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Am Anfang war das Nichts. Das kannst
du dir schwer vorstellen. Du musst alles, was es jetzt gibt, weglassen.
Du musst das Licht ausmachen und selbst nicht da sein und dann sogar noch
die Dunkelheit vergessen, denn am Anfang war nichts, also auch keine Dunkelheit.
Wenn du den Anfang von allem wissen willst, musst du sehr viel weglassen.
Auch deine Mutter. Lässt man die eigene Mutter weg, nur so als Versuch, dann ist nicht mehr viel da und noch weniger denkbar. Mit Gott allein ist es eher ein wenig unheimlich. Gut, dass Bart Moeyaert und Wolf Erlbruch ihm einen kleinen Mann zur Seite gestellt, nein vielmehr gesetzt haben. Wer allerdings der nackte Mann ist, der Gott bei seiner Arbeit während einer ganzen Woche zusieht und mal bösartige, mal erstaunte, mal ganz wütende und dann wieder demütige Kommentare abgibt, das wissen wir nicht. (Und wo seine Mutter hingegangen ist, das wird auch verschwiegen.) Adam kann es schwerlich gewesen sein, weil am Anfang ja nichts war und Adam ist schließlich nicht nichts. Ist der kleine Mann gar das personifizierte Wort, das am Anfang, vor oder gleich nach dem Nichts gewesen ist? Oder ein alter ego vom lieben Gott? Bart Moeyaert behauptet, dass er es auch nicht weiß - dabei war er doch ebenfalls von Anfang an dabei, Satz für Satz, immer exakt gesetzt und oft mit doppeltem Boden versehen. Und Wolf Erlbruch? Der sagt zwar nichts, aber der weiß es wohl, weil: der muss eigentlich alles wissen, schließlich ist er ein Gott der Illustration, was er aufs Neue in dieser Schöpfungsgeschichte beweist, in der er wie immer in einer Mischtechnik von Collage und Malerei Bilder komponiert, die jedoch noch leichter als zuletzt wirken. Wie schwerelos sinken Flora und Fauna und zuletzt die Frau in das Nichts hinein und uns steht alles offen. Moeyaert und Erlbruch, wie passen sie genial zueinander: Zwei Künstler, die alle bisherigen Schöpfungsgeschichten einen Moment auf die Seite geschoben, weggelassen haben, die nichts erzeugt haben und auf ihrem Nichts alles aufgebaut haben, was die Welt, auch unsere, braucht. Wunderbar. |
Bart Moeyaert: Am Anfang. Ill. v. Wolf Erlbruch. Aus dem Niederl. von Mirjam Pressler, Peter Hammer. 32 Seiten, € 18,50, ab 5 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Björn Ingvaldsen: Ich bin berühmt. Espen Herberts Aufzeichnungen.
Illustriert von Volker Fredrich Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrand |
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Maritgen Matter: Ein Schaf fürs Leben. Ill. v. Anke Faust. Aus dem Niederländ. von Sylke Hachmeister, Hamburg: Oetinger 2003, 64 S., ISBN 3-7891-4239-5, ¤ (D) 9, 90, ¤ (A) 10, 20 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Sie stinkt, sie ist eklig, und sie
hat eine große Nase. Ich sehe sie jeden Tag, und jeden Tag habe
ich Lust, ihr zu sagen: "Du stinkst, du bist eklig, und du hast eine
große Nase." Doch jeden Tag sage ich: "Guten Tag, Madame",
und zeige ihr den Fahrausweis mit meinem Foto. |
Vincent Cuvellier: Die Busfahrerin. Mit Illustrationen von Candice Hayat.
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Altdorf, wo meine Großeltern
wohnten, liegt am Rand einer Ebene, die flach ist wie ein Kuchenblech.
Neben der Autobahn, zwischen zwei schnurgeeraden Dämmen, hüpft
das Wasser der Reuss. Hinter dem Städtchen steigt direkt der felsige
Wald auf. (...) Auf einem Platz in der Mitte des Städtchens steht
ein gewaltiges Denkmal: ein Sockel hoch wie ein Schrank, darauf ein bärtiger
Jäger im Hirtenhemd vor einer gemalten Berglandschaft. Er trägt
eine Armbrust auf der Schulter und hält einen Jungen an der Hand:
Wilhelm Tell mit seinem Sohn. Die beiden sind etwas zu mächtig geraten.
