Zurück zum Österr. Kinder- und Jugendbuchpreis 2003

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Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2003 – Preisverleihung

 

Ben Kuipers: Ich bin dein Freund. Vorlesegeschichten. Mit Bildern von Ingrid Godon

Aus dem Niederländischen von Hedwig von Bülow
Innsbruck: Obelisk, 2002, 70 S., ISBN 3-85197-425-5, 9,90

 

 

 

 

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Rindert Kromhout (Text) | Annemarie van Haeringen (Ill.):
Der kleine Esel und sein Geschenk für Jaki

Aus dem Niederländischen von Daniel Löcker
Wien: Picus 2002
ISBN 3-85452-859-0, 14,90

 

 

 

 

 

 

 

 

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St. Pölten: NP Verlag 2002
ISBN 3-85326-250-3, 14,90

Foto von © Birgitta Heiskel aus 1000 und 1 Buch 2|03

Weitere Wienbilder von Birgitta Heiskel

 

 

 

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Innsbruck: Obelisk 2002
158 S., ISBN 3-85197-434-4, 10,90

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Übersetzungspreis für Jaqueline Csuss für die Übersetzung von:
Bali Rai: Bloß (k)eine Heira
t

Düsseldorf: Sauerländer 2002
286 S., ISBN 3-7941-4950-5, 15,40

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hamburg: Carlsen 2002
ISBN 3-551-51553-0, 14,40

 

Laudatio zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2003

Gehalten Gleisdorf am 3. Oktober 2003 von Heidi Lexe und Klaus Nowak (es handelt sich im folgenden um ein Redemanuskript!)


Sehr geehrter Herr Staatssekretär!
Sehr geehrte Frau Landeshauptmann!
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger!
Sehr geehrte Festgäste!

Im Anschluss an die heurige Jurysitzung hat der scheidende Vorsitzende, Herr Dr. Peter Schneck, den Jurymitgliedern des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises folgendes Bonmot mit auf den Weg gegeben: Was ist ein Dromedar? Das Ergebnis einer Jury, die eingesetzt wurde um zu bestimmen, wie denn ein Pferd auszusehen hätte. Nun, in diesem Sinne ist es Dr. Heidi Lexe und mir als Mitglieder der Jury nicht nur eine Ehre, Ihnen nun die bepreisten Bücher vorstellen zu dürfen, sondern ebenso ein Anliegen, Ihnen zu zeigen, dass man auch mit der Wahl von Dromedaren auf die richtigen Pferde setzen kann.
In Anbetracht der uns zur Verfügung stehenden Zeit werden wir das wohl nur im Galopp schaffen und deshalb   – und bevor mir hier ohnedies die Reitsportmetaphern ausgehen – gebe ich die Zügel in die Hände von Frau Dr. Lexe.

 

Heidi Lexe über die Bücher der Ehrenliste

Wenn Anna Angst hat – dann vielleicht, weil jemand seinen Hochzeitstag vergessen hat, und jemand anderer aus diesem Grund sehr böse werden könnte. Wenn Anna Angst hat – dann vielleicht, weil sich die Saligen herumtreiben oder vielleicht, weil Mädchen um Mitternacht in Schwäne verwandelt werden. Wenn Anna Angst hat – dann vielleicht weil ein Jugendlicher Amok läuft oder vielleicht, weil Journalisten gerade in solchen Gewalttaten ein besonderes Abenteuer sehen. Wenn Anna Angst hat – dann vielleicht, weil ein grüner Drehdrache, der alle schwindlig dreht und eine Klausnerin aus dem Klein-Wien-Tal irgendwie nicht zueinander passen. Oder doch?
Wenn Anna Angst hat – dann vielleicht, weil sie nicht weiß, wie sie sieben so unterschiedliche Ehrenlistenbücher in einer kurzen, wertschätzenden Vorbemerkung zur Verleihung der Urkunden unterbringen soll. Illustratorisch außergewöhnlich interpretierte Sagen aus Südtirol, eine verspielte Liebesgeschichte unter Eseln, ein historischer Roman über eine Schriftstellerin, die sich erstmals in deutscher Sprache an religiöse Texte wagt, ein radikaler Bühnentext rund um Gewalt und Gewaltdiskurse, ein Sachbuch über die Facetten des Journalismus, ein Bilderbuch, das phantasievoll Angstbewältigungs-Strategien ausmalt und die wunderschöne Buchvariante des Balletts Schwanensee. Kein Wunder, dass hier jemand Angst hat, alles unter einen Hut zu bekommen daher nehmen wir dort, wo Anna den Gespenstermaler zu Hilfe ruft, ganz profan die Technik zu Hilfe und geben Ihnen einen kurzen optischen Eindruck der sieben Ehrenlistenbücher.

