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Beiträge über und von Christine Nöstlinger
Erschienen in 1000 und 1 Buch 3|01 anlässlich
ihres 65. Geburtstages
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Der Nöstlinger ihre Verlegerin
Von Silke Weitendorf 
"Avanti Popolo" für Christine Nöstlinger
Von Hubert Hladej 
Mit einem Doppelwebstuhl Von Hans-Joachim
Gelberg 
Blunzendoppeldecker und Grüner Veltliner
Von Konrad Holzer 
Die Augen von der Nöstlinger Von
Barbara Neuwirth 
Macht nix, macht nix, Ananas! Von
Caroline Roeder 
Zwei glatt, zwei verkehrt Von Irene
Judmayer 
Ausgelesen von Christine Nöstlinger
Alle Beiträge © bei den AutorInnen
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Biografische Notizen
und Werkliste in ALIDA
Christine Nöstlinger im Dachs-Verlag

Christine Nöstlinger im Verlag Beltz &
Gelberg 
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Illustration von © Linda Wolfsgruber aus 1000
und 1 Buch 3|02
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Silke
Weitendorf ist Verlegerin des Friedrich Oetinger Verlages in Hamburg. |
Der Nöstlinger ihre Verlegerin
Über die Zusammenarbeit mit einer Autorin, wie sie sich jeder Verleger
wünscht
Von Silke Weitendorf
Vor mehr als dreißig Jahren, da gab es noch
das "sternchen", die Kinderbeilage der Illustrierten "Stern".
Und dort sollte damals, 1970, der zweite Roman einer jungen österreichischen
Autorin als Vorabdruck erscheinen. Eine Geschichte von ganz sonderbaren
Dingen, die geschehen, als Oma Seifertiz die Ratschläge des Mr. Bat
befolgt, der die größte Erfindung aller Zeiten gemacht hat
Es war ein Science-Fiction-Märchen, auf das die Redakteurin
der Zeitschrift uns damals aufmerksam machte frisch und unkonventionell,
wenngleich auch in teilweise ungewohnt österreichischer Tonlage.
"Mr. Bats Meisterstück oder Die total verjüngte Oma"
wurde 1971 der erste Titel, den Christine Nöstlinger im Oetinger
Verlag veröffentlichte. Es folgten unter anderem die Trilogie von
Gretchen Sackmeier, die Franz-Geschichten, Luki-live, Ilse Janda, 14,
Olfi Obermeier und viele mehr. 30 Bücher in dreißig Jahren.
Bücher, in denen sie die Wirklichkeit mit all ihren Freuden, Sorgen
und Nöten so schildert, dass der Leser sich ernst genommen fühlt.
Bücher, in denen sie schwerwiegende Probleme behandelt, verzwickte
Familienverhältnisse, Scheidung und Ehekrise, Frustration und Flucht,
Frauen- und Männerrollen, Schulprobleme, Umweltschutz und immer wieder
ein Plädoyer für die Selbstbestimmung des Kindes hält
am schönsten dargestellt in der herrlich verrückten und humorvollen
Satire von Konrad, dem Kind aus der Konservenbüchse, das sich vom
fabrikmäßig hergestellten Anpasser zum aufmüpfigen antiautoritären
Jungen entwickelt.
Nie fehlen bei ihr jedoch der köstliche Humor und die Ironie, die
jedes Buch zu einem reinen Lesevergnügen werden lassen. Und es ist
gerade ihre Sprache mit den vielen Wortschöpfungen und Neuzusammensetzungen,
die das absolut ungewöhnlich Frische und Besondere an ihren Büchern
ausmachen. Dabei war gerade die Sprache am Anfang unserer Zusammenarbeit
noch ein Problem. "Ich nehm dem Papa sein Rad" zum Beispiel
ist zwar "echt Nöstlinger", hätte aber Eltern und Lehrer
in Deutschland aufschreien lassen. Also wurde daraus "Ich nehm das
Rad vom Papa". "Papas Rad" aber wäre unmöglich
gewesen, hätte Christine nicht gefallen und wäre nicht ihre
Sprache gewesen. Aber alles, was sich aus dem Text erklärt, haben
wir gelassen und so wissen unzählige Kinder in Deutschland nun, dass
Tomaten auch "Paradeiser" heißen können und ein Kasten
manchmal kein Kasten, sondern ein Schrank ist.
Zu meinen absoluten Lieblingsfiguren gehört der piepsstimmige, mit
Ringellocken bekränzte Franz, der auf ganz einfache Weise alle diese
Nöstlinger-Qualitäten vereint. Als 1979 die Erstlesereihe "Sonne,
Mond und Sterne" startete, fragten wir Christine, ob sie nicht Lust
hätte, für die Reihe zu schreiben. Zunächst erschienen
ihr die Vorgaben zu didaktisch, aber sie wollte es versuchen. 1983 überraschte
sie uns dann mit dem ersten Band der "Geschichten vom Franz",
diesem idealen Buch-Charakter, der so ideenreich sein Kinderleben lebt
und den sie mit ihrem unverwechselbaren Charme und mit viel Humor zum
Leben erweckt hat und von dem es mittlerweile elf Bände gibt. Ich
weiß nicht, wie oft ich schon die Geschichte vom "Muttertagshut"
laut vorgelesen habe am besten vor jungen Eltern und immer
wieder spontane Begeisterung erntete. Denn am "Franz" zeigt
sich ein typisches Nöstlinger-Phänomen besonders deutlich: Die
Geschichten gefallen sowohl Kindern als auch Erwachsenen. Sie lachen zwar
nicht an den gleichen Stellen, aber sie lachen.
