Zurück zur Bibliothek

Der Nöstlinger ihre Verlegerin – Von Silke Weitendorf

"Avanti Popolo" für Christine Nöstlinger – Von Hubert Hladej

Mit einem Doppelwebstuhl – Von Hans-Joachim Gelberg

Blunzendoppeldecker und Grüner Veltliner – Von Konrad Holzer

Die Augen von der Nöstlinger –Von Barbara Neuwirth

Macht nix, macht nix, Ananas! – Von Caroline Roeder

Zwei glatt, zwei verkehrt – Von Irene Judmayer

Ausgelesen von Christine Nöstlinger

Alle Beiträge © bei den AutorInnen

Biografische Notizen und Werkliste in ALIDA

Christine Nöstlinger im Dachs-Verlag

Christine Nöstlinger im Verlag Beltz & Gelberg

 
   

Pippi Langstrumpf

Illustration von © Linda Wolfsgruber aus 1000 und 1 Buch 3|02

   
     Silke Weitendorf ist Verlegerin des Friedrich Oetinger Verlages in Hamburg.

Vor mehr als dreißig Jahren, da gab es noch das "sternchen", die Kinderbeilage der Illustrierten "Stern". Und dort sollte damals, 1970, der zweite Roman einer jungen österreichischen Autorin als Vorabdruck erscheinen. Eine Geschichte von ganz sonderbaren Dingen, die geschehen, als Oma Seifertiz die Ratschläge des Mr. Bat befolgt, der die größte Erfindung aller Zeiten gemacht hat … Es war ein Science-Fiction-Märchen, auf das die Redakteurin der Zeitschrift uns damals aufmerksam machte – frisch und unkonventionell, wenngleich auch in teilweise ungewohnt österreichischer Tonlage.
"Mr. Bats Meisterstück oder Die total verjüngte Oma" wurde 1971 der erste Titel, den Christine Nöstlinger im Oetinger Verlag veröffentlichte. Es folgten unter anderem die Trilogie von Gretchen Sackmeier, die Franz-Geschichten, Luki-live, Ilse Janda, 14, Olfi Obermeier und viele mehr. 30 Bücher in dreißig Jahren. Bücher, in denen sie die Wirklichkeit mit all ihren Freuden, Sorgen und Nöten so schildert, dass der Leser sich ernst genommen fühlt. Bücher, in denen sie schwerwiegende Probleme behandelt, verzwickte Familienverhältnisse, Scheidung und Ehekrise, Frustration und Flucht, Frauen- und Männerrollen, Schulprobleme, Umweltschutz und immer wieder ein Plädoyer für die Selbstbestimmung des Kindes hält – am schönsten dargestellt in der herrlich verrückten und humorvollen Satire von Konrad, dem Kind aus der Konservenbüchse, das sich vom fabrikmäßig hergestellten Anpasser zum aufmüpfigen antiautoritären Jungen entwickelt.
Nie fehlen bei ihr jedoch der köstliche Humor und die Ironie, die jedes Buch zu einem reinen Lesevergnügen werden lassen. Und es ist gerade ihre Sprache mit den vielen Wortschöpfungen und Neuzusammensetzungen, die das absolut ungewöhnlich Frische und Besondere an ihren Büchern ausmachen. Dabei war gerade die Sprache am Anfang unserer Zusammenarbeit noch ein Problem. "Ich nehm dem Papa sein Rad" zum Beispiel ist zwar "echt Nöstlinger", hätte aber Eltern und Lehrer in Deutschland aufschreien lassen. Also wurde daraus "Ich nehm das Rad vom Papa". "Papas Rad" aber wäre unmöglich gewesen, hätte Christine nicht gefallen und wäre nicht ihre Sprache gewesen. Aber alles, was sich aus dem Text erklärt, haben wir gelassen und so wissen unzählige Kinder in Deutschland nun, dass Tomaten auch "Paradeiser" heißen können und ein Kasten manchmal kein Kasten, sondern ein Schrank ist.
Zu meinen absoluten Lieblingsfiguren gehört der piepsstimmige, mit Ringellocken bekränzte Franz, der auf ganz einfache Weise alle diese Nöstlinger-Qualitäten vereint. Als 1979 die Erstlesereihe "Sonne, Mond und Sterne" startete, fragten wir Christine, ob sie nicht Lust hätte, für die Reihe zu schreiben. Zunächst erschienen ihr die Vorgaben zu didaktisch, aber sie wollte es versuchen. 1983 überraschte sie uns dann mit dem ersten Band der "Geschichten vom Franz", diesem idealen Buch-Charakter, der so ideenreich sein Kinderleben lebt und den sie mit ihrem unverwechselbaren Charme und mit viel Humor zum Leben erweckt hat und von dem es mittlerweile elf Bände gibt. Ich weiß nicht, wie oft ich schon die Geschichte vom "Muttertagshut" laut vorgelesen habe – am besten vor jungen Eltern – und immer wieder spontane Begeisterung erntete. Denn am "Franz" zeigt sich ein typisches Nöstlinger-Phänomen besonders deutlich: Die Geschichten gefallen sowohl Kindern als auch Erwachsenen. Sie lachen zwar nicht an den gleichen Stellen, aber sie lachen.
Christine Nöstlinger möchte nämlich, dass der Erwachsene auch etwas von der Geschichte hat, die er seinen Kindern vorliest. Sie selbst dagegen liest gar nicht gerne vor – obwohl sie es hervorragend gut kann. Denn Christine Nöstlinger versteht es nicht nur beim geschriebenen, sondern auch beim gesprochenen Wort so anschaulich, unprätentiös und mit trockenem Humor zu erzählen, dass man gar nicht aufhören möchte mit ihr zu sprechen. Sie ist ein heiterer, positiv eingestellter Mensch, geht mit sich selbst robust um und lässt es kaum zu, dass man sie bedauert oder tröstet. Sie ist eigentlich die Ideal-Autorin, die sich jeder Verleger wünscht. Christine Nöstlinger ist eine äußerst unkomplizierte Autorin, "pflegeleicht" sagt sie selbst. Ein Profi, bei dem man als Verleger wirklich noch das Gefühl hat, sich gegenseitig zu ergänzen, um für beide Seiten das Optimale zu erreichen.
Wenn wir sie um ein neues Buch baten, dann sagte sie ganz einfach "Ja, mein Schatz, das kriegst du". Und es kam tatsächlich. Und sicher hätte es auch weniger Franz-Geschichten gegeben, wenn wir nicht immer wieder neue Themen angeregt hätten: Reisegeschichten, Freundschaftsgeschichten, Umweltgeschichten und andere. Nur – und das ist auch typisch Christine – war das nächste Manuskript dann gar keines aus dem vorgeschlagenen Themenkreis, nein, dann kam etwas überraschend anderes. Und an die Fußballgeschichten mag sie sich noch nicht herantasten, das Wagnis sei ihr zu groß, da sie nichts vom Fußball verstehe.
Mit oder ohne Fußballgeschichten – wir wünschen uns, dass wir mit Christine noch viele gute Jahre zusammenarbeiten werden, freuen uns auf ihre nächsten Bücher und Ideen und wünschen Ihr, dass Sie auch in Zukunft so optimistisch, humorvoll und unabhängig bleibt wie bisher!

