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Zum Deutchen Jugendliteraturpreis 2003

 

Hans ten Doornkaat arbeitet heute wieder als Publizist (u.a. für NZZ am Sonntag, DIE ZEIT, Fachzeitschriften zur KJL), als Lehrbeauftragter in der BibliothekarInnen-Ausbildung und Lehrerfortbildung und als freier Lektor (v.a. für Bild-Text-Projekte). Zuvor war er Leiter von dtv junior, Lektor beim Nord-Süd Verlag und zuletzt Programmleiter Bilderbuch bei Sauerländer.

Cover 1001Buch 3/03

Beitrag aus: 1000 und 1 Buch 3|03

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Cover Felix und  das liebe Geld

Felix und das liebe Geld. Vom Reichwerden und anderen wichtigen Dingen
Weinheim: Beltz & Gelberg 2000
371 Seiten, Euro 8,90 (Gulliver TB 441)

Um Geld zu verdienen gründen Felix und Peter die Servicefirma "Heinzelmännchen & Co". Sie mähen Rasen, fahren Brötchen aus und kaufen Hühner, um Eier zu verkaufen. Da sie so jedoch keine Kapitalgröße aufbauen können, die zum Thema Geldanlagen, Wertpapierhandel etc. überleiten kann, lässt der Autor sie auch einen Goldschatz finden. Begleitet vom Musikalienhändler Adam Schmitz lernen die beiden Zwölfjährigen die Börse kennen, gehen aber auch einer Betrügerbande auf den Leim. Natürlich braucht Piper die Figur des Herrn Schmitz, die Informationen einbringt und gelegentlich doziert. Dennoch ist die Story weit spannender als in Vergleichstiteln; ein Kinderkrimi zur ökonomischen Bewusstseinsbildung.

 

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Cover geschichte der Wirtschaft

Geschichte der Wirtschaft
Illustriert von Aljoscha Blau

Weinheim: Beltz & Gelberg 2002
171 Seiten, Euro 16,90

 

Piper zeigt in diesem Überblick über die Entwicklung des Handels und des Geldwesens in 31 erzählerischen Kapiteln von der Jungsteinzeit bis zur Globalisierung, wie alles anfing und was zu welchen Entwicklungen führte. Das 2. Kapitel etwa gleicht der Geschichte von Kain und Abel, auch da ging es um Sesshaftigkeit und Spezialisierung. Und wenn sich danach die Entwicklung zum Königtum abzeichnet, heisst es prägnant: Die Erfindung der Landwirtschaft hatte den Diebstahl lohnend gemacht. Solche Pointen sind keine billigen Aufmacher, sondern Zuspitzungen eines Kenners, der souverän erklärt. Der Illustrator Aljoscha Blau hat zu jedem Thema eine farbige Vignette gemalt. Diese Bilder sind Aufmacher und Auflockerung ohne Instruktions- oder direkten Illustrationsauftrag.

 

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Hans ten Doornkaat: Felix und das liebe Geld erschien 1998 und ist vier Jahre später in der 5. Auflage.  Zudem wurden 16 Buchlizenzen verkauft. Spiegelt dieser Erfolg die Boomjahre der Börse?

Nikolaus Piper: Das Entstehen des Buches hat andere Gründe. Das Zusammentreffen mit dem steigenden Interesse an der Wirtschaft ist Zufall. Das Buch hat davon aber profitiert, vor allem beim Buchhandel. Viele Buchhändlerinnen brachten Wirtschaft und Kind einfach nicht zusammen. Da hat der Wirtschaftsboom geholfen, indem er eine Schwelle aufgehoben hat. Das Buch verkauft sich aber weiterhin gut, während der Boom vorbei ist.

Spüren Sie das heute beim neuen Buch?

Die Geschichte der Wirtschaft läuft langsamer an. Das mag mit der Wirtschaftslage zusammenhängen. In Deutschland ist erstmals seit vielen Jahren der private Konsum zurückgegangen. Und Sachbücher werden nun mal weniger besprochen als Romane. Dafür haben die wichtigen Wirtschaftszeitungen positiv über das Buch berichtet.

