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Zum Interview mit Nikolaus Piper 
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Die Bücher des Deutschen Jugendliteraturpreises
rezensiert in 1000 und 1 Buch
Katja Kamm:
Unsichtbar
Pilip Ardagh: Schlimmes Ende 
Holly-Jane Rahlens: Prinz William, Maximilian Minsky und ich 
Nikolaus Piper: Geschichte der Wirtschaft 
Klaus
Kordon: Krokodil im Nacken

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Katja Kamm: Unsichtbar
(Peter Hammer Verlag)
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Ein skurriles Bilderbuch
der Farb- und Formlehre
Ein Mann fährt mit dem Fahrrad gegen irgendwas, Reisende sitzen
im geheimnisvollen Gelb und ein Mädchen stolpert über
scheinbar nichts
Was die Leerstellen im Text, sind im Bilderbuch "Unsichtbar"
die fehlenden Formen. Denn hier gibt es keine definierten Hintergründe.
So ist der Betrachter aufgefordert, gedanklich zu ergänzen
und der erzählten Geschichten (s)einen Sinn zu geben. Das ist
für ein Bilderbuch ganz schön modern und lässt eine
Menge Interpretationen zu. "Unsichtbar" spielt mit unseren
Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen. Die junge Illustratorin
und Gestalterin Katja Kamm führt uns vor, dass wir bereitwillig
Gewohntes und Gelerntes ergänzen können und wollen
also bei einer kreisrunden Fläche sofort "Ball" assoziieren
oder ganz klar erkennen, dass da ein Baum im Weg gestanden haben
muss. Aber was ist mit den vielen Linien? Oder dieser großen, großen
lila Fläche? Hier ist Raum für alle möglichen Bilder
und Geschichten. Skurril und ungewöhnlich, das sind die Stichworte,
die einem sofort beim Betrachten von "Unsichtbar" einfallen. Und
dann natürlich die Frage: Ist das ein Bilderbuch für Kinder?
Na klar, denn die schauen genau hin und lassen sich von dem witzigen
und mutigen Form- und Farbspiel leiten und inspirieren.
Ilona Einwohlt für 1000 und 1 Buch
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Pilip Ardagh: Schlimmes
Ende
Aus dem Englischen von Harry Eowohlt
Mit Illustrationen von David Roberts
(Bertelsmann Verlag)
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Klingt das absurd? Ist es
auch!
Wenn Harry Rowohlt behauptet, dieses Buch
sei eines der besten seiner bisher 108 übersetzten Bücher,
dann muss ja was dran sein. Und wenn dieses Buch den LUCHS von der
ZEIT bekommt, dann muss da ja was dran sein. Denn normalerweise
bekommen den Luchs doch sehr gute, sehr seriöse Bücher.
Bei diesem Buch aber, da fragt es sich, ob es überhaupt ein
Buch ist. Ob es überhaupt eine stringente Geschichte erzählt.
Und ob Kindern so was zugetraut werden darf!
Was ist das für ein Buch, in
dem auf 120 Seiten erzählt wird, wie...
Hier wird auf 120 Seiten erzählt,
wie der elfjährige Eddie wegen einer Krankheit seiner Eltern
zu seinen Verwandten nach Schlimmes Ende fahren soll? Am zweiten
Tag der Reise landet er wegen einer Verwechslung im Waisenhaus.
Flugs befreit er alle Waisenkinder und schafft es am dritten Tag
endlich nach Schlimmes Ende, aber nicht ohne seine Eltern.
Klingt das konstruiert? Ist es auch! Es
kommt ja noch dazu, dass die Eltern "gelb und an den Rändern
etwas wellig" sind von der seltsamen Krankheit. Dass sie von
Dr. Keks mit "Eiswürfel in Gestalt eines berühmten
Generals", papierenen Bettdecken und Feuer unter dem Bett behandelt
werden. Dass die Verwandten die Unterkunft mit Trockenfisch bezahlen
und mit einem ausgestopften Wiesel, über dessen Namen sie sich
nicht einigen können, sprechen und um sich schlagen. Dass ein
dröhnender Streunender Theaterdirektor und die Kaiserin von
Ganzchina in der Kutsche mitreisen, denn die Geschichte spielt zu
der Zeit, als die Polizei gerade von Geheimrat von Greyff erfunden
worden war, im Gegensatz zur Elektrizität, die es vorerst nur
in Zitteraalen gab. Dass Eddie die Direktorin Grausam-Unsäglich
mit der Heiligen Schrift k.o. schlägt und mit den Waisenkindern
in einer trojanischen Kuh abhaut, die wiederum das Pferd der verwandtschaftlichen
Kutsche durchbrennen lässt. Und dass Eddies Eltern von Dr.
Keks Behandlung geheilt werden - um den Preis einer Feuersbrunst,
die ihr Haus zerstört.
