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Monika Pelz: Von Alice zum Zauberer von Oz

Franz Derdak über "True Stories"

Von Alice im Wunderland zum Zauberer von Oz
Ein Essay von Monika Pelz

Was ist das Geheimnis jener Kinderbücher, die seit vielen Jahrzehnten gelesen und geliebt werden? Die unermüdlich neu gedeutet und sogar weiter gedichtet werden? Deren Szenen und Gestalten immer wieder heraufbeschworen, zitiert und paraphrasiert werden?
Worin besteht die Magie einer "Alice", eines "Pinocchio", eines "Peter Pan" oder des zauberhaften Landes Oz? Warum ist ihr Personal – der hölzerne Bub mit spitzer Nase, die bei jeder Lüge wächst, die breit grinsende Cheshire Katze, die eifersüchtige Fee Tinkerbell, die böse Westhexe mit ihren geflügelten Affen – so lebendig, fast möchte man sagen: unsterblich? Warum werden diese Geschichten ein Leben lang im Herzen getragen, inspirieren Schriftsteller, Zeichner, Filmemacher, Komponisten zu immer neuen Gestaltungen? Phantasien und Unterbewusstes, Träume, Ängste und Erfahrungen – individuelle wie auch kollektive – sind hier gebündelt zu einer genialen Fabel, in der Moral und Witz einander einen Tanz liefern – Will you, won't you, will you, won't you, won't you join the dance! singt die Mock Turtle.

Bruch, Aufbruch
Am Anfang steht vertraute, harmlose Realität – Heimeligkeit: ein lieblicher Garten, ein Kinderzimmer, eine Farm, eine Werkstatt. Unversehens ist da eine Irritation (And this was odd, because –), und aus und vorbei ist es mit der Realität. Über die Wiese läuft ein weißes Kaninchen und hält eine Taschenuhr in der Pfote, durchs Fenster herein springt Peter Pan, auf der Suche nach seinem Schatten, das Holzscheit in der Hand des alten Geppetto beginnt zu jammern: Au, du hast mir weh getan! Das Abenteuer hebt an. Doch es ist nicht irgendein Abenteuer, es ist das Leben selbst, verzerrt und karikiert, dramatisiert und persifliert und auf wundersame Weise zum Kunstwerk überhöht. Ein Alptraum, der sich als Wunschtraum maskiert oder umgekehrt.

Am Beispiel von Oz
Die Geschichte von Oz spiegelt den amerikanischen Traum. Sie beginnt auf einer kleinen Farm in Kansas. Eine dieser Gegenden, wo Armut, Sorgen und Sandstürme die Menschen immer wieder dazu bringen, fortzuziehen und ihr Glück wo anders zu suchen. Somewhere over the rainbow... Mitsamt dem Farmhaus wird Dorothy von einem gewaltigen Tornado in ein anderes Land gewirbelt, ein zauberhaftes Land. Allerdings ist das Haus ausgerechnet auf der bösen Hexe des Osten gelandet und hat sie erschlagen. Deren Schwester, die Westhexe, wird Dorothy von nun an unerbittlich verfolgen. Sie ist die stete mörderische Bedrohung, wie Captain Hook in Neverland, wie die rabiate Herzkönigin in Alices Wunderland.
In der Folge gewinnt Dorothy aber auch drei treue Freunde: Scarecrow, der sich Verstand wünscht, Cowardly Lion, der so gern mutig wäre, und Tin Wood Man, der davon träumt, ein fühlendes Herz zu haben. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem mächtigen Zauberer von Oz, der, wie es heißt, alle Wünsche erfüllen kann. In Wahrheit ist er ein schäbiger Gaukler und Scharlatan. Mithilfe technischer Tricks und einer ausgeklügelten Inszenierung versteht er es, sich den Anschein von Furchtbarkeit und Großartigkeit zu geben. Durch Zufall kommen ihm Dorothy und ihre Freunde auf die Schliche. Du bist ja nur Humbug.
Hier ist ein kollektives Trauma in einer Märchenhandlung verschlüsselt. Jemand zieht vertrauensvoll los, um sein persönliches Glück zu finden – nur um von einem Schlaueren geblufft und betrogen zu werden. Zugleich ist der Hexer von Oz ein Meister der Selbstdarstellung, ein Show-Man. Einmal entlarvt, entpuppt er sich als netter Kerl und bringt es sogar fertig, alle Wünsche wahr zu machen. Auf Verzauberung folgt Entzauberung – die ihrerseits bezaubert.
Dorothy kehrt schließlich mit Hilfe der guten Fee Glinda nachhause zurück. Jedes Kind in Amerika (und jeder Erwachsene) weiß, auf welche Weise ihr das gelingt: Dreimal die Fersen aneinander schlagen und inbrünstig sagen: I want to go home to Aunt Em.