Christine Nöstlinger möchte nämlich, dass der Erwachsene
auch etwas von der Geschichte hat, die er seinen Kindern vorliest. Sie
selbst dagegen liest gar nicht gerne vor obwohl sie es hervorragend
gut kann. Denn Christine Nöstlinger versteht es nicht nur beim geschriebenen,
sondern auch beim gesprochenen Wort so anschaulich, unprätentiös
und mit trockenem Humor zu erzählen, dass man gar nicht aufhören
möchte mit ihr zu sprechen. Sie ist ein heiterer, positiv eingestellter
Mensch, geht mit sich selbst robust um und lässt es kaum zu, dass
man sie bedauert oder tröstet. Sie ist eigentlich die Ideal-Autorin,
die sich jeder Verleger wünscht. Christine Nöstlinger ist eine
äußerst unkomplizierte Autorin, "pflegeleicht" sagt
sie selbst. Ein Profi, bei dem man als Verleger wirklich noch das Gefühl
hat, sich gegenseitig zu ergänzen, um für beide Seiten das Optimale
zu erreichen.
Wenn wir sie um ein neues Buch baten, dann sagte sie ganz einfach "Ja,
mein Schatz, das kriegst du". Und es kam tatsächlich. Und sicher
hätte es auch weniger Franz-Geschichten gegeben, wenn wir nicht immer
wieder neue Themen angeregt hätten: Reisegeschichten, Freundschaftsgeschichten,
Umweltgeschichten und andere. Nur und das ist auch typisch Christine
war das nächste Manuskript dann gar keines aus dem vorgeschlagenen
Themenkreis, nein, dann kam etwas überraschend anderes. Und an die
Fußballgeschichten mag sie sich noch nicht herantasten, das Wagnis
sei ihr zu groß, da sie nichts vom Fußball verstehe.
Mit oder ohne Fußballgeschichten wir wünschen uns, dass
wir mit Christine noch viele gute Jahre zusammenarbeiten werden, freuen
uns auf ihre nächsten Bücher und Ideen und wünschen Ihr,
dass Sie auch in Zukunft so optimistisch, humorvoll und unabhängig
bleibt wie bisher!
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Illustration von Linda Wolfsgruber für 1000
und 1 Buch 3|02
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Hubert
Hladej, Wien, begleitete Christine Nöstlinger verlegerisch schon bei
Jugend & Volk und viele Jahre im eigenen Dachs Verlag. |
"Avanti Popolo" für Christine Nöstlinger
Geschichte einer verwandt- und freundschaftlichen Beziehung samt Bekenntnis
einer Spiel-Schuld
Von Hubert Hladej
Vor etwa dreißig Jahren lernte ich Christine Nöstlinger kennen.
Der Anlass war ein neues Lesewerk für die Volksschule mit dem Titel:
"Unser Lesehaus"; ein Gemeinschaftswerk der Wiener Gruppe von
Kinder- und JugendbuchautorInnen. Als HerausgeberInnen fungierten zwei verdiente
VolksschulpädagogInnen.
Misstrauisch beäugte mich Christine Nöstlinger, ich erschien ihr
zu artig und zu angepasst für mein damaliges Alter, noch dazu ein Schulbuchlektor,
was Langweiligeres war in der damaligen Autorenszene nicht vorstellbar.
Ich hatte es nicht leicht. Subtil musste ich die HerausgeberInnen überzeugen,
dass Texte von KinderbuchautorInnen mehr Motivation zum Lesen, zum Auseinandersetzen
mit Inhalten und Fragen bieten als Texte, denen jeder Pfiff und Humor abgeht.
Subtil musste ich die AutorInnen überzeugen, dass diese Arbeit die
Chance bot, mehr Leben und Wirklichkeit in die Schule zu bringen und den
Quargelsturz des sogenannten "Wahren, Schönen und Guten"
in die pädagogische Rumpelkammer zu stellen.
So entstanden "Das Haus Marillengasse 4", Tiergeschichten und
andere Anthologien jeweils für die Schulstufen zwei, drei und vier.
Es war für mich der Einstieg in die Kinderbuchproduktion, denn die
einzelnen Bände erschienen nicht nur als Schulbücher, sie wurden
auch als Kinderbücher verkauft und waren letztendlich hier erfolgreicher.
Im Anschluss an die "Marillengasse" arbeiteten wir noch gemeinsam
an weiteren Schulbuchprojekten und fühlten Genugtuung, wenn die Pädagogen
unseren Vorstellungen nachgaben " weniger aus Überzeugung, eher
weil sie nicht als Fossile schwarzer Pädagogik dastehen wollten. Den
Beginn unserer Freundschaft aus ihrer Sicht schildert Christine Nöstlinger
so: Der Hubert hat gesungen, und sein Gesang
hat mich betört: einer der SO singt, habe ich mir gesagt, kann kein
simpler Schulbuchhengst sein! Das war meinerseits der Anfang unserer Freundschaft
...
Dabei habe ich beim Singen ziemliche Textprobleme, heraus kommen kuriose
Medleys. Die dürften Unterhaltungswert haben.
Einmal erzählte ich ihr, dass ich gern Klarinette gelernt hätte.
Zu meinem fünfzigsten Geburtstag schenkte sie mir eine B-Klarinette
und verband damit den Wunsch, dass ich zu ihrem Sechziger "Avanti Popolo"
spielen sollte. Mit Feuereifer nahm ich Stunden, konnte bald ganz hörbar
spielen, jedoch ein Bandscheiben- und andere Vorfälle unterbanden meinen
Eifer und so wurde aus dem Vorspielen nichts. Ich hatte zwar speziell noch
dieses Lied geübt, aber es vor Publikum zu spielen, da verließ
mich der Mut. So richtig verziehen hat sie mir das noch nicht. Obwohl: so
richtig nachtragend ist sie nicht. Ich habe sie als eine sehr verständnisvolle
und geduldige Autorin erlebt und vor allem als eine sehr pünktliche.