   
           
     

Vater von Pippi Langstrumpf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Illustration von Linda Wolfsgruber für 1000 und 1 Buch 3|02

   
      Nach oben  
    Hubert Hladej, Wien, begleitete Christine Nöstlinger verlegerisch schon bei Jugend & Volk und viele Jahre im eigenen Dachs Verlag. Vor etwa dreißig Jahren lernte ich Christine Nöstlinger kennen. Der Anlass war ein neues Lesewerk für die Volksschule mit dem Titel: "Unser Lesehaus"; ein Gemeinschaftswerk der Wiener Gruppe von Kinder- und JugendbuchautorInnen. Als HerausgeberInnen fungierten zwei verdiente VolksschulpädagogInnen.
Misstrauisch beäugte mich Christine Nöstlinger, ich erschien ihr zu artig und zu angepasst für mein damaliges Alter, noch dazu ein Schulbuchlektor, was Langweiligeres war in der damaligen Autorenszene nicht vorstellbar.
Ich hatte es nicht leicht. Subtil musste ich die HerausgeberInnen überzeugen, dass Texte von KinderbuchautorInnen mehr Motivation zum Lesen, zum Auseinandersetzen mit Inhalten und Fragen bieten als Texte, denen jeder Pfiff und Humor abgeht.
Subtil musste ich die AutorInnen überzeugen, dass diese Arbeit die Chance bot, mehr Leben und Wirklichkeit in die Schule zu bringen und den Quargelsturz des sogenannten "Wahren, Schönen und Guten" in die pädagogische Rumpelkammer zu stellen.
So entstanden "Das Haus Marillengasse 4", Tiergeschichten und andere Anthologien jeweils für die Schulstufen zwei, drei und vier. Es war für mich der Einstieg in die Kinderbuchproduktion, denn die einzelnen Bände erschienen nicht nur als Schulbücher, sie wurden auch als Kinderbücher verkauft und waren letztendlich hier erfolgreicher.
Im Anschluss an die "Marillengasse" arbeiteten wir noch gemeinsam an weiteren Schulbuchprojekten und fühlten Genugtuung, wenn die Pädagogen unseren Vorstellungen nachgaben " weniger aus Überzeugung, eher weil sie nicht als Fossile schwarzer Pädagogik dastehen wollten. Den Beginn unserer Freundschaft aus ihrer Sicht schildert Christine Nöstlinger so: Der Hubert hat gesungen, und sein Gesang hat mich betört: einer der SO singt, habe ich mir gesagt, kann kein simpler Schulbuchhengst sein! Das war meinerseits der Anfang unserer Freundschaft ...
Dabei habe ich beim Singen ziemliche Textprobleme, heraus kommen kuriose Medleys. Die dürften Unterhaltungswert haben.
Einmal erzählte ich ihr, dass ich gern Klarinette gelernt hätte. Zu meinem fünfzigsten Geburtstag schenkte sie mir eine B-Klarinette und verband damit den Wunsch, dass ich zu ihrem Sechziger "Avanti Popolo" spielen sollte. Mit Feuereifer nahm ich Stunden, konnte bald ganz hörbar spielen, jedoch ein Bandscheiben- und andere Vorfälle unterbanden meinen Eifer und so wurde aus dem Vorspielen nichts. Ich hatte zwar speziell noch dieses Lied geübt, aber es vor Publikum zu spielen, da verließ mich der Mut. So richtig verziehen hat sie mir das noch nicht. Obwohl: so richtig nachtragend ist sie nicht. Ich habe sie als eine sehr verständnisvolle und geduldige Autorin erlebt und vor allem als eine sehr pünktliche.
Über Kinderbücher reden wir nur selten, nur das Notwendigste. Unsere Hauptthemen sind Politik, weniger Gott, mehr die Welt. Und Kochen. Von meinen Kochkünsten lässt sie allenfalls die Würste gelten und den Schnaps. Schweigen ist schon ein Lob. Für Zank ist gesorgt, wenn wir uns mit unserem Garten berühmen und beiläufig etwa im Juni fragen, ob es denn noch Schnee gäbe im Waldviertel.
Freundschaften zwischen AutorInnen und VerlegerInnen sind facettenreich. Sie werden gerne mit verwandtschaftlichen Verhältnissen verglichen, wobei die jeweiligen Rollen nach Belieben vergeben werden. Die Grenzen dieser Freundschaft sind häufig eng, weil sie Zweckfreundschaften sind. Unstimmigkeiten können bald zum Bruch führen, der gemeinsame Zweck kann aber den Bruch wieder kitten.
Wir mögen uns. Wir wissen von einander, was wir können, was wir nicht können, was wir wollen und was wir nicht wollen. Wir gehen uns eigentlich nie auf die Nerven. Ihre Küche ist himmlisch und Ernst Nöstlinger ein versierter Sommelier für Käse und Wein und wie sie ein amüsanter und spannender Gesprächspartner.
Ein schlechtes Gewissen habe ich schon. Ich bin noch etwas schuldig: "Avanti Popolo" auf der Klarinette. Ich werde wieder üben.
   