Artige Mädchen, schlimme Buben
Dorothy, Alice und Wendy Darling sind artige Mädchen. Sie sind tapfer, integer, freundlich und offen für das Wunderbare. Pinocchio und seine Kumpane, Peter Pan und seine verlorenen Jungen sind schlimme Buben, sie ignorieren gesellschaftliche Regeln, sind unwissend und borniert. Peter Pan hält einen Kuss für einen Fingerhut. Pinocchio ist überhaupt kein Mensch, sondern eine Puppe. Erst durch schlimme Erfahrungen, Einsicht und Reue wird er zum Menschenkind und Musterknaben. (Oder auch nicht. Viele "Pinocchiaden" haben seine Geschichte weiter erzählt, und in den antiautoritären 70ern verwandelte Christoph Meckel ihn wieder in den "hölzernen Bengel" zurück.)
Erkennbar handelt es sich um Initiationserzählungen. Die HeldInnen müssen durch Sturm, Feuer und Wasser, stets in Gefahr, vergrößert, geschrumpft, sonstwie verwandelt oder getötet zu werden. Peter Pan wurde zum Inbegriff für die lockende Versuchung, auf immer im Land der Kindheit zu bleiben. Schon mit seinem Namen erinnert er an den verantwortungslosen, kindlichen Gott der Griechen, den Gott der Regression, der Entgrenzung. Dass Barrie "Neverland" als immerwährende Option offenlässt, wen wunderts! Ist nicht der Künstler einer, der ein Leben zwischen Kindlichsein und Erwachsensein führt?

Eigensinn und Eigenleben
Ein ungeheures Sinnpotential steckt in diesen Erzählungen. So wie die Entwicklung jedes Menschen die Phylogenese in sich einschließt, so ist in diesen vielschichtigen Bewährungsabenteuern auch die Erinnerung an älteste Menschheitsmythen aufgehoben: Der Winter (Tod, Hexe, Vater, Zauberer) wird besiegt, der Frühling, das Leben triumphiert. Zum Archetypischen kommt Kulturtypisches, daher tief Berührendes. In Peter Pan ist es die geniale Verbindung von Familienutopie, ferner Seefahrer-Utopie und Märchen. Bei Carlo Collodi die Verflechtung von Schelmenroman und christlichem Erlösungs-Mythos, bei Lewis Carroll die Verquickung von Kinderreimen mit abgründiger Satire, einer "Comedy of Manners" mit Topsy Turvy-Tollheiten. Zum Spiel auf der Klaviatur der Traditionen und Gefühle kommt die unbändige Fabulierlust der Autoren und eine tiefe Liebe/ libidinöse Beziehung zu ihren Heldinnen und Helden. Diese Liebe lässt den Alices, Dorothys und Pinocchios soviel Eigensinn und Eigenständigkeit, dass sie weit über die Ursprungserzählungen hinaus weiterzuleben vermögen.
Welche Überlebenskraft diese Geschöpfe des Viktorianischen Zeitalters haben, erweist sich gerade heute, in Anbetracht des immer rascheren Wechsels immer substanzloserer "Kultfiguren". Nun, da steigender (gesteigerter) Unterhaltungsbedarf nach immer neuen Geschichten verlangt und sich zugleich ein steigendes Bedürfnis nach Wiedererkennbarem, nach Verweisen und Strukturen entwickelt, nach Vertrautem inmitten von Neuem, nach Beständigem inmitten von Flüchtigem, nun, da eine eigene Kultur des Verweisens, des Zitierens, der sogenannten Intertextualität entstanden ist, mehren sich Anzeichen für eine neue Blüte der klassischen Kinderbuch-Kultfiguren. Die digitale Technik scheint wie geschaffen dafür, ihre Abenteuer in Wunderländern weiterzuträumen.
In "American McGee's Alice", einem gruseligen Computerspiel mit meisterhafter Grafik, irrt Alice mit gezücktem Messer durch alptraumhafte Labyrinthe. Doch kaum lässt der Spieler sie einmal etwas länger auf den nächsten Sprung, die nächste Entscheidung warten, beginnt Alice gelangweilt ihr Messer zu betrachten, um sich schließlich damit die Fingernägel zu säubern. Wo sind deine Manieren geblieben, Alice?
Nix ist eben fix in Wunderland. Außer Einfallsreichtum und Witz.

