Zur Laudation von Silke Rabus

Zur Rede der Preisträgerin Renate Welsh

Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien 2003

 

 
 

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Lilly Axster (Text) | Christine Aebi (Ill.):
Wenn ich groß bin, will ich fraulenzen

Auf herausfordernde Art wird in diesem Bilderbuch auf vorerst zwei Ebenen vom Prozess weiblicher und kindlicher Selbstbestimmung erzählt: Johanna ergeht es an Nachmittagen wie diesem ähnlich wie den beiden königinnen c und d, von denen Großtante Ada immer erzählt hat. Johanna fühlt sich einsam in der leeren und zunehmend unheimlich wirkenden Wohnung und auch die königinnen empfinden ihr Dasein als fremdbestimmt: eingeschloßt sind sie, in der hausefalle. Doch immerhin – die beiden königinnen fraulenzen und widersetzen sich damit den Welt- und Wertvorstellungen der Königin der Macht.

Illustratorin Christine Aebi unterscheidet die jeweils doppelseitig ausgestalteten Erzählebenen, indem sie eine blässliche-weiße Johanna vor wild und knallig ausgemalten Hintergrund stellt, die beiden königinnen aber als bunte Mal-Bilder auf weißes Papier setzt. Invertierte Welten also, die den Kontrast der innerhalb der Märchenebene sich verfestigenden Hierarchien noch verstärken: Die Welt der Königin der Macht, die vor ihrem Spiegel steht und nach ihrer Einzigartigkeit fragt, ist klar strukturiert und in Schriftsprache aus-erzählt, während sich die Welt der beiden fraulenzenden königinnen im Stil aufgelöster Sprachlogik präsentiert: Lustvoll werden Worte verdreht und neu geschöpft, werden Buchstaben vertauscht, werden Wortfragmente in neuem Sinnzusammenhang präsentiert und semiotisch stets knapp aber deutlich daneben liegende Formulierungen verwendet. Denn: wer glaubt, uns wäre bangst und zange, ist schließlich selber unstücklich.

In Johannas Vorstellung beginnen die beiden Ebenen ineinander überzugreifen – bis zu jenem Moment, in dem Johanna sich gegen die Autorität des von Großtante Ada vorgegebenen Märchens entscheidet und den Verlauf der von ihr imaginierten Geschichte nun auch selbst festlegt. keine macht der welt darf sich so aufköniglichen, dass Johanna nicht über sich selbst bestimmen dürfte. Sie tritt hinter ihrer Puppe (die in Form einer Ausschneidefigur illustratorisch wie eine Schutzhülle vor Johanna gestellt wird) hervor und erfindet die beiden königinnen neu. Reaktionäres Denken wird unterlaufen – und die Geschichte der Königin der Macht gerät ganz den Gesetzen des Nonsens entsprechend aus den Fugen. Also: Auf Mädels, lasst uns fraulenzen!

Heidi Lexe (1000 und 1 Buch 4|03)

Wien: Empirieverlag 2003

48 Seiten
€ 19,80
ab 6

 

Zu einem Porträt Lilly Axster in 1000 und 1 Buch 2|02

Biografie & Bibliografie Lilly Axster bei Theater Foxfire

 
           
   

Ihrer Funktion als Boten Gottes zwar weitgehend enthoben, sind die Engel für SchriftstellerInnen aber nach wie vor eine faszinierende Chiffre für ein unbestimmtes transzendentes Gegenüber und die Kraft der Utopie. Auf dieser Ebene liegt auch das vorliegende Bilderbuch: Der von dem kleinen Jungen gezeichnete Engel wird zum Gegenüber und wünscht sich eine neue Art von Flügel. Und so sehen wir Flügelentwürfe aus Meereswellen, Gras, schimmerndem Glas, aus einem Streifen Sonnenlicht, aus blühenden Zweigen, aus Schneegestöber, einer Handvoll Schatten, aus Buchstaben und weißem Papier. Mit den zuletzt entworfenen Flügeln mit Sommersprossen fliegen die beiden dann drei Runden um den alten Nussbaum.

