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Renate Welsh:
Dieda oder Das fremde Kind

 

 

 

 

 

 

 

 

Dankesrede Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien 2003

Von Renate Welsh

Gehalten im Wiener Rathaus am 30. April 2004 von Silke Rabus

Für alle heute Ausgezeichneten darf ich sehr herzlich Danke sagen. Es freut mich ganz besonders, mit gerade diesen Kolleginnen und mit diesem Kollegen gemeinsam geehrt zu werden.

Immer wieder hören wir, dass Bücher keine Zukunft haben, dass Bücher zu leise sind um sich Gehör zu verschaffen in einer Welt, die immer lauter wird. Die Angebote der anderen Medien kämpfen viel professioneller, viel vordergründiger um die Aufmerksamkeit junger wie erwachsender Menschen. Lesen wird zunächst als Arbeit gesehen und die Statistiken über sekundären Analphabetismus sind erschreckend. Da wird über instant gratification geredet, über tief sitzende Abneigung gegen jede Anstrengung, jede Herausforderung. Ich will und kann das nicht glauben. Wenn es keine angeborene Lust auf Herausforderung gäbe, würde kein Kind die Sicherheit des Krabbelns dagegen eintauschen, immer wieder vom Hinfallen bedroht auf zwei wackeligen Beinen zu gehen. Wir dürfen staunend zusehen, wie kleine Kinder greifend, krabbelnd, gehend, laufend den Raum erobern, wie sie strahlen, wenn es ihnen gelingt, aus Gebrabbel für uns verständliche Wörter zu entwickeln. Könnten wir ein Leben lang so weiter lernen wie Kinder in den ersten Lebensjahren, wir wären alle Genies.

Ich glaube nicht, dass diese Lust an der Herausforderung einfach abstirbt, dass alles, was Arbeit macht, nur Unlustgefühle erweckt. Gerade weil Lesen immer wieder bedeutet, Schwierigkeiten zu überwinden, ist es ein Weg, einen immer größeren Ausschnitt der Welt in Besitz zu nehmen. Zunächst sind die Schwierigkeiten rein technisch, aber wir alle wissen, dass auch der geübteste Leser, die geübteste Leserin, immer wieder vor neuen Schwierigkeiten stockt. Da ist ein Gedankengang schwer zu verfolgen, da stellt die Sprache Stolpersteine auf, die es unmöglich machen, flott über einen Text hinweg zu lesen. Und vor allem sind unsere Gefühle immer wieder gefordert, manchmal überfordert, wir müssen uns Dingen stellen, die wir lieber unter einen sehr großen Teppich kehren würden. Gerade weil Lesen so sehr aktive Mitarbeit erfordert, können Bücher helfen, uns in der Welt zurecht zu finden, unseren Platz darin abzustecken. Sie können helfen, die verschlossenen Kammern in unseren eigenen Köpfen bewohnbar zu machen, zu entdecken, um wie viel mehr da vorhanden ist als wir geahnt hatten. Sie können auch zum Ansatz für wirkliche Gespräche werden. Lesen kann auch Zuhören fördern, und das zählt zum Wichtigsten, das wir lernen müssen. Ich bin auch überzeugt, dass sie es uns möglich machen, die eigene und die kollektive Geschichte in ihren aufbauenden und in ihren verstörenden Aspekten in Besitz zu nehmen. Darauf zu verzischten heißt nicht nur auf Vergangenheit sondern auch auf sehr viel Zukunft zu verzichten.
Schließlich bieten Bücher auch eine große Spielwiese, ein Trainingsfeld für Phantasie, eine Möglichkeit, die verschiedensten Rollen anzuprobieren, auch im Hinblick darauf, die für einen selbst richtige zu finden. Sie können die Einsamkeit, die fast jede und jeder manchmal schmerzlich erfährt, erträglicher machen. Wo immer wir gerade stehen, irgendeiner, irgendeine war vor uns da. Manchmal ist es tröstlich, über fremde Erfahrungen zu weinen, manchmal hilfreich zu lesen, dass es Auswege geben kann, wo man selbst keine sieht.
Bücher können zwar nur sehr selten Gebrauchsanweisungen bieten – ich habe überhaupt wenig Vertrauen zu Gebrauchsanweisungen, nicht einmal da, wo es um Geräte geht – aber sie können doch etwas ähnliches wie Landkarten sein, die helfen, sich im Gelände zu orientieren, selbst wenn keine markierten Wege eingezeichnet sind. Wie ich Kindern oft bei Lesungen sage, auch in der kleinsten Bücherei ist die Auswahl unendlich größer als die, die die größte Satellitenschüssel anzubieten hat, und wir sind selbst die Programmdirektoren. Lesen und Leben haben weit mehr als nur vier Buchstaben gemeinsam.

Bei meiner letzten Lesereise sagte ein Mädchen aus der 3. Klasse Volksschule: "Dein Buch war echt total gut." Ein Bub fragte nach, was daran so toll gewesen sei, und sie antwortetet ohne einen Augenblick zu zögern: "Weil ich´s gelesen habe." Das Mädchen hat verstanden, worum es geht. Bücher werden erst gut, wenn sie gelesen werden.

Es wäre schön, wenn dieser Preis dazu führen könnte, dass Bücher – und keineswegs nur unsere eigenen, obwohl uns das natürlich freuen würde – mehr Beachtung fänden. Lesend können wir unsere Grenzen, und mit Sicherheit die eine oder andere Mauer niederreißen, die uns von den anderen trennt und uns selbst einsperrt.

Ich danke Ihnen für Ihr Zuhören und bedanke mich noch einmal in unser aller Namen für die Auszeichnungen.

© Renate Welsh

 

 

 

Renate Welsh lebt als freischaffende Autorin in Wien

Werkliste und biographische Notizen siehe ALIDA

 
 

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