Klingt das absurd? Ist es auch! Es kommt
ja noch dazu, dass der Autor eine aufpreisfreie Mitteilung über
die Entstehung voraus- und diverse Exkurse einschiebt, nämlich
welch Fortschritt der moderne Revolver brachte, wie das "Sankt-Fürchterlich-Heim
für dankbare Waisen" durch den Heiligen Heinz den Floriden,
der seine Ziege goss, zu seinem Namen kam, dass damals die Menschen
kaum je nackter waren als in körperlanger Unterwäsche
oder dass ebenfalls damals nicht wenige Zimmermädchen den Rest
ihres Lebens im Schrank unter der Treppe verbringen mussten, weil
sie "den achtwöchigen Bettenmachlehrgang nicht bestanden
hatten".
Klingt das witzig?
Ist es aber! Es kommt ja noch dazu, dass die ganzen Spinnereien
und vermeintlich toten Handlungsstränge am Schluss aufgehen.
Und dass Harry Rowohlt mit seiner Brummstimme das Ganze mit allen
Wiederholungen und Abschweifungen, Anmerkungen und Rechtfertigungen
des Autors auf CD gesprochen hat. Das bringt drei Stunden vollen
Hörspaß zwischen Charles Dickens und Monty Python, wie
"The Guardian" richtig bemerkte.
Bruno Blume für 1000 und 1 Buch
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Holly-Jane Rahlens:
Prinz William, Maximilian Minsky und ich
Deutsch von Ulrike Thiesmeyer
(Rowohlt Taschenbuch Verlag)
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Eine Liebe in Berlin
Berlin. Hauptstadt der BRD. Auch Hauptstadt
der Hunde: 19 200 Haufen Hundekot werden täglich von Spezialfahrzeugen
der Stadtreinigung eingesammelt. Wer lesend durch die Straßen
Berlins geht, tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Kacke. Vor
einem Hundehaufen sind alle gleich. Immerhin.
Nelly Sue Edelmeister ist die Tochter von Lucy Bloom-Edelmeister
und Bernhard Nikolaus Edelmeister. Die Mutter stammt aus New York
("Made in USA. Hundertprozent Chuzpe"), ist dynamisch,
heftig und laut, Journalistin. Der Vater ist kein typisch Deutscher,
als Klarinettist zumeist ohne Arbeit, als charmanter Strizzi mit
immer noch großer Wirkung auf Frauen ehemann-mäßig
unbrauchbar wie alle kleinen Jungs. Nelly pflegt regelmäßig
die Schuhe abzutreten, wenn sie nach Hause kommt. Auf dem guten
alten Perserteppich. Auch sonst ist sie eine ungeheuer ernsthafte
Dreizehnjährige: "Ich war eine Katastrophe - mit Superhirn
und null Appeal." Dass sie sich in Prinz William verliebt -
wir schreiben das Jahr, in dem alle Welt um Diana trauert - und
also in seine Nähe will, soll niemanden wundern. Als zukünftige
Kosmologin fühlt sie sich vom fernen traurigen Stern angezogen.
Als Tochter einer Jüdin soll sie nach dem Willen ihrer Mutter
demnächst ihre Bat-Mizwa feiern. Von Maximilian Minsky, dem
spätpubertären Sohn der Melissa Minsky, Expertin jüdischer
Küche, alleinstehend und schön, will Nelly nicht Hebräisch
lernen, sondern den richtigen Umgang mit dem Basketball und ihrem
Körper. Ziel: London und Reife. Von Risa, polnischer Jüdin,
Überlebender und trotzdem Berlinerin, lernt sie Jüdisches.
Holly-Jane Rahlens, Berlinerin aus New York, hat in erster Linie
ein unterhaltsames Mädchenbuch geschrieben: Eine freche ungestüme
Heldin, lernfähig, ein heller Prinz, der mehr und mehr verblasst,
ein dunkler, der Konturen kriegt. Viel Hirn, viel Herz, jede Menge
Witz, auch tiefer Schmerz - das alles und ein Ende wie im Film aus
Hollywood. Sie hat auch einen Familienroman geschrieben, in dem
- ungewöhnlich deutlich dargestellt - gewöhnlich viel
gestritten wird, für das böse Ende ist der bei weitem
sympathischere Elternteil - männlich, deutsch und treulos -
maßgeblich. Und sie führt zudem die Auseinandersetzung
mit dem Judentum, mit den deutsch-jüdischen Beziehungen, in
der Jugendliteratur neu: Unterschwellig aber nicht verstohlen, gegenwartsbezogen
mit Geschichtsbewusstsein, screwball-mäßig komisch ohne
zu witzeln, klug aber selten bemüht.
