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Alle zwei Jahre findet in Norwegens Ölhauptstadt Stavanger ein Kongress zum Thema Kinder- und Jugendliteratur vor allem für Teilnehmende aus den nordischen Ländern statt. Das Motto im heurigen Jahr: die Plutifikation der Macht. Damit haben wir uns auf Pippi Langstrumpf berufen, die jede Macht hinterfragte und ad absurdum zu führen versuchte, und wollten also ebenfalls der Macht auf die Finger schauen.

Dass das nicht so einfach ist, dass die Macht auch zurückschlägt, zeigte gleich zu Beginn die Lindgren-Forscherin Agnes-Margrethe Bjorvand, die uns mit früheren Pippiversionen bekannt machte, der sogenannten »Ur-Pippi«, die um vieles frecher und subversiver war als die dann veröffentlichte und uns bekannte Version. Ehe allerdings Bjorvand zu Wort kam, musste der Kongress eröffnet werden: Ein munterer Herr hieß uns willkommen und bemerkte dabei, dass viel mehr Damen als Herren anwesend seien (bei den Tagungen zum Thema Ölförderung, die sonst in seinem Hotel stattfinden, ist es sicher umgekehrt), das werde ja sicher lustig für die Herren. Danach redeten etliche seriöse Herren über die Bedeutung des Themas und mögliche Erkenntnisse am Ende des Kongresss – diese Männerdominanz zu Beginn war schon ein Machtbeweis an sich. Der Kongress ging dann los und wurde auch richtig interessant.

Ein Vortrag, gehalten von Cecilie Winger, der Vorsitzenden des norwegischen Übersetzerverbandes, trug den Titel »ÜbersetzerInnen, die heimliche Macht?« Das Fragezeichen ist berechtigt, denn es war eher von Ohnmacht die Rede, weil am Ende ja doch die Verlage alles entscheidet. Oder nicht einmal sie: Eine Übersetzung von Winger hat in den vergangenen Monaten in Norwegen Schlagzeilen gemacht. Es ging um ein Buch des auch im deutsch-sprachigen Raum bekannten dänischen Autors Kim Fupz Aakeson, in dem ein Junge angesichts einer argen Enttäuschung Verdammt sagt. Ein anderes Kind weist ihn zurecht, man dürfe doch nicht fluchen. Das Buch wurde im Rahmen einer Leseförderungsaktion von McDonalds eingekauft und sollte Familien geschenkt werden, die ein Familienmenü bestellten. Als Eltern, denen beim Anblick dieses entsetzlichen und gottlosen Wortes (verdammt) der BigMac im Hals steckenblieb, die Presse auf den Skandal aufmerksam machten, zog McDonalds das Buch zurück und machte dem Verlag bittere Vorwürfe, ihnen ein für das kindliche Gemüt dermaßen schädliches Machwerk untergeschoben zu haben.


Wir haben sehr gelacht, aber – um eine blöde Metapher zu verwenden – das Lachen drohte uns im Hals steckenzubleiben, als während der drei Kongresstage immer wieder solche – im Grunde noch viel weniger lustige – Dinge zur Sprache kamen. Die schwedische Autorin und Illustratorin Gunna Grähs fasste im Namen ihrer KollegInnen zusammen: Folgende Dinge seien nicht erwünscht in neuen Kinder- und Jugendbüchern: Fluchen, Alkohol, Magie in mehr als nur homöopathischen Dosen, einsame Kinder. Das wünschten die Verlage so, und die wiederum hätten Angst vor erbosten Eltern, die ihre Kinder vor all diesen Dingen beschützen müssten.
Angesichts der neuen Huckleberry Finn-Ausgabe in den USA war mit solchen Diskussionen zu rechnen (Pippis Vater darf im übrigen in der norwegischen Ausgabe schon seit drei Jahren kein Negerkönig mehr sein), aber es braucht gar nicht zum N-Wort zu kommen, ein schlichtes verdammt bringt auch schon Lawinen ins Rollen.
Die belgischen KollegInnen – Flandern und die Niederlande waren Gastland des Kongresses – hatten noch ganz andere Sorgen: Angesichts immer geringerer staatlicher Unterstützung für Verlage und Bibliotheken treibt sie die Frage um, wie sie in Zukunft junge LeserInnen überhaupt noch mit Literatur versorgen sollen. Das erläuterte Majo de Saedeleer, die Leiterin von Stichting Lezen, der belgischen Leseförderung. Ihr schwedischer Kollege Jan Hansson zeigte dagegen einen florierenden schwedischen Buchmarkt, in dem gerade die kleinen Verlage (die mit weniger als 6 Titeln pro Jahr) seit dem letzten Kongress erstaunlich zugelegt haben. Das finnische Institut für Ki-Ju-Literatur schließlich stellte einfach richtungweisende neue finnische Bilderbücher vor, ohne auf die Marktlage einzugehen. Besonders gelobt wurde »Aapeli ja sotaveteraani Reino« (»Aapeli und der Kriegsveteran Reino«). Aapeli ist der Nachbarsjunge, dem der alte Reino erzählt, wie es im Krieg war. Dieses Buch, so die Vertreterin des Institutes mit strahlendem Lächeln, sei bestens geeignet, in Kindern Vaterlandsliebe und Respekt vor Kriegsveteranen zu erwecken. Nicht nur den deutschen Gästen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Und wir alle wünschten uns eine Ur-Pippi herbei. Besonders in diesem Fall zeigte sich die große Schwäche in der Kongressplanung – das Programm war an- und aufregend, aber so vollgestopft, fdass ür Fragen und Diskussionen keine Zeit war.


Was die Plutifikation angeht, damit verhält es sich so: Als Pippi Langstrumpf in die Schule geht, vor allem, weil sie auch Ferien haben will, fragt sie als erstes: Na, seid ihr schon bei der Plutifikation? Sie zeigt damit, dass sie den ganzen Schulkram nicht so ernst nimmt. Ich weiß nicht mehr, ob es in der deutschen Ausgabe auch Plutifikation heißt – aber einer Übersetzung, die aus einer wilden »Villa Halsüberkopf« eine biedere »Villa Kunterbunt« macht, ist vieles zuzutrauen, deshalb habe ich nicht nachgesehen. Ich hoffe, das ist eine Art von Umgang mit der geschriebenen Macht, die Pippis Wohlgefallen gefunden hätte.

Stavanger in Wikipedia

Die Plutifikation der Macht - Tagungshomepage (in Norwegisch)


Astrid Lindgren: Ur-Pippi, Oetinger 2007

 

 

 

 

 


Das Buch des Dänen Kim Fupz Aakeson, das MacDonalds in Schweden in Verlegenheit brachte …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erstausgabe des "Hucklyberry Finn", 1884, noch mit N-Wort

 

 

 

 

 

Stichting Lezen

 

 

Das Finnische Institut für Kinder- und Jugendliteratur

 

 
    Gabriele Haefs, Hamburg, ist Übersetzerin aus dem dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen, Englischen, Niederländischen und Gälischen; 2008 erhielt sie den Sonderpreis des deutschen Jugendliteraturpreises.

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