Jetzt also zu den Preisbüchern. Und keine Angst, ich werde nichts mehr über Pferde und Dromedare sagen. Aber wir  bleiben bei den Tieren. Und zwar bei zwei Sorten, die sich zwar in der Natur eher schwer vertragen, in der Literatur aber gern befreunden. Die Rede ist von Wölfen und Lämmern. Das Buch heißt "Ich bin dein Freund". Die Helden heißen Wolf und Lamm. In 20 kurzen Geschichten – jede für sich gerade mal 2-3 Seiten – erzählt der Holländer Ben Kuipers also von diesen Freunden und ihrem unaufgeregtem Alltagskosmos, das wird allein durch die jeweiligen Kapitelüberschriften deutlich: Reden, Eier, Baden, Krank, Beleidigt, usw. Da wird Wolfs Trauer um einen Frosch thematisiert, den er gerade in dem Moment zertritt, als er einem anderen Frosch das Leben retten will. Oder das Glas Saft, von dem Lamm Bauchweh kriegt.
Es sind lauter kleine Minidramen, immer mit einem erzählerischen Rahmen, der sich oft wie Regieanweisungen liest: Wolf und Lamm liegen auf einer Wiese, Wolf und Lamm sitzen am Flussufer. Auch die Bilder von Ingrid Godon konzentrieren sich auf die beiden Figuren, ihre Gestik, ihre Mimik. Wie auf einer karg ausgestatten Bühne stehen die beiden Helden herum, und es entspinnen sich im Text Dialoge, eine Art Doppelconferencen, wo man bald nicht mehr weiß, wer hier der Gscheite und wer der Blöde ist oder ob beide gar belämmert sind.
Zumeist zeichnen sich diese kleinen Geschichten durch eine sehr eigenwillige Komik aus – nicht zu Unrecht hat auch die Rezensentin der Hamburger "Zeit" hier Beckett-Figuren ausgemacht und jeder einzelnen Geschichte eine "Wendung ins Absurde" konstatiert. Beckett-Figuren, ja. Aber mit der Einschränkung, dass hier im Kinderbuch die Hoffnung noch eine größere sein darf. Was bei Beckett ein kleines grünendes Blatt, ist hier noch eine nicht weiter in Frage gestellte unzertrennliche Freundschaft.
Vorlesegeschichten sind das, und erst das Vorlesen bringt die ganze Stärke dieser Texte zum Vorschein: Perfekt komponiert in Rhythmus und Melodie – ein großes Lob auch der Übersetzerin Hedwig von Bülow an dieser Stelle –, bietet Kuipers vielerlei Möglichkeiten für Tempo- und Stimmvariationen, für Gesten und auch für Pausen, die den skurril-witzigen Dialogen, die stets zwischen Alltagsgeplauder und philosophischem Hintersinn changieren, erst den Raum geben, den sie brauchen, um sich völlig zu entfalten.

