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Ausgezeichnet wurden
mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis:
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Martin Auer (Text) & Linda Wolfsgruber
(Ill.): Von den wilden Frauen. Ein Sagenbuch
Weitra: Bibliothek der Provinz 2002

Berger. Böck. Danner. Firlinger. Gouma.
Holler. Huainigg. Jatzek. Wagner: Abenteuer Journalismus
Wien: Dachs-Verlag 2002

Monika Pelz: Peg, Li und Su haben sich verabschiedet
(Ill. von Linda Wolfsgruber
Jungbrunnen 2002
mit dem Illustrationspreis

Monika Helfer (Text) & Birgitta Heiskel
(Ill.): Rosie in New York
St. Pölten: NP Verlag 2002
Ehrenliste

Lene Mayer-Skumanz: Frau Ava
Wien: Dachs-Verlag 2002
Elieser L. Edelstein, Ingrid Mitterecker,
Christian Mitterecker:
Yoram schlägt sich durch
Czernin Verlag 2001

Brigitta Höpler, Sybille Vogel, Alexander
Potyka:
Wien Stadtführer für Kinder
Wien: Picus 2002
In die Galerie zu Sybille Vogel 
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Laudatio zum Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien
2002
Gehalten im Wiener Rathaus am 12. Mai 2003 von Robert
Buchschwenter
Sehr geehrte Damen und Herren
Es freut mich, Sie im Namen der Jury zu dieser
Ehrung begrüßen zu dürfen. Als Mitglied dieser Jury wurde
ich gebeten, eine Laudatio zu halten und ich habe leichtfertigerweise
zugesagt. Ich habe noch nie eine Laudatio gehalten. Ich weiß auch
nicht so recht, wie man so etwas macht, weil mich Lobreden in der Regel
ziemlich langweilen und ich deswegen nur selten zuhöre. Und weil
ich während solcher Reden hauptsächlich damit beschäftigt
bin, zu schauen, wer aller da ist und, vor allem, wer sich auf welche
Weise den Anschein gibt, den Lobreden zuzuhören, die eigentlich niemanden
interessieren.
Ein bisschen leichter würde es mit fallen,
eine Laudatio anlässlich der Verleihung eines Preises für Erwachsenenliteratur
zu halten. Da könnte ich als Prolog vielleicht etwas Bitteres zum
vermeintlichen Sieg des Westens über die finsteren Muselmanen sagen
oder den Nutzen und Nachteil von Talkshows für die scheinbar alphabetisierte
Gesellschaft von heute um dann die Kurve zu kriegen zur bemerkenswerten
politischen Haltung dieses oder die gesellschaftliche Relevanz jenes Buchs.
Bei Kinder- und Jugendbüchern hingegen
muss man immer grundsätzlich werden: Sehr gefragt ist, so weit ich
mich vage erinnere, ein bisschen einleitende Propaganda für das Lesen im allgemeinen und die Kinder-
und Jugendliteratur im besonderen. Am besten man beginnt mit der Feststellung,
wie wichtig einem die Kinderbücher x, y und z in der eigenen Kindheit
waren ... für die Buchstaben sind, je nach Gutdünken,
ein paar Titel von renommierten Jugendliteraturklassikern einzusetzen
und wie nachhaltig diese Leseerfahrung die eigene Persönlichkeitsbildung
geprägt hat.
Ich müsste glatt lügen, wenn ich so
etwas daherschwafeln würde. Ich hab als Kind so gut wie keine Kinderbücher
gelesen. Astrid Lindgren kenn ich nur übers Fernsehen, über
die Verfilmungen ihrer Kinderbücher. Den "Zauberer von Oz ",
"Die Abenteuer des Huckleberry Finn" oder "Alice im
Wunderland" ebenso. Ein Abenteuerbuch mit einem Pferd als Hauptfigur
habe ich einmal angefangen zu lesen. Das hat mir eine meiner älteren
Schwestern zu Weihnachten geschenkt und ich fand es so langweilig, dass
ich es der jüngeren weitergeschenkt hab. Die hat's gelesen.
Die einzige Lektüre, die mich neben
"Donald Duck", "Silberpfeil" und der Fernseh-Programmzeitschrift
gefesselt hat, waren die Dolomitensagen von Auguste Lechner,
und, später in der Pubertätszeit, die Horrorgeschichten von
Edgar Allen Poe.
Mir haben diese Bücher gefallen, ich habe
sie verstanden und ich hab keinen bleibenden Schaden davongetragen.
Ich bin sogar ein halbwegs guter Mensch geworden ... na ja, zumindest
einer, der glaubt, gut von schlecht unterscheiden zu können ... oder
immerhin gute Literatur von schlechter Literatur.
