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Die Welt als Scheibe – Terry Pratchett und die Fantasy

Die Welt als Scheibe.
Fantasy von Terry Pratchett.

Von Nicolas Rust

Groß-A'Tuin. Die kosmische Schildkröte trägt die Scheibenwelt (...). Auf ihrem Rücken stehen (...) die vier riesigen Elefanten, auf deren Schultern die Scheibenwelt ruht. Eine kleine Sonne und ein kleiner Mond umkreisen sie (...).[1] Terry Pratchett über seine Scheibenwelt

 

Der Mensch, der diese Welt gesehen hat und seit dem davon berichtet, ist 1948 im britischen Beaconsfield geboren und heißt Terry Pratchett. Nach jahrelanger Arbeit als Journalist für die regionale Presse und Pressesprecher eines Energiekonzerns verdient er mittlerweile als freier Autor [2] seinen Lebensunterhalt für sich, seine Frau, seine Tochter und eine große Zahl von Haustieren, vor allem Katzen. Mit charakteristischem Schlapphut und Ginflasche (nach eigenen Angaben nur mit Wasser gefüllt) ausgerüstet füllt Pratchett im Rahmen seiner Lesungen Buchhandlungen und ganze Hörsäle, wo er sein Publikum mit Anekdoten aus seinem eigenen Leben und natürlich mit Szenen und Neuigkeiten aus der Scheibenwelt unterhält.

Die Scheibenwelt ist eine Anderswelt, die – anders als in der klassischen phantastischen Literatur – keine direkte Verbindung mit unserer eigenen Welt hat. Es gibt kein Einfallen des Grotesken oder Irrationalen in den Alltag. Statt dessen hat Pratchett eine in sich geschlossene Fantasywelt geschaffen, die allerdings Parallelen zu irdischen Ländern und Kulturen aufweist. So finden sich neben kleinen, mittelalterlichen Königreichen auch weitläufige Imperien, die an das Chinesische Kaiserreich erinnern. Wüstenstaaten, deren Herrscher sich in Pyramiden begraben lassen, wechseln sich ab mit windumtosten, zerklüfteten Berggipfeln und finsteren, unerforschten Wäldern. Einen zentralen Platz nicht nur in der Gesellschaft der Scheibenwelt, sondern auch in den Erzählungen Pratchetts, nimmt die Stadt Ankh-Morpork ein.

Chicago, Wien, Ankh-Morpork?
Diese Stadt, vom Strom Ankh durchflossen [3], ist die älteste Stadt der Scheibenwelt und in ihr leben zahllose Kulturen und Völker. An den Grenzen mehrerer Länder gelegen und mit Zugang zu wichtigen überseeischen Handelsstraßen ist Ankh-Morpork mittelalterlichen Handelsplätzen wie Venedig oder den Hansestädten nachempfunden.
Zwar hat die Metropole viele Attribute der klassischen Fantasy – Gilden, Zauberer und so weiter (...)[4], aber Probleme, die sich aus dem Zusammenleben verschiedener Rassen ergeben, aus der Koexistenz meist eigennütziger, widersprüchlicher Interessen, wie auch die Versuche, trotz all dieser Konflikte miteinander zu leben, weisen deutliche Bezüge zu unserer eigenen Welt auf. Zudem geht nicht alles so geordnet zu, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. So sitzen im Rat der Gilden nicht nur Handwerker und Händler, sondern auch Diebe und Näherinnen (Bezeichnung für junge Damen, deren Zuneigung käuflicher Natur ist [5]) vertreten hier ihre Interessen. Sogar die Assassinen haben eine eigene Gilde, so dass das Töten für Geld in einem festen Rahmen verläuft. In Wahrheit sind die Gildenhäupter allerdings viel unwichtiger, als sie selbst annehmen, denn in Ankh-Morpork gilt das Gesetz: Ein Mann, eine Stimme. Dass Pratchett diesen Satz anders auslegt, als man im ersten Moment vermutet, macht seine spezielle Art von Humor deutlich: Derzeit ist der Mann der diese eine Stimme – und also die Macht – innehat, der Patrizier Vetinarius, der die Interessen der Mächtigen gegeneinander ausspielt und so die Stadt am Laufen hält. Am anderen Ende der sozialen Leiter finden sich die Tagelöhner und Bettler, die ebenso das alltägliche Bild der Stadt prägen und die von Pratchett ebenfalls mit viel Sorgfalt gestaltet werden: So gibt es ein Stadtviertel, die Schatten, in die sich kein ehrbarer Bürger nach Einbruch der Dunkelheit begeben würde.[6] Und vom berüchtigsten Bettler der Stadt heißt es, sein Gestank sei so ausgeprägt, dass er schon eine eigene Persönlichkeit entwickelt habe. Zwischen diesen Polen finden sich Zauberer, Straßenverkäufer, Künstler und viele Fremde, die auf die eine oder andere Weise in der Stadt gestrandet sind.