Nur in wenigen Sätzen und gänzlich unspektakulär wird hier der Traum von der Macht der flügelverleihenden Phantasie entworfen – einer Phantasie, die trägt. Erfrischend und bemerkenswert, wie sich Selda Marlin Soganici von der Macht tradierter Engelsbilder zu lösen vermag und die lebendige Beziehung zwischen dem Jungen und dem wesensähnlichen Engelsmädchen in dynamischen und ständig die Perspektive wechselnden Illustrationen auf durchschimmerndem Fichtenholz zum Ausdruck bringt. Text und Bild vermitteln eine Atmosphäre des Vertrauens und öffnen den Raum für Möglichkeiten und Träume – und die bisweilen unterschätzte Macht der eigenen Sommersprossen!

Reinhard Ehgartner (1000 und 1 Buch 4|03)

St. Pölten: NP Verlag 2003

28 Seiten
ISBN 3-85326-275-9
€ 14,90
ab 4

 

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Ein beeindruckender literarischer Blick auf Kindheit - und doch auch ein besonderes Stück Kinderliteratur: Vor dem Hintergrund des letzten Kriegsjahres positioniert die Autorin ihre Protagonistin in einem dicht gesponnenen Netz aus geschichtlichen und sozialen Beziehungsgefügen. Sich selbst als Fremde begreifend, schildert die Halbwaise Dieda das Leben auf dem Land, das geprägt wird von dem despotischen "Alten" und dessen Tochter, der neuen Frau des in Wien zurückgebliebenen Vaters.
Vor allem anderen fasziniert dabei der konsequente Kinderblick: Dieda erlebt und beobachtet, wagt es, Unerhörtes zu denken, versteht vieles nicht, reimt sich manches falsch zusammen. Bis zum Ende – und damit bis zur Rückkehr ins zerbombte Wien und der Geburt der neuen Halbschwester –entsteht Stück für Stück das Bild einer schwierigen Zeit, symbolhaft dargestellt am Schicksal einer Familie.

Innsbruck: Obelisk 2002
158 Seiten
ISBN 3-85197-434-4
€ 10,90

Heidi Lexe über "Dieda" in der Laudation zum Österr. Jugendbuchpreis

Renate Welsh in einem Kommentar zum Thema KJL und Politik (1000 und 1 Buch 2|03)

Zur Dankes-Rede der Preisträgerin Renate Welsh

 
           
         
           
   

So fühlen sie sich also unsere Haustiere, wenn wir sie alleine lassen und ohne sie wegfahren. Sie fühlen sich ein bisschen allein. Aber erst nach dem sie alles versucht haben, dieses Gefühl zu bekämpfen. Was bedeutet: man oder in diesem Fall eben Hund frisst den Kühlschrank leer, feiert eine Party, führt teure Auslandsgespräche...und macht damit vieles was man einem alleingelassenen Pubertierenden auch zutrauen würde. Schließlich vermisst unser tierischer Held neben den Streicheleinheiten und der Fürsorge sogar die nicht gesetzten Grenzen, denn niemand regt sich über seine Missetaten auf. Doch da kommt schon der Briefträger, den er trotz der mitgebrachten Karte mit Durchhalteparole beißen muss. Aber was ein echter Hund ist beißt eben Briefträger. Keine Frage! Ein originelles Bilderbuch in dem es nur vordergründig um einen Hund geht, es bietet vielmehr einen wunderbaren Anlass, um über Autonomie, Freiheit, Verlassensängste, Abhängigkeit, Geborgenheit, Rücksichtnahme, Kompromissbereitschaft usw. nachzudenken. Doch nicht nur Hugo, der sympathische braune Hund erleichtert den Zugang zu diesem Thema und die Identifikation, Sybille Vogels leicht karikierender Zeichenstil mit vielen originellen Bildeinfällen und witzigen Details (besonders amüsiert, hat mich die Zeitschrift "Hot Dog" mit einer wirklich schönen Hündin auf dem Cover, die der Briefträger Hugo bringt) tut ein Übriges. Nur der Ordnung halber sein auch noch erwähnt, dass dieses Buch natürlich auch für einen verantwortungsvollen Umgang mit Tieren wirbt.

Elfie Kainz-Kazda (in 1000 und 1 Buch 3|03)

Wien: Picus 2003

36 Seiten
ISBN 3-85452-865-5
€ 12,90

Sibylle Vogel in der Galerie

Picus Verlag

 

 

 

   
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