      Nach oben  
    Hans-Joachim Gelberg leitete von 1971 bis 1997 den Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim. Nun habe ich wieder einmal in Christine Nöstlingers Briefen gelesen – um mich einzunisten in Erinnerung an dreißigjährigen werknahen, liebevollen Austausch. Es soll sozusagen ein kleiner Tusch zu Christines 65. Geburtstag werden.
Es ist noch nicht lange her (so kommt es mir jedenfalls vor), dass ich den "Nussknacker", mein 2. Werkstattbuch (einmalige Auflage 1986), Christine Nöstlinger zum 50. Geburtstag widmete. Darin ihre oft zitierte Aussage: Ich kann nur über Dinge schreiben, die ich kenne. Oder auch ihre oftmals zitierte Rede "Ist Kinderliteratur Literatur?" Merkwürdigerweise beschäftigt uns diese Frage immer noch, und zwar vermehrt, weil die Zuwendung all jener, die es hätten wissen und sagen und tun sollen, ausgeblieben ist. Die großen Theorienmacher sind sich immer noch uneins. Als hätte Christine Nöstlinger nicht in 30 Jahren mit ihren 150 Romanen und Geschichten (Gedichte nicht zu vergessen) auch allen Ignoranten längst bewiesen, dass sie nicht nur große Literatur schreibt, dass vielmehr Kinderliteratur zum poetischen Bestand der Literatur in aller Welt gehört. Vielleicht war es falsch, in dieser aufregenden Zeit (es war keine sanfte Zeit), die Literatur sozusagen in zwei Etagen zu etablieren: unten fürs Kind, oben für Erwachsene. Selten gelangte etwas in den Aufzug nach oben, nur hier und da etwas Kinderliterarisches. Vielleicht ist es auch falsch, sehnsuchtsvoll auf den Aufzug nach oben zu warten, als hinge davon die Seligkeit ab; denn was aufhebenswert ist, bestimmt die Kinderliteratur immer noch selbst. Das ist kein Zufall, vielleicht sogar Glück! Unwiderruflich ist ja das eigentlich Prägende dieser Literatur die Nähe zur Kindheit. Und davon weiß jede Literatur, wo immer wir ihr begegnen, ein Lied zu singen. Christine Nöstlinger beginnt ihre unvergessliche Geschichte "Von der Frieda" (1977) mit einem Hinweis: Von der Frieda kann man nur schwer eine Geschichte schreiben. Aber Frieda hat genauso ein Recht auf eine Geschichte, wie jede andere Fünfzehnjährige. Man muß sich also Mühe geben; beim Schreiben und beim Lesen.
Die Mühe des Schreibens (man merkt es ihren Büchern nicht an) hat Christine Nöstlinger unzählige Male auf vielfältige Weise zu ihrer Nagelprobe gemacht. Denn ausgedachtes-vorausgedachtes-nachgedachtes Gestalten, Figuren wie Menschen (Großväter, Mütter, Väter, Nachbarn, Erwachsene halt und andere kindbefasste Personen, auch Gurkinger und andere Monster, und immer wieder Kinder) zur Welt und zum Reden zu bringen, ist nicht nur eine handwerkliche, sondern auch eine humane Herausforderung. Und darin, im Handwerklichen wie im Humanen, kann man bei Christine Nöstlinger getrost in die Schule gehen, um dort vielleicht auch "Ein und alles" (1992), das Buch der 365 Tage, vor und zurück zu lesen.
Für mich als "begleitenden" Lektor wurden jedenfalls ihre Geschichten zum universalen Lehrstück. Was diese Autorin, stets im Umgang mit ihrer Sprache und Fantasie, mir Jahr für Jahr auf den verlegerischen Schreibtisch legte, prägte mich und prägte den Verlag. Ihre Manuskripte waren übrigens stets briefbegleitet. 1972, nach dem "Gurkenkönig" in der Maikäfer-Zeit, schreibt sie: Liebenswerter, löblicher Meister, ich habs schwer! Weg vom Phantastischen Kinderbuch, Realität einholen, alles gut und schön und gar nicht so schwer! Aber Humanität einholen, das ist die Schwierigkeit.
Was sagt man zu einer liebenswerten Autorin, die man über alles schätzt und bewundert, wenn sie unversehens ins 65. kommt? Lobt man sie, weil sie in all den Jahren so viele wunderbare Bücher geschrieben hat? (Bücher, die überall und in vielen Sprachen und oftmals schiefgelesen in den Regalen liegen!) Lobt man sie, weil sie dem Verlag so viele Auflagen beschert hat? Oder spricht man vom Glück der Stunde, als Christine und ich Anno 1969 auf einer Tagung in Urach ins Gespräch kamen über die Sprechblasenwelt der Comics? Für mich war es jedenfalls ein Anfang, den ich nicht vergesse. Verlegerisch gesehen müsste man jetzt ihre "Gesammelten Werke" sichten, dem jugendbuchpreisgekrönten "Gurkenkönig" eine Prachtausgabe gönnen. Dem Hugo-Kind in den besten Jahren wohl auch. (Alle Geschichten bleiben, wenn sie gut sind, aber ihre Ausstattung muss man alle zehn bis fünfzehn Jahre neu machen.)
Vielleicht aber auch, aufs Ganze bedacht und bedenkend auch, was Zusammenarbeit von Autor und Lektor bedeuten kann, ist's vielleicht treffend und recht, wenn ich abschließend aus einem Brief zitiere, den mir Christine Nöstlinger 1974 geschrieben hat, als wir noch viele Bücher vor uns hatten: Könnten wir nicht zusammen eine Teppichknüpferei aufmachen. Mit einem Doppelwebstuhl. Ein Hilfsarbeiter tut uns die Längsfäden auf den Webstuhl, und wir sitzen dann davor und knüpfen die Fäden ein. Wir knüpfen Sonnen und Monde und Sterne, und nehmen rot und violett und alle drei Minuten halte ich Dir ein Fädchen vor die Nase und Du mir ein Fädchen vor die Nase und sagen uns: ist's recht so! und nicken uns zu und knüpfen ein.
   