Elfen und Untote, Handwerker und Händler
Auch die Bevölkerung der Scheibenwelt setzt sich aus fantasy-typischem Personal zusammen. Neben Menschen finden Elfen, Zwerge und Trolle ebenso Platz wie Untote, Feen und zählende Bäume. Hexen und Zauberer betreiben ihre Geschäfte neben Handwerkern, Händlern und Straßenräubern. Ankh-Morpork kann als paradigmatisch gelten hinsichtlich diesen multikulturellen Zusammenlebens. In der Stadtwache beispielsweise, die in mehreren Romanen Pratchetts die Hauptrolle spielt [7|, finden sich Vertreter und Vertreterinnen von fast allen lebenden (und einigen nicht mehr lebenden) Völkern. Neben ihren alltäglichen Pflichten müssen sie auch daran arbeiten, ihre Differenzen zu überwinden oder zumindest hinten an zu stellen. Kennzeichnend für Pratchett ist, dass er den Figuren und ihrer Charakterisierung ausgesprochen viel Raum lässt. Zwar ist jede Erzählung um wenige Hauptpersonen aufgebaut, aber auch die Antagonisten und selbst manche nur beiläufig auftretende Figuren werden vom Autor mit Motiven und Ambitionen versehen, so dass dem Leser viele zur Identifikationsmöglichkeiten geboten werden.

Darüber hinaus werden Figuren über mehrere Romane hinweg entwickelt und sie entwickeln sich auch weiter. Samuel Mumm etwa hat seinen ersten Auftritt im Roman "Wachen! Wachen!", in dem er als alkoholsüchtiger Hauptmann der Wache dargestellt wird. Er ist zynisch, mürrisch und ein eingefleischter Speziist.[8] Dass hinter dieser Figur mehr steckt, offenbart sich in späteren Erzählungen, in denen er die Wache zu einer ernstzunehmenden Institution umorganisiert. Als erster Hauptmann stellt er nichtmenschliche Wachen ein und gewinnt durch seinen Einsatz den Respekt der Bürger – und der Leser. Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Fanpost hat Pratchett inzwischen weitere Kriminalgeschichten über Hauptmann Mumm geschrieben [9] und dem Charakter dadurch immer mehr Tiefe verliehen.

Die Komik von Fußnoten
Anregungen für seine Geschichten bezieht Terry Pratchett – wie es im Genre üblich ist – aus den verschiedensten Quellen. Shakespeare und Volksmärchen werden genauso verarbeitet wie griechische Mythologie und keltische Sagen von der Wilden Jagd. Aber auch Bezüge zu deutlich moderneren Vorbildern – Hollywood, Rockmusik oder Weltraumfahrt – finden sich in großer Menge. Enstand der komische Effekt der ersten Scheibenwelt-Romane noch durch die parodistische Erzählweise, so bringt Pratchett sein Publikum mittlerweile vor allem durch Überraschung – unvorhergesehene Wendungen, ironische Anspielungen auf unsere eigene Welt und Erklärungen zu allen möglichen Um- und Missständen [10] – zum Lachen. Viele komische Momente wie die schonungslos ernsthafte Ausbildung in der Narrengilde oder die wortgetreue Ausführung von Befehlen durch den Troll Detritus sind eng an einzelne Charaktere gebunden. Teils bizarr anmutende Details und Erläuterungen gehören auch zum typischen Repertoire in Pratchetts Romanen. So wird ausführlich erklärt, dass die Zählenden Bäume ihr Geburtsjahr auf ihrer Rinde erscheinen ließen, weil sie meinten, die Menschen würden sie nur fällen, um die Altersringe zählen zu können. Mittlerweile sind die Zählenden Bäume der Scheibenwelt durch die Türschildindustrie so gut wie ausgerottet worden.

Die Scheibenwelt ist eine gewaltige Welt
Dass Gewalt in den Scheibenweltromanen eine nicht unerhebliche Rolle spielt, ist keine Besonderheit sondern der Gattung angemessen. Das Tragen von Waffen gehört hier wie in anderen Texten des Fantasygenres zum Alltag. Bei Pratchett werden selbst Haarnadeln und Besenstiele in den richtigen Händen zu tödlichen Waffen. Allerdings bleibt Gewalt bei Pratchett meist nur ein Potential und wird selten konkret ausgeübt und also dargestellt. Vielmehr besitzen die meisten Figuren genug Verstand um einzuschätzen, ob sie als Sieger oder Verlierer aus einer Konfrontation herausgehen würden. Der Blick einer Hexe, das Auftreten von Samuel Mumm oder die bloße Erwähnung einer möglichen Gewaltanwendung können einen Konflikt beenden, ohne dass eine Waffe gezückt wird. Kommen Leute gewaltsam zu Tode, werden die Umstände meist erst im Nachhinein beschrieben. Die Anwendung von Gewalt behält auf diese Weise in Pratchetts Erzählungen einen erschreckenden und abweisenden Charakter. Der Tod selbst hingegen ist auch auf der Scheibenwelt zuhause. Personifiziert in der Gestalt eines menschlichen Skeletts und durch das Sprechen in GROSSBUCHSTABEN grafisch auffällig herausgearbeitet stellt Tod eine in jedem Roman wiederkehrende Konstante dar. Obwohl ihn nur Katzen und Zauberkundige sehen können, begegnet er doch jedem mindestens einmal im Leben – als das personifizierte Ende jeder Existenz.