 

 

Biografische Notizen und Werkliste in ALIDA

 

 

 

Der nebenstehende Essay ist in 1000 und 1 Buch 2|2001 erschienen.

 

Unter dem Titel Comme des Garcons hat die Autorin in 1000 und 1 Buch 1|2003 einen Aufsatz über Geschlechtertausch in der Jugendliteratur publiziert.

 
   
 

True Stories
Jungbrunnen 1998
ISBN 3-7026-5704-5
240 Seiten, 16,40 Eur

 
 
 
 

 

 

 

 

Im Motto aus"Alice im Wunderland" von Lewis Carroll apostrophiert Monika Pelz bereits die Tiefe der Jahre der Tradition zur Bewältigung der Wirklichkeit (nicht im transitorischen Augenblick der Gegenwart, nein, im Reich des "Alles ist möglich", der immanenten Transzendenz), zur Befriedigung des Seinsdurstes. Im konnotativ sinnenden Blick zurück nahen sich schwankend weitere Gestalten: Joachim de Fiore, Don Quichotte, Faust, fast verloren in David Riesmans "Lonely Crowd", Bill Ramsey lockt mit Souvenirs ("die bunten Träume unserer Einsamkeit"), Ingeborg Bachmanns Traumwäscherei bietet ihre Dienste an, Reinhard Lettaus "Täglicher Faschismus" hebt Oswald Wiener auf in der "Verbesserung von Mitteleuropa" …
Immer wieder dieser Seinsdurst, Seinsdurst, Seinsdurst … Monika Pelz hat nun "zwanghaft Lust, etwas Neues auszuprobieren." (Litera-Tour-Kurier, 17.9.1998, S. 7.). So entstand die Idee für "True Stories", einer Realität, die bizarrer ist als alles, das man erfinden kann. Auf den ersten Blick stellen dann diese Textteile eine Collage dar aus Medienmeldungen, die einem zwar die Gänsehaut auf den Rücken treiben, aber nicht einmal den Weg ins Kurzzeitgedächtnis finden, weil bereits der nächste Horror lauert – Gentechnik, Klonierung, Künstliche Intelligenz … Dazu kommen Auszüge aus Schularbeiten zum Thema "Zukunft", die allzu oft den Jugendlichen vor allem negativ, irreparabel fremdbestimmt erscheint.
Gar nicht diabolisch durcheinander, sondern geschwisterlich unisono fand das Buch bei der Redaktionsrunde durchwegs zustimmende Rezeption: Besonders positiv wurde die formale Innovation estimiert, die den Balanceakt der Kongruenz mit den vielfältigen Inhalten in spannender Weise geschafft hat: die Verschränkung von Wahrheit und Kitsch, Trivialität, von Fiktionalem und Non-Fiktionalem, von Realität und Cyberwelt; dabei bleibt Monika Pelz' Text, ohne platte Medienkritik zu bieten, moralisch zurückhaltend und witzig bis zur Absurdität. Der evozierte, stets den Leseakt destabilisierende Schwebezustand eröffnet im Vor- und Zurückblättern neue Perspektiven.
Nicht allein aus konzentrierter Quantität erwächst also die Qualität dieses Textes, reale oder fiktionale, virtuelle Kommunikationsstränge zwischen den Nachrichten (die uns wonach richten?) tauchen auf, überraschend-witzige individuelle sideeffects. Sie bewirken eine prickelnde Spannung, die latent nach dem Ende der Lektüre eine fast meditative Reflexion der "verdammten Menschheitsfragen" evoziert – nicht unbedingt optimistisch, eher blumig, aber nicht rosig-exotisch, vielmehr etwa im Geiste von Stat spes pristina nomine, nomina nuda tenemus.

 

Die Besprechung ist in 1000 und 1 Buch 1|1999 abgedruckt.

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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