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Norbert Griesmayer: Feststehen in der Flugschaukel des Reims
Franz Lettner: hoch und tief – immer wieder
 
Friedl Hofbauer bei einer Lesung im Rahmen der Veranstaltung "Literatur für junge LeserInnen" in Wien 2002

 

Was mich mit 70 nicht mehr aufregt: Ein ausgeweideter Teddybär. Ein Text von mir, irgendwo abgedruckt ohne Namen … Was mich aufregt: Bosnien, Südamerika … Die Todsünden wider den Geist. Eine davon ist die Sprache in manchen Medien. Da gehen geschulte Leute mit Sprache so um, als habe sie keine Wirkung … dreimal in einer einzigen Sendung: Alarm schlagen, für nichtige Sachen. Haben die eine Ahnung, wie das ist, wenn sie wirklich Alarm schlagen?! (Friedl Hofbauer)

 

Biografische Notizen und Werkliste in ALIDA

Friedl Hofbauer im Dachs-Verlag

 
   
 
 

Friedl Hofbauer wurde am 19. Jänner 1924 in Wien geboren, wo sie nach wie vor als freie Schriftstellerin und Übersetzerin lebt. Seit Anfang der 60er Jahre schreibt sie Erzählungen, Hörspiele, Romane und Lyrik für Kinder und Erwachsene. Hofbauer erhielt neben zahlreichen anderen Preisen für ihr Gesamtwerk den österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Zu einer Ausstellung anlässlich des 75. Geburtstages in der Österr. Nationalbibliothek wurden unter dem Titel "Was ein Wort wiegt" Beiträge von Lene Mayer-Skumanz und Hubert Hladej zu einer Broschüre zusammengefasst.

 

 

Kleine Werkauswahl: Die Wippschaukel (1966). Der Brummkreisel (1969, ÖP). Die Traumschule (1972). Im Lande Schnipitzel (1973). Die Kirschkernkette (1974). Links vom Mond steht ein kleiner Stern (1977). Der Waschtrommel-Trommler (1980). Ein Garten für Stutzimutzi (1980, ÖP). Federball (1981). Der Engel hinter dem Immergrün (1981/2000). Minitheater (1983, ÖP). Die große Wippschaukel (1985). Die Insel der weißen Magier. Ein Merlin-Roman (1987). Examen im Splittergraben. Ein Tagebuch der letzten Kriegswochen in Erinnerungen, Dokumenten und Interviews (1988, zus. mit Herbert Risz). Katzenbettgemisch (1993, zus. mit Anna Melach). Von Pferden, Mäusen und anderen Tieren (1995). Zahnweh,Tod und Teufel Sagen und Geschichte(n) rund um den Stephansdom (1998). Weißt du, dass alles sprechen kann? Wippschaukelgedichte (1999). Der neue Wünschelbaum (1999). Die Glückskatze (2001).

 
 

 

 

 

 

Feststehen in der Flugschaukel des Reims
Laudatio zur Vergabe des Staatspreises für Kinderlyrik 1999 an Friedl Hofbauer – Von Norbert Griesmayer