Waren Sie schon beim Verlag auf Skepsis gestoßen, Kinder und Wirtschaftsthemen zu verbinden? In seiner Werbung betonte der Verlag Beltz & Gelberg sehr, dass es in dem Kinderroman nicht einfach nur ums Reichwerden gehe.

Über pädagogische Aspekte der Buchwerbung habe ich mir keine tiefschürfenden Gedanken gemacht. Die ethische Komponente aber ist für mich wichtig. Wirtschaft hat immer auch mit Werten zu tun. Ich wehre mich dagegen, dass das Erwerbsstreben etwas Schlechtes sei. Das Erwerbsstreben ist mitverantwortlich, dass wir in Europa eine zivilisierte Gesellschaft haben. Es braucht eine Ordnung, eine Verfassung. Sie finden das beim Großmeister der Ökonomie, bei Adam Smith, der zwei Bilder geprägt hat. Er spricht von der "Unsichtbaren Hand des Marktes", das heisst, dass der Markt sich immer so verhält, dass das Eigeninteresse auch dem Allgemeinwohl dient. Und er hat weiter davon gesprochen, dass jeder in seinem Kopf einen unparteiischen Beobachter habe, der ihn dazu bringt, sich so zu verhalten, wie er selber behandelt werden möchte. Das ist eine ethische Komponente, die spielt auch beim Felix eine wichtige Rolle. Für mich ist es positiv, wenn ein kleiner Junge sagt: "Ich will reich werden."

Sie geben Felix aber auch eine geradezu erzieherische Motivation.

Ja, er hat ehrenwerte Gründe: Er will es besser machen als seine Eltern.

Felix will doch noch mehr. Er will – so schreiben Sie – die Ehe seiner Eltern kitten. Damit begründen Sie sein Erwerbsstreben moralisch, während sie in der Geschichte der Wirtschaft das Reichwerden an sich nicht diskutieren. Sie zeigen wie sich das System entwickelt, hinterfragen es aber nicht. Liegt das daran, dass Sie den Roman für Kinder schrieben, das Sachbuch aber für Jugendliche?

Nein. Die Verschiedenheit liegt am Medium. Die Grundfrage war für mich die Gliederung. Die Weltwirtschaft auf 160 Seiten zu erklären, das bedeutet vor allem Weglassen von Themen. Es hat mich einige Arbeit gekostet, bis ich mich entschied, den Stoff nicht einfach in herkömmlicher Weise chronologisch aufzuarbeiten, sondern von den wichtigsten Problemen zu erzählen und von den Versuchen, sie zu lösen: Arbeitsteilung, Handel, Geld, Banken, Arbeiterklasse usw.

Erklärt dieser themenzentrierte Ansatz die starke Gewichtung der vorindustriellen Zeit?

Ja, die Themen kommen in dem Zeitumfeld zur Sprache, in dem sie geschichtlich erstmals auftauchten. Das hat dazu geführt, dass ich die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr knapp behandle. Da möchte ich bei einer neuen Auflage ein Kapitel anfügen.

Werden Sie darin die heutige Börse schildern? Effektiv erzählen Sie ja von Börse in ihrer Urform nach 1600.

Das würde ich nicht ändern. Aber ich würde gerne ein Kapitel über die Entwicklung des Sozialstaates in Europa beifügen. Das kommt schon jetzt vor im Buch, aber eher am Rand. Die Börse als System hingegen lässt sich gerade über ihren Ursprung in Holland gut erklären.

Ohne aber kritische Punkte zu erläutern, während Sie interessanterweise in ihrem Kinderroman positive und negative Aspekte der Börse einbringen; etwa durch den Musikalienhändler Adam Schmitz (Adam Smith lässt grüssen), der den Jungen ein guter Mentor ist, und durch die Kontrastfigur, einen dubiosen Anlageberater.

Pro und Kontra sind im Roman auch Teil des Erzählmusters. Die unterschiedlichen Positionen treiben die Handlung voran. Im Sachbuch wäre das Thematisieren von Vor- und Nachteilen natürlich auch möglich. Mein Ansatz war aber ein anderer. Ich stellte – rein theoretisch – die Frage "Wie ist die Bank entstanden?" und im Buch selbst erzähle ich eine Geschichte dazu. Ich habe den Wirtschaftsliberalismus zwar nicht grundsätzlich hinterfragt, ich habe aber doch seine unbequemen Seiten eingebracht, zum Beispiel im Kapitel über die Arbeiterklasse, über Folgen der Industrialisierung usw. Und wenn ich beispielsweise den europäischen Kolonialismus erkläre, dann wechsle ich den Stil vom Erzählen zur kritischen Feststellung, nämlich dann, wenn ich sage, dass das System des Handels in Europa zu Frieden und Wohlstand führen konnte, dass es aber zu einem rücksichtslosen System der Ausbeutung wurde, als es in der Macht der Europäer etwa der indianischen Kultur gegenübertrat.

