren: Eine Verführung durch Wortwelten
gegen das Kino. Und in vielen Zitaten aus der Jugendweltliteratur,
die jeweils wie Erinnerungen die einzelnen Kapitel einleiten, bieten
Sie ja förmlich Alternativen zum Harry-Potter-Einheitsbrei
an.
Wobei ich im zweiten Band sicher auch Potter
zitieren werde. Weil ich auch finde: Das Buch kann im Grunde nichts
dafür, dass das mit ihm passiert ist. Es steht auch in der
von mir so geliebten Tradition des großen angelsächsischen
Erzählens, und Rowling hält ein erstaunliches Niveau.
Ich find's dann auch problematisch, wenn ihr die ganzen Verfehlungen
dieser Marketingmaschinerie angelastet werden. Da hat sie keine
Schuld dran.
Wieso? Sie hat verkauft, offenbar für
gutes Geld.
Aber sie sagt selbst immer, dass sie einen zu
hohen Preis dafür bezahlt hat, dass die Bücher so berühmt
geworden sind.
Haben Sie schon einmal mit ihr darüber
geredet?
Nein, aber ich habe in England denselben Verleger
und in den USA bei Lesungen dieselbe Agentin wie sie, und da höre
ich halt einiges, und interessanterweise scheinen wir in vielen
Dingen ähnliche Ansichten zu haben. Und mittlerweile muss ich
sie immer öfter "beschützen", wenn ich Interviewanfragen
kriege, wo ich ihr ans Zeug flicken soll: Frau Funke, die Rowling
ist doch nur eine Geldmaschine
Das ist absurd: Sie hat nicht
für Geld geschrieben, als sie angefangen hat. Und sie schreibt
heute auch nicht für Geld, weil sie's nicht mehr muss. Sie
ist eine Geschichtenerzählerin und insofern auch ein wenig
Opfer dessen, was da gelaufen ist, eben, weil sie der Versuchung
nicht widerstehen konnte. Was ich verstehen kann, weil ich ihren
britischen Producer kenne und dem hätte ich auch so manches
verkauft. Das ist einfach ein inspirierter, sehr begeisterter Mann.
Aber durchsetzen konnte er sich auch nicht
gegen die brave Glattheit eines Chris Columbus.
Das mag schon sein. Jetzt beim dritten Film,
den Alfredo Cuaron inszeniert, da war ich auf dem Set und habe erste
Bilder gesehen: Das wird viel schräger, dunkler
Es ist
halt sehr schwer, einen wirklich guten Regisseur für so ein
Franchise-Unternehmen zu kriegen. Die großen Meister wollen
meist nicht in eine Serie eingebunden werden. Auch Cuaron ist für
mehr als einen Potter nicht zu haben. Also macht demnächst
Mike Newell Teil 4: Ein ganz guter Regisseur, aber wo ist bei ihm
ein Gefühl für das Düstere?
Die gönnerhafte
Ignoranz der Medien
Bleiben wir kurz noch beim "Geschäftlichen" im derzeit
boomenden Jugendbuch-Markt. Es heißt, Sie hätten große
Anstrengungen unternommen, angesichts hoher Verkaufzahlen auch in
die Spiegel-Bestsellerliste zu kommen.
Das Problem ist derzeit: Gegenüber so genannten
"Jugendbüchern" ergehen sich die Medien meist in
einer gönnerhaften Ignoranz, die erst dann innehält, wenn
man über Erfolg und Verkaufszahlen berichtet. Ich bin jetzt
langsam so weit, dass man mich zur "deutschen Rowling"
hochstilisiert, werde in so eine Glamour-Ecke geschoben. Und plötzlich
heißt es dann, wie im Fall Potter: Das ist ja möglicherweise
gar kein Kinderbuch mehr. Das ist ein Erwachsenenbuch. Und als solches,
aber nur als solches darf es in die Bestsellerliste. Das finde ich
empörend. So der alte Trick: Das hat jetzt Erfolg, das ist
also eigentlich "erwachsen". Und dann krieg ich Sprüche
zu hören wie: "Das ist ja verschenkt für Kinder,
dass da Literaturzitate drin stehen, für die man vielleicht
sogar noch Rechte bezahlen musse."
Es herrscht halt eine ziemliche Uniformiertheit und Dummheit, was
Bücher und erst recht, was Kinder betrifft. Dabei kriege ich
die allerbesten Fanbriefe zu "Tintenherz" von Kindern.
Otfried Preussler sagt das auch immer.