   

 

Nach oben  
   

Konrad Holzer macht im Programm Ö1 Sendungen zum Thema Literatur und Kulinarik.

 

Buchcover Küchen-ABC

 

Zur Rezension des "Küchen-ABC"

Blunzendoppeldecker und Grüner Veltliner – Über Christine Nöstlingers Interesse am Kulinarischen
Von Konrad Holzer

Begonnen hat es in den späten Siebzigern am Morgen in Ö3 mit einer Verweigerung: Dschi Dschei Wischer Dschunior wollte nicht frühstücken, zu sehr warf der stressliche Schulalltag mit seiner Magensaft-Nervosität die Schatten voraus. Später dann, in der Schulpause, da konnte er dann schon Gustigkeits- und Gnaschtigkeitsprobleme diskutieren.
Was is schon das eigene Jausenbrot gegen die elegante Emmentaler-Honig-Nuß-Komposition, an der der Sitznachbar mampft? Und kaum hast du gegen Draufgabe von zwei Radierern deinen Blunzendoppeldecker gegen die Köstlichkeit vom Nachbarn getauscht, was siehst? Was schnupperst? Ki-El Frohwisch schnabuliert ein Bärenschinkensandwitsch, was allemal das höchste ist. Und hast endlich einmal was im Plastiksackel, was deinem momentanen Gusterl entspricht – wie meine schöne Kohlrabi-Paradeiser-Kombination gesterntags, kommen alle Intimkollegen und verkosten sich eins –solang bist nix wie ein Paradeiserkörndl an der Mittelklaue picken hast.
Soweit Dschi-Dschei-Wischer-Dschunior im O-Ton.
Und wer Ohren hatte zu hören, der konnte da schon die Vertrautheit, das Interesse am Kulinarischen bei Christine Nöstlinger heraushören. Das hörte auch einer ihrer Verleger heraus. Hubert Hladej, der mit ihr die Liebe zum Kochen und zu den Kochbüchern teilt, der aber auch – wieder mit ihr gemeinsam – die Praxisferne von vielen Kochbüchern kritisiert, konnte sie dazu überreden, ein Kochbuch zu schreiben. "Mit zwei linken Kochlöffeln" heißt diese "Kleine Animation für Küchenmuffel". Zehntausend Stück wurden in den ersten beiden Monaten verkauft und dass diese Animation nie auf einer Bestsellerliste erschienen ist, kann einem am Funktionieren derartiger Aufstellungen schon zweifeln lassen. Meinem Exemplar sieht man es an, dass es sehr oft in der Küche verwendet wird, andere wurden – wie Augenzeugen berichten – sogar zum "Meinl am Graben" als Einkaufshilfe mitgenommen.
Der Erfolg bewog Autorin und Verleger ein zweites Buch herauszugeben, es sollte keine Fortsetzung werden, sondern einfach ein "Kleines Köchelverzeichnis für Männer" und bekam den Titel "Ein Hund kam in die Küche".
Heiter und einfühlsam, perfekt und spielerisch gelingt es Christine Nöstlinger mit diesen Büchern zu beweisen: ...dass jeder Mensch, gleich welchen Geschlechtes, kochen kann, wenn er nur fähig ist, Wohlgeschmack von Gaumengraus eindeutig auseinanderhalten zu können.
Es ist ihr ein Anliegen, den "Geheimkult" der Hausfrauen zu entmystifizieren, sie will das, was sie gerne isst, womit sie ihre Gäste verwöhnt, anderen zuteil werden lassen.
Sie ist also auch privat eine perfekte Köchin, überfordert sich nie, hat immer ein genaues Konzept und ein Gefühl für optimale Qualität der Zutaten.
Nun noch einige Details aus Christine Nöstlingers privatem kulinarischen Dasein: Ihr Lieblingslokal in Wien ist der Schnattl, ihr Lieblingskochbuchautor Eckart Witzigmann (Paul Bocuse hält sie für einen Filou), ihr Lieblingswein ist ein Grüner Veltliner aus dem Weinviertel, ein anderes Lieblingsgetränk ist der Winzersekt von Hermenegild Mang aus Weißenkirchen.