Geburtstage sind etwas Herrliches. Besonders dann, wenn mit Freude geschenkt wird. Obwohl – in Bezug auf die Geschenke sind in Wahrheit ja nur die eigenen Geburtstage uneingeschränkt herrlich. Denn jemand anderem ein besonders schönes Geschenk zu machen heißt immer auch, sich von etwas zu trennen, was einem eigentlich ganz gerne selber gehören würde. Der rote Drachen zum Beispiel, den der kleine Esel für seinen Freund Jaki zum Geburtstag ausgesucht hat, ist in Wahrheit viel zu schön, um verschenkt zu werden.
In seiner Jurybegründung für "Der kleine Esel und sein Geschenk für Jaki" verwendet Ernst Seibert den Begriff der kindlichen Seelenlandschaft, die in dieser Bilderbuchgeschichte ausgebreitet wird. Die Seele ist ein weites Land – so kennen wir es von Arthur Schnitzler. Die beiden Niederländer Rindert Kromhout und Annemarie von Haeringen haben dieses weiter Land ganz ordentlich leer geräumt – und lenken damit den Blick umso nachhaltiger auf die kindliche Gefühlswelt des kleinen Esels. Der großzügig angelegte weiße Hintergrund und sparsam eingesetzte grafische Details schaffen das Umfeld für eine außerordentlich liebevoll gestaltete Geschichte über die kleinen Tücken wenn es darum geht, das Richtige zu tun.
Von den Tricks, die der kleine Esel anzuwenden versucht, um den wunderbaren Drachen selbst zu behalten, zeigt sich Mama Esel nur wenig beeindruckt. Sie sorgt dafür, dass ihr ein wenig zörgerlicher Nachwuchs weniger den Drachen selbst als besonderes Geschenk begreift als vielmehr den eigenen Verzicht darauf und die Freude, die der kleine Esel Jaki damit bereitet. Nun, etwas zu begreifen ist schön – und doch fühlt es sich sehr einsam an, nach dem Geburtstagsfest nach Hause zu gehen und den Drachen bei Jaki zurückzulassen. Hinter den stilisierten Bergen der entsprechenden Doppelseite sieht man den roten Drachen noch hervorlugen, sieht ihn in der Luft tanzen, während der kleine Esel sehnsüchtig zurückblickt. Aber – vielleicht hat ja auch er bald Geburtstag? Und während Mama Esel ihr kleines Kerlchen am Ende des Tages und auch des Buches im Waschzuber abschrubbt, sehen wir hinter dem Schrank versteckt schon das für diesen Geburtstag vorbereitete Geschenk.
In seinem kindlichen Kampf mit den eigenen Unzulänglichkeiten, in seinem geviften und doch chancenlosen Beharren auf dem eigenen Vorteil bietet sich der kleine Esel geradezu als kindliche Identifikationsfigur an. Indem die Illustratorin Annemarie van Haeringen ihre Figuren in einer Art Kostümierung vorführt und in einem Umfeld agieren lässt, das dem Kind vertraut ist – trotz ironisierender Verweise auf einen so ja längst nicht mehr existierenden, natürlichen Lebensraum der Tierfiguren, wird der kleine Esel zum Kind an sich, zur Symbolfigur, die nunmehr in bereits drei Geschichten im Mittelpunkt steht. Der Bilderbuchpreis gilt daher auch ein wenig dem Serienkonzept, das sich mit Hilfe einer sehr spezifischen und doch mit vielerlei kindlichen Ängsten, Freuden und Sehnsüchten konnotierbaren Figur in die kindliche Seelenlandschaft wagt.

