2|26
In den Garten
Wundersam!
Verena Pavoni kratzt zwei Tiere in ihren Wachsmalgarten.
"sie strecken sich haben / kerzengerade stengel sie / trinken sie streben hinauf / wollen sonne berühren / saugen licht und feiern / zyan oben über dem dunkel / grün sprechen singen / summen schweigen / warten gar nicht tun / bleiben und halten / halten den moment / den sie variieren tage / lang … …"
Michael Hammerschmid lässt blumen blühen.
"Ein sonniger Tag, und mitten im Garten stand mein Schaukelpferd …"
Peter Bichsel findet Trost. Und Caroline Roeder spaziert unter anderem durch den Garten der Kindheit des Schweizer Autors.
"Ob ich in Shanghai die Wasserpflanzen in einem künstlich angelegten See prüfend beäuge, in einem Hain in Thailand die dort heimischen Färbepflanzen kennenlerne oder in meinem eigenen Garten dem Rhabarber beim Wuchern zuschaue, immer schwingt die Überlegung mit, was für Papier aus diesen Pflanzen entstehen könnte."
Für Renate Habinger ist die ganze Welt ein Papiermachergarten.
"Wenn du einen Garten in der Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen."
Weiß Simone Kremeberger von Cicero und besucht Büchereigärten.
Was haben eine Sammelausgabe der amerikanischen »Babysitters Club-Serie« von Ann M. Martin, ein »Donald Duck«-Comic und Carl Zuckmayers »Der Hauptmann von Köpenick« gemeinsam?
Manuela Kalbermatten hat sie nebeneinander stehend in einem öffentlichen Bücherschrank in Winterthur gefunden.
"Hoch tief / auf und nieder / immer wieder … "/
Ela Wildberger sitzt Friedl Hofbauer auf deren Wippschaukel gegenüber.
Vom National- zum Scherbenpark
kommt auf Umwegen durch andere Parkanlagen Christina Pfeiffer-Ulm
Und der Österreichische Knder- und Jugendbuchpreis 2026 geht an …
Inhalt
Die 1002. Seite
Verena Pavoni
ist Franz Lettner
denk mal gedichte: von … gärten
Michael Hammerschmid
Caroline Roeder über den Garten der Kindheit als Erinnerungsraum
Im Büchereigarten
Simone Kremsbergerg
Die Welt als Garten
Renate Habinger
Fundgruben und Zeitmaschinen
Manuela Kalbermatten stöbert oft und gern in öffentlichen Bücherschränken
Zwischen Himmel und Erde
Ela Wildberger über das Schaukeln
Blumen und Beton
Christina Pfeiffer-Ulm über den Park
Der Anfang ist leicht
Andrea Kromoser
Zwei Anfänge mit Garten
Michael Roher & Heinz Janisch
In Ewigkeit Samen
Lena Raubaum über das Schreiben als Gartenarbeit
Schwarzer Monolith
Lena Anlauf & Suse Thierfelder über "Schlich ein Puma in den Tag"
Grobe Striche, feine Kratzer
Verena Pavoni über die Sgraffitotechnik
Ich mochte Wölfe immer schon
Agi Ofner über »Problemwölfe«
Weibliche Seilschaften
"Die Geschichte der Mode für Kinder"
ist zeitlos
"PIXEL MAL PIXEL" von Reto Crameri
wurde in der grund_schule der künste gelesen
Enemies to Friends: Queere Musen & Nymphen
Eine Kolumne von Christine Lötscher
Liebe Leserinnen und Leser,
der Garten meiner Kindheit war vorne hinaus ein Rasen mit Ziersträuchern und einem langen Jägerzaun als Abgrenzung zur Straße. Wozu der gut war, habe ich nie begriffen: Etwa einen halben Meter hoch, taugte er weder als Lärm- oder Sichtschutz, noch hielt er etwas oder jemanden vom Grundstück ab (schon gar kein Nashorn). Alle zwei, drei Jahre aber musste er gestrichen werden – von zwei Kindern während der Sommerferien. Eins davon war ich.