Über Kinderbücher reden wir nur selten, nur das Notwendigste.
Unsere Hauptthemen sind Politik, weniger Gott, mehr die Welt. Und Kochen.
Von meinen Kochkünsten lässt sie allenfalls die Würste gelten
und den Schnaps. Schweigen ist schon ein Lob. Für Zank ist gesorgt,
wenn wir uns mit unserem Garten berühmen und beiläufig etwa im
Juni fragen, ob es denn noch Schnee gäbe im Waldviertel.
Freundschaften zwischen AutorInnen und VerlegerInnen sind facettenreich.
Sie werden gerne mit verwandtschaftlichen Verhältnissen verglichen,
wobei die jeweiligen Rollen nach Belieben vergeben werden. Die Grenzen dieser
Freundschaft sind häufig eng, weil sie Zweckfreundschaften sind. Unstimmigkeiten
können bald zum Bruch führen, der gemeinsame Zweck kann aber den
Bruch wieder kitten.
Wir mögen uns. Wir wissen von einander, was wir können, was wir
nicht können, was wir wollen und was wir nicht wollen. Wir gehen uns
eigentlich nie auf die Nerven. Ihre Küche ist himmlisch und Ernst Nöstlinger
ein versierter Sommelier für Käse und Wein und wie sie ein amüsanter
und spannender Gesprächspartner.
Ein schlechtes Gewissen habe ich schon. Ich bin noch etwas schuldig: "Avanti
Popolo" auf der Klarinette. Ich werde wieder üben. |
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Hans-Joachim
Gelberg leitete von 1971 bis 1997 den Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim.
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Mit einem Doppelwebstuhl
Über handwerkliche und humane Herausforderungen des Schreibens.
Von Hans-Joachim Gelberg
Nun habe ich wieder einmal in Christine Nöstlingers Briefen gelesen
um mich einzunisten in Erinnerung an dreißigjährigen werknahen,
liebevollen Austausch. Es soll sozusagen ein kleiner Tusch zu Christines
65. Geburtstag werden.
Es ist noch nicht lange her (so kommt es mir jedenfalls vor), dass ich den
"Nussknacker", mein 2. Werkstattbuch (einmalige Auflage 1986),
Christine Nöstlinger zum 50. Geburtstag widmete. Darin ihre oft zitierte
Aussage: Ich kann nur über Dinge schreiben,
die ich kenne. Oder auch ihre oftmals zitierte Rede "Ist Kinderliteratur
Literatur?" Merkwürdigerweise beschäftigt uns diese Frage
immer noch, und zwar vermehrt, weil die Zuwendung all jener, die es hätten
wissen und sagen und tun sollen, ausgeblieben ist. Die großen Theorienmacher
sind sich immer noch uneins. Als hätte Christine Nöstlinger nicht
in 30 Jahren mit ihren 150 Romanen und Geschichten (Gedichte nicht zu vergessen)
auch allen Ignoranten längst bewiesen, dass sie nicht nur große
Literatur schreibt, dass vielmehr Kinderliteratur zum poetischen Bestand
der Literatur in aller Welt gehört. Vielleicht war es falsch, in dieser
aufregenden Zeit (es war keine sanfte Zeit), die Literatur sozusagen in
zwei Etagen zu etablieren: unten fürs Kind, oben für Erwachsene.
Selten gelangte etwas in den Aufzug nach oben, nur hier und da etwas Kinderliterarisches.
Vielleicht ist es auch falsch, sehnsuchtsvoll auf den Aufzug nach oben zu
warten, als hinge davon die Seligkeit ab; denn was aufhebenswert ist, bestimmt
die Kinderliteratur immer noch selbst. Das ist kein Zufall, vielleicht sogar
Glück! Unwiderruflich ist ja das eigentlich Prägende dieser Literatur
die Nähe zur Kindheit. Und davon weiß jede Literatur, wo immer
wir ihr begegnen, ein Lied zu singen. Christine Nöstlinger beginnt
ihre unvergessliche Geschichte "Von der Frieda" (1977) mit einem
Hinweis: Von der Frieda kann man nur schwer eine
Geschichte schreiben. Aber Frieda hat genauso ein Recht auf eine Geschichte,
wie jede andere Fünfzehnjährige. Man muß sich also Mühe
geben; beim Schreiben und beim Lesen.
Die Mühe des Schreibens (man merkt es ihren Büchern nicht an)
hat Christine Nöstlinger unzählige Male auf vielfältige Weise
zu ihrer Nagelprobe gemacht. Denn ausgedachtes-vorausgedachtes-nachgedachtes
Gestalten, Figuren wie Menschen (Großväter, Mütter, Väter,
Nachbarn, Erwachsene halt und andere kindbefasste Personen, auch Gurkinger
und andere Monster, und immer wieder Kinder) zur Welt und zum Reden zu bringen,
ist nicht nur eine handwerkliche, sondern auch eine humane Herausforderung.
Und darin, im Handwerklichen wie im Humanen, kann man bei Christine Nöstlinger
getrost in die Schule gehen, um dort vielleicht auch "Ein und alles"
(1992), das Buch der 365 Tage, vor und zurück zu lesen.