"Mit zwei linken Kochlöffeln" ist zur Zeit als Taschenbuch bei dtv erhältlich, "Ein Hund kam in die Küche" ist vergriffen.

Neu erschienen von Christine Nöstlinger:
Küchen-ABC
Von A wie "Arbeit antun" bis Z wie "zaubern"

Wien: Dachs Verlag 2003
ISBN 3-85191-281-0
128 S., € 14,90

 
   

 

Nach oben  
    Barbara Neuwirth, geboren 1958, lebt als Schriftstellerin in Wien, Mitter-Retzbach und Salzburg. Seit 1990 zehn Buchpublikationen, darunter "Dunkler Fluß des Lebens. Erzählungen" (Insel Verlag 1992); "Im Haus der Schneekönigin. Novelle" (Wiener Frauenverlag 1995); "Wien Stadt Bilder" (Löcker Verlag 1998); "Empedokles" Turm. Novelle" (Milena Verlag 1998). Was mir besonders an Christine Nöstlinger gefällt, wenn ich Bilder von ihr betrachte, sind ihre wachen, klaren Augen. Ich weiß, das klingt etwas ungewöhnlich, wo ich doch über die Nöstlinger schreibe, eine Autorin, deren Meriten seitenfüllend sind. Allein die Tatsache, dass von der Nöstlinger gesprochen wird, sagt Bände. In Österreich gibt es kaum eine Bezeichnung, die klarer darauf hinweist, dass die benannte Person eine Popularität und Bekanntheit erreicht hat, die sie sozusagen schon fast zum "Volkseigentum" macht. Na danke, höre ich die Nöstlinger da in meiner Phantasie sagen, aber ich gehöre mir selbst und sonst niemandem. Recht hat sie.
Die Äußerungen der Nöstlinger in der Öffentlichkeit sind meistens von der gesunden Distanz zu Vereinnahmung und Wortgeklingel geprägt, und in ihren Büchern gibt es, trotz Humor und viel Zuneigung, eine klare Linie zu Offenheit und Selbstbewusstsein. Aufmunternde Bücher für Kinder, die nicht bloß was zum Lachen haben, sondern auch positive Vorbilder finden. Kritische Bücher für Erwachsene, die die Probleme nicht untern Teppich kehren und dann den Sessel darauf stellen.
Trotz der Tausenden Seiten, die Nöstlinger geschrieben hat, hat sie sich damit nicht auf der Oberfläche bewegt, sondern immer an den Fassaden gekratzt und den Finger auf die Wunde gelegt. Dass das oft kitzelte und zum Lachen reizte, ist ein besonderes Talent ihres Schreibens, das ich immer wieder mit Staunen zur Kenntnis nahm. Wie kann jemand, der so nachdenklich ist, so viele lustige Geschichten schreiben?
Als in den 70er Jahren Nöstlinger als Autorin wie ein Jumbojet von den Niederungen aufstieg und nicht nur Preise bekam, sondern vor allem auch viele LeserInnen, war ich als Teenager an Kinderbüchern nicht interessiert. Dennoch nahm ich die Autorin wahr. Las ihre Mundartgedichte, sah Fernsehfilme, für die Nöstlinger das Drehbuch verfasst hatte, begann, als junge Erwachsene, mit dem Buch "Das Krokodil im Fliederbusch singt wunderbare Weisen" die österreichische Kinderliteratur der Gegenwart wahrzunehmen und war plötzlich ein wenig enttäuscht, dass in meiner Kindheit all diese wunderbaren Texte der Nöstlinger noch nicht erreichbar gewesen waren. Nichts gegen Karl May. Nichts gegen Nils Holgersson, Lederstrumpf, die Biene Maja oder eine Omama im Apfelbaum. Aber die feuerrote Friederike wäre als weibliche Identifikationsfigur genial gewesen.
Um ein wenig abzuschweifen: Nöstlinger kann gar nicht 1936 geboren sein! Denn sie hat über 100 Bücher, Stücke, Fernsehdrehbücher geschrieben. Das geht sich einfach gar nicht aus in einem so kurzen Leben! Andererseits: wenn ich mir die Augen der Nöstlinger ansehe, erblicke ich ein fürwitziges Mädchen, das die Welt mit jedem Blick entdeckt. Das mit ihrer Phantasie und diesem Blick die Welt neu gestaltet. In Erzählungen, in Gedichten, in Drehbüchern. Und das dabei so schnell der Auffassung ist, dass in der Kombination mit großem Fleiß auch ein großes Werk entstehen kann.
Von wegen Werk, zurück, zum Beispiel zu Dschi Dsche-i Dschunior. Im Radio zum Star aufgestiegen, bestimmte Dschi Dsche-i Dschunior Terminpläne von SchülerInnen und Eltern, man stand rechtzeitig auf und blieb lange genug zu Hause, um seine neuesten Weisheiten in der morgendlichen Radiosendung zu erlauschen und später am Tag mitreden zu können mit den anderen, die ebenfalls zugehört hatten. Auf eine seltsame Weise ist diese Art "Unterhaltung" verloren gegangen: das Gewaltlose daran, die Ermunterung, sich z.B. mit Generationenkonflikten zu beschäftigen, schienen mir so liebenswert. Also: wo ist unser Dschi Dsche-i Dschunior? Zum 70er Revival würde eine Neuauflage unseres Wischers wunderbar passen!
Am besten gefallen mir Nöstlingers Augen. Weil sie für mich alles zusammenfassen, was durch Nöstlingers Finger aufs Papier geflossen ist und auf den Buchseiten ausgebreitet nachgelesen werden kann.
   