Es war eine böse Arbeit: Entweder man begann in aller Herrgottsfrühe, oder man hockte unter sengender Sonne auf dem Boden und pinselte Schutz und Farbe auf die Latten. Vorbeikommende Autofahrer hupten fröhlich, von den Nachbarskindern wurde man eher ausgelacht als bemitleidet. Ganz kluge Leser:innen werden jetzt "Tom Sawyer" rufen. Ich kannte das Buch damals noch nicht, bin aber ziemlich sicher, dass Mühlviertler Kinder um 1970 herum schon zu klug waren, um sich wie Toms Freunde genau diese Arbeit als verantwortungsvolles Vergnügen verkaufen zu lassen. Hinten hinaus, Richtung Felder, war im Übrigen ein Gemüsegarten – auch kein Kinderparadies. Ich sage nur: Ribisl brocken! Erdäpfelkäfer abklauben!
Der Garten meiner urbanen Gegenwart heißt Park, ist gut gepflegt und so groß, dass er die unterschiedlichsten Gartenbedürfnisse vieler stillen kann: in der Sonne sitzen, schauen, plaudern, dösen oder lesen; in einer Sandkiste graben, Fußball oder Boule spielen, feiern. Ein paradiesischer Garten, der Erwachsenen und Kindern Freude macht – und auch Letzteren keine Arbeit.
Die Gärten, die in dieser Ausgabe von 1001 Buch vor Ihnen liegen, haben schon Arbeit gemacht, aber jetzt machen Sie nur noch Freude: mir und Ihnen hoffentlich auch. Es beginnt mit einem sinnlichen blumengedicht in der lyrischen Kolumne von Michael Hammerschmid. Gleich nebenan steht ein Schaukelpferd mitten in einem Garten. Ein berührendes Bild, das für den kleinen Peter Bichsel ein großer Trost war. Das weiß Caroline Roeder, die uns noch durch andere Gärten führt, in denen sich erinnerte Kindheit manifestiert. Hier und da hängt dort auch eine Schaukel. Ela Wildberger hat einige davon ausprobiert. Einmal angestoßen – und schon denkt man an endloses Schwingen zwischen Himmel und Erde, an Schwindel und an Stürze auch.
Davon erholen kann man sich in einem Büchereigarten. Wenn Sie nicht wissen, wovon ich rede: Simone Kremsberger erklärt es Ihnen und präsentiert einige schöne Beispiele. Von öffentlichen Bibliotheken zu öffentlichen Bücherschränken ist es kein weiter Weg; es gibt sie mittlerweile in Stadt und Land. Dass sie nicht nur Fundgruben sind, sondern auch Seismografen heutiger Gesellschaften, weiß Manuela Kalbermatten, die leidenschaftlich in Bücherschränken von Winterthur und Umgebung stöbert.
Vom Park als Spezialfall eines Gartens habe ich schon geschwärmt; Christina Pfeiffer-Ulm hat sich intensiv mit diesem Ort als Schauplatz in der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt. Das Wesentliche eines Parks ist ja, dass er niemandem gehört und für alle offen ist. Was das alles heißen kann, wird auf diesem ausgedehnten Spaziergang deutlich, der in Natur- und Freizeitparks seinen Ausgang nimmt, um in einem Scherbenpark zu enden.
Damit habe ich den Gartenzaun wieder erreicht und bin zugleich im Zentrum unseres gemeinsamen Interesses gelandet: Der zweite Schwerpunkt dieser Ausgabe von 1001 Buch gilt nämlich jenen Büchern, die mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2026 ausgezeichnet wurden. Samt den Kollektionstiteln sind sie auf der zweiten Umschlagseite versammelt. Was für eine schöne Kompilation, die künstlerische Exzellenz mit Handwerk auf hohem Niveau zusammenbringt, Vielfalt mit Eigenheit, Welthaltigkeit mit Gesellschaftskritik, Unterhaltung mit Bildung im besten Sinn. Im Namen der Redaktion gratuliere ich den Künstler:innen und Verleger:innen.