Für mich als "begleitenden" Lektor wurden jedenfalls ihre
Geschichten zum universalen Lehrstück. Was diese Autorin, stets im
Umgang mit ihrer Sprache und Fantasie, mir Jahr für Jahr auf den verlegerischen
Schreibtisch legte, prägte mich und prägte den Verlag. Ihre Manuskripte
waren übrigens stets briefbegleitet. 1972, nach dem "Gurkenkönig"
in der Maikäfer-Zeit, schreibt sie: Liebenswerter,
löblicher Meister, ich habs schwer! Weg vom Phantastischen Kinderbuch,
Realität einholen, alles gut und schön und gar nicht so schwer!
Aber Humanität einholen, das ist die Schwierigkeit.
Was sagt man zu einer liebenswerten Autorin, die man über alles schätzt
und bewundert, wenn sie unversehens ins 65. kommt? Lobt man sie, weil sie
in all den Jahren so viele wunderbare Bücher geschrieben hat? (Bücher,
die überall und in vielen Sprachen und oftmals schiefgelesen in den
Regalen liegen!) Lobt man sie, weil sie dem Verlag so viele Auflagen beschert
hat? Oder spricht man vom Glück der Stunde, als Christine und ich Anno
1969 auf einer Tagung in Urach ins Gespräch kamen über die Sprechblasenwelt
der Comics? Für mich war es jedenfalls ein Anfang, den ich nicht vergesse.
Verlegerisch gesehen müsste man jetzt ihre "Gesammelten Werke"
sichten, dem jugendbuchpreisgekrönten "Gurkenkönig"
eine Prachtausgabe gönnen. Dem Hugo-Kind in den besten Jahren wohl
auch. (Alle Geschichten bleiben, wenn sie gut sind, aber ihre Ausstattung
muss man alle zehn bis fünfzehn Jahre neu machen.)
Vielleicht aber auch, aufs Ganze bedacht und bedenkend auch, was Zusammenarbeit
von Autor und Lektor bedeuten kann, ist's vielleicht treffend und recht,
wenn ich abschließend aus einem Brief zitiere, den mir Christine Nöstlinger
1974 geschrieben hat, als wir noch viele Bücher vor uns hatten: Könnten
wir nicht zusammen eine Teppichknüpferei aufmachen. Mit einem Doppelwebstuhl.
Ein Hilfsarbeiter tut uns die Längsfäden auf den Webstuhl, und
wir sitzen dann davor und knüpfen die Fäden ein. Wir knüpfen
Sonnen und Monde und Sterne, und nehmen rot und violett und alle drei Minuten
halte ich Dir ein Fädchen vor die Nase und Du mir ein Fädchen
vor die Nase und sagen uns: ist's recht so! und nicken uns zu und knüpfen
ein. |
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Konrad Holzer macht im Programm Ö1 Sendungen zum Thema Literatur
und Kulinarik.

Zur Rezension des "Küchen-ABC" 
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Blunzendoppeldecker und Grüner
Veltliner Über Christine Nöstlingers Interesse am Kulinarischen
Von Konrad Holzer
Begonnen hat es in den späten Siebzigern am Morgen
in Ö3 mit einer Verweigerung: Dschi Dschei Wischer Dschunior wollte
nicht frühstücken, zu sehr warf der stressliche Schulalltag
mit seiner Magensaft-Nervosität die Schatten voraus. Später
dann, in der Schulpause, da konnte er dann schon Gustigkeits- und Gnaschtigkeitsprobleme
diskutieren.
Was is schon das eigene Jausenbrot gegen die
elegante Emmentaler-Honig-Nuß-Komposition, an der der Sitznachbar
mampft? Und kaum hast du gegen Draufgabe von zwei Radierern deinen Blunzendoppeldecker
gegen die Köstlichkeit vom Nachbarn getauscht, was siehst? Was schnupperst?
Ki-El Frohwisch schnabuliert ein Bärenschinkensandwitsch, was allemal
das höchste ist. Und hast endlich einmal was im Plastiksackel, was
deinem momentanen Gusterl entspricht wie meine schöne Kohlrabi-Paradeiser-Kombination
gesterntags, kommen alle Intimkollegen und verkosten sich eins solang
bist nix wie ein Paradeiserkörndl an der Mittelklaue picken hast.
Soweit Dschi-Dschei-Wischer-Dschunior im O-Ton.
Und wer Ohren hatte zu hören, der konnte da schon die Vertrautheit,
das Interesse am Kulinarischen bei Christine Nöstlinger heraushören.
Das hörte auch einer ihrer Verleger heraus. Hubert Hladej, der mit
ihr die Liebe zum Kochen und zu den Kochbüchern teilt, der aber auch
wieder mit ihr gemeinsam die Praxisferne von vielen Kochbüchern
kritisiert, konnte sie dazu überreden, ein Kochbuch zu schreiben.
"Mit zwei linken Kochlöffeln" heißt diese "Kleine
Animation für Küchenmuffel". Zehntausend Stück wurden
in den ersten beiden Monaten verkauft und dass diese Animation nie auf
einer Bestsellerliste erschienen ist, kann einem am Funktionieren derartiger
Aufstellungen schon zweifeln lassen. Meinem Exemplar sieht man es an,
dass es sehr oft in der Küche verwendet wird, andere wurden
wie Augenzeugen berichten sogar zum "Meinl am Graben"
als Einkaufshilfe mitgenommen.
Der Erfolg bewog Autorin und Verleger ein zweites Buch herauszugeben,
es sollte keine Fortsetzung werden, sondern einfach ein "Kleines
Köchelverzeichnis für Männer" und bekam den Titel
"Ein Hund kam in die Küche".
Heiter und einfühlsam, perfekt und spielerisch gelingt es Christine
Nöstlinger mit diesen Büchern zu beweisen: ...dass
jeder Mensch, gleich welchen Geschlechtes, kochen kann, wenn er nur fähig
ist, Wohlgeschmack von Gaumengraus eindeutig auseinanderhalten zu können.