"Rosie in New York" von Monika Helfer und Birgitta Heiskel ist ein außergewöhnliches Buch, das sich einem nicht rasch erschließt. Sperrig scheint das zunächst, wenig vertraut, weil es mit vielen vertrauten literarischen Mustern und mit Sehgewohnheiten bricht.
 "Rosie in New York" hat meine Bilder dieser Stadt durcheinander gebracht, manche gelöscht, manche verwischt, neue hinzugefügt und viele kleiner gemacht, in einzelne Teile zerlegt. "Rosie in New York" arbeitet mit ästhetischen Verfahren, auf die man im Kinderbuch selten trifft. Montage und Dekonstruktion wären hier als Schlagwörter zu nennen. Da wird auf einen klar überschaubaren Handlungsverlauf verzichtet, auf einen eindeutigen Spannungsbogen, auf eine geschlossene Sicht dieser Stadt und damit auf eine geschlossene Deutung der Welt.
"Rosie in New York" ist keine Großstadtliteratur in hektischem Tempo. Für heutige Wahrnehmungsgewohnheiten ist dieses Buch, wie mein Jurykollege Reinhard Ehgartner meint, provokant ruhig. Nichts für den flüchtigen Touristenblick, obwohl man dieses Buch auch als literarischen Reiseführer nur empfehlen kann.
In sieben kurzen Geschichten – passend amerikanisch müsste man sie short stories nennen – streift man als Leser mit Rosie durch New York, meist ohne bestimmten Weg und Ziel, en passant gewissermaßen. Rosies Blick, der einem dabei lesend und schauend aufgezwängt wird, ist keiner der großen, breitwandfüllenden Skylines. Mit Rosie erlebt man kaleidoskopartig die Dinge der Welt. Ich zitiere meine Jurykollegin Silke Rabus: Farben und Formen, Töne und Gerüche verschmelzen in immer neuen Komponenten zu facettenreichen Panoramen, gestalten sich in permanenter Metamorphose zu aufregenden Collagen menschlicher Wahrnehmung.
Dies alles hier augenscheinlich zu machen, reicht leider die Zeit nicht. Ich verweise sie deshalb zum einen natürlich auf das Buch selbst, zum anderen auf die Maiausgabe der Zeitschrift "1000 und 1 Buch". Dort finden sie Aufsätze und Kommentare nicht nur zu diesem, sondern auch zu allen anderen Preisbüchern. Und dort finden sie auch einen Fotoessay, für den die Illustratorin Birgitta Heiskel mit einer Kamera nicht durch New York, sondern durch Wien flaniert ist.
Und damit noch mal zurück zu den Dingen der Welt.
" Rosie in New York" zeigt sie uns nicht nur, sie zeigt auch deren Aneignung durch uns Menschen. Wer über welche Dinge verfügt oder nicht, wer was gebraucht oder missbraucht. Und da in diesem Buch die Grenze zwischen Realität und Traum, zwischen Faktischem und Möglichem nicht eindeutig ist, können sich die Dinge auch verwandeln und verändern. Darin liegt dann auch ein Stück Utopie.
So hat Rosie einen genauen Blick für die Außenseiter der Gesellschaft, für die Bedürftigen. In doppeltem Sinn ist sie dann eine wahre Helfer-Figur. Sie hilft dort, wo sie praktisch und nach ihrem Vermögen helfen kann. In einer Szene des Buches sehen wir dieses Kind sich mit einem Korb voller Sachen auf den Weg machen, eine uns märchenhaft vertraute Szene. Alles, was sie im Korb hat, wird sie verschenken. Z.B an einen, ja, an wen? Was ich als Obdachlosen, betrunkenen Bettler wahrgenommen hätte, sieht Rosie als einen Mann mit einer Krone aus Silberpapier und einem Königsmantel aus blauem Samt. Erkennt Rosie da im Bettler den König? Alles nur ein Traum? Wer weiß.
Aber so wie ich es verstanden habe, ist Rosies New York tatsächlich der Ort, in dem Träume wahr werden können. Und so verstanden wünsche ich mir auch Rosie in Wien, in Graz, in Gleisdorf.

