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Friedl Hofbauer wurde am 19. Jänner
1924 in Wien geboren, wo sie nach wie vor als freie Schriftstellerin
und Übersetzerin lebt. Seit Anfang der 60er Jahre schreibt
sie Erzählungen, Hörspiele, Romane und Lyrik für
Kinder und Erwachsene. Hofbauer erhielt neben zahlreichen anderen
Preisen für ihr Gesamtwerk den österreichischen Würdigungspreis
für Kinder- und Jugendliteratur. Zu einer Ausstellung anlässlich
des 75. Geburtstages in der Österr. Nationalbibliothek wurden
unter dem Titel "Was ein Wort wiegt" Beiträge von
Lene Mayer-Skumanz und Hubert Hladej zu einer Broschüre zusammengefasst.
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Kleine Werkauswahl: Die Wippschaukel
(1966). Der Brummkreisel (1969, ÖP). Die Traumschule (1972).
Im Lande Schnipitzel (1973). Die Kirschkernkette (1974). Links vom
Mond steht ein kleiner Stern (1977). Der Waschtrommel-Trommler (1980).
Ein Garten für Stutzimutzi (1980, ÖP). Federball (1981).
Der Engel hinter dem Immergrün (1981/2000). Minitheater (1983,
ÖP). Die große Wippschaukel (1985). Die Insel der weißen
Magier. Ein Merlin-Roman (1987). Examen im Splittergraben. Ein Tagebuch
der letzten Kriegswochen in Erinnerungen, Dokumenten und Interviews
(1988, zus. mit Herbert Risz). Katzenbettgemisch (1993, zus. mit
Anna Melach). Von Pferden, Mäusen und anderen Tieren (1995).
Zahnweh,Tod und Teufel Sagen und Geschichte(n) rund um den Stephansdom
(1998). Weißt du, dass alles sprechen kann? Wippschaukelgedichte
(1999). Der neue Wünschelbaum (1999). Die Glückskatze
(2001).
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Feststehen
in der Flugschaukel des Reims
Laudatio zur Vergabe des Staatspreises für Kinderlyrik 1999 an Friedl Hofbauer
Von Norbert Griesmayer
Verehrte Frau Professor Hofbauer,sehr geehrte Festgäste!
Friedl Hofbauer, die seit den Sechzigerjahren mit zahlreichen Preisen
vielfach Ausgezeichnete, heute für ihr Lebenswerk mit dem Staatspreis
für Kinderlyrik zu ehren, mag manchen von Ihnen als etwas längst
fällig Gewesenes erscheinen und Sie haben Recht; manchen wiederum
wie eine Wiederholung anmuten und auch Ihnen kann ich zustimmen.
Freilich hat das Wort "Wiederholung" nur im Kontext des heute
allgegenwärtigen Innovationsjargons einen abschätzigen Klang.
Hofbauers Dichterkollege Peter Handke etwa wollte bereits in den Achtzigerjahren
dem Wort seine positive Bedeutung zurückgeben (Die Wiederholung,
Frankfurt 1996). Er hat darauf aufmerksam gemacht, dass wir in
der Flut von Eindrücken, die auf uns heute pausenlos einstürzen,
nur durch ein "Sich-Wieder-Holen" Erlebnisfähigkeit
gewinnen können. Erst ein solches Wieder-Holen mache zu neuen Anfängen
fähig.
Daran musste ich bei der Lektüre vieler Gedichte Friedl Hofbauers
denken. Die bei Handke und anderen leicht zur Pose geratende Wiederholung
(und Verlangsamung) erscheint bei Friedl Hofbauer als ganz umstandsloser
Grundgestus des poetischen Sprechens.
Und noch an eine weitere Wirkung von Wiederholungen musste ich denken:
an den Genuss bei Tätigkeiten, die aus der Wiederholung leicht variierender
Elemente bestehen, wie etwa beim Kuscheln, Streicheln, Kichern, Kitzeln,
Trappeln, Purzeln ... bis hin zum Rappen.
Und natürlich auch ans Wippen und Schaukeln. Womit ich beim Titel
des wohl bekanntesten Gedichtbands unserer Preisträgerin gelandet
bin ("Die Wippschaukel", 1966 u.ö. zuletzt 1999).
Das hier angesprochene Schaukel-Bild lässt sich auch in Hofbauers
Gedichtband "Traumfibel" ( 1969) finden, der ausschließlich
"Erwachsenenlyrik" [horribile dictu!!] enthält.