Verehrte Frau Professor Hofbauer,sehr geehrte Festgäste!
Friedl Hofbauer, die seit den Sechzigerjahren mit zahlreichen Preisen vielfach Ausgezeichnete, heute für ihr Lebenswerk mit dem Staatspreis für Kinderlyrik zu ehren, mag manchen von Ihnen als etwas längst fällig Gewesenes erscheinen – und Sie haben Recht; manchen wiederum wie eine Wiederholung anmuten – und auch Ihnen kann ich zustimmen. Freilich hat das Wort "Wiederholung" nur im Kontext des heute allgegenwärtigen Innovationsjargons einen abschätzigen Klang. Hofbauers Dichterkollege Peter Handke etwa wollte bereits in den Achtzigerjahren dem Wort seine positive Bedeutung zurückgeben (Die Wiederholung, Frankfurt 1996). Er hat darauf aufmerksam gemacht, dass wir – in der Flut von Eindrücken, die auf uns heute pausenlos einstürzen, – nur durch ein "Sich-Wieder-Holen" Erlebnisfähigkeit gewinnen können. Erst ein solches Wieder-Holen mache zu neuen Anfängen fähig.
Daran musste ich bei der Lektüre vieler Gedichte Friedl Hofbauers denken. Die bei Handke und anderen leicht zur Pose geratende Wiederholung (und Verlangsamung) erscheint bei Friedl Hofbauer als ganz umstandsloser Grundgestus des poetischen Sprechens.
Und noch an eine weitere Wirkung von Wiederholungen musste ich denken: an den Genuss bei Tätigkeiten, die aus der Wiederholung leicht variierender Elemente bestehen, wie etwa beim Kuscheln, Streicheln, Kichern, Kitzeln, Trappeln, Purzeln ... bis hin zum Rappen.
Und natürlich auch ans Wippen und Schaukeln. Womit ich beim Titel des wohl bekanntesten Gedichtbands unserer Preisträgerin gelandet bin ("Die Wippschaukel", 1966 u.ö. zuletzt 1999).
Das hier angesprochene Schaukel-Bild lässt sich auch in Hofbauers Gedichtband "Traumfibel" ( 1969) finden, der ausschließlich "Erwachsenenlyrik" [horribile dictu!!] enthält.
Im Titelgedicht "Traumfibel", das Ingeborg Bachmann gewidmet ist, lesen wir:
übe mich, festzustehen in der Flugschaukel des Reims
Was hier programmatisch behauptet wird, hat Friedl Hofbauer in ihren Gedichten für Kinder genial verwirklicht: Gedichte als Wippschaukel, als Angebote, Selbstgefühl in lustvoll erlebten Wiederholungen von Wörtern und Wendungen zu gewinnen und dabei zugleich auf die eigenen (fünf?) Sinne aufmerksam zu werden. Körpererfahrungen werden in diesen Gedichten als "bedeutend" erlebbar: Körpererfahrungen, die bereits beim Artikulieren selbst beginnen: beim Lippen-, Zungen-, Mundhöhlengefühl.
Das sind Gefühle, die ein anderer Dichterkollege, Ernst Jandl, in seiner Frankfurter Vorlesung (1985) als für das Poetische fundamental herausgestellt hat: Alles Poetische lässt sich zurückführen auf "Das Öffnen und Schließen des Mundes" (= Titel der Vorlesung).