In einem Artikel über die große österreichische Kinderbuchautorin Mira Lobe im Standard-Album stellte Michael Freund vor einigen Jahren die Vermutung an, dass trotz all dem Interesse, das wir dem Literaturbetrieb gegenüberbringen, trotz aller Aufregung um die neuen Romanen von Eco, Grass und Süskind, unsere Leseerlebnisse aus der Kindheit die doch weit eindrücklicheren seien:
Wir kaufen, lesen vielleicht auch. Aber: Was bewirken denn die konsumierten Bücher in uns – im Vergleich zu den Geschichten aus der Kindheit.
Kann man sich, so frage ich mich, von dieser Überlegung ausgehend, einer solchen möglichen Eindringlichkeit von Kinderliteratur als Autor oder Autorin überhaupt bewusst sein? Wenn ja, wird es sich dabei sicher nicht um Texte handeln, die sich dem ewigen Entertainment unterwerfen; jenem permanenten Zwang zum Spaß haben, dem sich das alltagskulturelle Leben heute scheinbar freudig unterwirft.
Sie muss Spaß machen. Kann diese Forderung wirklich die einzige sein, die wir an Kinderliteratur stellen?
Eine solche keimfreie Kinder- und Jugendliteratur war ihre Sache nie – und deswegen haben es die Texte von Renate Welsh auch immer wieder geschafft, uns anzustecken. Ihre Texte haben Nachwirkungen.
Mit dem Kinderbuchpreis ausgezeichnet wird heute "Dieda oder Das fremde Kind" – ich habe dieses Buch schon beim ersten Mal mit dem Gefühl gelesen, an ein besonderes Stück Kinderliteratur geraten zu sein. Und gerade deshalb war es nicht verwunderlich, in Diskussionen immer auch die Frage mitgeliefert zu bekommen, ob es sich wirklich um ein Kinderbuch handelt? Zwischen "Marienhof" und "Starmania" ist dieses Buch nicht rezipierbar, das stimmt. Aber: Ist das ein Ausschließungsgrund für eine Zuschreibung als Kinder- und Jugendliteratur?
"Das fremde Kind" – der Untertitel verweist auf E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen, in dem ein fremdes Kind, eine feengleiche Gestalt die beiden kindlichen Hauptfiguren vom sich ins Böse verwandelnden Hauslehrer befreit. Auch Renate Welsh stellt an das Ende ihres Romans ein Kind, dem es gelingt, der Hauptfigur die Fremdheit zu nehmen, sie zurückzuholen in eine Welt des Miteinander: Erst der neugeborenen Schwester vermag Dieda ihren Namen zu nennen. Bis dahin begreift das Mädchen sich selbst auf Grund ihrer neuen Lebensumstände als fremd, als namenloses Wesen – und reagiert nur no auf ein unbestimmtes "Die-da".
Dieda wird von ihrem Vater aus dem immer stärker zerbombten Wien des letzten Kriegsjahres sozusagen evakuiert und lebt mit der Familie der zweiten Frau ihres Vaters im Feriendomizil am Land. Und während der Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich zu Ende gehen, beginnt für Dieda ein ganz anderer, wenn auch die Bedingungen struktureller Gewalt im Mikrokosmos widerspiegelnder Kampf:
An diesem Tag begann der Krieg. Der Alte schwor, die Eichhörnchen zu erschießen, die Nüsse stahlen und Teetassen zerbrachen. Dieda lauerte ihm auf. Sie erkannte schon an seinem Schritt, ob er ins Haus ging, um das Luftgewehr zu holen. Dann rannte sie hinauf auf den Balkon und klatschte und kreischte und verscheuchte die Eichhörnchen. Sie wusste genau, dass der Alte nachkommen und dreimal mit dem Gewehrschaft zuschlagen würde. Dann würde er sie and er Schulter packen und sein Gesicht würde immer näher kommen.
"Entschuldige Dich!"
Sie schüttelte jedesmal den Kopf. "Ich denke nicht daran. In meines Vaters Garten wird niemand umgebracht!" Der Satz gefiel ihr.

Ein der Kindheit zugeschriebener paradiesischer Zustand ist verloren und auch das phantastisch determinierte Böse, wie es bei E.T.A. Hoffmann noch Platz hatte, weicht der politischen und sozialen Realität. Dieda hat es nicht mit dem Bösen an sich zu tun, sondern mit Menschen, die rauh und emotionslos reagieren, die ihre politische Hoffnung enttäuscht sehen und die ein Kind als nichts anderes empfinden als noch ein Maul, das es durchzufüttern gilt.
Ein ehemaliger Ort der Vertrautheit und des sommerlichen Glücks verwandelt sich für Dieda durch familiäre Verschiebungen in einen Ort der Selbstentfremdung: Der neue Großvater, der despotische Alte, sorgt dafür, dass dem Kind keinerlei Mitleid entgegengebracht wird. Menschen, die eine gemeinsame Vergangenheit mit Dieda haben, werden bewusst aus dem neuen Familienverband ausgegrenzt, die Verbindung zum Vater in Wien so weit wie möglich unterdrückt. Und die neue Frau des Vaters steht Dieda Tag für Tag wie eine Anklage vor Augen – sie ersetzt nun im Leben des Vaters die Mutter, für dessen Tod Dieda sich verantwortlich fühlt.
In dieser außerordentlich dichten Atmosphäre eines unterkühlten, gehässigen Miteinander steht Dieda vor der Aufgabe jeder Heranwachsenden: sich selbst zu begreifen.
Renate Welsh wählt dafür eine konsequent kindliche Erzählperspektive. Alles Erzählte bleibt der Sicht von Dieda verpflichtet – nichts wird relativiert oder erklärt. Vieles bleibt daher Fragmentarisch und die Schwierigkeiten des Mädchens, Erlebtes, Gehörtes, Gesehenes zu begreifen, werden ungefiltert auf die Leser und Leserinnen übertragen – und mit genau dieser Empathie fordert Renate Welsh heraus.
Auch der Gestus des Erinnerns dient dabei der Frage nach der eigenen Fremdheit.
Nochmals das Ende des oben genannten Zitats:
Sie schüttelte jedesmal den Kopf. "Ich denke nicht daran. In meines Vaters Garten wird niemand umgebracht!" Der Satz gefiel ihr.
Mit der Wahrnehmung ihrer eigenen Formulierungen nimmt Dieda die Position der sich selbst Beobachtenden ein. Sie verwendet eine Formulierung, die ihr gefällt, die sie für sich nutzt, die ihr aber noch ein wenig fremd bleibt, die sie erst lernen muss, nachzuempfinden. Gestört wird dieser Lernprozess durch alltägliche Szenen der Ausgrenzung. Erst gegen Ende zeigen sich emotionale Schlupflöcher.
Dieda kehrt nach Wien zurück und inmitten der zerbomten, besetzten Stadt empfindet sie individuelle Geborgenheit. Sie wird von den Menschen ihres "alten" Lebens (von Menschen aus der alten Zeit also) umsorgt, gebadet, verwöhnt. Nun ist es die neue Frau des Vaters, die sich fremd fühlt und nun sorgt Dieda ihrerseits dafür, dass ein Miteinander nicht stattfindet. Erst beim Anblick ihrer neugeborenen Schwester vermag Dieda sich erstmals wieder als Teil von Etwas zu empfinden – als Teil einer neuen Familie vielleicht, einer neuen Zeit.
Gerade diese Einbindung des Geschehens in den historischen Hintergrund, gerade dieser ehrliche und genaue Blick auf Kindheit und ihre Bedingungen, gerade dieser literarisch differenziert ausgearbeitete Entwicklungsprozess eines Kindes machen diesen Roman zu einem besonderen Stück Kinderliteratur.