Im Titelgedicht "Traumfibel", das Ingeborg Bachmann gewidmet
ist, lesen wir:
übe mich, festzustehen in der Flugschaukel
des Reims
Was hier programmatisch behauptet wird, hat Friedl Hofbauer in ihren Gedichten
für Kinder genial verwirklicht: Gedichte als Wippschaukel, als Angebote,
Selbstgefühl in lustvoll erlebten Wiederholungen von Wörtern
und Wendungen zu gewinnen und dabei zugleich auf die eigenen (fünf?)
Sinne aufmerksam zu werden. Körpererfahrungen werden in diesen Gedichten
als "bedeutend" erlebbar: Körpererfahrungen, die bereits
beim Artikulieren selbst beginnen: beim Lippen-, Zungen-, Mundhöhlengefühl.
Das sind Gefühle, die ein anderer Dichterkollege, Ernst Jandl, in
seiner Frankfurter Vorlesung (1985) als für das Poetische fundamental
herausgestellt hat: Alles Poetische lässt sich zurückführen
auf "Das Öffnen und Schließen des Mundes" (= Titel
der Vorlesung).
Sprache ohne Sprechen, d. h. ohne dass sie von Menschen mitgeteilt wird,
ist defizitär. Sprache geschieht mit und in unserem Körper,
lange bevor sie als "Trägerin einer eigenständigen Welt
von Vorstellungen und Begriffen" erscheint. Wer Hofbauers Wippschaukelgedichte
genossen hat, dem sind diese Einsichten nie fremd gewesen.
Hofbauers Gedichte sind aber noch mehr: Sie sind das Medium, in dem das
lächerlich banal Alltägliche, das schmerzlich Beschränkende
und zu Bekämpfende, das (bei Hofbauer oft Wienerisch lokal gefärbte
und manchem heute bereits etwas verstaubt anmutende) Reale einerseits
und das Traumhafte, das Imaginäre anderseits eine verblüffende,
weil ganz selbstverständliche Einheit bilden. Im bereits zitierten
Traumfibel-Gedicht folgt z. B. der unstillbaren
Gefräßigkeit der Papierkörbe wirklicher Dichter,
der Glaube an die Auferstehung der Literatur.
Dieser hohe Ton programmatischer Aussage ist bei Frau Hofbauer ganz selten.
Durchgehend jedoch findet sich eine irritierende, widerborstige Haltung,
in der die Fantasie Bedingung ist für eine hoffnungsfrohe Lebendigkeit,
die an die Verbesserungsmöglichkeit des Realen glaubt.
Ihrem ersten, dem verehrten Ferdinand Raimund gewidmeten Roman wollte
sie den Titel geben: "Ich steck die Sonne auf den Hut und würfle
mit den Sternen". Der Verlag ersetzte ihn leider durch den weinerlich-resignativen:
"Am End' ist's doch nur Fantasie" (Wien 1960).
In ihren Kindergedichten jedoch gelang Friedl Hofbauer, das Provokative
im nur scheinbar Naiven zu bewahren: "Weißt du, dass alles
sprechen kann?" Das ist keine kindgemäße Übersetzung
von Eichendorffs berühmtem Wünschelrutengedicht: "Schläft
ein Lied in allen Dingen ...".
Dem sich bereits biedermeierlich bescheidendem Geraune bei Eichendorff
setzt Hofbauer die selbstverständliche Gewissheit von einer Realität
entgegen, in der alles sprechen kann, d. h. in seiner Eigenwertigkeit
geachtet werden soll, und stärkt damit den Widerstand gegen einen
Realitätssinn, der nur Sachzwänge kennt und für "unsachliche"
emotionale Bedürfnisse bloß eine inszenierte "Spiel- und
Funworld" bereithält.
Bei Friedl Hofbauer gehören nämlich das zu bestehende Reale
und das Fantastisch-Träumerische immer zusammen. Sie sind miteinander
in unsentimentaler Zärtlichkeit verbunden. Diese Zärtlichkeit
ist das eigentlich Subversive in einer auf Ordnung und Erledigung fixierten
(männlichen) Welt. Sie ermöglicht erst die Entwicklung von Eigensinn.
Hofbauers Spiele mit Worten haben daher auch nichts mit der postmodernen
Spielerei mit "Virtualitäten" zu tun. Sie stärken
vielmehr eine Identität, der auch noch so viele Spiegelungen im medialen
Angebot etwas anhaben können.
In einem meiner Lieblingsgedichte, einem Gedicht, das in mehrfacher "Spiegelschrift"
abgedruckt wurde (Das Sprachbastelbuch; 1975 u.ö.) heißt es:
Wenn ein Igel
stachelgespickt,
in den Spiegel
blickt
spiegelt der Spiegel
einen Igel.
