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Zum Interview mit Nikolaus Piper

Katja Kamm: Unsichtbar
(Peter Hammer Verlag)

Ein skurriles Bilderbuch der Farb- und Formlehre

Ein Mann fährt mit dem Fahrrad gegen irgendwas, Reisende sitzen im geheimnisvollen Gelb und ein Mädchen stolpert über scheinbar nichts…
Was die Leerstellen im Text, sind im Bilderbuch "Unsichtbar" die fehlenden Formen. Denn hier gibt es keine definierten Hintergründe. So ist der Betrachter aufgefordert, gedanklich zu ergänzen und der erzählten Geschichten (s)einen Sinn zu geben. Das ist für ein Bilderbuch ganz schön modern und lässt eine Menge Interpretationen zu. "Unsichtbar" spielt mit unseren Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen. Die junge Illustratorin und Gestalterin Katja Kamm führt uns vor, dass wir bereitwillig Gewohntes und Gelerntes ergänzen können und wollen – also bei einer kreisrunden Fläche sofort "Ball" assoziieren oder ganz klar erkennen, dass da ein Baum im Weg gestanden haben muss. Aber was ist mit den vielen Linien? Oder dieser großen, großen lila Fläche? Hier ist Raum für alle möglichen Bilder und Geschichten. Skurril und ungewöhnlich, das sind die Stichworte, die einem sofort beim Betrachten von "Unsichtbar" einfallen. Und dann natürlich die Frage: Ist das ein Bilderbuch für Kinder? Na klar, denn die schauen genau hin und lassen sich von dem witzigen und mutigen Form- und Farbspiel leiten und inspirieren.
Ilona Einwohlt für 1000 und 1 Buch

 

Pilip Ardagh: Schlimmes Ende
Aus dem Englischen von Harry Eowohlt
Mit Illustrationen von David Roberts
(Bertelsmann Verlag)

Wenn Harry Rowohlt behauptet, dieses Buch sei eines der besten seiner bisher 108 übersetzten Bücher, dann muss ja was dran sein. Und wenn dieses Buch den LUCHS von der ZEIT bekommt, dann muss da ja was dran sein. Denn normalerweise bekommen den Luchs doch sehr gute, sehr seriöse Bücher. Bei diesem Buch aber, da fragt es sich, ob es überhaupt ein Buch ist. Ob es überhaupt eine stringente Geschichte erzählt. Und ob Kindern so was zugetraut werden darf!
Was ist das für ein Buch, in dem auf 120 Seiten erzählt wird, wie...
Hier wird auf 120 Seiten erzählt, wie der elfjährige Eddie wegen einer Krankheit seiner Eltern zu seinen Verwandten nach Schlimmes Ende fahren soll? Am zweiten Tag der Reise landet er wegen einer Verwechslung im Waisenhaus. Flugs befreit er alle Waisenkinder und schafft es am dritten Tag endlich nach Schlimmes Ende, aber nicht ohne seine Eltern.

Klingt das konstruiert? Ist es auch! Es kommt ja noch dazu, dass die Eltern "gelb und an den Rändern etwas wellig" sind von der seltsamen Krankheit. Dass sie von Dr. Keks mit "Eiswürfel in Gestalt eines berühmten Generals", papierenen Bettdecken und Feuer unter dem Bett behandelt werden. Dass die Verwandten die Unterkunft mit Trockenfisch bezahlen und mit einem ausgestopften Wiesel, über dessen Namen sie sich nicht einigen können, sprechen und um sich schlagen. Dass ein dröhnender Streunender Theaterdirektor und die Kaiserin von Ganzchina in der Kutsche mitreisen, denn die Geschichte spielt zu der Zeit, als die Polizei gerade von Geheimrat von Greyff erfunden worden war, im Gegensatz zur Elektrizität, die es vorerst nur in Zitteraalen gab. Dass Eddie die Direktorin Grausam-Unsäglich mit der Heiligen Schrift k.o. schlägt und mit den Waisenkindern in einer trojanischen Kuh abhaut, die wiederum das Pferd der verwandtschaftlichen Kutsche durchbrennen lässt. Und dass Eddies Eltern von Dr. Keks Behandlung geheilt werden - um den Preis einer Feuersbrunst, die ihr Haus zerstört.

