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Von Alice im Wunderland zum Zauberer von
Oz
Ein Essay von Monika Pelz
Was ist das Geheimnis jener Kinderbücher, die seit vielen
Jahrzehnten gelesen und geliebt werden? Die unermüdlich neu
gedeutet und sogar weiter gedichtet werden? Deren Szenen und Gestalten
immer wieder heraufbeschworen, zitiert und paraphrasiert werden?
Worin besteht die Magie einer "Alice", eines "Pinocchio",
eines "Peter Pan" oder des zauberhaften Landes Oz? Warum
ist ihr Personal der hölzerne Bub mit spitzer Nase,
die bei jeder Lüge wächst, die breit grinsende Cheshire
Katze, die eifersüchtige Fee Tinkerbell, die böse Westhexe
mit ihren geflügelten Affen so lebendig, fast möchte
man sagen: unsterblich? Warum werden diese Geschichten ein Leben
lang im Herzen getragen, inspirieren Schriftsteller, Zeichner, Filmemacher,
Komponisten zu immer neuen Gestaltungen? Phantasien und Unterbewusstes,
Träume, Ängste und Erfahrungen individuelle wie
auch kollektive sind hier gebündelt zu einer genialen
Fabel, in der Moral und Witz einander einen Tanz liefern
Will you, won't you, will you, won't
you, won't you join the dance! singt die Mock Turtle.
Bruch, Aufbruch
Am Anfang steht vertraute, harmlose Realität Heimeligkeit:
ein lieblicher Garten, ein Kinderzimmer, eine Farm, eine Werkstatt.
Unversehens ist da eine Irritation (And
this was odd, because ), und aus und vorbei ist es
mit der Realität. Über die Wiese läuft ein weißes
Kaninchen und hält eine Taschenuhr in der Pfote, durchs Fenster
herein springt Peter Pan, auf der Suche nach seinem Schatten, das
Holzscheit in der Hand des alten Geppetto beginnt zu jammern: Au,
du hast mir weh getan! Das Abenteuer hebt an. Doch es ist
nicht irgendein Abenteuer, es ist das Leben selbst, verzerrt und
karikiert, dramatisiert und persifliert und auf wundersame Weise
zum Kunstwerk überhöht. Ein Alptraum, der sich als Wunschtraum
maskiert oder umgekehrt.
Am Beispiel von Oz
Die Geschichte von Oz spiegelt den amerikanischen Traum. Sie beginnt
auf einer kleinen Farm in Kansas. Eine dieser Gegenden, wo Armut,
Sorgen und Sandstürme die Menschen immer wieder dazu bringen,
fortzuziehen und ihr Glück wo anders zu suchen. Somewhere
over the rainbow... Mitsamt dem Farmhaus wird Dorothy von
einem gewaltigen Tornado in ein anderes Land gewirbelt, ein zauberhaftes
Land. Allerdings ist das Haus ausgerechnet auf der bösen Hexe
des Osten gelandet und hat sie erschlagen. Deren Schwester, die
Westhexe, wird Dorothy von nun an unerbittlich verfolgen. Sie ist
die stete mörderische Bedrohung, wie Captain Hook in Neverland,
wie die rabiate Herzkönigin in Alices Wunderland.
In der Folge gewinnt Dorothy aber auch drei treue Freunde: Scarecrow,
der sich Verstand wünscht, Cowardly Lion, der so gern mutig
wäre, und Tin Wood Man, der davon träumt, ein fühlendes
Herz zu haben. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem
mächtigen Zauberer von Oz, der, wie es heißt, alle Wünsche
erfüllen kann. In Wahrheit ist er ein schäbiger Gaukler
und Scharlatan. Mithilfe technischer Tricks und einer ausgeklügelten
Inszenierung versteht er es, sich den Anschein von Furchtbarkeit
und Großartigkeit zu geben. Durch Zufall kommen ihm Dorothy
und ihre Freunde auf die Schliche. Du
bist ja nur Humbug.
Hier ist ein kollektives Trauma in einer Märchenhandlung verschlüsselt.
Jemand zieht vertrauensvoll los, um sein persönliches Glück
zu finden nur um von einem Schlaueren geblufft und betrogen
zu werden. Zugleich ist der Hexer von Oz ein Meister der Selbstdarstellung,
ein Show-Man. Einmal entlarvt, entpuppt er sich als netter Kerl
und bringt es sogar fertig, alle Wünsche wahr zu machen. Auf
Verzauberung folgt Entzauberung die ihrerseits bezaubert.