Wenn der Spiegel
aber
in sieben Stücke zerbricht
bricht dann der Spiegeligel
auch in sieben Stücke
oder
spiegelt der Igelspiegel
sieben Igel?
Ist das zu lesen als Hofbauers Antwort auf die Klage über die
von den Medien mit verursachte Zersplitterung unserer Welt (-bilder) und
die sich daraus ergebende postmoderne Patchwork-Identität?
Oder als ein Gedicht, dessen gewitzte Thematisierung von Identität
und deren Bezugsrahmen etwa in Elfriede Gerstls Gedicht: "Was mir
zu "Rahmen" einfällt" weitergeführt wird,
von einer Dichterkollegin übrigens, die nächstes Wochenende
den Erich-Fried-Preis für Dichtung erhält und die mit unserer
heutigen Preisträgerin die knappe Form und die (weibliche) Subversivität
teilt?
Oder ist Hofbauers Spiegelschrift-Gedicht ohne interpretatorische
Anstrengungen einfach zu hören, d. h. vor allem akustisch
zu genießen, als verschmitztes, abklärendes Echo auf das aufgeregte
und penetrante "I", das uns allen durch die Intermedialität
interaktiver, interkulturell inszenierter Infotainments in den Ohren klingt.
Friedl Hofbauers Lyrik braucht so meine These nur selten
eine Deutung; im Gegenteil: Sie lässt die Interpreten meistens sehr
dumm aussehen.
Die Leistung ihrer Gedichte liegt vielmehr darin, uns eine Welt des Miteinander
sinnlich erfahren zu lassen, die und das ist das Entscheidende
die herrschende Welt der bloß inszenierten bunten Gemeinsamkeit
und der realen Über- und Unterordnungen, der Dichotomien und Polarisierungen
in Frage stellt: a u c h die Gegenüberstellung, auf der die Konzeption
des heutigen Kinderlyrikpreises beruht, sollte damit nämlich
die Preisträgerin zugleich auch wieder aus der eigentlichen, d. h.
wohl dann der "Erwachsenenlyrik" [siehe oben !!] ausgeschlossen
werden.
Dem sei hier zuletzt scharf widersprochen.
Friedl Hofbauers Lebenswerk, besonders ihre Gedichte für Menschen-Kinder,
gebührt ein Ehrenplatz im bunten Garten der Poesie: Ein Platz, an
dem Gedichte gebraucht werden wollen: gestampft, gesungen, getrommelt,
mit sich bewegenden Fingern und Zehen und: miteinander!
Ihre Gedichte sind nie "nur" Gedichte, sie sind immer und primär
Mit-Teilungen und das heißt bei ihr nicht Belehrung, sondern:
das Schaffen und Teilen von Gemeinsamkeiten.
Sie stellen Modelle bereit für einen unaffektierten Austausch zwischen
den Generationen und Kulturen.
Dafür möchte ich hoffentlich in Ihrer aller Namen
Friedl Hofbauer herzlich danken.
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Dr. Norbert Griesmayer ist Univ. Lektor
für Neuere deutsche Literatur und Fachdidaktik Deutsch an den
Universitäten Wien und Klagenfurt. Die Laudatio hat er anlässlich
der Preisverleihung am 21. November 1999 gehalten.
Der Beitrag ist in 1000 und 1 Buch 1|2000 abgedruckt.
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Weißt du, dass alles sprechen kann?
Wippschaukelgedichte
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Der neue Wünschelbaum
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nach oben 
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Der Beitrag ist in 1000 und 1 Buch | Sonderheft
Oktober 1999 abgedruckt.
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hoch und tief immer wieder
Eine persönliche Aus- und Nachlese einiger Gedichte von Friedl Hofbauer
Von Franz Lettner
Kürzlich saß ich mit Freunden nach einem
Spaziergang in der Nachmittagssonne in einem Ausflugsgasthof. Wie es sich
an solchen Orten gehört war da auch ein Kinderspielplatz mit Klettergerüsten
zum Kraxeln und einem Sandkasten und mehreren Schaukeln. Erwachsene wissen:
Wenn sie Kinder haben, müssen sie auf den Spielplatz und beim Schaukeln
Unterstützung leisten ("nachtauchen" hat das früher
geheißen). Wenn sie nette Kinder haben, dürfen sie zwischendurch
auch selbst mal aufs Schaukelbrett. Wenn sie keine Kinder haben, werfen
sie sehnsüchtige Blicke auf den Spielplatz, vor allem in Richtung
Schaukel. Aber nur wenn sie ganz kindisch oder sehr ausgelassen sind,
gehen Erwachsene ohne Kinder schaukeln. Nein, ich bin nicht gegangen.