Klingt das absurd? Ist es auch! Es kommt ja noch dazu, dass der Autor eine aufpreisfreie Mitteilung über die Entstehung voraus- und diverse Exkurse einschiebt, nämlich welch Fortschritt der moderne Revolver brachte, wie das "Sankt-Fürchterlich-Heim für dankbare Waisen" durch den Heiligen Heinz den Floriden, der seine Ziege goss, zu seinem Namen kam, dass damals die Menschen kaum je nackter waren als in körperlanger Unterwäsche oder dass ebenfalls damals nicht wenige Zimmermädchen den Rest ihres Lebens im Schrank unter der Treppe verbringen mussten, weil sie "den achtwöchigen Bettenmachlehrgang nicht bestanden hatten".

Klingt das witzig? Ist es aber! Es kommt ja noch dazu, dass die ganzen Spinnereien und vermeintlich toten Handlungsstränge am Schluss aufgehen. Und dass Harry Rowohlt mit seiner Brummstimme das Ganze mit allen Wiederholungen und Abschweifungen, Anmerkungen und Rechtfertigungen des Autors auf CD gesprochen hat. Das bringt drei Stunden vollen Hörspaß zwischen Charles Dickens und Monty Python, wie "The Guardian" richtig bemerkte.
Bruno Blume für 1000 und 1 Buch

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Holly-Jane Rahlens: Prinz William, Maximilian Minsky und ich
Deutsch von Ulrike Thiesmeyer
(Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Berlin. Hauptstadt der BRD. Auch Hauptstadt der Hunde: 19 200 Haufen Hundekot werden täglich von Spezialfahrzeugen der Stadtreinigung eingesammelt. Wer lesend durch die Straßen Berlins geht, tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Kacke. Vor einem Hundehaufen sind alle gleich. Immerhin.
Nelly Sue Edelmeister ist die Tochter von Lucy Bloom-Edelmeister und Bernhard Nikolaus Edelmeister. Die Mutter stammt aus New York ("Made in USA. Hundertprozent Chuzpe"), ist dynamisch, heftig und laut, Journalistin. Der Vater ist kein typisch Deutscher, als Klarinettist zumeist ohne Arbeit, als charmanter Strizzi mit immer noch großer Wirkung auf Frauen ehemann-mäßig unbrauchbar wie alle kleinen Jungs. Nelly pflegt regelmäßig die Schuhe abzutreten, wenn sie nach Hause kommt. Auf dem guten alten Perserteppich. Auch sonst ist sie eine ungeheuer ernsthafte Dreizehnjährige: "Ich war eine Katastrophe - mit Superhirn und null Appeal." Dass sie sich in Prinz William verliebt - wir schreiben das Jahr, in dem alle Welt um Diana trauert - und also in seine Nähe will, soll niemanden wundern. Als zukünftige Kosmologin fühlt sie sich vom fernen traurigen Stern angezogen. Als Tochter einer Jüdin soll sie nach dem Willen ihrer Mutter demnächst ihre Bat-Mizwa feiern. Von Maximilian Minsky, dem spätpubertären Sohn der Melissa Minsky, Expertin jüdischer Küche, alleinstehend und schön, will Nelly nicht Hebräisch lernen, sondern den richtigen Umgang mit dem Basketball und ihrem Körper. Ziel: London und Reife. Von Risa, polnischer Jüdin, Überlebender und trotzdem Berlinerin, lernt sie Jüdisches.
Holly-Jane Rahlens, Berlinerin aus New York, hat in erster Linie ein unterhaltsames Mädchenbuch geschrieben: Eine freche ungestüme Heldin, lernfähig, ein heller Prinz, der mehr und mehr verblasst, ein dunkler, der Konturen kriegt. Viel Hirn, viel Herz, jede Menge Witz, auch tiefer Schmerz - das alles und ein Ende wie im Film aus Hollywood. Sie hat auch einen Familienroman geschrieben, in dem - ungewöhnlich deutlich dargestellt - gewöhnlich viel gestritten wird, für das böse Ende ist der bei weitem sympathischere Elternteil - männlich, deutsch und treulos - maßgeblich. Und sie führt zudem die Auseinandersetzung mit dem Judentum, mit den deutsch-jüdischen Beziehungen, in der Jugendliteratur neu: Unterschwellig aber nicht verstohlen, gegenwartsbezogen mit Geschichtsbewusstsein, screwball-mäßig komisch ohne zu witzeln, klug aber selten bemüht.
In Yoram Kaniuks jüngstem Buch "Der letzte Berliner" endet die Beschreibung einer absurden Szene in der Deutschen Oper - in der niemand lacht - mit dem Satz: "Wen ihr gelernt habt, öffentlich über einen Juden zu lachen, komme ich wieder." Holly-Jane Rahlens erstes Jugendbuch, von Antje von Stemm übrigens - für dieses Genre nicht selbstverständlich - mit einem höchst angemessenen Cover versehen, ist möglicherweise ein Schritt in die richtige Richtung.
Übrigens: In Berlin sind 108 864 Hunde gemeldet.
Franz Lettner für 1000 und 1 Buch