Sprache ohne Sprechen, d. h. ohne dass sie von Menschen mitgeteilt wird, ist defizitär. Sprache geschieht mit und in unserem Körper, lange bevor sie als "Trägerin einer eigenständigen Welt von Vorstellungen und Begriffen" erscheint. Wer Hofbauers Wippschaukelgedichte genossen hat, dem sind diese Einsichten nie fremd gewesen.
Hofbauers Gedichte sind aber noch mehr: Sie sind das Medium, in dem das lächerlich banal Alltägliche, das schmerzlich Beschränkende und zu Bekämpfende, das (bei Hofbauer oft Wienerisch lokal gefärbte und manchem heute bereits etwas verstaubt anmutende) Reale einerseits – und das Traumhafte, das Imaginäre anderseits eine verblüffende, weil ganz selbstverständliche Einheit bilden. Im bereits zitierten Traumfibel-Gedicht folgt z. B. der unstillbaren Gefräßigkeit der Papierkörbe wirklicher Dichter, der Glaube an die Auferstehung der Literatur.
Dieser hohe Ton programmatischer Aussage ist bei Frau Hofbauer ganz selten. Durchgehend jedoch findet sich eine irritierende, widerborstige Haltung, in der die Fantasie Bedingung ist für eine hoffnungsfrohe Lebendigkeit, die an die Verbesserungsmöglichkeit des Realen glaubt.
Ihrem ersten, dem verehrten Ferdinand Raimund gewidmeten Roman wollte sie den Titel geben: "Ich steck die Sonne auf den Hut und würfle mit den Sternen". Der Verlag ersetzte ihn leider durch den weinerlich-resignativen: "Am End' ist's doch nur Fantasie" (Wien 1960).
In ihren Kindergedichten jedoch gelang Friedl Hofbauer, das Provokative im nur scheinbar Naiven zu bewahren: "Weißt du, dass alles sprechen kann?" Das ist keine kindgemäße Übersetzung von Eichendorffs berühmtem Wünschelrutengedicht: "Schläft ein Lied in allen Dingen ...".
Dem sich bereits biedermeierlich bescheidendem Geraune bei Eichendorff setzt Hofbauer die selbstverständliche Gewissheit von einer Realität entgegen, in der alles sprechen kann, d. h. in seiner Eigenwertigkeit geachtet werden soll, und stärkt damit den Widerstand gegen einen Realitätssinn, der nur Sachzwänge kennt und für "unsachliche" emotionale Bedürfnisse bloß eine inszenierte "Spiel- und Funworld" bereithält.
Bei Friedl Hofbauer gehören nämlich das zu bestehende Reale und das Fantastisch-Träumerische immer zusammen. Sie sind miteinander in unsentimentaler Zärtlichkeit verbunden. Diese Zärtlichkeit ist das eigentlich Subversive in einer auf Ordnung und Erledigung fixierten (männlichen) Welt. Sie ermöglicht erst die Entwicklung von Eigensinn.

Hofbauers Spiele mit Worten haben daher auch nichts mit der postmodernen Spielerei mit "Virtualitäten" zu tun. Sie stärken vielmehr eine Identität, der auch noch so viele Spiegelungen im medialen Angebot etwas anhaben können.
In einem meiner Lieblingsgedichte, einem Gedicht, das in mehrfacher "Spiegelschrift" abgedruckt wurde (Das Sprachbastelbuch; 1975 u.ö.) heißt es:
Wenn ein Igel
stachelgespickt,
in den Spiegel
blickt
spiegelt der Spiegel
einen Igel.
Wenn der Spiegel
aber
in sieben Stücke zerbricht –
bricht dann der Spiegeligel
auch in sieben Stücke
oder
spiegelt der Igelspiegel
sieben Igel?

Ist das zu lesen als Hofbauers Antwort auf die Klage über die von den Medien mit verursachte Zersplitterung unserer Welt (-bilder) und die sich daraus ergebende postmoderne Patchwork-Identität?
Oder als ein Gedicht, dessen gewitzte Thematisierung von Identität und deren Bezugsrahmen etwa in Elfriede Gerstls Gedicht: "Was mir zu "Rahmen" einfällt" weitergeführt wird, – von einer Dichterkollegin übrigens, die nächstes Wochenende den Erich-Fried-Preis für Dichtung erhält und die mit unserer heutigen Preisträgerin die knappe Form und die (weibliche) Subversivität teilt?
Oder ist Hofbauers Spiegelschrift-Gedicht – ohne interpretatorische Anstrengungen – einfach zu hören, d. h. vor allem akustisch zu genießen, als verschmitztes, abklärendes Echo auf das aufgeregte und penetrante "I", das uns allen durch die Intermedialität interaktiver, interkulturell inszenierter Infotainments in den Ohren klingt.
Friedl Hofbauers Lyrik braucht – so meine These – nur selten eine Deutung; im Gegenteil: Sie lässt die Interpreten meistens sehr dumm aussehen.
Die Leistung ihrer Gedichte liegt vielmehr darin, uns eine Welt des Miteinander sinnlich erfahren zu lassen, die – und das ist das Entscheidende – die herrschende Welt der bloß inszenierten bunten Gemeinsamkeit und der realen Über- und Unterordnungen, der Dichotomien und Polarisierungen in Frage stellt: a u c h die Gegenüberstellung, auf der die Konzeption des heutigen Kinderlyrikpreises beruht, – sollte damit nämlich die Preisträgerin zugleich auch wieder aus der eigentlichen, d. h. wohl dann der "Erwachsenenlyrik" [siehe oben !!] ausgeschlossen werden.
Dem sei hier zuletzt scharf widersprochen.
Friedl Hofbauers Lebenswerk, besonders ihre Gedichte für Menschen-Kinder, gebührt ein Ehrenplatz im bunten Garten der Poesie: Ein Platz, an dem Gedichte gebraucht werden wollen: gestampft, gesungen, getrommelt, mit sich bewegenden Fingern und Zehen – und: miteinander!
Ihre Gedichte sind nie "nur" Gedichte, sie sind immer und primär Mit-Teilungen – und das heißt bei ihr nicht Belehrung, sondern: das Schaffen und Teilen von Gemeinsamkeiten.
Sie stellen Modelle bereit für einen unaffektierten Austausch zwischen den Generationen und Kulturen.
Dafür möchte ich – hoffentlich in Ihrer aller Namen – Friedl Hofbauer herzlich danken.