Absolut. Da spürt man einfach ehrliche,
direkte Reaktion. Lesen Sie einmal vor 400 Kindern. Die Fragen danach:
Ein Vergnügen. Und dann kommt so ein Erwachsener und man merkt,
der hat sich jetzt drei Stunden auf seine Frage vorbereitet, damit
er sich nicht blamiert. Immer dieses Image, dass man mit sich und
vor sich herumträgt. Die Kinder haben das Problem nicht, die
fragen einen auch, wie der Hund heißt, den man hat. Und erzählen,
was sie berührt und wo sie geweint haben. Insofern fand ich
es schon arg, dass einerseits die Erwachsenen versuchen, so ein
Buch für sich zu vereinnahmen, dass gleichzeitig aber die Spiegel-Bestsellerliste
für ein Kinderbuch nicht offen ist. Mir kann das egal sein,
aber für meinen Verlag hat's Konsequenzen. Also sagte der Verlag:
Aber Rowling steht ja auch drauf auf der Liste? Ne, die wird von
Erwachsenen auch gelesen. Und was ist mit "Artemis Fowl"?
Wird auch von Erwachsenen gelesen
Naja. Zumindest hat der Spiegel "Tintenherz" gut besprochen.
Focus hat`s dann aus Trotz und Konkurrenz erst recht auf die Erwachsenenliste
drauf gesetzt. So sind wohl die "Spielregeln" hier.
Warum werden die Hörbuchversionen von
"Tintenherz" oder "Herr der Diebe" nicht von
einer Frau gelesen. Ist es nicht eigentlich sehr wichtig, dass diese
Bücher aus einer weiblichen Perspektive geschrieben wurden?
Das dachte ich zuerst auch. Aber Rainer Strecker
liest schon sehr gut. In der amerikanischen Version liest Lynn Redgrave,
und als ich das hörte, war ich zuerst sehr berührt, weil
sie in einem meiner absoluten Lieblingsfilme, "Gods and Monsters"
mitspielt. Aber sie macht zum Beispiel beim Lesen den Vater der
Heldin Meggie, Mo, und ihren brüderlichen Freund Staubfinger
älter, das gefiel mir nicht so gut. Und was Rainer Strecker
mir durch sein Lesen verdeutlichte: Zwar wird das Buch aus Meggies
Perspektive erzählt, es sind aber sehr viele Männer-Figuren
und -Stimmen da. Von daher bin ich mit der deutschen Version sehr
zufrieden.
"Tintenherz" erzählt, ähnlich
wie Philip Pullmans "His Dark Materials", von einem Sich-Verlieren
in einer anderen Welt, in diesem Fall: in einem Buch, was spätestens
seit Michael Endes "Unendlicher Geschichte" ein fixes
Motiv der Fantasy zu sein scheint
nicht unbedingt neu, aber wie erklären Sie sich diese
neue Vehemenz, mit der man heute den Weg nach "Fantasien"
einschlagen muss, fast autistisch
Ein interessanter Gedanke. Ich habe da noch
nie darüber nachgedacht. Bei "Peter Pan" fliegen
die Kinder einfach los, und dann sind sie ganz selbstverständlich
in Nimmerland. Bei Pullman braucht man dazu schon ein Messer
und bei Ihnen kostet es auch schon
ziemliche Opfer
Im zweiten Teil wird das Hin- und Herswitchen
leichter sein, aber Sie haben schon Recht: Vielleicht hängt
es damit zusammen, dass die Leute sich das selbst immer weniger
erlauben und jeder "Eskapismus" sofort verdächtig
wird.
Andererseits: Diese Phantasie scheint jetzt
von digitalen Bildern auch zu einem völlig anderen materiellen
Aufwand hochgestachelt. Wenn man zum Beispiel Pullman liest, hat
man doch permanent das Gefühl, der Autor arbeite sich einer
Art zweitem "Star Wars" mit eigenen Ewoks und Chewbaccas
entgegen.
Ich denke schon, dass er zuerst einmal sehr
fasziniert ist von dem, was ihm da einfällt und vorschwebt.
Ich hab' ihn kürzlich kennen gelernt, und fand ihn ziemlich
faszinierend. Er hat da bei einem Lesefestival in England in einem
Podiumsgespräch äußerst eloquent über C. S.
Lewis' "Narnia"-Bücher gelästert
die Sie in Tintenherz ja auch zitieren
Ich habe das geliebt, habe zwar heute auch so
meine Schwierigkeiten damit, aber ich wollte meine Liebe nicht verraten.
Jedenfalls: Pullman sagte, diese Verachtung der physischen Welt
würde ihn furchtbar aufregen. Wir wären physische Wesen,
und dazu müssten wir uns bekennen. Er sagte, er hasst es, wie
unsere Kinder heute kontrolliert werden. Dass die auch einmal Mist
bauen können müssen, draußen sein und gefährdet
sein müssen. Dass man ihnen die Welt und die Wirklichkeit und
auch ein Schmerzempfinden zurückgeben muss, die sie da verlieren.