Dorothy kehrt schließlich mit Hilfe der guten Fee Glinda nachhause
zurück. Jedes Kind in Amerika (und jeder Erwachsene) weiß,
auf welche Weise ihr das gelingt: Dreimal die Fersen aneinander
schlagen und inbrünstig sagen: I
want to go home to Aunt Em.
Artige Mädchen, schlimme Buben
Dorothy, Alice und Wendy Darling sind artige Mädchen. Sie sind
tapfer, integer, freundlich und offen für das Wunderbare. Pinocchio
und seine Kumpane, Peter Pan und seine verlorenen Jungen sind schlimme
Buben, sie ignorieren gesellschaftliche Regeln, sind unwissend und
borniert. Peter Pan hält einen Kuss für einen Fingerhut. Pinocchio
ist überhaupt kein Mensch, sondern eine Puppe. Erst durch schlimme
Erfahrungen, Einsicht und Reue wird er zum Menschenkind und Musterknaben.
(Oder auch nicht. Viele "Pinocchiaden" haben seine Geschichte
weiter erzählt, und in den antiautoritären 70ern verwandelte
Christoph Meckel ihn wieder in den "hölzernen Bengel"
zurück.)
Erkennbar handelt es sich um Initiationserzählungen. Die HeldInnen
müssen durch Sturm, Feuer und Wasser, stets in Gefahr, vergrößert,
geschrumpft, sonstwie verwandelt oder getötet zu werden. Peter
Pan wurde zum Inbegriff für die lockende Versuchung, auf immer im
Land der Kindheit zu bleiben. Schon mit seinem Namen erinnert er
an den verantwortungslosen, kindlichen Gott der Griechen, den Gott
der Regression, der Entgrenzung. Dass Barrie "Neverland"
als immerwährende Option offenlässt, wen wunderts! Ist
nicht der Künstler einer, der ein Leben zwischen Kindlichsein
und Erwachsensein führt?
Eigensinn und Eigenleben
Ein ungeheures Sinnpotential steckt in diesen Erzählungen.
So wie die Entwicklung jedes Menschen die Phylogenese in sich einschließt,
so ist in diesen vielschichtigen Bewährungsabenteuern auch
die Erinnerung an älteste Menschheitsmythen aufgehoben: Der
Winter (Tod, Hexe, Vater, Zauberer) wird besiegt, der Frühling,
das Leben triumphiert. Zum Archetypischen kommt Kulturtypisches,
daher tief Berührendes. In Peter Pan ist es die geniale Verbindung
von Familienutopie, ferner Seefahrer-Utopie und Märchen. Bei
Carlo Collodi die Verflechtung von Schelmenroman und christlichem
Erlösungs-Mythos, bei Lewis Carroll die Verquickung von Kinderreimen
mit abgründiger Satire, einer "Comedy of Manners"
mit Topsy Turvy-Tollheiten. Zum Spiel auf der Klaviatur der Traditionen
und Gefühle kommt die unbändige Fabulierlust der Autoren
und eine tiefe Liebe/ libidinöse Beziehung zu ihren Heldinnen
und Helden. Diese Liebe lässt den Alices, Dorothys und Pinocchios
soviel Eigensinn und Eigenständigkeit, dass sie weit über
die Ursprungserzählungen hinaus weiterzuleben vermögen.
Welche Überlebenskraft diese Geschöpfe des Viktorianischen
Zeitalters haben, erweist sich gerade heute, in Anbetracht des immer
rascheren Wechsels immer substanzloserer "Kultfiguren".
Nun, da steigender (gesteigerter) Unterhaltungsbedarf nach immer
neuen Geschichten verlangt und sich zugleich ein steigendes Bedürfnis
nach Wiedererkennbarem, nach Verweisen und Strukturen entwickelt,
nach Vertrautem inmitten von Neuem, nach Beständigem inmitten
von Flüchtigem, nun, da eine eigene Kultur des Verweisens,
des Zitierens, der sogenannten Intertextualität entstanden
ist, mehren sich Anzeichen für eine neue Blüte der klassischen
Kinderbuch-Kultfiguren. Die digitale Technik scheint wie geschaffen
dafür, ihre Abenteuer in Wunderländern weiterzuträumen.
In "American McGee's Alice", einem gruseligen Computerspiel
mit meisterhafter Grafik, irrt Alice mit gezücktem Messer durch
alptraumhafte Labyrinthe. Doch kaum lässt der Spieler sie einmal
etwas länger auf den nächsten Sprung, die nächste
Entscheidung warten, beginnt Alice gelangweilt ihr Messer zu betrachten,
um sich schließlich damit die Fingernägel zu säubern.
Wo sind deine Manieren geblieben, Alice?
Nix ist eben fix in Wunderland. Außer Einfallsreichtum und
Witz.
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