Im Bezug auf Terry Pratchetts Romane von der Scheibenwelt ist indes noch kein Ende abzusehen. Eine treue und vermutlich wachsende Fangemeinde beschert jedem neuen Buch einen Platz auf diversen Bestsellerlisten. Seine Erzählungen werden zu Theaterstücken und Comicstrips umgearbeitet, während selbst kleine Details die Aufmerksamkeit von Liebhabern auf sich ziehen. Computer- und Brettspiele wurden auf dem Hintergrund der Scheibenwelt gestaltet und im Zuge der anhaltenden Fantasy-Begeisterung in den Kinos ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann eine Verfilmung des einen oder anderen Romans in Angriff genommen wird. Ob es nun am Gefühl liegt, von den humorvollen Erzählungen ein paar Stunden lang gut unterhalten zu werden, an der Freude am Entdecken geschickt versteckter Anspielungen oder auch andere Ursachen hat – die Scheibenweltromane sprechen ein breites Publikum an und stellen mittlerweile einen nicht mehr wegzudenkenden Teil der Fantasyliteratur dar

 

Die Gefahr der Scheibenwelt.
Karin Haller über "Klonk"

Wer die Scheibenwelt Terry Pratchetts kennt, weiß, dass "Klonk!" nichts anderes sein kann als das Geräusch, das beim Aufprall einer Trollkeule auf einen Zwergenkopf entsteht. So klang es damals in der historischen Schlacht von Koomtal. Und niemand anderer weiß das besser als Sam Mumm, Polizei-Kommandeur der Multi-Kulti-Metropole Ankh-Morpork. Sein Pech, dass es so aussieht, als ob sich dieses Geräusch nun wiederholt hätte – mit letalen Folgen für einen stadtbekannten Zwerg. Mumm ist herausgefordert, den Mord aufzuklären, und das so schnell wie möglich – schließlich tanzt er auf dem Vulkan eines Bürgerkriegs. Dabei gerät er zwischen die Fronten der beiden seit Jahrhunderten verfeindeten Gruppen der Zwerge und Trolle, wird wechselseitig auf falsche Fährten geführt und muss sich in Situationen behaupten, die stark an Begegnungen mit dem Paten erinnern. Dass die ihm unterstellte Stadtwache auch nicht gerade ein geordnetes Team darstellt, sondern einen bunt zusammengewürfelten Haufen aus Menschen, Zwergen, Trollen, Vampiren, Werwölfen und Wesen, von denen man nicht mit Bestimmtheit sagen kann, was sie sind, erleichtert ihm die Ermittlungen nicht unbedingt. Und vor allem: Um sechs Uhr abends muss er zu Hause sein. Seinem Sohn "Wo ist die Kuh?" als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.

Terry Pratchett ist nicht umsonst einer der erfolgsreichsten Fantasy-Autoren der Gegenwart. Auch sein 30. Scheibenwelt-Roman liest sich wie aus einem Guss, sprüht vor hintergründigem Humor, Situationskomik und satirischen Dialogen. Sein Spott macht vor nichts halt, da werden große Themen der Weltpolitik – Stichwort: verfeindete Völker – genauso aufs Korn genommen wie die ganz normalen Probleme berufstätiger Väter. Die Figuren, die seine Scheibenwelt bevölkern – etwa die göttliche Oma Wetterwachs oder der wunderbare Zauberer Rincewind aus früheren Romanen – sind Originale im wahrsten Sinn des Wortes. Mehr oder weniger durchgeknallt, sehr eigenwillig, nicht mit den Maßstäben unserer Realität zu messen. Die Scheibenwelt ist eben anders und wird nicht umsonst von Elefanten getragen, die auf einer Schildkröte stehen. Dass Pratchetts Figuren einem trotzdem oft mehr als bekannt vorkommen, macht Sinn und viel von dem Spaß aus, dem man sich beim Lesen nicht entziehen kann. Pratchett bietet Unterhaltungsliteratur vom Feinsten. Mit doppeltem Sinn und doppeltem Boden. Die Gefahr, die Scheibenwelt zu lieben, wenn man sie kennt, ist groß.

 

 

© bei den AutorInnen

 

 

 

Nikolas Rust, Fantasy-Fan, macht nach einem Studium der evangelischen Theologie und Germanistik in Göttingen eine Ausbildung zum Medizinischen Masseur in Wien.

 

Der Beitrag ist in 1000 und 1 Buch 1|2004 abgedruckt.

 

 


Zur Besprechung von Klonk

Zu Terry Pratchett bei Random House
( Autor und Werk, Linkliste)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Karin Haller leitet das Institut für Jugendliteratur in Wien
 
 

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