Was hat Sie auf die Idee gebracht, den Felix zu schreiben?

Mein Sohn David.

Dann war es also nicht das Vorbild von "Sophies Welt"?

Nein, nicht für mich. Für den Buchhandel aber schon. Der wusste dadurch, dass es überhaupt so etwas geben kann. Einerseits hat dieser Erfolg auch Erwartungen an mein Buch geweckt. Anderseits gab es auch viele Stimmen, die sagten, dass Sophies Welt eigentlich nicht gelungen sei. Die Genese von Felix ist aber ohnehin eine andere. Am Anfang standen Gespräche mit unserem damals fünfjährigen Sohn. Irgendwann habe ich zu meiner Frau gesagt, darüber müsste man mal etwas machen, in der Zeitung. Es gibt doch auch andere Kinder, die fragen "woher das Geld kommt". Die Eltern könnten doch ein Interesse haben an Beiträgen darüber. Ich habe damals über ein Sachbuch nachgedacht; über einen Dialog mit Kinderfragen. Aber befriedigt hat mich das nicht. Und meine Frau hat gemeint: "Du musst eine Geschichte erzählen, richtig erzählen." Als ich anfing zu schreiben, kannte ich Sophie. Ich hatte es zu lesen angefangen und war dann zunehmend mehr enttäuscht gewesen. Die Handlung macht für mich überhaupt keinen Sinn. Und wenn ich eine Tochter hätte, der einer so komische Briefe schreibt, ich wäre alarmiert. Das gilt auch für das Zickzackkind, den Jugendroman von David Grossman. Der ist  zwar besser geschrieben, aber irgendwas stimmt bei beiden nicht.

Wenn Sie diese Kritik formulieren, woher hatten Sie Ihre Vorstellung vom Erzählen für Kinder?

Natürlich Kästner.

Als Kindheitserinnerung?

Nicht nur. Wenn man als Erwachsener liest, wie er geschrieben hat, das ist einfach großartig. Kästner nimmt die Konflikte und Sorgen, die Kinder haben, wirklich ernst. Und dann natürlich Astrid Lindgren. Nicht alles gefällt mit von ihr. Aber Ronja Räubertochter war für unseren Sohn eine Zeit lang ganz wichtig. Dort finde ich einen Vater und eine Mutter, die Qualitäten haben, die sich jedes Kind für seine Eltern wünscht; Idealfiguren also, die von Lindgren dann doch wieder gebrochen dargestellt werden.

Geht es Ihnen im Felix also auch um die zwischenmenschlichen Beziehungen Ihrer Figuren?

Das eigentliche Thema bei Felix ist "Freiheit". In einem bestimmten Alter wollen die Kinder doch einfach frei sein. Sie sagen: Ich will meine Sache selber machen…

  mein Taschengeld selbst verdienen wie Felix.

Mehr. Sie sagen, ich will mein Leben selbst gestalten. Die Erwachsenen sind doch doof. Ich kann es besser. Das ist auch das Anmaßende in diesem Alter.

Hat auch dieser Aspekt zum Erfolg des Buches beigetragen?

Das weiß ich nicht. Mir war einfach klar, dass ich eine Handlung will, die ein Stück weit fantastisch ist, die aber auch realen Gegebenheiten gerecht wird. Für die Schlussszene etwa habe ich im Frankfurter Flughafen recherchiert: Wie weit kommt ein Junge ohne Flugticket und ohne Bordkarte? So wie es in meinem Buch abläuft ist das zwar schwierig, aber möglich. Das  war mir auch wichtig.