Dr. Norbert Griesmayer ist Univ. Lektor für Neuere deutsche Literatur und Fachdidaktik Deutsch an den Universitäten Wien und Klagenfurt. Die Laudatio hat er anlässlich der Preisverleihung am 21. November 1999 gehalten.

 

Der Beitrag ist in 1000 und 1 Buch 1|2000 abgedruckt.

 

 
 

 

 

 

Weißt du, dass alles sprechen kann? Wippschaukelgedichte

 

 

 

 

 

Der neue Wünschelbaum

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Der Beitrag ist in 1000 und 1 Buch | Sonderheft Oktober 1999 abgedruckt.

hoch und tief – immer wieder
Eine persönliche Aus- und Nachlese einiger Gedichte von Friedl Hofbauer – Von Franz Lettner

Kürzlich saß ich mit Freunden nach einem Spaziergang in der Nachmittagssonne in einem Ausflugsgasthof. Wie es sich an solchen Orten gehört war da auch ein Kinderspielplatz mit Klettergerüsten zum Kraxeln und einem Sandkasten und mehreren Schaukeln. Erwachsene wissen: Wenn sie Kinder haben, müssen sie auf den Spielplatz und beim Schaukeln Unterstützung leisten ("nachtauchen" hat das früher geheißen). Wenn sie nette Kinder haben, dürfen sie zwischendurch auch selbst mal aufs Schaukelbrett. Wenn sie keine Kinder haben, werfen sie sehnsüchtige Blicke auf den Spielplatz, vor allem in Richtung Schaukel. Aber nur wenn sie ganz kindisch oder sehr ausgelassen sind, gehen Erwachsene ohne Kinder schaukeln. Nein, ich bin nicht gegangen. Aber nach der Lektüre von Friedl Hofbauers "Wippschaukel" aus dem gleichnamigen Buch muss ich an diesen Sehnsuchtsmoment (und meine Scheu) denken. Kindheitserinnerungen kommen leise geschlichen und schon geht es los:

Hoch tief
auf und nieder
hoch tief
immer wieder
hoch tief sitzt du oben
hoch tief schon verschoben
hoch tief bist du unten
hoch tief und die bunten Kieselsteine
hoch tief und die kleine
hoch tief Wolke oben
hoch tief sind verschoben
hoch tief immer wieder
hoch tief auf und nieder
hoch tief voller Freude
hoch tief sind wir beide
hoch tief hoch tief
hoch tief
aus.