Literatur als Impfung gegen das Unglück
Was für eine Rolle spielt für Sie
selbst Schmerz beim Schreiben eines Buches, das doch über
sehr wesentliche Strecken von Verlust und Exil handelt? Da ist zum
Beispiel diese Frau, Meggies Mutter, die in einem Buch namens "Tintenherz"
verschollen ist, und von der nicht ganz klar ist, ob sie dort nicht
glücklicher war als an der Seite ihres Mannes.
Ja, darüber musste ich mir beim Schreiben
des zweiten Bandes auch erst klar werden, WAS die da für ein
Leben hatte. Es ist schon seltsam: Je weiter man in so genannte
"große" Geschichten rutscht, desto mehr holen einen
Fragen wie die nach "Verlust" ein. Und nur das scheint
ja auch als treibendes Element zu funktionieren. Selbst bei Dickens
wird es immer gräulich kitschig, wenn die Charaktere glücklich
sind. Selbst bei "Peter Pan" funktioniert es nicht wirklich,
wenn sie glücklich sind. Wer weiß, vielleicht üben
wir beim Schreiben und Lesen gerne für Gefahrenmomente.
Alexander Kluge würde sagen: Wir impfen
uns
Ja, Literatur als Impfung gegen das Unglück:
Ein sehr guter Gedanke. Tolkien sagte immer: Es geht alles nur um
den Tod.
Er zehrte dabei von Kriegserfahrungen.
Ich wiederum könnte jetzt kaum auf eigene
Erlebnisse verweisen. So viel Dramatisches habe ich noch gar nicht
erlebt. Aber man scheint trotzdem an Dinge heranzukommen, die Menschen
bewegen oder beunruhigen. Man muss ja nur Kinder haben, und ahnt
schon wie sich das anfühlen würde: Verlust. Man hat ja
vor nichts anderem so viel Angst. Und ein Gefühl habe ich schon,
das ich auch einfließen habe lassen in dieses Buch und da
vor allem in die Figur des Staubfinger: Seit ich ein Kind bin, denke
ich, dass ich eigentlich am falschen Ort bin. Dass ich nicht weiß,
wie ich dahin gekommen bin, wo ich bin. Dass das alles eigentlich
nicht passt. Dass die Wirklichkeit unwirklich ist. So, als hätte
man mich aus einer völlig anderen Geschichte herausgeholt.
Sie sind im falschen Film?
Ja, irgendwie schon. Die meiste Zeit empfinde
ich Realität als sehr bizarr. Auch jetzt, in dem Hotelfoyer,
wo wir gerade reden. Und dieses Gefühl geht nicht weg. Staubfinger,
der Märchen- und Romanheld wird im zweiten Teil in seine Welt
zurückkehren: Ist das Gefühl dann weg? Und wenn es weg
ist: Was ist dann? Wenn man da ist, wo man denkt, da passt man
Wobei das ja auch schon in Ihrem ersten großen
Roman "Drachenreiter" ein wichtiges Motiv ist: Der zwergenhafte
Homunkulus etwa, der da die Helden begleitet, auch er leidet an
seiner Fremdheit in der Wirklichkeit.
Ja, der ist auch fremd und wie Staubfinger ist
er eigentlich ein künstliches Geschöpf. Was hat der für
ein Gefühl mit sich selber.
Ich habe keine Ahnung,
wie es enden wird
Der Dichter Fenoglio, der in Ihrem Buch Staubfinger und das Universum
von Tintenherz erfunden hat und der sehr unvermutet mit seinen Geschöpfen
konfrontiert wird hatte der ein Vorbild?
Den Namen hat er von dem ligurischen Dichter
Pepe Fenoglio, den ich sehr bewundere und der leider sehr jung gestorben
ist. Als Figur entwickelte er ein sehr großes Eigenleben.
Er wurde von Anfang an anders, als ich gedacht hatte. Er benimmt
sich anders. Und er ist auch ganz anders als ich. Jemand hat mich
gefragt, ob ich irgendwann das richtige "Tintenherz" schreiben
würde. Da sagte mein britischer Verleger: "Das geht nicht.
Sie schreibt nicht wie Fenoglio." Das stimmt. Ich sehe ihn
so: Fenoglio liebt alles, was er tut, vollkommen skrupellos.
Ein wenig wie Meister Gepetto in "Pinocchio"?
Das käme ganz gut hin.
Noch auf den besten und zugleich schlimmsten
von ihm geschaffenen Bösewicht blickt er voll Stolz.