In Bali Rais Debütroman "(Un)arranged Marriage" wird uns aus der Ich-Perspektive eines 14-jährigen Engländers erzählt. Manjit ist der Sohn indischer Einwanderer aus dem Pandschab. Und eben diese seine Eltern haben bereits eine Heirat für ihn arrangiert. Manjit denkt nur noch an eines: an Flucht. Soweit das Ausgangsszenario für einen Jugendroman, der von den Problemen der so genannten zweiten Einwanderergeneration erzählt. Der Autor, 1971 in England geboren, ist selbst Sohn indischer Einwanderer. Das, was seine Geschichte und seinen Helden vorantreibt, ist der Konflikt zwischen indischer Familientradition und europäischen Vorstellungen von individueller Selbstverwirklichung.
Wir bewegen uns hiermit in einem multikulturellen Umfeld (Rassismus nicht nur zwischen Engländern und Einwanderern, sondern auch zwischen Einwanderern verschiedener Ethnien wird im Text offen gelegt) und dieses Umfeld ist entscheidend für die Sprache bzw. vielen Sprachen, mit denen dieser Text vor allem in beeindruckenden Dialogen arbeitet. Und damit auch entscheidend für die Übersetzung, die ja hier bepreist wird.
Bali Rais Roman ist ein polyphones Werk, das nicht ein einheitliches, literarisch durchgeformtes Englisch bietet. Viele Arten Englisch, die zum Teil aus den früheren Kolonien stammen, werden hier gesprochen. Rai vermischt verschiedene Sprachfärbungen und Soziolekte, den Slang und die Szenesprachen englischer Jugendlicher mit Wörtern und Wendungen aus dem Pandschabi, dem Alter des Helden und seiner Geschichte entsprechend ist es über weite Passagen eine sehr emotionale Sprache, oft rau, hart, kantig ....
Für die Übersetzerin Jacqueline Csuss eine enorme Herausforderung. Galt es hier doch, nicht nur all diese Sprachnuancen genau zu verorten, sondern dafür möglichst passende Entsprechungen in deutschsprachigen Zungen zu finden.
Dazu nur ein kleines Beispiel aus dem Roman. Da spricht Manjit mit seinem besten Freund, der ein Meister im Parodieren verschiedenster Idiome ist.
Der Freund hat in dieser Szene trotz ärgster Hitze eine Kappe auf und schwitzt fürchterlich.
Zunächst das englische Original:
"Why don`t you take that off?" I said, pointing at the cap.
" Nah, dready" he replied, smiling. "Not till I gets me a haircut, sah."
" Yeah, but you´re sweating all down your ugly face, man."
" Oh, I loves the salty taste of my own sweat, my dear."
I laughed at his change in accent from Jamacain to country bumpkin. He was funny like that; he could switch accents in an instant.