Aber nach der Lektüre von Friedl Hofbauers "Wippschaukel"
aus dem gleichnamigen Buch muss ich an diesen Sehnsuchtsmoment (und meine
Scheu) denken. Kindheitserinnerungen kommen leise geschlichen und schon
geht es los:
Hoch tief
auf und nieder
hoch tief
immer wieder
hoch tief sitzt du oben
hoch tief schon verschoben
hoch tief bist du unten
hoch tief und die bunten Kieselsteine
hoch tief und die kleine
hoch tief Wolke oben
hoch tief sind verschoben
hoch tief immer wieder
hoch tief auf und nieder
hoch tief voller Freude
hoch tief sind wir beide
hoch tief hoch tief
hoch tief
aus.
Es ist als ob ich grad eben, beim lauten Lesen, auf
der Schaukel gesessen wäre fast ist mir schwindlig geworden.
1966 hat Friedl Hofbauer "Die Wippschaukel" im Verlag für Jugend
und Volk (als ihr viertes Buch) publiziert. Und damit ihre schriftstellerische
Karriere richtig in Gang gebracht: Erzählungen und Romane für
Kinder, Bilderbücher, Kurzprosa, Übersetzungen und natürlich
immer wieder Gedichte. Viele von Hofbauers Gedichten sind beweglich und
bewegend. "Was die Waschmaschine sagt", das kann man sich nicht
im Sitzen anhören, da muss man mit dem Kopf, mit Händen und
Füßen der Trommel folgen. Und das wundert nicht, schließlich
ist dies ein in der Bewegung gefundenes Gedicht: Hofbauer sagt, die Waschmaschine
selbst habe ihr dieses Gedicht erzählt, sie hätte es bloß
abgeschrieben. Es muss eine muntere Waschmaschine gewesen sein!
Es ist Zeit für eine kleine Zwischenbemerkung:
Für die Dynamik dieser Gedichte gäbe es natürlich auch
eine analytisch sachliche Beschreibung, in der von Alliteration die Rede
sein müsste, dieser uralten Form der Sprachbindung, von der Lautmalerei
und damit von der konkreten Poesie, von der Wiederholung, die unter anderem
für den Rhythmus verantwortlich ist, vom Herzschlag, der in diesen
Melodien auftaucht. Womit man wieder beim hohen Grad an Sinnlichkeit dieser
Gedichte wäre, bei ihrer Körperlichkeit. Und also auch wieder
beim Schaukeln, das den Herzschlag ebenso beeinflusst wie ein schönes
Gedicht. Und man wäre wieder bei einer eher persönlichen denn
analytischen Lesart, und man wäre wieder bewegt in einem schönen
Sinn.
Gedichte liegen auf der Straße
Einer der großen Popsongs zum Thema Bewegung stammt von der deutschen
Formation Kraftwerk aus den beginnenden 70er Jahren und erschien unlängst
in einer Coverversion der Gruppe Fink. Er erzählt von einer Fahrt
auf der Autobahn:
Wir fahrn fahrn fahrn auf
der Autobahn / Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn / Vor uns liegt
ein weites Tal, die Sonne scheint, ein Glitzerstrahl /Wir fahrn fahrn
fahrn auf der Autobahn / Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn / Die
Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand.
Dass ich beim Wiederhören dieses Liedes aus meiner Jugend in der
Version von Fink, die an Stelle des elektronischen Instrumentariums von
Kraftwerk ein Banjo einsetzen, auch ein altes Gedicht von Friedl Hofbauer
wiedergelesen habe, ist ein wunderbarer Zufall und passt. Fahren Sie mit
der Autorin und mit mir jetzt ein Teilstück von "Autobahn"
(und hören Sie als Soundtrack Fink):
Wir fahren auf der Autobahn
Autobahn Autobahn
so schnell man Auto fahren kann
fahren kann fahren kann
Vordermann Hintermann
Autobahn Autobahn
Autobahn Autobahn
Laster stinkt
vor der Nas
Dieselgas
Dieselgas
schnell geblinkt
Laster rollt
Räderräderräderräder Räderräderräderräder
ü
ber
holt!