Wie für eine größere Welt gemacht. |
Jürg Schubiger: Die Geschichte von Wilhelm Tell |
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"Ach, du kennst die Welt nicht",
sagte mein Großvater immer. "Nein, ich bin ja auch noch nicht
sehr alt. Ich werde im Sommer erst vier", sagte ich dann. |
Thomas Winding: Großvaters Geschichten von den Tieren
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| Adelheid Dahimène:
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"Spezialeinheit Kreiner, momentan im Einsatz. Aus Sicherheitsgründen sprechen Sie bitte nicht vor, sondern nach dem Pfeifton" dieses Tonband läuft beim "jüngsten Privatermittler auf allen schiefen Ebenen", wenn er selbst unterwegs ist. Und er ist oft unterwegs, weil: "Kreiner löst auf jeden Fall jeden Fall, heißt seine Parole". Wenn Adelheid Dahimène einen Kinderkrimi schreibt, ist klar, dass er von herkömmlichen Texten des Genres formal ganz deutlich abweicht. Der ausgesprochen bewusste Umgang mit und die große Lust der Autorin an Sprache führt zu einem ungewöhnlichen Ergebnis. Da kann es schon passieren, dass ein deutscher Rezensent den Eindruck hat, "als hätten sich schillernde Comic-Figuren in die österreichische Welt eines 'Kottan ermittelt' verirrt" (Ralf Schweikart in "Die ZEIT"). | NP Verlag 2003, ISBN 3-85326-263-5 158 S., € 12,90
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Illustration aus dem Buch |
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| Von Franz Lettner Eine der großen Fragen meiner Kindheit: Warum ist im Kühlschrank immer das Licht an? Ich versuchte, den Schrank taktisch zu überlisten. Setzte mich davor, wartete lange und riss ganz plötzlich die Tür auf. Oder öffnete sie ganz schnell dreimal hintereinander. Es war immer das gleiche: Es war hell. Und mit einem Mal hatte ich das Gefühl, als würde im Kühlschrank Leben sein. Als würde sich grad eben bevor ich aufgemacht hatte, die Feine Extra mit der Karotte unterhalten haben, als hätten die Eier über mich gelacht und sich der Braten vom Vortag über mein mangelndes Fassungsvermögen lustig gemacht. Und sobald offen war, standen sie alle wieder still. Bei der Lektüre des neuen Buches von Couprie & Louchard (die im vorletzten Jahr bereits mit "Die ganze Welt" Aufsehen erregt haben) kam mir diese Kindheitserinnerung wieder in den Sinn und die Gewissheit, dass Lebensmittel tatsächlich ihr eigenes Leben haben. Empfehlung für alle Esser!
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Hildesheim: Gerstenberg 2003 (Originalausgabe
"A table!" bei Édition Thierry Magnier, Buafle 2002)
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Christine Nöstlinger:
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Von Heidi Lexe Durch manche ihrer Bassena-Geschichten wehte dieser unerträgliche Sonntag-Mittag-Duft. Angeekelt von fettigem Schnitzel und in Essig und Öl ertränktem Salat versuchte zum Beispiel Lotte Prihoda, Anti-Heldin aus "Der Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach" (erstmals bei Beltz & Gelberg 1974), ihren Platz im Leben zu finden. Zu einer Zeit wohlgemerkt, in der Christine Nöstlinger selbst des Kochens so unmächtig wie ein männlicher Neandertaler war. Die Mutter jedoch, die damals mit telefonisch vermitteltem Rat zur Seite stand (Ratschläge und Tipps siehe unter E wie Ezzes), dürfte nicht schuldlos an Christine Nöstlingers wachsendem Talent zur Feinschmeckerin gewesen sein - auch wenn Christine Nöstlinger sich heute längst nicht mehr durch deren Warnungen bezüglich der Auswirkung von Zugluft auf die Konsistenz eines Soufflés verunsichern lässt. Der Hauch des Widerständischen - genau diese Eigenschaft der Autorin hat ja mit dazu beigetragen, dass ihr der neugeschaffene Astrid Lindgren-Gedächtnis-Preis zuerkannt wurde. Um die 540.000 Euro Preisgeld (die sich Christine Nöstlinger mit dem amerikanischen Autor und Illustrator Maurice Sendak teilt) könnte man es sich glatt gönnen, eine von der Produktion eines Menüs bestehend aus Rehfilet, Rotkraut, Schupfnudeln und Weißbirnen mit Preiselbeeren gefüllt sowie einem Süppchen und einem Desserterl komplett eingesaute Küche nicht einfach zu putzen (siehe dazu S wie Sauerei und sauber machen), sondern auszutauschen. Der kochunkundige Adlatus, der im Idealfall aufwändigen Kochens dafür sorgt, dass Säuberungsaktionen das Kochwunder begleiten, hätte in diesem Fall frei. Obwohl man weder auf seine Tätigkeiten noch auf deren köstliche Beschreibung verzichten möchte: Geschirr abwaschen, Abfälle wegräumen, Boden kehren, nicht mehr benötigte Zutaten verstauen, das kann schließlich jeder Dödel. Doch egal ob Ehemann oder Speckdukatenbuchteln (siehe D wie Dampf und Dukatenbuchteln) - Christine Nöstlinger weiß Details des Küchenalltags mit Bodenständigkeit und beißendem Humor zu verhandeln. |
Wien: Dachs Verlag 2003 |
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Eva Ibbotson:
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Von Gabriele Grunt Verwechslungskomödien sind eine zeitlose Erscheinung. Warum also nicht einmal wieder aus dem reichen Fundus fast schon ausgestorbener Figuren der vorletzten Jahrhundertwende (1900) schöpfen? Spröde Gouvernanten, idealistische Naturforscher, britische Adelige, Amazonasindianer und allen voran ein herzensgutes, finanziell bestens versorgtes Waisenkind als Protagonistin scheinen geradezu prädestiniert dazu, den Buchmarkt zu erobern und einer Autorin wie Eva Ibbotson, die der Potter-Reihe mit "The Secret of Platform 13" motivisch in vielem (3 Jahre) voraus war, sei das Mitschwimmen im Waisenkindertrend auch ohne Unken gestattet! Eine "Journey to the River Sea" (so der relativ schlichte Originaltitel ), eine Schiffsreise zu den einzigen Verwandten mitten ins Amazonastiefland verspricht für ein Mädchen, das wie Maia in der britischen "Mayfair-Akademie für junge Damen" aufwächst, eine gehörige Portion Abenteuer. Doch Ibbotson hat noch mehr auf Lager: Über mehrere Generationen verflicht sie die Schicksale der handelnden Personen zu einem vertrackten Chaos, greift Versatzstücke der Abenteuer- und Reiseliteratur sowie der traditionellen britischen Internatsgeschichte auf, bringt sie in neue, kreative Zusammenhänge und setzt sie in ein überaus komisches Spannungsfeld zwischen Zitat und Parodie. Zum Beispiel stürzt Maias Reisebekanntschaft Clovis in Manaus seine zweifelhafte Theatertruppe in den Ruin, weil ihn sein Stimmbruch als einen seiner kindlichen Hauptrolle (in "Der kleine Lord" von Frances Hodgson Burnett) entwachsenen schlechten Schauspieler enttarnt. Viel später wird just diese Rolle zu seinem Bravourstück, wenn er damit (im Gegensatz zum "kleinen Lord") gar nicht widerwillig und mit altersgemäß tiefer Stimme als scheinbarer Erbe einer britischen Adelsfamilie nach England zurückkehrt, um den echten Erben (und zufällig auch seine eigene Haut) zu retten. Während das Figurenarsenal rund um Maja wilde Haken zwischen England und Brasilien schlägt, gehen Lebens- und Leselust miteinander einher, bis in einem furiosen Finale allen "Guten" ein Leben nach ihren Wünschen lacht und über die "Bösen" schadenfroh gelacht werden darf. |
Hamburg: Dressler 2003 Ab 11 Jahren |
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Illustration aus dem Buch von Ole Könnecke |
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| Von Esther Kochte Dieselbe Schule und dasselbe Problem damit, das ist es, was Fredo und Rocki verbindet: Rocki kommt kaum in die Schule rein, lulatschlang wie er ist; Fredo kann bei seiner Zwergenstatur schwänzen bis er dumm wird und keiner merkt es. Weil mit den beiden also schwer was anzufangen ist, schicken Fredos und Rockis Eltern sie in die Welt hinaus. Dabei sind sie nicht einmal Freunde, denn Rocki ist zu würdig, um zu Fredo runterzuschauen und Fredo will im Leben nicht zu Rocki hochschauen! So die Disposition einer bebilderten Geschichte in vier Akten aus der Feder zweier ruhmreicher Künstler, vorgetragen und strukturiert, wie es sich gehört, von einer richtigen Erzählerfigur hier in Gestalt eines Hundes , die vor dem geschlossenen Vorhang einer Theaterbühne auf und ab wandelt und etwa die weltumspannenden Schauplätze des Geschehens an einem Globus veranschaulicht. Doch die Welt ist zwischen diesen Seiten vom Verlag als Geschenkbüchlein deklariert nicht nur Kulisse, sondern vor allem auch Metapher für ein grenzenloses, allumfassendes Thema: die Freundschaft, lebenslang, in guten wie in schlechten Zeiten, umso bedeutender, wenn man wie unsere beiden inzwischen erwachsenen Helden ein wenig sonderbar ist. Autor und Illustrator übertreffen einander gegenseitig an stilistischer Reduktion und erreichen damit die wahre Poesie. Dabei begleiten Könneckes cartoonistische Zeichnungen den Text nicht nur, sondern krönen ihn mit köstlichen Details, erzählen ihn auf rührende Weise fort und verzichten an den richtigen Stellen auf eine Umsetzung, etwa wenn von einem Zirkusschiff die Rede ist, von dem die Helden miteinander träumen eine phantastische Verheißung wie diese könnte durch eine konkrete Illustration nur geplättet werden. Ein Zeichenwunder ist, wer mit so sparsam-pointierten Strichen Leben weckt und Herzen öffnet; beinahe kämen Könneckes Zeichnungen ohne den Text aus. Und hier eben lauert die Gefahr der durchgängigen Illustration, denn die Bilder könnten dem Wort, seelenverwandt wie sie sind, die Show stehlen; um die drollige Schönheit von Drvenkars Sprache im Leserbewusstsein voll zu entfalten, muss das verführte Auge ihn hin und wieder ausdrücklich von den Bildern separieren. Jedoch verdient nun mal ein Text, der ein Thema wie Freundschaft so elementar erfasst und gleichzeitig so exzentrisch inszeniert, nichts Geringeres als von einem Zeichenstift in Könneckes Hand geküsst zu werden. Ein Werk, rund wie die Welt man wird nicht müde, es immer wieder aufs Neue zu erkunden! |
Hamburg: Carlsen 2003 |
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