   

 

Nach oben  
   

Caroline Roeder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Insitut für Deutsche Literatur an der Humboldt Universität Berlin. Als Rezensentin für Kinder- und Jugendliteratur arbeitet sie unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

 

Foto Ananas

Es muß sich ändern, es muß sich ändern! (Peter Bichsel)

Höre ich den Namen Christine Nöstlinger, denke ich: Ananas. Und das kommt so.
Sie kennen sicherlich alle Peter Bichsels "Kindergeschichten". Darin befindet sich die wunderbare Erzählung "Ein Tisch ist ein Tisch", in der ein nicht näher namentlich bezeichneter Mann seine heftigen Lebensänderungswünsche am Objekt Sprache umzusetzen versucht. Das sieht dann so aus, dass er den Dingen neue Namen zuteilt. Er beginnt mit dem Nächstliegenden, d.h. den Gegenständen, die ihn umgeben. Für den Bichselschen Mann heißt das Bett fortan Bild, der Stuhl Wecker, der Tisch Teppich und so fort. Diese Geschichte bekam ich als Kind vorgelesen. Fein, denken Sie vielleicht, und dann? Aber bleiben wir noch einen Moment bei dem lauschenden Kind: Noch hört es nur diese Geschichte und versucht dabei nicht einzuschlafen. Was auch gelingt. Zudem beginnt aber auch die Geschichte zu wirken. Und wie sie das tut! Sie funktioniert wie ein Keimling, der im Kinde implantiert wird. Und dieser Keimling, ein begründeter Zweifel gegenüber Worten und deren Bedeutung, wächst nun im zarten Lesepflänzchen Kind unbemerkt heran. Soweit so gut, hier haben wir die frühkindliche Zuhör-Literatur-Anamnese abgeschlossen und können jetzt auch den Schauplatz des literarischen Geschehens, die Bichselsche Schweiz, hinter uns lassen.
Und nun kommt Christine Nöstlinger. Das Kind liest voller Glück deren Bücher. Darin entdeckt es Worte wie FISOLEN, PARADEISER oder gar FLECKERLN. Geschmückt mit hübschen Sternchen finden sich am unteren Seitenrand Erklärungen dieser fremdartigen Begrifflichkeiten. Was soll das bedeuten?, denkt sich das Kind, denn es war schon in Wien auf dem Prater Karussell gefahren. Kein Sternderl brauchte man dort, um zu verstehen, was es dort alles gab. Das Kind fragt also die Eltern: Warum heißen im Buch die Bohnen Fisolen und die Kartoffeln Erdäpfel und die Tomaten Paradeiser? Prompt erhält es eine Antwort, welche lautet: In Österreich hießen die Erdbeeren ja auch Ananas! – So ist das also.
Dieser Konter auf die kindliche Wissbegierde erklärt, müssen Sie zugeben, den Vorgang nicht direkt. Auch die Landesangabe "Österreich" hilft in diesem Alter in keinster Weise weiter. Handelt es sich bei Ananas und Erdbeeren vielleicht schlicht um ein gravierendes Missverständnis? Liegt einfache Unwissenheit dem Ganzen zugrunde? – Aber, das Kind ist durch das viele Lesen und Vorgelesenbekommen klug und sowieso begabt. Die Bücher von der Nöstlinger gefallen ihr außerdem fürchterlich gut. Also denkt es weiter über den unerklärlichen Wortwechsel nach. Und plötzlich erinnert es sich. Ja, es gibt eine einleuchtende Erklärung, die das Kind aus seinem fundierten literarischen Wissen schöpfen und logisch ableiten kann: Die Christine Nöstlinger macht es wie der Mann aus der Geschichte. So wie dieser alle Gegenstände, wie den Stuhl, den Tisch – Sie erinnern sich – umbenennt, so scheint diese Nöstlinger vorzugehen. Aber das Kind erkennt auch die Besonderheit der Nöstlinger, diese scheint sich nicht mit Umbenennungen zu begnügen, nennt nicht die Bohnen Kartoffeln und die Kartoffeln Tomaten etc. Nein, die Nöstlinger findet ganz eigene Worte, die paradeisisch klingen und irgendwie appetitlich. Und bei diesem leckeren Gedanken wird dem Kind noch etwas deutlich. Die Schriftstellerin scheint sich bei ihren Neuschaffungen vorwiegend auf Lebensmittel zu konzentrieren. Genauer noch: Insbesondere Obst und Gemüse liegen in ihrem Tätigkeitsfeld. Das erscheint dem Kind etwas sonderbar, aber der Verdacht erhärtet sich bei der weiteren Lektüre. Es liest einen Roman dieser Autorin, in dem eine ausgeprägte Liebe zu einem Koch geschildert wird. Dieses Buch liefert weitere stichhaltige Beweise, denn wer so über eine Kochliebe schreibt, dem liegt Essen am Herzen. Sozusagen das letzte Mosaiksteinchen dieser Enthüllungsgeschichte liefert schließlich das Titelbild dieses eben erwähnten Buches. Es zeigt die verehrte Heldin der Geschichte, ein spakeliges Mädchen mit dünnen Armen, die Zöpfe stehen wie schwarze Spargel trotzig als Rahmen neben dem Gesicht. Von dem Mädchen erfährt man keinen Namen, sie spricht in Ich-Form von sich, na klar, das ist die Nöstlinger. So dünn!
Fast schon ein PS: Nur das Wörtchen "Bassena" sticht hervor aus dem vermeintlich spezifischen Nöstlinger-Kulinaria-Wortschöpfungs-Arsenal. Aber erstmal wird dieser Fremdkörper geflissentlich überlesen, und als er dann bewusst bei der Lektüre doch noch wahrgenommen wird, ist das Kind auch schon aus dem hungrigen Lesealter herausgewachsen und nur noch der reine Wortzweifel treibt es um. Der Verehrung für die Nöstlinger freilich, der ist es allemal nicht entwachsen. Wie auch, so wie die mit dem Koch tanzt: Macht nix, macht nix, Ananas!