[
]
Autobahn Autobahn
Brausewind Sausewind
links grün rechts grün
Leitplanken
Zitternadel
Lenkrad
immer grad
Autobahn Autobahn
Autobahn Autobahn
Autobahn
Hoffentlich kommt jeder
an
Friedl Hofbauer hat ihr "Autobahnlied" gehört,
wie sie sagt, von der Straße aufgelesen (i. ü. hat sie den
Kraftwerk-Song nicht gekannt). Viele ihrer Gedichte handeln von Gegenständen
und Zuständen, die im Alltag der Menschen zu finden sind: Von Schaukeln,
Waschmaschinen und Autobahnen, von Kühen und Wiesen, vom Hunger und
vom Kochlöffel. Literatur aus dem und für den Alltag. Die Autorin
kann gut über alltägliche Geschichten von Menschen erzählen
wer nicht die Gelegenheit hat, ihr persönlich zuzuhören,
kann das unter anderem in "Der Engel hinter dem Immergrün"
(1981 bei Jugend & Volk erschienen, lange vergriffen und jetzt im
Dachs Verlag wieder erhältlich) nachlesen. In ihren Gedichten für
Kinder steht deren Alltag im Mittelpunkt, in wenigen Worten wird kindliches
Erleben unmittelbar dargestellt. Wie das Gefühl von kleinen Dreckfinken,
die gerne Dreckfinken sind, in "Händewaschen" (erstveröffentlicht
in "Links vom Mond steht ein kleiner Stern", 1977):
Händewaschen?
Muss wohl sein.
Seh ich ein.
Dreck muss weg.
Aber manchmal ist ein Tag,
wo man nicht mag.
Da will man noch eine Weile
das Glitzern an den Händen haben
vom Sandtunnelgraben.
Oder Farbe vom Malen und so.
Man kommt heim und ist froh.
Da schreit einer:
"Wasch dir die Pfoten!"
Das gehört verboten.
Natürlich hat dieses Gedicht auch mit Pädagogik
zu tun, dient nicht nur der Stärkung kindlichen Selbstbewusstseins,
sondern ist zugleich eine Lehre für die erwachsenen MitleserInnen.
Zeit für eine weitere kleine Zwischenbemerkung: An dieser Stelle
müßte darüber gesprochen werden, wie das lyrische Werk
von Friedl Hofbauer in die Geschichte der deutschen Kinderlyrik hineinpasst,
müßte von den 60er Jahren als der Blütezeit des Kindergedichts,
von der sogenannten "neuen Kinderlyrik" gesprochen werden, auch
vom Presslufthammer in der Kinderliteratur, und es müßte davon
die Rede sein, dass das reflexive Sprachspiel für Kinder entdeckt
wurde und man wäre beim "Sprachbastelbuch" (1975)
an dem auch Friedl Hofbauer mitgearbeitet hat , in dem die Freude
an der Sprache an erster Stelle steht. Und es wäre nicht weit zu
Gedichten, die für manche eher sinnlos scheinen, für andere
aber sinnlich sind. Man wäre vielleicht bei der Kuh Luise und also
wieder bei einer sehr persönlichen Lektüre.
Die Kuh Luise
steht auf der Wiese
und frisst ein Blatt,
dann ist sie satt.
Jetzt wiederkäut sie
und das freut sie.
Sinnlose und brauchbare Gedichte
Die wiederkäuende Luise ist nicht nur eine fröhliche, sondern
auch eine bewegende Kuh. Neben anderen Gedichten ist sie in "Minitheater"
zu finden, einem Buch, das auch für die Heilpädagogik und Bewegungstherapie
verwendet werden kann. Das ist etwas, das mich schon fast diebisch freut,
dass hier nämlich Wörter in einen Zusammenhang gebracht werden,
der mit Didaxe nichts zu tun hat, der in den Bereich des Komischen, des
Nonsens gehört. Und der nichtsdestotrotz einer wichtigen Sache dienlich
ist, dem Spiel. Poesie hat wohl immer auch mit dem Spiel zu tun, mit einem
"was wäre wenn
". Vielleicht ist ja auch das einer
der Gründe, warum Lyrik sowohl im Leben als auch in der Literatur
häufig den Stellenwert einer Marginalie hat. Ein "nutzloses
Phänomen" hat Gundel Mattenklott das Gedicht einmal sehr schön
genannt. Und da hat sie ja wohl recht gehabt. "Man kann normalerweise
nicht von Gedichten leben", hat Friedl Hofbauer gesagt, und da hat
auch sie recht. Aber dafür kann sie über das Leben dichten,
und das ist ja nicht nichts, wie ich meine.
Daher zum Abschluss und zur Stärkung "Das Kipfel":
Das Kipfel ist zum Essen
da,
das Kipfel ist gesund
zerbrösel mir das Kipfel nicht,
steck's lieber in den Mund.
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