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Nikolaus Piper: Geschichte der Wirtschaft
Illustrationen von Aloschja Blau
(Beltz & Gelberg)
Zum Interview mit Nikolaus Piper

Anschauliche chronologische Darstellung ökonomischer Sachverhalte

In einem narrativen Kontext ("Felix und das liebe Geld. Roman vom Reichwerden und anderen Dingen") hat Nikolaus Piper schon einmal und durchaus respektabel den Versuch gewagt, Jugendlichen ökonomische Sachverhalte näherzubringen. Daran geübt, wagt er sich nun unverblümt an den (laut Marx) Grund allen Seins. Dass er dazu den chronologischen Ablauf wählt, zeigt zudem den transitorischen wie politischen Charakter ökonomischer Denkansätze.
In der frühen Geschichte freilich mehr dem Fiktionalen nahe, versteht es Piper sehr gut, je mehr er sich der Gegenwart nähert, die unterschiedlichen ökonomischen Theorien so anschaulich darzustellen, dass auch Jugendliche mit diesem Wissen kritisch an entsprechenden politischen Gegenwartsdiskussionen teilhaben können. Insgesamt somit ein Buch, das gerade in Gymnasien den Auftrag der Wirtschaftskunde im Geographieunterricht erfüllen wie auch den Bereich "Politische Bildung" gemäß dem neuen Geschichte-Unterricht unterstützen helfen kann.
Franz Derdak für 1000 und 1 Buch

 

Klaus Kordon:
Krokodil im Nacken

(Beltz & Gelberg)

Manne Lenz, gerade mal 29, lebt mit Frau Hannah und den Kindern Silke und Michael im Ostberlin der frühen 70er Jahre. Sie haben beide einen schönen Aufstieg im Berufsleben geschafft, mit dem auch ein bescheidener Luxus im Privatleben einhergeht. Dennoch sind sie nicht so ganz zufrieden mit der durch das Regime eingeschränkten Lebensweise. Hannahs Schwester lebt in Frankfurt, Frankfurt am Main, nicht an der Oder und möchte die Lenzfamilie gern in ihrer Nähe haben. Sie beschließen, über Bulgarien in den Westen auszureisen. Ein Plan, der Manne und Hannah in große Aufregung versetzt, ein Plan, der ihnen eine Entscheidung für oder gegen die DDR abringt, ein Plan, der schon am Ankunftsbahnhof in Sofia durchkreuzt wird: "Aussteigen, mitkommen!" - Manne und Hannah werden verhaftet, die Familie ist getrennt.
In einem dichten, kraftvollen Erzählstrom gibt uns Klaus Kordon nicht nur Einblick in das Elend der (Einzel-)Haft, der Stasiverhöre und der Zweifel, Hoffnungen und Ängste des Protagonisten in der Zeit seiner Untersuchungshaft, sondern liefert - stets aus der Perspektive Mannes - Rückblenden in dessen Kindheit und Jugend: die Zeit gleich nach dem Krieg, der 17. Juni, der Mauerbau, Prager Frühling, der Realsozialismus - all das wird in Mannes Erinnerung noch einmal lebendig. Wer in beiden Teilen Berlins aufgewachsen ist, wer so genau und fein wahrnimmt und beschreiben kann, der braucht wohl ein starkes Krokodil im Nacken, um sich für oder gegen einen Teil dieser spannungsreichen Heimat entscheiden zu können. Kordon lässt uns so Ost und West sowohl schön als auch kritisch sehen und beschreibt spannend, authentisch und ohne zu zögern die berührende Geschichte der Familie Lenz. Seine Figuren denken und handeln komplex, haben eine persönliche, differenzierte Geschichte und bewegen sich in der (Zeit-)Geschichte - wie im richtigen Leben und doch ein feines Stück Literatur, mit dem uns der Autor viele Fragen serviert, viele mögliche Abzweigungen in einem Leben, und den Manne Lenz, der seinen persönlichen Weg zum Glück sucht.
Notburga Leeb für 1000 und 1 Buch

 

 

 

 

 
 

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