 

 

 

 
   

 

Nach oben  
    Irene Judmayer, Kulturredakteurin der OÖNachrichten, Autorin (Satiren, Kindertheaterstücke), wöchentliche Satire-Glosse "Sirene" (auch in den OÖN, als Buch heuer erschienen: "Sirene " Echte Heuler" bei Gruppe für angewandte Texte)

Zum Geburtstag ein dickes Danke, Christine Nöstlinger. Dank Ihnen konnte ich tatsächlich wohl präpariert in den Alltag treten. Nicht bloß, weil Ihre Ratschläge im Umgang mit dem Lebensdrumherum und mit elterlichen Lebensschieflagen für mich genau den Punkt trafen. Nein, vor allem die in vielen Büchern auftretenden Hinweise auf das Stricken und das Häkeln waren sehr hilfreich.
Etwa die Geschichte mit dem strickenden Softi-Knaben aus "Luki-Live" (1978), oder die arme strickende Joschi, mit der sich der ebenfalls strickende Olfi Obermeier samt Ödipus (1984) auf ein Packel haut. Dann der "hellblaue Pullover" aus dem Jahr 1997. Oder der mit Zweier-Nadel in fünf Farben mühsam gestrickte Pullover aus dem "ABC für Großmütter" (1999), der nach zwei Wochen und einer Waschmaschinenwaschung zum Walklodenjanker für einen Fötus mutiert ist.
Irgendwie ziehen sich die Strick- und Häkelnadeln und das Selbstgestrickte quer durch Ihre Bücher. Die Strickmaschen und die Häkelmaschen. Und irgendwann bin ich draufgekommen, dass sie sich auch irgendwie durch unser Leben ziehen. Wie die Endlosschleifen. Mit Endlosschleifen kennen wir uns deswegen aus.
Außerdem haben wir uns schon in frühester Kindheit schwitzend und klebrigen Fingers durch Topflappen und Schals gequält. Schleife an Schleife haben wir über diverse Strick- und Häkelnadeln gezogen und bis zur endgültigen Schlussmasche nicht aufgegeben. Das hat uns geprägt. Wahre Meisterinnen im Endlosschleifen tun und lassen sind wir geworden. Auch im Verfolgen von Mustern. Getrimmt durch jahrzehntelanges Üben mit zwei glatt, zwei verkehrt, wie die Oma mit den Zweier-Nadeln.
Da sind wir gut trainiert. In jede feste Masche ein Stäbchen. Dazwischen fünf Luftmaschen. So ein Häkelmuster ist doch wirklich eine perfekte Metapher für eine Partnerschaft: Am Anfang braucht man immer viele Luftmaschen, dann kommen meistens feste Maschen, Stäbchen und so weiter. Am Ende wird der Faden abgeschnitten ...
Oder eben das Stricken: Da werden zuerst einmal Maschen angeschlagen, und dann kommt die Geschichte mit dem glatt und verkehrt bis zum Fadenabschneiden. Manchmal geht der Faden dazwischen aus, dann braucht man ein neues Knäuel. Das haben wir Mädels über Jahrhunderte hinweg pflichtfachmäßig in die Gene transportiert bekommen. Das hat deswegen auch längst die Evolution beeinflusst. Schließlich sind Begriffe wie "bestrickend" oder "gehäkelt werden" auch schon jedem geläufig.
Außerdem haben mittlerweile längst auch die Buben die Geschichte mit dem schulmäßigen Häkeln und Stricken drauf. Wahrscheinlich ist das der Grund, dass heutzutage jeder von der "Vernetzung" reden kann.
Statt der Topflappen häkeln wir jetzt jedenfalls Partnerschaften. In schönen Grundmustern. Das können wir gut. Auch wegen der Determinierung durch Ihre Bücher, Frau Nöstlinger.
Und manchmal tapst auch so eine Katz" dazwischen und trennt alles auf, weil sie mit dem Knäuel spielt. Und manchmal wird aus so einem schönen großen Beziehungspullover wirklich ein Fötus-Walkjanker, weil man nicht aufgepasst hat und statt der Handwäsche den Schleudergang aufgedreht hat. Und manchmal treffen sich tatsächlich zwei so Musterstricker und kommen vor lauter bösen Spielen mit den Nadeln überhaupt und gar nicht zum Stricken.
Und insofern passen Ihre Bücher, Frau Nöstlinger, auch in diesen Strickgeschichten so gut aufs Leben und ich les´ sie deswegen heute noch genauso gern wie vor zwanzig Jahren.
Und darum schick´ ich Ihnen ein Danke zum Geburtstag. Und zwei Stricknadeln. Und ein Knäuel. Das Muster dazu fällt Ihnen sicher selber besser ein.