Es ist ihr ein Anliegen, den "Geheimkult" der Hausfrauen zu
entmystifizieren, sie will das, was sie gerne isst, womit sie ihre Gäste
verwöhnt, anderen zuteil werden lassen.
Sie ist also auch privat eine perfekte Köchin, überfordert sich
nie, hat immer ein genaues Konzept und ein Gefühl für optimale
Qualität der Zutaten.
Nun noch einige Details aus Christine Nöstlingers privatem kulinarischen
Dasein: Ihr Lieblingslokal in Wien ist der Schnattl, ihr Lieblingskochbuchautor
Eckart Witzigmann (Paul Bocuse hält sie für einen Filou), ihr
Lieblingswein ist ein Grüner Veltliner aus dem Weinviertel, ein anderes
Lieblingsgetränk ist der Winzersekt von Hermenegild Mang aus Weißenkirchen.
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"Mit zwei linken Kochlöffeln" ist zur Zeit als Taschenbuch
bei dtv erhältlich, "Ein Hund kam in die Küche" ist
vergriffen.
Neu erschienen von Christine Nöstlinger:
Küchen-ABC
Von A wie "Arbeit antun" bis Z wie "zaubern"
Wien: Dachs Verlag 2003
ISBN 3-85191-281-0
128 S., € 14,90
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Barbara
Neuwirth, geboren 1958, lebt als Schriftstellerin in Wien, Mitter-Retzbach
und Salzburg. Seit 1990 zehn Buchpublikationen, darunter "Dunkler Fluß
des Lebens. Erzählungen" (Insel Verlag 1992); "Im Haus der
Schneekönigin. Novelle" (Wiener Frauenverlag 1995); "Wien
Stadt Bilder" (Löcker Verlag 1998); "Empedokles" Turm.
Novelle" (Milena Verlag 1998). |
Die Augen von der Nöstlinger.
Von Barbara Neuwirth
Was mir besonders an Christine Nöstlinger gefällt, wenn ich Bilder
von ihr betrachte, sind ihre wachen, klaren Augen. Ich weiß, das klingt
etwas ungewöhnlich, wo ich doch über die Nöstlinger schreibe,
eine Autorin, deren Meriten seitenfüllend sind. Allein die Tatsache,
dass von der Nöstlinger gesprochen wird, sagt Bände. In Österreich
gibt es kaum eine Bezeichnung, die klarer darauf hinweist, dass die benannte
Person eine Popularität und Bekanntheit erreicht hat, die sie sozusagen
schon fast zum "Volkseigentum" macht. Na danke, höre ich
die Nöstlinger da in meiner Phantasie sagen, aber ich gehöre mir
selbst und sonst niemandem. Recht hat sie.
Die Äußerungen der Nöstlinger in der Öffentlichkeit
sind meistens von der gesunden Distanz zu Vereinnahmung und Wortgeklingel
geprägt, und in ihren Büchern gibt es, trotz Humor und viel Zuneigung,
eine klare Linie zu Offenheit und Selbstbewusstsein. Aufmunternde Bücher
für Kinder, die nicht bloß was zum Lachen haben, sondern auch
positive Vorbilder finden. Kritische Bücher für Erwachsene, die
die Probleme nicht untern Teppich kehren und dann den Sessel darauf stellen.
Trotz der Tausenden Seiten, die Nöstlinger geschrieben hat, hat sie
sich damit nicht auf der Oberfläche bewegt, sondern immer an den Fassaden
gekratzt und den Finger auf die Wunde gelegt. Dass das oft kitzelte und
zum Lachen reizte, ist ein besonderes Talent ihres Schreibens, das ich immer
wieder mit Staunen zur Kenntnis nahm. Wie kann jemand, der so nachdenklich
ist, so viele lustige Geschichten schreiben?
Als in den 70er Jahren Nöstlinger als Autorin wie ein Jumbojet von
den Niederungen aufstieg und nicht nur Preise bekam, sondern vor allem auch
viele LeserInnen, war ich als Teenager an Kinderbüchern nicht interessiert.
Dennoch nahm ich die Autorin wahr. Las ihre Mundartgedichte, sah Fernsehfilme,
für die Nöstlinger das Drehbuch verfasst hatte, begann, als junge
Erwachsene, mit dem Buch "Das Krokodil im Fliederbusch singt wunderbare
Weisen" die österreichische Kinderliteratur der Gegenwart wahrzunehmen
und war plötzlich ein wenig enttäuscht, dass in meiner Kindheit
all diese wunderbaren Texte der Nöstlinger noch nicht erreichbar gewesen
waren. Nichts gegen Karl May. Nichts gegen Nils Holgersson, Lederstrumpf,
die Biene Maja oder eine Omama im Apfelbaum. Aber die feuerrote Friederike
wäre als weibliche Identifikationsfigur genial gewesen.
Um ein wenig abzuschweifen: Nöstlinger kann gar nicht 1936 geboren
sein! Denn sie hat über 100 Bücher, Stücke, Fernsehdrehbücher
geschrieben. Das geht sich einfach gar nicht aus in einem so kurzen Leben!
Andererseits: wenn ich mir die Augen der Nöstlinger ansehe, erblicke
ich ein fürwitziges Mädchen, das die Welt mit jedem Blick entdeckt.
Das mit ihrer Phantasie und diesem Blick die Welt neu gestaltet. In Erzählungen,
in Gedichten, in Drehbüchern. Und das dabei so schnell der Auffassung
ist, dass in der Kombination mit großem Fleiß auch ein großes
Werk entstehen kann.