Die Preisbücher rücken wir auch noch einmal in die Auslage: "Das Buch der Anfänge" von Heinz Janisch und Michael Roher; "Schlich ein Puma in den Tag" von Verena Pavoni und Lena Raubaum; Katja Seiferts Sachbuch "Auf die Berge!" und Agi Ofners Jugendroman "Problemwölfe". Lesen Sie Beiträge über die Bücher, Texte und Bilder von den Ausgezeichneten – etwa Verena Pavonis wundersame 1002. Seite – oder Interviews. Das alles wird Sie näher an die Bücher heranbringen, und spätestens danach werden Sie alle haben wollen.
Zu lesen gibt es noch viel mehr. Juliane Zach hat einen schönen Besprechungsteil zusammengestellt, der hier und da auch noch einmal ins Grüne hinaus- und hineinführt. Es wird ein Leichtes sein, sich anhand der Rezensionen und Bilder eine Liste zusammenzustellen, mit der Sie zur Buchhandlung Ihres Vertrauens oder in Ihre Bücherei spazieren. Und dann mit den Büchern hinaus in den Garten – egal, ob es Ihr privater oder ein öffentlicher ist. Solange es keinen Jägerzaun gibt, den Sie streichen müssen, werden es schöne Sommertage.
Franz Lettner
Mit dem Schaukelpferd auf der Durchreise
Caroline Roeder über den Garten der Kindheit als Erinnerungsraum
Eine Kindheitserinnerung stellt der Schweizer Autor Peter Bichsel in den Mittelpunkt seiner autobiographischen Prosaminiatur "Pfarrweg 9" (2021). Erzählte Zeit ist das Jahr 1941, Kernstück der Geschichte ist der Umzug von Luzern nach Olten. Der Text bleibt ganz in der Gedankenwelt des Ich-Erzählenden sechsjährigen Jungen. Dieser scheint die vertraute Umgebung nicht verlassen zu wollen, fürchtet den neuen, ihm fremden Ort. Der Umzug wird mit einer einzelnen Momentaufnahme fixiert, die sich ins Gedächtnis des Jungen gebrannt hat: "Ein sonniger Tag, und mitten im Garten stand mein Schaukelpferd, wohl auch Möbel und Teppiche, aber die erscheinen nicht in meiner Erinnerung, nur das Pferd. Angestrahlt von der Sonne. Das war mein Trost." (Bichsel, 2012, S. 26) Das vertraute Spielzeug hat den Umzug offenbar gut überstanden; nun befindet sich das Pferd am neuen Ort, auf fremder Koppel. Der Trost, der hier den Ich-Erzähler kurz zu streifen scheint, erweist sich jedoch als flüchtig. Rückblickend räsoniert der Erzähler aus der Sicht einer späteren Lebensphase: "So war ich nicht von hier, sondern von Luzern – ein einsamer Reiter mit seinem Schaukelpferd auf der Durchreise." (Ebd.) Der Autor verortet diese Kindheitserfahrung sogar als bestimmend für seinen weiteren Lebensweg: "Ich glaube, das hat mich geprägt, dieses Fremdsein im Eigenen. Vielleicht hat auch das mich zum Schriftsteller gemacht, in der Gegend zu leben wie ein Fremder, entsetzt sein und staunen." (Ebd.)
Der kurze Text, den Bichsel als Ausriss und als Kindheitserinnerung präsentiert, erzählt von dem Gefühl eines Verlustes. Als Topographie dient ein Garten, der sich als Garten der Kindheit ausdeuten lässt. Bei Bichsel erweist dieser sich nicht als Refugium, sondern als erfahrene Fremde, ein Lebensgefühl des nicht-beheimatet-Seins? stellt sich ein, das den weiteren Lebensweg begleiten wird.
Das Motiv des Gartens der Kindheit findet man grundständig in der Literatur. Es bietet sich durch den zeitlich bemessbaren Lebensabschnitt an, der das Auf- und Heranwachsen bedeutet. Wie dieser kinder- und jugendliterarische Garten beschaffen ist, wie er erinnert oder verloren geglaubt wird, soll mit einer kultur- und raumtheoretischen Überlegung eingeführt und dann an drei exemplarischen Bilderbüchern dargestellt werden. Im Folgenden wird in einem ersten Schritt ein kurzer Blick auf die abendländische Kulturgeschichte des Gartens geworfen, um einige Koordinaten zu skizzieren und Kontexte aufzuzeigen, die diesen Raum bestimmen.