Und weil ich als Kind fast keine Bücher
gelesen hab, bin ich dahingehend auch nicht besonders befangen. Ich beurteile,
ob mir ein Text jetzt gefällt und ob ich ihn jetzt verstehe. Ich
muss nicht die besten Falls sinnlose und schlimmeren Falls heuchlerische
Überlegung anstellen, wie mir etwas gefallen würde, wenn ich
das Kind wäre, das ich gegenwärtig glaube, damals gewesen zu
sein.
Wenn ich jedoch ein Sagenbuch lese, bin ich
sofort befangen. Die meisten finde ich grässlich und langweilig.
Irgendwie will sich das nicht mehr einstellen, was ich als Kind mit solchen
Büchern erlebt hab. Vor etwa einem Jahr allerdings habe ich wieder
einmal ein Sagenbuch in die Hände bekommen. Und es war ein umwerfendes
Erlebnis: Ich fand mich plötzlich wieder in dieser eigenartigen Welt,
in der das Vertraute sehr fremdartige Züge und die abstrusesten Handlungen
etwas unverdorben Selbstverständliches haben. Das betraf in diesem
Fall nicht nur das Erzählte, sondern auch und vor allem die Art,
in der in dem Buch (mit Sprache und Bildern) erzählt wird: Ein Dialekt,
der in Wahrheit keiner ist, sondern sich wie musikalische Variationen
der Schriftsprache entfaltet; Geschichten, die in einer bestimmten Zeit
siedeln, aber irgendwie zwischen den Zeitaltern spielen. Im Verein mit
seinen Illustrationen vermitteln diese Geschichten Ansichten einer bäuerlichen
Welt, in der beispielsweise bekannte Tiere und vertraute Gegenstände
die Form menschlicher Ängste oder Sorgen oder Träume annehmen.
"Von den wilden Frauen", das sagenhaft schöne, in der
Bibliothek der Provinz erschienene Buch von Martin Auer und Linda Wolfsgruber,
ist vielleicht kein Kinderbuch sofern Kinderbücher das sein
sollten, was ich in meiner Kindheit nicht gelesen habe, aber hätte
lesen sollen. Es ist vielmehr ein Buch, dessen Leserinnen und Leser eingeladen
werden, am Rand des Vertrauten das Fremdartige zu erkunden und
zwar nicht nur über den Inhalt, sondern konsequenterweise auch über
die Sprache und die Bilder.
Vielleicht, wie gesagt, kein Kinderbuch, aber
auf jeden Fall ein Buch, das mich sehr elegant daran erinnert, was ich
Aufregendes erlebt habe in meiner Kindheit und auch, was ich noch erlebt
haben könnte, wenn ich mehr gelesen hätte.
So wie Sie gemerkt haben, habe auch
ich jetzt einigermaßen elegant die Kurve gekriegt vom Grundsatz-Blabla
zum konkreten Gegenstand dieser Lobrede. So etwas nennt man wohl die Taktik
des Unterjubelns. Ich kann das, weil ich lange Zeit als Journalist gearbeitet
habe. Man könnte den Journalismus als die Kunst bezeichnen, Leuten
etwas so zu erzählen, dass sie nicht merken, dass man ihnen etwas
erzählt hat.
Wer diese Kunst ausübt, muss nicht zwangsläufig
etwas Böses im Schilde führen. Oder, lassen Sie es mich so ausdrücken:
Wer Kindern vorspielt, er wäre der Weihnachtsmann, muss kein Kinderverführer
sein. Bedenklich wird die Sache erst dann, wenn die Kinder nicht irgendwann
erfahren, dass der Weihnachtsmann nur der Onkel Gustav ist und das Christkind,
von dem der Weihnachtsmann immer erzählt hat, eine Mischung aus einer
grandiosen Mythenfigur und einer historisch nur vage verortbaren Persönlichkeit.
Journalismus wiederum ist genau in dem Maß
gefährlich, in dem seine Adressaten und Adressatinnen im Unwissen
darüber gelassen werden, was Journalismus ist und was er tut: Journalismus
ist ein zuweilen spannender und zuweilen anrüchiger Vermittlungs-Service
mit einer bewegten Geschichte und einer Vielzahl von Erscheinungsformen.
Und es ist schlicht auch ein Beruf, der manchmal aufregend und manchmal
sehr mühsam ist.