Ja, und insofern war's jetzt bei Band zwei besonders
reizvoll, wie wiederum er sich in der von ihm geschaffenen Welt
bewegt, über die er keine Kontrolle mehr hat. Er wäre
gerne der König in dieser Welt. Aber er hat für sie eine
feudalistisch organisierte Gesellschaft ersonnen, und in der wiederum
ist er als Dichter keine besonders bedeutende Figur. Er lebt da
quasi als Hofpoet von fürstlichen Gnaden, ist aber gleichzeitig
der "Gott" dieser Welt. Er hat sich eine Geschichte erdacht,
die wie ein Moloch wächst, über ihn hinweg: Eine aufregende
Konstellation auch für mich. Ich hatte selbst das Gefühl,
dass mich dieses Buch "frisst". Ich habe keinerlei Kontrolle
darüber, wo das hingeht, wie das endet.
Wie bei einem Fortsetzungsroman im alten feuilletonistischen
Sinne und gleichzeitig wird das Ganze schon als Trilogie
angekündigt und vermarktet. Wussten Sie von Beginn an, dass
es eine wird?
Nein. Ich hab' nicht einmal jetzt eine Ahnung,
wie es enden wird. Und ich liebe das. Ich wollte anfangs auch keine
Trilogie schreiben. Aber dann habe ich das Buch gerade zum dritten
Mal redigiert das tu ich immer fünf Mal und plötzlich
wollte ich selber wissen: Wie geht denn das jetzt weiter? Und während
ich am zweiten Band arbeitete, ist mir irgendwann einmal in England,
im Taxi, das Ende eingefallen. Und ich wollte dieses dramatische
Ende nicht. Aber es ließ sich nicht vertreiben. Und die 100
Seiten, die sich dann also entspannen, legten jetzt die Notwendigkeit
eines dritten Teils. Was da kommt: Ich weiß es nicht. Ich
sammle gerade Ideen. Damit ich mir, wenn ich jetzt Teil 2 fertigstelle,
nicht Brücken verbaue. Ich habe im ersten Band nämlich
dumme Fehler gemacht, wie etwa, dass Staubfinger sagt, in seiner
Welt seien die Feen alle blau. Jetzt kann ich das nicht mehr ändern.
Eine gefährliche Sache!
Sie schreiben schnell?
Ich schreibe schnell, wenn ich endlich mit dem
Schreiben anfange. Zuerst wird ausgiebig recherchiert. Da lese ich
zum Beispiel ein halbes Jahr lang über Buchwahnsinnige, Buchdiebe,
Sammler. Es gibt da zum Beispiel diese Amerikanerin, Ruth Baldwin:
Die sammelte gebrauchte Kinderbücher. Und kein Kind durfte
in deren Nähe kommen. Ich fülle meine Schatzkiste mit
solchen Episoden und entwickle dann einen Plot von etwa 20 Kapiteln.
Und etwa ab Seite 100 tun, wenn ich einmal mit dem Schreiben begonnen
habe, alle, was sie wollen. Dazu muss ich ihnen anfangs auf die
Beine helfen, aber dann
Sie korrigieren also auch nicht mehr von hinten
nach vorn?
Doch, manchmal muss man eben für spätere
Episoden vorn etwas umbauen.
Sie schreiben am Computer?
Ja, auf so einem tragbaren Notebook. Der heißt
Mad Max und den habe ich immer dabei. Den liebe ich. Früher,
mit der Schreibmaschine, habe ich mir höchsten drei, vier Überarbeitungen
geleistet, weil ich nicht immer wieder alles neu tippen wollte.
Jetzt gehe ich wieder und wieder drüber. Beim "Herrn der
Diebe" hatte ich irgendwann einmal 14 Fassungen.
Die Figuren aus "Tintenherz" tragen
Namen, die Übertragungen ins Englische und damit in den internationalen
Markt sehr erleichtern: Meggie, Mo, Staubfinger ("Dustfinger"),
Capricorn. Sie kommen eher aus dem Englischen als aus dem Deutschen
Richtig. Ich habe mit meinem Vaterland so meine
Probleme. Ich fühle mich nicht sonderlich in der deutschen
Kultur verwurzelt, bin vollkommen süchtig nach der angelsächsischen
Erzähltradition. Sogar die Märchen kenne ich etwa in Irland
besser als in Deutschland.
Die Feen in "Tintenherz" sind ja
auch sehr eindeutig keine deutschen Feen.
Ich denke manchmal sogar, ich müsste mich
da wieder einmal ranpirschen. Aber wie sagte ein norwegischer Dichter
einmal so treffend: Man habe die Diebe gefangen, aber das Diebesgut
sei verloren. Das heißt: Unsere ganze Mythologie ist so behaftet
mit rechten Ideologien, dem Faschismus, dass man im Grunde damit
nichts mehr zu tun haben will. Und ich habe da auch wirklich einen
blinden Fleck.
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