In Yoram Kaniuks jüngstem Buch "Der letzte Berliner"
endet die Beschreibung einer absurden Szene in der Deutschen Oper
- in der niemand lacht - mit dem Satz: "Wen ihr gelernt habt,
öffentlich über einen Juden zu lachen, komme ich wieder."
Holly-Jane Rahlens erstes Jugendbuch, von Antje von Stemm übrigens
- für dieses Genre nicht selbstverständlich - mit einem
höchst angemessenen Cover versehen, ist möglicherweise
ein Schritt in die richtige Richtung.
Übrigens: In Berlin sind 108 864 Hunde gemeldet.
Franz Lettner für 1000 und 1 Buch
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Nikolaus Piper: Geschichte
der Wirtschaft
Illustrationen von Aloschja Blau
(Beltz & Gelberg)
Zum Interview mit Nikolaus Piper 
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Anschauliche
chronologische Darstellung ökonomischer Sachverhalte
In einem narrativen Kontext ("Felix und das liebe Geld. Roman
vom Reichwerden und anderen Dingen") hat Nikolaus Piper schon
einmal und durchaus respektabel den Versuch gewagt, Jugendlichen
ökonomische Sachverhalte näherzubringen. Daran geübt,
wagt er sich nun unverblümt an den (laut Marx) Grund allen
Seins. Dass er dazu den chronologischen Ablauf wählt, zeigt
zudem den transitorischen wie politischen Charakter ökonomischer
Denkansätze.
In der frühen Geschichte freilich mehr dem Fiktionalen nahe,
versteht es Piper sehr gut, je mehr er sich der Gegenwart nähert,
die unterschiedlichen ökonomischen Theorien so anschaulich
darzustellen, dass auch Jugendliche mit diesem Wissen kritisch an
entsprechenden politischen Gegenwartsdiskussionen teilhaben können.
Insgesamt somit ein Buch, das gerade in Gymnasien den Auftrag der
Wirtschaftskunde im Geographieunterricht erfüllen wie auch
den Bereich "Politische Bildung" gemäß dem
neuen Geschichte-Unterricht unterstützen helfen kann.
Franz Derdak für 1000 und 1 Buch
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Klaus Kordon:
Krokodil im Nacken
(Beltz & Gelberg)
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Ein Fluchtversuch - und ein dennoch Versuch, sich
der Verantwortung zu stellen
Manne Lenz, gerade mal 29, lebt mit Frau Hannah und den Kindern
Silke und Michael im Ostberlin der frühen 70er Jahre. Sie haben
beide einen schönen Aufstieg im Berufsleben geschafft, mit dem auch
ein bescheidener Luxus im Privatleben einhergeht. Dennoch sind sie
nicht so ganz zufrieden mit der durch das Regime eingeschränkten
Lebensweise. Hannahs Schwester lebt in Frankfurt, Frankfurt am Main,
nicht an der Oder und möchte die Lenzfamilie gern in ihrer Nähe
haben. Sie beschließen, über Bulgarien in den Westen auszureisen.
Ein Plan, der Manne und Hannah in große Aufregung versetzt, ein
Plan, der ihnen eine Entscheidung für oder gegen die DDR abringt,
ein Plan, der schon am Ankunftsbahnhof in Sofia durchkreuzt wird:
"Aussteigen, mitkommen!" - Manne und Hannah werden verhaftet, die
Familie ist getrennt.
In einem dichten, kraftvollen Erzählstrom gibt uns Klaus Kordon
nicht nur Einblick in das Elend der (Einzel-)Haft, der Stasiverhöre
und der Zweifel, Hoffnungen und Ängste des Protagonisten in der
Zeit seiner Untersuchungshaft, sondern liefert - stets aus der Perspektive
Mannes - Rückblenden in dessen Kindheit und Jugend: die Zeit gleich
nach dem Krieg, der 17. Juni, der Mauerbau, Prager Frühling, der
Realsozialismus - all das wird in Mannes Erinnerung noch einmal
lebendig. Wer in beiden Teilen Berlins aufgewachsen ist, wer so
genau und fein wahrnimmt und beschreiben kann, der braucht wohl
ein starkes Krokodil im Nacken, um sich für oder gegen einen Teil
dieser spannungsreichen Heimat entscheiden zu können. Kordon lässt
uns so Ost und West sowohl schön als auch kritisch sehen und beschreibt
spannend, authentisch und ohne zu zögern die berührende Geschichte
der Familie Lenz. Seine Figuren denken und handeln komplex, haben
eine persönliche, differenzierte Geschichte und bewegen sich in
der (Zeit-)Geschichte - wie im richtigen Leben und doch ein feines
Stück Literatur, mit dem uns der Autor viele Fragen serviert, viele
mögliche Abzweigungen in einem Leben, und den Manne Lenz, der seinen
persönlichen Weg zum Glück sucht.
Notburga Leeb für 1000 und 1 Buch
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