Es ist als ob ich grad eben, beim lauten Lesen, auf der Schaukel gesessen wäre – fast ist mir schwindlig geworden. 1966 hat Friedl Hofbauer "Die Wippschaukel" im Verlag für Jugend und Volk (als ihr viertes Buch) publiziert. Und damit ihre schriftstellerische Karriere richtig in Gang gebracht: Erzählungen und Romane für Kinder, Bilderbücher, Kurzprosa, Übersetzungen und natürlich immer wieder Gedichte. Viele von Hofbauers Gedichten sind beweglich und bewegend. "Was die Waschmaschine sagt", das kann man sich nicht im Sitzen anhören, da muss man mit dem Kopf, mit Händen und Füßen der Trommel folgen. Und das wundert nicht, schließlich ist dies ein in der Bewegung gefundenes Gedicht: Hofbauer sagt, die Waschmaschine selbst habe ihr dieses Gedicht erzählt, sie hätte es bloß abgeschrieben. Es muss eine muntere Waschmaschine gewesen sein!

Es ist Zeit für eine kleine Zwischenbemerkung: Für die Dynamik dieser Gedichte gäbe es natürlich auch eine analytisch sachliche Beschreibung, in der von Alliteration die Rede sein müsste, dieser uralten Form der Sprachbindung, von der Lautmalerei und damit von der konkreten Poesie, von der Wiederholung, die unter anderem für den Rhythmus verantwortlich ist, vom Herzschlag, der in diesen Melodien auftaucht. Womit man wieder beim hohen Grad an Sinnlichkeit dieser Gedichte wäre, bei ihrer Körperlichkeit. Und also auch wieder beim Schaukeln, das den Herzschlag ebenso beeinflusst wie ein schönes Gedicht. Und man wäre wieder bei einer eher persönlichen denn analytischen Lesart, und man wäre wieder bewegt in einem schönen Sinn.

Gedichte liegen auf der Straße
Einer der großen Popsongs zum Thema Bewegung stammt von der deutschen Formation Kraftwerk aus den beginnenden 70er Jahren und erschien unlängst in einer Coverversion der Gruppe Fink. Er erzählt von einer Fahrt auf der Autobahn:

Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn / Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn / Vor uns liegt ein weites Tal, die Sonne scheint, ein Glitzerstrahl /Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn / Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn / Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand.
Dass ich beim Wiederhören dieses Liedes aus meiner Jugend in der Version von Fink, die an Stelle des elektronischen Instrumentariums von Kraftwerk ein Banjo einsetzen, auch ein altes Gedicht von Friedl Hofbauer wiedergelesen habe, ist ein wunderbarer Zufall und passt. Fahren Sie mit der Autorin und mit mir jetzt ein Teilstück von "Autobahn" (und hören Sie als Soundtrack Fink):

Wir fahren auf der Autobahn
Autobahn Autobahn
so schnell man Auto fahren kann
fahren kann fahren kann
Vordermann Hintermann
Autobahn Autobahn
Autobahn Autobahn
Laster stinkt
vor der Nas
Dieselgas
Dieselgas
schnell geblinkt
Laster rollt
Räderräderräderräder Räderräderräderräder
ü
ber
holt!
[…]
Autobahn Autobahn
Brausewind Sausewind
links grün rechts grün
Leitplanken
Zitternadel
Lenkrad
immer grad
Autobahn Autobahn
Autobahn Autobahn
Autobahn

Hoffentlich kommt jeder
an

Friedl Hofbauer hat ihr "Autobahnlied" gehört, wie sie sagt, von der Straße aufgelesen (i. ü. hat sie den Kraftwerk-Song nicht gekannt). Viele ihrer Gedichte handeln von Gegenständen und Zuständen, die im Alltag der Menschen zu finden sind: Von Schaukeln, Waschmaschinen und Autobahnen, von Kühen und Wiesen, vom Hunger und vom Kochlöffel. Literatur aus dem und für den Alltag. Die Autorin kann gut über alltägliche Geschichten von Menschen erzählen – wer nicht die Gelegenheit hat, ihr persönlich zuzuhören, kann das unter anderem in "Der Engel hinter dem Immergrün" (1981 bei Jugend & Volk erschienen, lange vergriffen und jetzt im Dachs Verlag wieder erhältlich) nachlesen. In ihren Gedichten für Kinder steht deren Alltag im Mittelpunkt, in wenigen Worten wird kindliches Erleben unmittelbar dargestellt. Wie das Gefühl von kleinen Dreckfinken, die gerne Dreckfinken sind, in "Händewaschen" (erstveröffentlicht in "Links vom Mond steht ein kleiner Stern", 1977):