Von wegen Werk, zurück, zum Beispiel zu Dschi Dsche-i Dschunior. Im
Radio zum Star aufgestiegen, bestimmte Dschi Dsche-i Dschunior Terminpläne
von SchülerInnen und Eltern, man stand rechtzeitig auf und blieb lange
genug zu Hause, um seine neuesten Weisheiten in der morgendlichen Radiosendung
zu erlauschen und später am Tag mitreden zu können mit den anderen,
die ebenfalls zugehört hatten. Auf eine seltsame Weise ist diese Art
"Unterhaltung" verloren gegangen: das Gewaltlose daran, die Ermunterung,
sich z.B. mit Generationenkonflikten zu beschäftigen, schienen mir
so liebenswert. Also: wo ist unser Dschi Dsche-i Dschunior? Zum 70er Revival
würde eine Neuauflage unseres Wischers wunderbar passen!
Am besten gefallen mir Nöstlingers Augen. Weil sie für mich alles
zusammenfassen, was durch Nöstlingers Finger aufs Papier geflossen
ist und auf den Buchseiten ausgebreitet nachgelesen werden kann. |
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Caroline Roeder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Insitut für
Deutsche Literatur an der Humboldt Universität Berlin. Als Rezensentin
für Kinder- und Jugendliteratur arbeitet sie unter anderem für
die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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Macht nix, macht nix, Ananas!
Oder wie ich lernte, Christine Nöstlinger zu verstehen.
Von Caroline Roeder
Es muß sich ändern, es muß
sich ändern! (Peter Bichsel)
Höre ich den Namen Christine Nöstlinger, denke ich: Ananas. Und
das kommt so.
Sie kennen sicherlich alle Peter Bichsels "Kindergeschichten".
Darin befindet sich die wunderbare Erzählung "Ein Tisch ist ein
Tisch", in der ein nicht näher namentlich bezeichneter Mann seine
heftigen Lebensänderungswünsche am Objekt Sprache umzusetzen versucht.
Das sieht dann so aus, dass er den Dingen neue Namen zuteilt. Er beginnt
mit dem Nächstliegenden, d.h. den Gegenständen, die ihn umgeben.
Für den Bichselschen Mann heißt das Bett fortan Bild, der Stuhl
Wecker, der Tisch Teppich und so fort. Diese Geschichte bekam ich als Kind
vorgelesen. Fein, denken Sie vielleicht, und dann? Aber bleiben wir noch
einen Moment bei dem lauschenden Kind: Noch hört es nur diese Geschichte
und versucht dabei nicht einzuschlafen. Was auch gelingt. Zudem beginnt
aber auch die Geschichte zu wirken. Und wie sie das tut! Sie funktioniert
wie ein Keimling, der im Kinde implantiert wird. Und dieser Keimling, ein
begründeter Zweifel gegenüber Worten und deren Bedeutung, wächst
nun im zarten Lesepflänzchen Kind unbemerkt heran. Soweit so gut, hier
haben wir die frühkindliche Zuhör-Literatur-Anamnese abgeschlossen
und können jetzt auch den Schauplatz des literarischen Geschehens,
die Bichselsche Schweiz, hinter uns lassen.
Und nun kommt Christine Nöstlinger. Das Kind liest voller Glück
deren Bücher. Darin entdeckt es Worte wie FISOLEN, PARADEISER oder
gar FLECKERLN. Geschmückt mit hübschen Sternchen finden sich am
unteren Seitenrand Erklärungen dieser fremdartigen Begrifflichkeiten.
Was soll das bedeuten?, denkt sich das Kind, denn es war schon in Wien auf
dem Prater Karussell gefahren. Kein Sternderl brauchte man dort, um zu verstehen,
was es dort alles gab. Das Kind fragt also die Eltern: Warum heißen
im Buch die Bohnen Fisolen und die Kartoffeln Erdäpfel und die Tomaten
Paradeiser? Prompt erhält es eine Antwort, welche lautet: In Österreich
hießen die Erdbeeren ja auch Ananas! So ist das also.
Dieser Konter auf die kindliche Wissbegierde erklärt, müssen Sie
zugeben, den Vorgang nicht direkt. Auch die Landesangabe "Österreich"
hilft in diesem Alter in keinster Weise weiter. Handelt es sich bei Ananas
und Erdbeeren vielleicht schlicht um ein gravierendes Missverständnis?
Liegt einfache Unwissenheit dem Ganzen zugrunde? Aber, das Kind ist
durch das viele Lesen und Vorgelesenbekommen klug und sowieso begabt. Die
Bücher von der Nöstlinger gefallen ihr außerdem fürchterlich
gut. Also denkt es weiter über den unerklärlichen Wortwechsel
nach. Und plötzlich erinnert es sich. Ja, es gibt eine einleuchtende
Erklärung, die das Kind aus seinem fundierten literarischen Wissen
schöpfen und logisch ableiten kann: Die Christine Nöstlinger macht
es wie der Mann aus der Geschichte. So wie dieser alle Gegenstände,
wie den Stuhl, den Tisch Sie erinnern sich umbenennt, so scheint
diese Nöstlinger vorzugehen. Aber das Kind erkennt auch die Besonderheit
der Nöstlinger, diese scheint sich nicht mit Umbenennungen zu begnügen,
nennt nicht die Bohnen Kartoffeln und die Kartoffeln Tomaten etc. Nein,
die Nöstlinger findet ganz eigene Worte, die paradeisisch klingen und
irgendwie appetitlich. Und bei diesem leckeren Gedanken wird dem Kind noch
etwas deutlich. Die Schriftstellerin scheint sich bei ihren Neuschaffungen
vorwiegend auf Lebensmittel zu konzentrieren. Genauer noch: Insbesondere
Obst und Gemüse liegen in ihrem Tätigkeitsfeld. Das erscheint
dem Kind etwas sonderbar, aber der Verdacht erhärtet sich bei der weiteren
Lektüre. Es liest einen Roman dieser Autorin, in dem eine ausgeprägte
Liebe zu einem Koch geschildert wird. Dieses Buch liefert weitere stichhaltige
Beweise, denn wer so über eine Kochliebe schreibt, dem liegt Essen
am Herzen. Sozusagen das letzte Mosaiksteinchen dieser Enthüllungsgeschichte
liefert schließlich das Titelbild dieses eben erwähnten Buches.