Paradise Lost. In der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte nimmt das Paradies als ein imaginärer, religiös gestifteter oder utopischer Ort einen bedeutsamen Platz ein. Variieren auch die Paradiesvorstellungen in den unterschiedlichen Epochen, Kulturen und Religionen, so dominiert die topographische Repräsentation als Garten. In seiner Ausgestaltung wird er als ideal gefasster Ort charakterisiert, eine üppige wie vielfältige Vegetation und eine friedvoll koexistierende Tierwelt, die diesen Raum bevölkert, bilden die weitere Kulisse. Auch bildlich werden Paradiese erschaffen und sogar als real existierende Orte kartographiert. Paradiesische Maßstäbe setzte eine Karte, die der jesuitische Gelehrte Athanasius Kircher 1675 angefertigt hat (vgl. Lutz 2016, S. 26). In den Kulturgeschichten zum Garten und seinen Repräsentationsformen und Ausgestaltungen findet man regelhaft Referenzen zu dieser Topographie des Paradiesgwartens. (von Trotha 2012, Lutz 2016)
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Aktuelle Neuerscheinungen
Folgende Titel werden in dieser Ausgabe von 1001 Buch besprochen:
Bayer: Galaktisch geheime Alien-Geheimnisse
Bernhard u.w.: Stell dir vor!
Brown & Scully: Der Natur-Erklärer
Burton: Die Jagd nach den magischen Münzen
Clarkson: Aus dem Ei geschlüpft
Crumrine: Der kleine rote Stall
Cruschiform: Samen
De Nichols: Auf die Straße!
Dunn, Clulow & Taylor: Schmetterlinge
Fipps: Starfish S. 50
Flygenring: Ein Teich für uns
Frank: Stromlinien
Franz: Scheinland
Gmehling: Stuxx
Gottwald: Hänky und die vier Megamonsterbanausen
Götz, Luxbacher, Peternell & Bär: kinderleicht
Haag, Donnerberg & Haubner: Guckst du oben
Hall & Arsenault: Der Schmetterling
Harrison & Stangl: Ein Funke Hoffnung
Heidelbach: Simone
Herget & Herold: Alle rennen, rasen, sausen!
Höfler: Bis der Regen Feuer fängt
Jelloun, Le Cam & Sowa: Papa, was ist Rassismus?
Joicey, Notdurft & Blake: Die Geschichte der Mode für Kinder
Kassem & Garanin: Chicken Survivor
Kaster: … und dazwischen Coco
Kheiriyeh: Willkommen, Onkel Nouruz!
Klassen: Deine Insel
Knowles & Gibbon: Meine Freundin, die Natur
Koens: Zuhause ist woanders
Kranenburg: Freunde
Kröner & Zamolo: Die Sonne nervt!
Kubaşık & Şimşek & Werner: Unser Schmerz ist unsere Kraft
Lezzi, Praßler & Hartke: Nadja und Elias feiern Pessach
Lindell: 12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle
Lionni: Das kleine Blau und das kleine Gelb
Maroger: Lebensborn
Mechner: Replay
Mohl: Pepper
Mohl & Kirschner: Im Namen des Spektakels
Oftring & Walczyk: Ich bau dir ein Haus, kleine Wildbiene!
Olivotti & Pastorino: Hugo sein
Port & Weikert: Shrimpie und ich
Pretor-Pinney & Grill: Alles über Wolken
Probert: Lightfall
Quitterer: Freiheit für die Waldwiesel
Quitterer, Seybold & Wolfsgruber: Steine!
Rabinowich: Mo & Moritz
Rak, Schweikart, u. w. & Töpperwien: Wie kleine Kinder Bücher lesen
Ramos: Ich bin der Stärkste im ganzen Land!
Rautenberg: achtunddreißig wachteln kommen zum übernachteln
Raymond: Banditensommer
Reynolds: 24 Sekunden ab jetzt
Romero und Cabassa: Das wundersame Buch über den Tod
Schäfer, Stemmann & Ullmann: Kinder- und Jugendliterarturanalyse
Solsona: Schwarmzauber
Voisard: Florama Wachinger & Margruber: Schon besetzt!
Weyhe: Schweigen
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