   
   

 

   
   
Logo Ausgelesen
Wolfgang Teuschl: Wiener Dialekt Lexikon Wien: K. Schwarzer 1990, 270 S.

 

Vor ein paar Jahren merkte ich, dass meinen Kindheitserinnerungen – auf deren Taufrische ich immer so stolz war — nicht mehr zu trauen ist, soweit es den "Text" der darin agierenden Personen betrifft. Im Laufe der Jahrzehnte hatte ich sie sichtlich ihres wunderbaren Dialekt-Wortschatzes beraubt. Bewusst wurde es mir, als ich ein paar Bücher von einer Bücherwand zur anderen trug, wobei mir ein Buch – und zwar Wolfgang Teuschls "Dialekt Lexikon" – entglitt, zu Boden plumpste, aufblätterte, und mir die letzte bedruckte Seite darbot. Als letztes Wort in der mittleren Spalte prunkte "Zwonek", und mit einem Schlag war mir klar, dass mein Großvater nicht, wie gern von mir erzählt, bei der Übergabe des Taschengeldes geflüstert hatte, sein Eheweib solle den "Zwanziger" nicht sehen. Den "Zwonek" hatte er mich ersucht, vor ihr zu verbergen!
Die Vokabel "Zwonek" hatte mein Hirn verschlampt. Misstrauisch wie ich gegen mich bin, argwöhnte ich, dass der Zwonek nicht das einzige vergessene Wort meiner Kindheitssprache sei. Also legte ich mir den Teuschl ins Bett und las jede Nacht vor dem Einschlafen in ihm. Schön brav von A nach Z, kein Wort überspringend, jedes gebührend würdigend. Natürlich war mir – abgesehen vom "Itzler", der ein Tritt in den Hintern ist – kein einziges Wort fremd. Sogar den "Paluderer" identifizierte ich sofort als grausigen Ersatzkaffee. Bloß wäre er mir nie im Leben eingefallen, hätte man mich gefragt, wie grausiger Ersatzkaffee im Wiener Dialekt genannt werden kann.
Nach ein paar Wochen der Nacht-Lesungen war ich bei "si zwuzeln", der letzten Vokabel, hatte die Sprache meiner Kindheit wieder perfekt parat und hätte mich anderer Lektüre hingeben können. Ich schaffte es nicht mich vom Teuschl zu trennen. Er liegt heute noch in meinem Bett und lockt mich vor dem Einschlafen in ihm zu lesen. Das Faszinierende an dieser Lektüre ist das Zuordnen gewisser Wörter und Redewendungen zu bestimmten Personen. Das "Mamlas" zum Beispiel gehört zu meiner Großmutter. Nur zu ihr! Sie war weit und breit die einzige, die mit diesem sonderbaren Ausdruck tagtäglich den Herrn Wessely beschimpfte. Und der revanchierte sich damit, dass er den "Quiqui" anflehte, die "Pestgrammel" zu holen. Und die artige Redewendung "Geh in Prater, Petroleumsackeln ausstauben" erinnert mich bitter an den Schurli, der lieb mit mir spielte, wenn wir allein im Hof waren, aber mir die Petroleum-Gemeinheit empfahl, sobald andere Kinder dazu kamen. Intensiv spüre ich auch meine kindliche Ratlosigkeit, wenn unser Nachbar über sein Eheweib klagte: "Sie setzt sich dauernd einen Schädel auf!"
Menschen, an die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht habe, sind plötzlich wieder in meinem Kopf, wenn ein Dialekt-Wort die Erinnerung an sie aktiviert. Vergnüglicher als das Wiener Dialekt Lexikon hat mich noch kein Buch in den Schlaf geschaukelt. Und die Träume, die sich dann einstellen, sind auch durchwegs von besserer Qualität als ohne vorangegangene Teuschl-Lesung. Kurz und gut: Der Teuschl bleibt im Bett! Und heute in der Nacht werde ich mich der ersten S-Seite widmen und über den "Herrn Sachen" und die "Salatstecher" sinnieren.

Foto Bassena

 

Bassena/bassena (f.) Wasserhahn in alten Zinshäusern, über kleiner, halbrunder gußeiserner Muschel, außerhalb der Wohnung auf dem Flur gelegen, zum Wasserholen für mehrere Hausbewohner geeignet (und damit gleichzeitig ein Kommunikationszentrum); "Wasserentnahmestelle im Wohnungsverband" (amtliche Bezeichnung)
aus: Teuschl: Wiener Dialekt Lexikon
 
     

Zum Seitenanfang

Zurück zur Bibliothek