Und nun in der Übersetzung von Jacqueline Csuss.
"Warum nimmst du das Ding nicht ab?", fragte ich und zeigte auf die Kappe.
" Naa", grinste er mich an. "Nich, bevor die Matte nich ab is, Sir."
" In Ordnung, Mann, aber dir rinnt der Schweiß über die hässliche Visage."
" Oh, aber ich liebe den salzigen Geschmack meines eigenen Schweißes, mein Süßer.
Dieser plötzliche Wechsel vom Rastaspruch Jamacain Style zur tuntigen Landnudel brachte mich zum Lachen. In der Hinsicht war er zum Schreien; er konnte augenblicklich von einem Akzent zum nächsten umschalten.
Dieses Umschalten oder Switchen ist nach Meinung des Übersetzungsgutachtens von Soraya Wimmer-Azizi und nach Meinung der Jury auch Jacqueline Csuss in außerordentlichem Maß geglückt. Dass Csuss gut übersetzen kann, dass sie Handwerk und Technik des literarischen Übersetzens beherrscht, hat sie schon oft gezeigt. Hier kommt aber noch etwas dazu. Laut dem flämischen Autor Bart Moeyaert muss eine gute Übersetzerin über drei Sprachen verfügen. Nicht nur über die, aus der sie übersetzt, und nicht nur die, in die sie übersetzt, sondern wesentlich auch noch über eine dritte: die des Gefühls.
" Bloß (k)eine Heirat" beweist: Jacqueline Csuss beherrscht auch die dritte.

