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Die Plutifikation
der Macht
Die Übersetzerin Gabriele Haefs über die
Nordic Children's Literature Conference 2011

März 2011
Was nicht erwünscht ist in Kinder- und Jugendbüchern:
Fluchen, Alkohol, Magie in mehr als nur homöopathischen
Dosen, einsame Kinder.

Was in Finnland erwünscht ist: Großvater erzähl mir vom
Krieg …
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Alle zwei Jahre findet
in Norwegens Ölhauptstadt Stavanger
ein Kongress zum Thema Kinder- und Jugendliteratur vor allem für
Teilnehmende aus den nordischen Ländern statt. Das Motto im heurigen
Jahr: die Plutifikation der Macht. Damit
haben wir uns auf Pippi Langstrumpf berufen, die jede Macht hinterfragte
und ad absurdum zu führen versuchte, und wollten also ebenfalls der
Macht auf die Finger schauen.
Dass das nicht so einfach ist, dass die Macht auch zurückschlägt,
zeigte gleich zu Beginn die Lindgren-Forscherin
Agnes-Margrethe Bjorvand, die uns mit früheren Pippiversionen
bekannt machte, der sogenannten »Ur-Pippi«,
die um vieles frecher und subversiver war als die dann veröffentlichte
und uns bekannte Version. Ehe allerdings Bjorvand zu Wort kam, musste
der Kongress eröffnet werden: Ein munterer Herr hieß uns willkommen
und bemerkte dabei, dass viel mehr Damen als Herren anwesend seien (bei
den Tagungen zum Thema Ölförderung, die sonst in seinem Hotel
stattfinden, ist es sicher umgekehrt), das werde ja sicher lustig für
die Herren. Danach redeten etliche seriöse Herren über die Bedeutung
des Themas und mögliche Erkenntnisse am Ende des Kongresss –
diese Männerdominanz zu Beginn war schon ein Machtbeweis an sich.
Der Kongress ging dann los und wurde auch richtig interessant.
Ein Vortrag, gehalten von Cecilie Winger,
der Vorsitzenden des norwegischen Übersetzerverbandes, trug den Titel
»ÜbersetzerInnen, die heimliche Macht?«
Das Fragezeichen ist berechtigt, denn es war eher von Ohnmacht die Rede,
weil am Ende ja doch die Verlage alles entscheidet. Oder nicht einmal
sie: Eine Übersetzung von Winger hat in den vergangenen Monaten in
Norwegen Schlagzeilen gemacht. Es ging um ein Buch des auch im deutsch-sprachigen
Raum bekannten dänischen Autors Kim Fupz Aakeson,
in dem ein Junge angesichts einer argen Enttäuschung Verdammt sagt.
Ein anderes Kind weist ihn zurecht, man dürfe doch nicht fluchen.
Das Buch wurde im Rahmen einer Leseförderungsaktion von McDonalds
eingekauft und sollte Familien geschenkt werden, die ein Familienmenü
bestellten. Als Eltern, denen beim Anblick dieses entsetzlichen und gottlosen
Wortes (verdammt) der BigMac im Hals steckenblieb,
die Presse auf den Skandal aufmerksam machten, zog McDonalds das Buch
zurück und machte dem Verlag bittere Vorwürfe, ihnen ein für
das kindliche Gemüt dermaßen schädliches Machwerk untergeschoben
zu haben.
Wir haben sehr gelacht, aber – um eine
blöde Metapher zu verwenden – das Lachen drohte uns im Hals
steckenzubleiben, als während der drei Kongresstage immer wieder
solche – im Grunde noch viel weniger lustige – Dinge zur Sprache
kamen. Die schwedische Autorin und Illustratorin Gunna
Grähs fasste im Namen ihrer KollegInnen zusammen: Folgende
Dinge seien nicht erwünscht in neuen Kinder- und Jugendbüchern:
Fluchen, Alkohol, Magie in mehr als nur homöopathischen Dosen, einsame
Kinder. Das wünschten die Verlage so, und die wiederum hätten
Angst vor erbosten Eltern, die ihre Kinder vor all diesen Dingen beschützen
müssten.
Angesichts der neuen Huckleberry Finn-Ausgabe
in den USA war mit solchen Diskussionen zu rechnen (Pippis Vater darf
im übrigen in der norwegischen Ausgabe schon seit drei Jahren kein
Negerkönig mehr sein), aber es braucht gar nicht zum N-Wort zu kommen,
ein schlichtes verdammt bringt auch schon Lawinen ins Rollen.
Die belgischen KollegInnen – Flandern und
die Niederlande waren Gastland des Kongresses – hatten noch
ganz andere Sorgen: Angesichts immer geringerer staatlicher Unterstützung
für Verlage und Bibliotheken treibt sie die Frage um, wie sie in
Zukunft junge LeserInnen überhaupt noch mit Literatur versorgen sollen.
Das erläuterte Majo de Saedeleer, die
Leiterin von Stichting Lezen, der belgischen
Leseförderung. Ihr schwedischer Kollege
Jan Hansson zeigte dagegen einen florierenden
schwedischen Buchmarkt, in dem gerade die kleinen Verlage (die mit weniger
als 6 Titeln pro Jahr) seit dem letzten Kongress erstaunlich zugelegt
haben. Das finnische Institut für Ki-Ju-Literatur
schließlich stellte einfach richtungweisende neue finnische Bilderbücher
vor, ohne auf die Marktlage einzugehen. Besonders gelobt wurde »Aapeli
ja sotaveteraani Reino« (»Aapeli und der Kriegsveteran
Reino«). Aapeli ist der Nachbarsjunge, dem der alte Reino erzählt,
wie es im Krieg war. Dieses Buch, so die Vertreterin des Institutes mit
strahlendem Lächeln, sei bestens geeignet, in Kindern Vaterlandsliebe
und Respekt vor Kriegsveteranen zu erwecken. Nicht nur den deutschen Gästen
lief es eiskalt den Rücken hinunter. Und wir alle wünschten
uns eine Ur-Pippi herbei. Besonders in diesem Fall zeigte sich die große
Schwäche in der Kongressplanung – das Programm war an- und
aufregend, aber so vollgestopft, fdass ür Fragen und Diskussionen
keine Zeit war.
Was die Plutifikation angeht, damit verhält es sich so: Als Pippi
Langstrumpf in die Schule geht, vor allem, weil sie auch Ferien haben
will, fragt sie als erstes: Na, seid ihr schon bei der Plutifikation?
Sie zeigt damit, dass sie den ganzen Schulkram nicht so ernst nimmt. Ich
weiß nicht mehr, ob es in der deutschen Ausgabe auch Plutifikation
heißt – aber einer Übersetzung, die aus einer wilden
»Villa Halsüberkopf« eine biedere »Villa Kunterbunt«
macht, ist vieles zuzutrauen, deshalb habe ich nicht nachgesehen. Ich
hoffe, das ist eine Art von Umgang mit der geschriebenen Macht, die Pippis
Wohlgefallen gefunden hätte.
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Stavanger
in Wikipedia
Die Plutifikation der Macht - Tagungshomepage (in
Norwegisch) 

Astrid Lindgren: Ur-Pippi, Oetinger 2007

Das Buch des Dänen Kim Fupz Aakeson, das MacDonalds in Schweden in
Verlegenheit brachte …

Erstausgabe des "Hucklyberry Finn", 1884,
noch mit N-Wort
Stichting Lezen
Das Finnische Institut für Kinder- und Jugendliteratur
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