Es zeigt die verehrte Heldin der Geschichte, ein spakeliges Mädchen
mit dünnen Armen, die Zöpfe stehen wie schwarze Spargel trotzig
als Rahmen neben dem Gesicht. Von dem Mädchen erfährt man keinen
Namen, sie spricht in Ich-Form von sich, na klar, das ist die Nöstlinger.
So dünn!
Fast schon ein PS: Nur das Wörtchen "Bassena" sticht hervor
aus dem vermeintlich spezifischen Nöstlinger-Kulinaria-Wortschöpfungs-Arsenal.
Aber erstmal wird dieser Fremdkörper geflissentlich überlesen,
und als er dann bewusst bei der Lektüre doch noch wahrgenommen wird,
ist das Kind auch schon aus dem hungrigen Lesealter herausgewachsen und
nur noch der reine Wortzweifel treibt es um. Der Verehrung für die
Nöstlinger freilich, der ist es allemal nicht entwachsen. Wie auch,
so wie die mit dem Koch tanzt: Macht nix, macht nix, Ananas! |
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Irene
Judmayer, Kulturredakteurin der OÖNachrichten, Autorin (Satiren, Kindertheaterstücke),
wöchentliche Satire-Glosse "Sirene" (auch in den OÖN,
als Buch heuer erschienen: "Sirene " Echte Heuler" bei Gruppe
für angewandte Texte) |
Zwei glatt, zwei verkehrt
Über das Stricken bei Christine Nöstlinger und was man daraus
lernen kann.
Von Irene Judmayer
Zum Geburtstag ein dickes Danke, Christine Nöstlinger.
Dank Ihnen konnte ich tatsächlich wohl präpariert in den Alltag
treten. Nicht bloß, weil Ihre Ratschläge im Umgang mit dem
Lebensdrumherum und mit elterlichen Lebensschieflagen für mich genau
den Punkt trafen. Nein, vor allem die in vielen Büchern auftretenden
Hinweise auf das Stricken und das Häkeln waren sehr hilfreich.
Etwa die Geschichte mit dem strickenden Softi-Knaben aus "Luki-Live"
(1978), oder die arme strickende Joschi, mit der sich der ebenfalls strickende
Olfi Obermeier samt Ödipus (1984) auf ein Packel haut. Dann der "hellblaue
Pullover" aus dem Jahr 1997. Oder der mit Zweier-Nadel in fünf
Farben mühsam gestrickte Pullover aus dem "ABC für Großmütter"
(1999), der nach zwei Wochen und einer Waschmaschinenwaschung zum Walklodenjanker
für einen Fötus mutiert ist.
Irgendwie ziehen sich die Strick- und Häkelnadeln und das Selbstgestrickte
quer durch Ihre Bücher. Die Strickmaschen und die Häkelmaschen.
Und irgendwann bin ich draufgekommen, dass sie sich auch irgendwie durch
unser Leben ziehen. Wie die Endlosschleifen. Mit Endlosschleifen kennen
wir uns deswegen aus.
Außerdem haben wir uns schon in frühester Kindheit schwitzend
und klebrigen Fingers durch Topflappen und Schals gequält. Schleife
an Schleife haben wir über diverse Strick- und Häkelnadeln gezogen
und bis zur endgültigen Schlussmasche nicht aufgegeben. Das hat uns
geprägt. Wahre Meisterinnen im Endlosschleifen tun und lassen sind
wir geworden. Auch im Verfolgen von Mustern. Getrimmt durch jahrzehntelanges
Üben mit zwei glatt, zwei verkehrt, wie die Oma mit den Zweier-Nadeln.
Da sind wir gut trainiert. In jede feste Masche ein Stäbchen. Dazwischen
fünf Luftmaschen. So ein Häkelmuster ist doch wirklich eine
perfekte Metapher für eine Partnerschaft: Am Anfang braucht man immer
viele Luftmaschen, dann kommen meistens feste Maschen, Stäbchen und
so weiter. Am Ende wird der Faden abgeschnitten ...
Oder eben das Stricken: Da werden zuerst einmal Maschen angeschlagen,
und dann kommt die Geschichte mit dem glatt und verkehrt bis zum Fadenabschneiden.
Manchmal geht der Faden dazwischen aus, dann braucht man ein neues Knäuel.
Das haben wir Mädels über Jahrhunderte hinweg pflichtfachmäßig
in die Gene transportiert bekommen. Das hat deswegen auch längst
die Evolution beeinflusst. Schließlich sind Begriffe wie "bestrickend"
oder "gehäkelt werden" auch schon jedem geläufig.
Außerdem haben mittlerweile längst auch die Buben die Geschichte
mit dem schulmäßigen Häkeln und Stricken drauf. Wahrscheinlich
ist das der Grund, dass heutzutage jeder von der "Vernetzung"
reden kann.
Statt der Topflappen häkeln wir jetzt jedenfalls Partnerschaften.