Ihre weiteren Recherchen kann man auf Grund der "Danksagung" im Buch erahnen.  Sie bedanken sich da auch beim Landeskriminalamt Hamburg. In der Geschichte selbst scheint es Ihnen jedoch wichtig zu sein, die Grenzen der polizeilichen Verfolgung zu zeigen. Ist das eine Kritik aus Ihrer wirtschaftsjournalistischen Sicht?

Das war wirklich nur ein Nebenaspekt. Aber es ist schon so, dass unsere Polizei zwar viel gelernt hat, dass aber das Verbrechen immer wieder einen Schritt voraus ist. Und das ist wohl nicht nur in Deutschland so.

Der Aspekt ist deshalb interessant, weil in unzähligen Kinderkrimis die Polizei Fehler machen muss, damit die Kinderhelden ihren Einsatz haben. In Verbindung mit der Wissensvermittlung erhält die Begrenztheit der Polizei jedoch eine andere Qualität. Kommen wir noch zum Erzählstil Ihres Sachbuches? Hatten Sie da auch benennbare Vorbilder oder haben Sie sich auf ihre Tagesroutine als Redakteur verlassen?

Die hat mir sicher geholfen. Die Wirtschaftsredaktion muss für interessierte Laien schreiben. Wenn es sein soll, muss ich Rücklagen und Rückstellungen nicht nur auseinanderhalten, sondern den Unterschied auch erklären können. Dazu muss man die Dinge auf Einfaches reduzieren. In dem Buch  habe ich mich zum Beispiel naiv gefragt, wie war das, als irgendwann jemand zum ersten Mal bewusst ein Saatkorn in den Boden gesteckt hat? Was hat das für Konflikte ausgelöst, was hatte das für Konsequenzen? Das war mein Ansatz.

Sind deshalb die ersten Kapitel auch einfacher zu lesen als die letzten? In der Frühzeit können sie einen Räuber und einen König auftreten lassen und über Macht schreiben. Wenn Sie aber die Wirtschaftspolitik nach 1945 erläutern, müssen Sie z. B. die Leistungen von Ludwig Erhard erklären.

Das ist richtig. Das System der Wirtschaft wurde komplexer. Ich hatte etwa auch den Ehrgeiz, die Theorien von John Maynard Keynes zu erklären. Dazu muss ich auch reinbringen, wie das wirtschaftliche Denken vor Keynes war usw.

Während die große Mehrheit der Kinder- und Jugendsachbücher in Reihen erscheint, sind Ihre beiden Bücher nicht nach einem Konzept des Verlages geschrieben. Haben Sie als Autor  doch vor allem ein Anliegen, das Sie zu Ihren Projekten motiviert?

Bei der Geschichte der Wirtschaft war es schon so, dass der Verlag nach dem Erfolg von Felix sagte, wir haben da eine Art Reihe, Bücher wie "Deutsche Geschichte" erzählt von Manfred Mai, da könnten Sie doch auch über Wirtschaft schreiben. Sonst aber war ich frei. Effektiv ist es mir wichtig, dass Kinder die ethische Seite des Geldes, der Wirtschaft früh kennenlernen. Wenn ich in Deutschland jemanden, der nicht mit Wirtschaft zu tun hat, frage: "Was ist Kapital?", dann kriege ich etwas über Macht, große Häuser und Reichtum zu hören. Wenn ich aber in Amerika einen Taxifahrer frage, dann sagt er: "Mein Erspartes". Das pragmatische und verantwortungsvolle Nachdenken über Wirtschaft ist heute umso wichtiger, als Familien mit Eltern aus meiner Generation überhaupt zum ersten Mal in der deutschen Geschichte normal erben können. Die Höhe der Erbschaft ist dabei nur ein Aspekt. Entscheidend ist schon, sich mit dem System der Wirtschaft auseinanderzusetzen. Auch der Arbeitnehmer profitiert davon, wenn er wirtschaftliche Zusammenhänge versteht.

Alle Texte auf dieser Seite aus: 1000 und 1 Buch 3|03, S. 29ff
© Hans ten Doornkaat

Foto Nikolaus Piper
Foto: Süddeutsche Zeitung

Nikolaus Piper, geboren 1952 in Hamburg, dipl. Volkswirt, arbeitete u.a. bei Associated Press, DIE ZEIT und leitet heute das Ressort Wirtschaft bei der Süddeutschen Zeitung in München.

 

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