Händewaschen?
Muss wohl sein.
Seh ich ein.
Dreck muss weg.
Aber manchmal ist ein Tag,
wo man nicht mag.
Da will man noch eine Weile
das Glitzern an den Händen haben
vom Sandtunnelgraben.
Oder Farbe vom Malen und so.
Man kommt heim und ist froh.
Da schreit einer:
"Wasch dir die Pfoten!"
Das gehört verboten.

Natürlich hat dieses Gedicht auch mit Pädagogik zu tun, dient nicht nur der Stärkung kindlichen Selbstbewusstseins, sondern ist zugleich eine Lehre für die erwachsenen MitleserInnen. Zeit für eine weitere kleine Zwischenbemerkung: An dieser Stelle müßte darüber gesprochen werden, wie das lyrische Werk von Friedl Hofbauer in die Geschichte der deutschen Kinderlyrik hineinpasst, müßte von den 60er Jahren als der Blütezeit des Kindergedichts, von der sogenannten "neuen Kinderlyrik" gesprochen werden, auch vom Presslufthammer in der Kinderliteratur, und es müßte davon die Rede sein, dass das reflexive Sprachspiel für Kinder entdeckt wurde und man wäre beim "Sprachbastelbuch" (1975) – an dem auch Friedl Hofbauer mitgearbeitet hat –, in dem die Freude an der Sprache an erster Stelle steht. Und es wäre nicht weit zu Gedichten, die für manche eher sinnlos scheinen, für andere aber sinnlich sind. Man wäre vielleicht bei der Kuh Luise und also wieder bei einer sehr persönlichen Lektüre.

Die Kuh Luise
steht auf der Wiese
und frisst ein Blatt,
dann ist sie satt.

Jetzt wiederkäut sie –
und das freut sie.

Sinnlose und brauchbare Gedichte
Die wiederkäuende Luise ist nicht nur eine fröhliche, sondern auch eine bewegende Kuh. Neben anderen Gedichten ist sie in "Minitheater" zu finden, einem Buch, das auch für die Heilpädagogik und Bewegungstherapie verwendet werden kann. Das ist etwas, das mich schon fast diebisch freut, dass hier nämlich Wörter in einen Zusammenhang gebracht werden, der mit Didaxe nichts zu tun hat, der in den Bereich des Komischen, des Nonsens gehört. Und der nichtsdestotrotz einer wichtigen Sache dienlich ist, dem Spiel. Poesie hat wohl immer auch mit dem Spiel zu tun, mit einem "was wäre wenn …". Vielleicht ist ja auch das einer der Gründe, warum Lyrik sowohl im Leben als auch in der Literatur häufig den Stellenwert einer Marginalie hat. Ein "nutzloses Phänomen" hat Gundel Mattenklott das Gedicht einmal sehr schön genannt. Und da hat sie ja wohl recht gehabt. "Man kann normalerweise nicht von Gedichten leben", hat Friedl Hofbauer gesagt, und da hat auch sie recht. Aber dafür kann sie über das Leben dichten, und das ist ja nicht nichts, wie ich meine.
Daher zum Abschluss und zur Stärkung "Das Kipfel":

Das Kipfel ist zum Essen da,
das Kipfel ist gesund –
zerbrösel mir das Kipfel nicht,
steck's lieber in den Mund.


   
         
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