In schönen Grundmustern. Das können wir gut. Auch wegen der
Determinierung durch Ihre Bücher, Frau Nöstlinger.
Und manchmal tapst auch so eine Katz" dazwischen und trennt alles
auf, weil sie mit dem Knäuel spielt. Und manchmal wird aus so einem
schönen großen Beziehungspullover wirklich ein Fötus-Walkjanker,
weil man nicht aufgepasst hat und statt der Handwäsche den Schleudergang
aufgedreht hat. Und manchmal treffen sich tatsächlich zwei so Musterstricker
und kommen vor lauter bösen Spielen mit den Nadeln überhaupt
und gar nicht zum Stricken.
Und insofern passen Ihre Bücher, Frau Nöstlinger, auch in diesen
Strickgeschichten so gut aufs Leben und ich les´ sie deswegen heute
noch genauso gern wie vor zwanzig Jahren.
Und darum schick´ ich Ihnen ein Danke zum Geburtstag. Und zwei Stricknadeln.
Und ein Knäuel. Das Muster dazu fällt Ihnen sicher selber besser
ein.
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Ausgelesen
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| Wolfgang Teuschl: Wiener Dialekt Lexikon Wien:
K. Schwarzer 1990, 270 S. |
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Ausgelesen von Christine Nöstlinger
Vor ein paar Jahren merkte ich, dass meinen Kindheitserinnerungen
auf deren Taufrische ich immer so stolz war nicht mehr zu
trauen ist, soweit es den "Text" der darin agierenden Personen
betrifft. Im Laufe der Jahrzehnte hatte ich sie sichtlich ihres wunderbaren
Dialekt-Wortschatzes beraubt. Bewusst wurde es mir, als ich ein paar Bücher
von einer Bücherwand zur anderen trug, wobei mir ein Buch
und zwar Wolfgang Teuschls "Dialekt Lexikon" entglitt,
zu Boden plumpste, aufblätterte, und mir die letzte bedruckte Seite
darbot. Als letztes Wort in der mittleren Spalte prunkte "Zwonek",
und mit einem Schlag war mir klar, dass mein Großvater nicht, wie
gern von mir erzählt, bei der Übergabe des Taschengeldes geflüstert
hatte, sein Eheweib solle den "Zwanziger" nicht sehen. Den "Zwonek"
hatte er mich ersucht, vor ihr zu verbergen!
Die Vokabel "Zwonek" hatte mein Hirn verschlampt. Misstrauisch
wie ich gegen mich bin, argwöhnte ich, dass der Zwonek nicht das
einzige vergessene Wort meiner Kindheitssprache sei. Also legte ich mir
den Teuschl ins Bett und las jede Nacht vor dem Einschlafen in ihm. Schön
brav von A nach Z, kein Wort überspringend, jedes gebührend
würdigend. Natürlich war mir abgesehen vom "Itzler",
der ein Tritt in den Hintern ist kein einziges Wort fremd. Sogar
den "Paluderer" identifizierte ich sofort als grausigen Ersatzkaffee.
Bloß wäre er mir nie im Leben eingefallen, hätte man mich
gefragt, wie grausiger Ersatzkaffee im Wiener Dialekt genannt werden kann.
Nach ein paar Wochen der Nacht-Lesungen war ich bei "si zwuzeln",
der letzten Vokabel, hatte die Sprache meiner Kindheit wieder perfekt
parat und hätte mich anderer Lektüre hingeben können. Ich
schaffte es nicht mich vom Teuschl zu trennen. Er liegt heute noch in
meinem Bett und lockt mich vor dem Einschlafen in ihm zu lesen. Das Faszinierende
an dieser Lektüre ist das Zuordnen gewisser Wörter und Redewendungen
zu bestimmten Personen. Das "Mamlas" zum Beispiel gehört
zu meiner Großmutter. Nur zu ihr! Sie war weit und breit die einzige,
die mit diesem sonderbaren Ausdruck tagtäglich den Herrn Wessely
beschimpfte. Und der revanchierte sich damit, dass er den "Quiqui"
anflehte, die "Pestgrammel" zu holen. Und die artige Redewendung
"Geh in Prater, Petroleumsackeln ausstauben" erinnert mich bitter
an den Schurli, der lieb mit mir spielte, wenn wir allein im Hof waren,
aber mir die Petroleum-Gemeinheit empfahl, sobald andere Kinder dazu kamen.
Intensiv spüre ich auch meine kindliche Ratlosigkeit, wenn unser
Nachbar über sein Eheweib klagte: "Sie setzt sich dauernd einen
Schädel auf!"
Menschen, an die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht habe, sind plötzlich
wieder in meinem Kopf, wenn ein Dialekt-Wort die Erinnerung an sie aktiviert.
Vergnüglicher als das Wiener Dialekt Lexikon hat mich noch kein Buch
in den Schlaf geschaukelt. Und die Träume, die sich dann einstellen,
sind auch durchwegs von besserer Qualität als ohne vorangegangene
Teuschl-Lesung. Kurz und gut: Der Teuschl bleibt im Bett! Und heute in
der Nacht werde ich mich der ersten S-Seite widmen und über den "Herrn
Sachen" und die "Salatstecher" sinnieren.
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Bassena/bassena (f.) Wasserhahn in alten Zinshäusern,
über kleiner, halbrunder gußeiserner Muschel, außerhalb
der Wohnung auf dem Flur gelegen, zum Wasserholen für mehrere
Hausbewohner geeignet (und damit gleichzeitig ein Kommunikationszentrum);
"Wasserentnahmestelle im Wohnungsverband" (amtliche Bezeichnung)
aus: Teuschl: Wiener Dialekt Lexikon |
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