Man könnte auch sagen: Journalismus dient
umso mehr der Aufklärung von Sachverhalten, je aufgeklärter
seine Adressaten und Adressatinnen sind und genau das geschieht
in dem im Dachs Verlag erschienenen Sachbuch "Abenteuer Journalismus":
Aufklärung im besten Sinn ... sachlich und unterhaltsam,
instruktiv und illustrativ. Auf gelassen souveräne Art zeigen Margit
Böck, Alexander Danner, Beate Firlinger, Assimina Gouma, Christiane
Holler, Franz Joseph Huainnig, Gerald Jatzek, Heinz Wagner und Franz Berger
in diesem Buch, dass sie sehr genau Bescheid wissen über Journalismus
und über das, worüber es sich empfiehlt, Bescheid zu wissen.
Solche Bücher brauchen jungen Menschen,
sobald sie aufhören, an den Weihnachtsmann zu glauben.
Das heißt nun natürlich nicht, dass
ab dem Moment der Enttarnung des Weihnachtsmanns die totale Entzauberung
der Welt angesagt sein sollte. Im Gegenteil: Zu wissen, dass hinter dem
Rauschbart des uralten Greises das glatt rasierte Kinn von Onkel Gustav
steckt und sich über dessen Auftritt trotzdem amüsieren zu können,
setzt jene hohe Kunst voraus, die man Unterhaltung nennt und die eine
Art der Verzauberung ist.
Verzaubernd unterhalten heißt beispielsweise:
jemandem, der ganz genau weiß, dass eine Katze eine Katze und Papagei
ein Papagei ist, davon zu überzeugen, dass eine Katze auch nur ein
Mensch und ein Papagei ein ganz gewöhnlicher Macho ist, wie jeder
andere Dichter auch. Oder die Tragweite der ganz realen Tragödie
einer Ölpest durch den surrealen Witz zu veranschaulichen, dass die
ölverschmierten Pinguine Wollpullover übergezogen kriegen, welche
eine Selbstsäuberung und damit deren Vergiftungstod verhindern sollen.
Die Reise, auf die Autorin Monika Pelz ihre
Tierfiguren in "Peg, Li und Su haben sich verabschiedet" schickt,
gestaltet sich für die Leserinnen und Leser als phantastische Traumreise
zwischen allerlei Wirklichkeiten: Eine Reise, auf der mit umwerfend komischen
Wendungen tierische, menschliche und übermenschliche Dramen angespielt
und quasi im Vorbeifliegen einige Kapitel unserer Kultur- und Literaturgeschichte
zwanglos und mit stilsicherer Geste auf- und umgeblättert werden.
Sie merken schon, meine Damen und Herren, jetzt
hab ich zwei weitere Male die Kurve gekriegt und Anschlüsse konstruiert,
wo es eigentlich keine gibt.Das
kommt sicher daher, dass ich mich viel mit Kino beschäftige
und, wie ich Sie schon habe erfahren lassen, als Kind fern gesehen hab,
statt zu lesen. Wer sich viel mit Film beschäftigt, weiß nämlich,
dass die Montage das Um und Auf einer packenden Erzählung ist. Einzelne,
an verschiedenen Orten aufgenommene Bilder oder unterschiedliche, zu verschiedenen
Zeitpunkten spielende Szenen, müssen so geschnitten das heißt:
zusammengefügt werden, dass das Ensemble der Einzelstücke
als Ganzes empfunden wird und die Erzählung in Fluss bleibt.
Die Kunst der Montage ist eine Kunst der Bewegung
räumlicher Einheiten in zeitlichen Begriffen. Unsere Wahrnehmung
des Raums ändert sich freilich mit den Veränderungen des Zeitgefühls.
Im 20. Jahrhundert fühlte sich Zeit anders an als im 19. Jahrhundert,
in der Großstadt anders als auf dem Land, in der Jugend anders als
im Alter und diesem Gefühl entsprechend, wird Umgebung
anders wahrgenommen.
Es gibt Bilder, die einen berühren, als hätte das Zeitalter,
in denen sie entstanden sind, unsichtbare Hände. Sie packen
einen mit der Kraft, die man ohne es bewusst zu merken aufwendet,
um dieses Zeitalter leben zu können. Solche Bilder werden von KünstlerInnen
und Künstlern gemacht, die das Geschick haben, Augenblicke des Zeitbefindens
so festzuhalten und miteinander in Beziehung zu setzen, dass man das Befinden
dieser Zeit mit einem Mal begriffen zu haben scheint. Birgitta Heiskel
ist eine solche Künstlerin eine Künstlerin, die
sich in der phantastischen Großstadtstadtgeschichte "Rosie
in New York" eben nicht anschickt, Großstadt abzubilden oder
das Leben in der Großstadt wirklichkeitsgetreu darzustellen, sondern
einem das Großstadtleben auf sinnlich wahrhaftige Weise wie einen
lebendigen Körper erspüren lässt.
Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die
Auszeichnung für die Illustratorin von diesem im NÖ-Pressehaus
erschienenen Buch auch als Auszeichnung für die Autorin Monika Helfer
verstanden sein will, deren Text das gleiche Montage-Prinzip mit anderen
und ebenso mitreißenden Mitteln verfolgt. Und weil ich schon dabei
bin, möchte ich noch einmal zurückgreifen und erwähnen,
dass das eben Gesagte auch für das Buch "Von den wilden Frauen"
gilt, wo der Preis, umgekehrt, dem Autor zugesprochen wurde wobei
die virtuose Machart dieses Buchs ebenfalls das Ergebnis einer perfekten
Harmonie von Martin Auers Text und Linda Wolfsgrubers Illustration ist.
So, dieser Schnitt war jetzt schon weniger elegant
aber schließlich leben wir ja, wie gesagt, in einer Zeit,
in der die Menschen gewohnt sind, sprunghaft wahrzunehmen.
Umso erstaunlicher ist es, wenn jemand es versteht,
einem Wahrnehmungsmodi von vergangenen Zeiten so zu vermitteln, dass man
sich einige Jahrhunderte zurückversetzt fühlt und über
kleine alltägliche Details die Welt aus den Augen derer wahrzunehmen
glaubt, die Dinge sehr ähnlich gefühlt, aber ganz anders erlebt
haben als wir. Wer ein Buch wie Lena Mayer-Skumanz' im Dachs Verlag
erschienenen historischen Roman "Frau Ava" liest macht eine
solche Reise und kehrt um einiges reicher zurück. Ähnliches
ließe sich über ein Buch mit völlig anderem Inhalt sagen
"Yoram schlägt sich durch", die im Czernin
Verlag erschienene, von Ingrid und Christian Mitterecker literarisch aufgearbeitete
Lebens-, Leidens- und Überlebensgeschichte des vom Naziregime verfolgten
Juden Elieser L. Edelstein: Ein Buch, das eines der unerhörten Kollektivdramen
unserer bis in die Gegenwart reichenden Geschichte begreiflich werden
lässt als die Summe von Individualdramen, für welche diese packende
Erzählbiographie beispielhaft
genannt werden muss.
Zum letzten Buch, das ich an dieser Stelle erwähnen
möchte, schaffe ich nun beim besten Willen keinen fließenden
Übergang mehr zu Brigitta Höplers, Sibylle Vogels und
Alexander Potykas im Picus Verlag erschienen "Stadtführer für
Kinder". Ich kann nur sagen, dass das eines der Bücher ist,
die es sogar so einem Banausen, wie ich einer war, angetan hätten.
Ich bin allerdings erst mit 16 Jahren im Zuge eines Schulausflugs nach
Wien gekommen und weil ich durch und durch ein Banause war, habe
ich mich vor jeder Besichtigung gedrückt, zu der mich unsere Lehrer
geschleppt haben. Wäre ich ein paar Jahr zuvor über den "Stadtführer
für Kinder" gestolpert, wäre wohl ich es gewesen, der
seine Lehrer damit genervt hätte, dass er von dieser Stadt noch dieses
und jenes sehen möchte.
Sei's drum ich bin trotzdem wieder
in Wien gelandet. Und jetzt steh ich sogar im Wiener Rathaus und muss
eine Laudatio halten, was ich noch nie getan habe und wozu mir nichts
einfällt. Ich hätte als Kind einfach mehr lesen sollen, statt
fern zu sehen. Und jetzt sollte ich wahrscheinlich mehr fernsehen, statt
Kinderbücher zu lesen dann könnte ich zumindest etwas
Gescheites sagen über das aktuelle Kulturbanausentum einer Gesellschaft,
in der Kinderbücher, wie sie heute hier zur Debatte stehen, von Erwachsenen
nicht gleichermaßen wie von Kindern gelesen werden.
In diesem Fall stimmt es wohl, dass die Gesellschaft
die Regierung hat, die sie verdient.
Sie merken schon: Diese letzte Kurve war jetzt
beispiellos wirklichkürlich und in keinen Fahrplan passend. Dass
ich die jetzt auch noch nehmen musste, ist wohl ein Zeichen, dass es höchste
Zeit für mich ist, aufzuhören.
Ich danke den Autorinnen und Autoren, den Illustratorinnen
und Illustratoren, dass sie mir so viel Vergnügen mit ihren Büchern
bereitet haben, ich danke Ihnen, für´s geduldige Zuhören.
© Robert Buchschwenter
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Robert Buchschwenter lebt als Kulturschaffender
und Universitätslektor in Wien
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