Von der Jugendliteratur nun zum Abschluss noch einmal zurück zur Auseinandersetzung mit Kindheit und – um gleich noch einmal dick aufzutragen – zum ewigen Kind. Wer kennt ihn nicht , Peter Pan, den Jungen, den nur versteht, wer jung, unschuldig und herzlos ist, den Jungen der kräht, wenn er glücklich ist und der im Haus der Familie Darling seinen Schatten verloren hat.
Doch ohne seinen Schatten kann selbst Peter Pan nicht leben – also kehrt er ins Kinderzimmer der Darlings zurück, um ihn zu suchen. Als Peter Pan ihn endlich in einer Schublade wieder findet, sieht der Schatten ganz zerknittert aus. Denn: auch ein Schatten hat für sich alleine keine rechte Bedeutung, er ist nicht viel wert, solange er nicht geworfen wird.
Diese Erfahrung macht auch "Der Schatten vom Hans": Ohne seinen Werfer bleicht der Schatten langsam aus, wird faltig und klein. (Das wäre – nur so am Rande – natürlich eine tolle Ausgangssituation für einen Psychoanalytiker.)
Peter Pan versucht seinen Schatten mit Seife wieder anzukleben und bekommt ihn – wir erinnern uns – letztlich von Wendy angenäht. Walt Disney hat diese Wiedervereinigung für einen unvergleichlichen Freudentanz genutzt, in dem Peter Pan und sein Schatten ungeachtet aller physikalischen Gesetze miteinander in Kommunikation treten.
Was Walt Disney als Mittel der Komik dient, dient der Literatur vielfach als Spannungselement – vor allem natürlich jener Literatur, die in der Tradition der Romantik steht: Dort wo Naturgesetze durchbrochen werden, erlangt das Geheimnisvolle, Unerklärliche (Wunderbare, wie im Fall von Peter Pan) die Oberhand.
So geht es auch im Bilderbuch von Adelheid Dahimène und Heide Stöllinger ganz schön schaurig zu, wenn der Schatten vom Hans immer bleicher wird und die Nacht um ihn immer finsterer, wenn der gespenstergleiche Heimatlose sich schon von abgemagerten, streunenden Hunden vereinnahmt sieht: auf allen Vieren laufend Katzen jagen? Soweit soll es im Leben des Schatten vom Hans nicht kommen.
Die besondere Leistung von Heide Stöllinger, die heute für "Der Schatten vom Hans" mit dem Illustrationspreis ausgezeichnet wird, liegt im spielerischen Umgang mit dem wechselvollen Verhältnis zwischen Werfer und Schatten. Von Beginn an nämlich zeigt sich der Schatten nicht als Umriss jenes Körpers der für die Aussparung von Licht sorgt, sondern viel mehr als eigenständige Figur, die – ganz ihrer Bestimmung entsprechend – nachspielt, was ihr Werfer vorgibt. So folgt der Schatten auch dann, wenn sich Hans beim Ballspiel ein wenig plagt, freudig den bewegungstechnischen Vorgaben.
Dann jedoch schleicht sich Unmut ein, denn Hans tritt seinem Schatten ein paar Mal ganz ordentlich auf die Zehen. Und im sich immer stärker voneinander unterscheidenden Mimenspiel zeichnet sich eine mögliche Trennung von Schatten und Werfer erstmals ab. Von der scheinbaren Verdoppelung wird abgewichen und der erste dramaturgische Höhepunkt wird illustratorisch auf die Spitze getrieben, indem Hans und sein Schatten einander gegenüberstehen.
Ins Bild gesetzte Bewegungsabläufe werden für diesen Moment gestoppt.
Solche Bewegungsabläufe, die Regelung der Geschwindigkeit der Geschichte, erreicht Heide Stöllinger durch Bildteilungen, wechselnde Bildgrößen, durch Bildfolgen und Verdoppelungen. Die Wirrnisse des nächtlichen Geschehens werden durch die unterschiedliche Positionierungen von Bild und Text verstärkt, der harmonische Rhythmus der Abfolge von Bild – Umblättern – Bild wird durchbrochen, ganz der Unklarheit und auch Bedrohlichkeit der Situation entsprechend, in der sich die beiden Hauptfiguren befinden.
Der bleiche Schatten irrt durch die Nacht und sieht sich von deren Gestalten bedroht – die wohlgemerkt ganz gehörige Schatten werfen; und Hans wälzt sich unruhig im Schlaf, weil ihm der Streit mit seinem Schatten im Magen liegt.
Heide Stöllinger wählt buntes Papier als Hintergrund und arbeitet darauf mit Buntstiften und Kreide. Die Farben decken also nicht, die Bilder wirken durchscheinend, man könnte sogar sagen brüchig – ganz so wie ja auch die Welt eines sich verselbständigen Schattens als phantastische Welt per se brüchig ist.
Die klar gesetzten Bildrahmen hingegen schaffen Ordnung, sorgen für Übersichtlichkeit – und doch betonen sie das Ausschnitthafte. Sie zeigen, dass es sich um Momentaufnahmen handelt. Darin sehe ich eine Besonderheit dieser Arbeit von Heide Stöllinger: Ohne vordergründig mediale Erzählformen einzusetzen durchbricht sie das Ganzheitliche und betont eine notwendigerweise lückenhafte Form der Wahrnehmung.
Sie schafft dabei immer wieder spiegelbildliche Situationen und führt die beiden Figuren auf eine der Trennung bildlich entsprechende Weise wieder zusammen: am Ende einer endlos scheinenden Nacht stehen, respektive sitzen die beiden einander wieder gegenüber.
Das Nachspielen jedoch, das der Schatten nun erneut praktiziert, basiert nun auf der gemeinsamen Lust, miteinander zu kommunizieren.
Die beiden haben dabei Zuseher, die sich übrigens schon am Vorsatzpapier versammelt haben, wohl um sich eine Geschichte erzählen – oder eben vorspielen zu lassen. Ein selbstreflexiver Verweis auf die Bedeutung des Bilderbuches, auf den fiktionalen Charakter einer Kinderliteratur, die sich nicht als flankierende Maßnahme in Fragen der Erziehung begreift, sondern als eigenständige Kunstform.

So. Schöner Schlusssatz und damit trabt unser Kamel seinem Ziel entgegen – das da heißt: Verleihung des Österreichischen Preises für Kinder- und Jugendliteratur in den Kategorien Kinderbuch, Illustration und Übersetzung.

 

Heidi Lexe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur der Erzdiözese Wien, Lektorin am Germanistischen Institut der Universität Wien und Mitglied der Redaktion von 1000 und 1 Buch

Klaus Nowak ist Mitarbeiter am Institut für Jugendliteratur und verantwortlicher Redakteur von 1000 und 1 Buch

 
 

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